Soziopod #004: Gewalt – Was steckt hinter “Killerspielen” und “Cybermobbing”

Herr Breitenbach und Doktor Köbel sprechen über “Gewalt – Was steckt eigentlich wirklich hinter “Killerspielen” und “Cybermobbing””

Wie definiert man Gewalt? Wie entsteht Gewalt? Führen “Killerspiele” zu mehr Gewalt oder kanalisieren sie Gewalt? Wie entsteht Mobbing und welche Dynamik erhält Cybermobbing? Gibt es Wege aus der Gewalt?

Aussschnitt aus Klaus Kinski “Jesus Erlöser”

Podcast WDR5 Philosophisches Radio mit Jan-Philipp Reemtsma zum Thema Vertrauen und Gewalt

Theorie der Gewalt: Hässliche Wirklichkeit (Artikel von Reemtsma in der Süddeutschen)

Jan-Philipp Reemtsma: Vertrauen und Gewalt

Ausschreitungen während Occupy-Protesten

Sündenbock-Theorie von Girard

Ferdinand Sutterlüty: Gewaltkarrieren (Interviews mit gewalttätigen Jugendlichen)

Kleine Machiavellisten (Spiegel Online Artikel zu Mobbing)

DRadio: Teamfähigkeit durch Ballerspiele

11 Comments

  1. Hallo Kollegen! Endlich mal wieder ein soziologischer Podcast. Sehr ausführlich und kompetent. Ich freu mich auf viele neue Folgen.

  2. Toller Podcast den ihr da macht! Jetzt gerade alle Folgen durch, werde auf jeden Fall dabei bleiben. 

    Zum Thema Lehrer besonders stark bei Mobbingfällen in der Schule einzusetzen: Habe damals die Erfahrung gemacht, dass die Intervention von Lehrern -> nachdem <- gemobbt wurde nur bedingt zur Besserung der Situation führt. Wenn der Lehrer das Thema öffentlich anspricht, wohlmöglich nur halbherzig um seiner Pflicht nachzugehen und die "Mobber" auf ihr Fehlverhalten aufmerksam macht, kann das selbst bei Vergabe von Strafen zur Verschlimmerung der Situation des Opfers führen. (Verräter usw.)

    Ich glaube Schüler selbst aktiv in den Prozess einzubinden kann was bewirken. Zum Beispiel durch Schulung des Klassensprechers / Schülersprechers, der dann auch aktiv und vertraulich auf das Opfer zugeht. Glaube, dass andere Schüler da letztendlich auch mehr Einfluss auf ihre Klassenkameraden haben. Naja, wollte ich nur kurz loswerden 🙂

    Weiter so & besten Gruß aus Münster

    Markus

  3. Patrick Breitenbach Reply

    Dankeschön.

    Ja natürlich müssen die Lehrer entsprechend für so etwas ausgebildet sein, ich denke es ist schwierig das ohne Vorkenntnisse einfach mal so gut zu machen. Ich denke sehr sinnvoll ist auch Nils Idee des Sozialpädagogen vor Ort, der müsste aber erst einmal eingestellt werden. Die Konfliktlösung von den Schülern zu erwarten klingt zum Teil sinnvoll, aber die müssten mindestens genauso geschult werden wie die Lehrer und das funktioniert meines Erachtens nur bedingt, da das legitimierte Gewaltmonopol woanders sitzt. Anders gesagt, wenn die Schüler keine Rückendeckung vom Lehrkörper bekommen, kann das ebenso mächtig nach hinten gehen. Ich denke ein Mischsystem ist daher wohl geeignet, wobei ich so etwas letztlich immer gerne Profis überlassen würde. Gerade bei diesem sensiblen und komplexen Thema.

    Danke jedenfalls für deinen Input!

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  5. Ilka Breitenbach Reply

    das was du hier ansprichst, ist sicher richtig

    "Wenn der Lehrer das Thema öffentlich anspricht, wohlmöglich nur halbherzig um seiner Pflicht nachzugehen …kann das selbst bei Vergabe von Strafen zur Verschlimmerung der Situation des Opfers führen."

