Soziopod #047: Sex, Macht & Wahnsinn: Michel Foucault

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16 Comments

  1. Als Linguist find’ ich es ja eigentlich ein bisschen schade, wenn Strukturalismus erklärt wird, ohne das Wort ‘Linguistik’ zu erwähnen; da kommt diese Strömung her und da spielt sie immer noch eine große Rolle (auch wenn das bisweilen abgestritten wird). Wenn man den Strukturalismus besser verstehen möchte, ist es meiner Meinung nach sinnvoll, diese Herkunft im Hinterkopf zu behalten und — insb. für den Poststrukturalismus — ein bisschen über Semiotik zu reden.

    Andererseits: Für Dr. Köbels Darstellung spielt das vielleicht keine Rolle. Er schafft trotz dass (oder gerade weil) er sich auf die kulturwissenschaftliche Rezeption des Strukturalismus beschränkt eine konsistente Hinleitung zum eigentlichen Thema, die dann zu einer gelungenen Folge führt.

    • Herr Breitenbach Reply

      Ein solch großes Thema in kurzer Zeit allumfassend abzudecken ist natürlich nicht einfach. Und wir haben sicherlich noch weitere Dinge nicht angesprochen.

      Aber vielen Dank für den bereichernden Kommentar. Dadurch kam die Linguistuik dann doch noch ins Spiel. 🙂

  2. Ein Scheißautor? Wie respektlos!!! Einer der wichtigsten Denker des letzten Jahrhunderts. Nicht architektonisch? Habe dann abgeschaltet. Noch mal lesen. Und Sekundärliteratur. Und dann Podcast noch mal machen. Dann hör ich vielleicht das nächste Mal weiter.

    • Herr Breitenbach Reply

      Vielleicht doch mal lieber zu Ende hören? Der Begriff “Scheißautor” wurde ja umgehend erklärt und aufgelöst. Nicht etwa weil seine Gedanken scheisse waren, sondern weil ein eher systematischer Typ wie Nils Köbel mit der fragmentarischen Arbeit Foucaults so seine Probleme hatte. Erklärt er ja eigentlich ausführlich in kritischer Selbstreflektion. So eine ironische Aussage “Scheissautor” ist natürlich schwierig wenn man uns und unseren Humor bisher nicht kennt.

      Diese Episode würdigt meines Erachtens die Arbeit von Foucault ungemein. Erfährt man aber in der Tat auch erst, wenn man mal kurz den gestrengen Stock beiseite legt und über diesen einen flapsigen nicht ernstgemeinten Satz sich doch noch weiter hinaus traut.

      Und im Vergleich zu Kant, Hegel oder Luhmann ist Foucault eben tatsächlich nicht architektonisch. Er hat kein in sich schlüssiges Gesamtwerk abgeliefert, keine Supertheorie. Aber in Form von vielen großen Fragmenten hat er enorm wichtige Impulse gegeben und entsprechende neue Grundlagen geschaffen.

      Wie gesagt, wenn man weiter hören würde, würde man das genau so erfahren. Mehr als dazu einladen können wir aber auch nicht.

  3. Nehmt es mir nicht übel, aber ein bisschen musste ich schmunzeln, als Herr Breitenbach seine Ambition geäußert hat, sich außerhalb klar umrissener Episteme zu bewegen. Ist doch der Soziopod ein geradezu prototypisches Exemplar für den links-liberalen geistes- und sozialwissenschaftlichen Diskurs. Ob jetzt ein bisschen konstruktivistischer oder ein bisschen idealistischer: Die Menge der Prämissen, auf denen ihr eure Diskussionen aufbaut; die Argumentationsschemen, die ihr verwendet; die Wortwahl – das alles lässt sich doch recht irritationsfrei einordnen.
    Das ist keine Kritik – nur ein Feedback.

    Die Folge war übrigens wieder ganz hervorragend.

    • Herr Breitenbach Reply

      Danke für dein Feedback.

      Identitäten sind starr und flüssig zugleich.
      Natürlich “unterwerfe” ich mich Diskursen oder schließe mich ihnen an, oder verwerfe welche.

      Daher finde ich Schubladen einfach und schwierig zugleich.

      Aber trotzdem schön, dass es dich zum schmunzeln brachte. Mich ja dann auch. 🙂

  4. Mich wälzt seit einiger Zeit Foucaults biopolitische Argumentation umher und führt mich zu folgenden Annahmen:

    1. Auf Makroebene:
    Die aufstrebenden rechtspopulistischen Machtinstitutionen sind Indikator für eine Forderung nach dem Rückweg zu tendenziell archaischen, patriarchalen Machtprinzipien. Der geführte Diskurs in modernen Gesellschaften zeichnet sich durch das Prinzip „Leben machen und Sterben lassen“ aus. Der radikale Rückweg würde demnach zu einer Pervertierung „Sterben machen und Leben lassen“ führen. Obgleich ich nicht der Ansicht bin, dass diese Radikalität einsetzen würde, denke ich jedoch an eine Imprägnierung des zeitgeistlichen Diskurses.

    2. Auf Mikro- und Mesoebene:
    Auf dieser Ebene hingegen beschäftigt mich die wahrscheinlich exotischere These, dass wir selbst sehr radikal das „Leben machen, Sterben lassen“ praktizieren und uns durch Lebensmetaphern selbst ermächtigen. Damit meine ich nicht das vielzitierte Sexualitätsdispositiv welches im biopolischen Kontext ohnehin als gesellschaftliche Leitfigur dient, sondern seine Erweiterung in das im Potcast angedeutete Kreativitätsdispositiv (Reckwitz, 2011). Es geht um das „Be Creative!“ , was jegliche Lebensbereiche einnimmt und Quasileben schafft.
    Wir schreiben den Objekten Lebenseigenschaften zu, indem wir sie benennen: Da folgen die aus menschlicher Kreativität „geborenen“ , „bionischen“ Produkte einen „Lebenszyklus“ und „mutieren“ in Form von Innovationen, damit sie dem (vermeintlich organischen) Wirtschafts“-wachstum“ dienen. Wir verdeutlichen sogar einen „ökologischen“ Anspruch an diese Geschöpfe und über geplante Obsoleszenz können