    Das ist immer dann der Fall, wenn der Lehrer seine Macht/ seine Autorität, sein "quasi- Gewalt-Monopol" nicht wahrnimmt.

    und auch hier kann ich dir zustimmen

    "Ich glaube Schüler selbst aktiv in den Prozess einzubinden kann was bewirken"

    Ja, denn wenn die gewaltlose Konfliktlösung unter den Schülern akzeptiert und anerkannt ist und damit eine Ächtung von Gewalt auch unter der Schülerschaft stattfindet, können z.B. mit Hilfe solcher Programme wie dem "Schüler-Streit-Schlichter" Programm auch die Kompetenzen trainiert werden.

    Also beides- eine klare Aussage der Schule zum Thema Umgang mit Gewalt UND die Akzeptanz dieser Prinzipien unter den Schülern sind wichtig dabei, ein Klima zu schaffen, indem Gewalt als Konfliktlösung nicht akzeptiert wird.

    Kompetenzen, Möglichkeiten, Raum und Ideen für alternative Konfliktlösung (sei es nun über Lehrer mit einsprechenden Kompetenzen, Schulsozialarbeit oder aber über Multiplikatorenprogramme) können dann eine neue Schulkultur entstehen lassen.

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  7. Wie immer ein gelungener Cast zu einem interessanten Thema. Wobei ich mich mehr auf das nächste Thema freue.

    P.S. Bei den Sopranos ging es mir ähnlich, Tony ist eine Identifikationsfigur gewesen 🙂

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  9. Hi und danke erstmal für den interessanten Podcast!

    Ich hätte noch einen kleinen Nachtrag zum Thema Killerspiele, der auch einiges aufgreift, was ihr im Beitrag erzählt habt:

    Allgemein werden gewalthaltige Medieninhalte vor allem von männlichen Jugendlichen rezipiert. Die Grundlage für die Gewaltwirkung bilden in der Medienwirkungsforschung die Lerntheorien, Triebtheorien und Erregungstheorien.

    Lerntheorien gehen davon aus, dass ein bestimmtes (Gewalt-) Verhalten erlernt wird. Das ist besonders der Fall, wenn die (medial) dargestellte Gewalt mit Erfolg und positiver Resonanz einhergeht (vgl. Bandura und Gerbner). Gerbner ergänzt die Lerntheorie durch eine erlernte Vorstellung von der Gefährlichkeit der Gesellschaft.

    Triebtheorien sagen, dass wir eine angeborene Disposition zu aggressivem Verhalten besitzen, die man als Triebe oder Instinkte bezeichnet (wurde im Beitrag auch schon erwähnt) und die die funktionale Voraussetzung für das Überleben eines Individuums bilden. (vgl. Freud 1946 oder Lorenz 1963)

    Hierzu gehört die Katharsistheorie, die sagt, dass diese Aggressionstriebe abgebaut werden können durch reale oder symbolische Verhaltensweisen. Die Rezeption von Gewaltdarstellungen, z.B. als Killerspiel, wäre danach eine symbolische Verhaltensweise. Jugendliche könnten also ihre Aggressionen beim Computerspielen abbauen.

    Die Erregungstheorie nimmt an, dass Erregungszustände die Handlungsbereitschaft erhöhen und somit Handlungen wahrscheinlicher machen. Zu unterscheiden ist zwischen der Frustrations-Aggressions-Theorie und der Excitation-Transfer-Theorie.

    In der Frustrations-Aggressions-Theorie stellen Gewaltdarstellungen Auslösereize dar, die desto stärker wirken, je eher sich die reale Situation des Rezipienten und die dargestellte Situation gleichen. (vgl. Berkowitz)

    Die Excitation-Transfer-Theorie beruht darauf, dass bestimmte Darstellungen in Film oder Fernsehen (Gewalt, Erotik, Humor) unspezifische Erregungszustände hervorrufen. Hier dienen Situationsfaktoren als Auslösereize, die bei den Rezipienten aggressive, erotische oder belustigte Reaktionen hervorrufen. (vgl. General Aggression Model von Anderson)

    Die Wirkung von gewalthaltigen Computerspielen basiert auf den oben genannten Theorien. Es stehen allerdings aufgrund der leichten Verfügbarkeit der Angebote die Nutzungsmotive im Vordergrund. (Dazu mehr bei Klimmt/Trepte 2003)

    Gewalt in der Gesellschaft durch Mediendarstellungen kann vor allem durch die Lerntheorie, die Frustrations-Aggressions-Theorie und das General Aggression Model erklärt werden. Das wurde durch Laborexperimente und Feldstudien belegt.

    Untersucht wird die Wirkung von Gewaltdarstellungen in den Medien meist in sozialwissenschaftlichen Experimenten, aber auch in Feldstudien. Es werden größtenteils fiktionale Darstellungen als Stimulus verwendet und eher selten reale (hier meist politisch motivierte Gewalt). Gezeigt haben diese Studien, dass Gewaltdarstellungen sowohl im Fernsehen als auch in Computerspielen einen geringen, aber statistisch signifikanten Einfluss auf das aggressive Verhalten haben. Das gilt für repräsentative Stichproben sowie unauffällige Versuchspersonen. (vgl. Johnson u.a. 2002 oder auch Anderson 2004)

    Bei auffälligen Kindern und Jugendlichen sehen die Ergebnisse anders aus. In Experteninterviews wurden Psychiater und Psychologen zur Wirkung von gewalthaltigem Medieninhalt befragt. Sie sagten, dass auffällige Kinder und Jugendliche auf Gewaltfilme mit Aggressivität, Angstzuständen, Schlafstörungen und Übererregbarkeit reagierten. Aggressive Tendenzen wurden durch die Rezeption gewalthaltigen Medieninhalts verstärkt und ein Drittel der Probanden rechtfertigte ihr aggressives Verhalten durch aggressiv handelnde Vorbilder in den konsumierten Filmen.

    Davon am häufigsten betroffen ist die Gruppe der acht- bis zwölfjährigen Jungen, die als Einzelgänger oder Außenseiter gelten.

    Gewaltdarstellungen in Medien zeigen also auf die meisten Jugendlichen nur einen geringen Einfluss. Bei der Gruppe der auffälligen Jugendlichen ist ein hoher Einfluss festzustellen. Hier bewirkt gezeigte Gewalt tatsächlich aggressive Reaktionen.

    Wichtig ist auch die Art der Darstellung. Je realistischer Gewalthandlungen dargestellt werden, umso gewaltsamer empfinden die Rezipienten das und umso stärkere emotionale Reaktionen werden hervorgerufen, die ebenfalls aggressive Verhaltensweisen bewirken können. (vgl. Grimm/Kirste/Weiß 2005 oder Kunczik/Zipfel 2006)

    Zum Thema Computerspiele kann ich sonst noch Christoph Klimmt empfehlen.

  10. Zum Thema Mobbing in der Schule:

    Es ist, der modernen Mobbing-Forschung nach, kein echter Konflikt zwischen Mobber und Opfer vorhanden, d.h. der Mobber hat sich sein Opfer nicht deshalb ausgesucht, weil er persönlich etwas gegen die betreffende Person hat, sondern weil sie sich allgemein, aufgrund ihrer sozialen Stellung in der Klasse, als Opfer gut eignet.

    Somit bringt auch ein "klärendes Gespräch" zwischen beiden Parteien meist nichts, weil es – wie gesagt – kein echtes Problem auf persönlicher Ebene der beiden gibt, das durch eine Verhaltensänderung abzustellen wäre.

    Ein Gespräch mit den Eltern des Mobbers geht meist nach hinten los, weil die Eltern oft so gestrickt sind, dass sie dies als Angriff ihr Kind werten und ihrerseits aggressiv reagieren ("Unser Kind soll ein Mobber sein? Ihr Kind ist doch selbst schuld, weil…").

    Viel mehr ist an die Lehrer zu appellieren und ihnen klar zu machen, dass sie solch ein Verhalten auf keinen Fall dulden dürfen und dem Täter vor Augen halten müssen, dass sein Verhalten schärfste Konsequenzen nach sich ziehen wird.

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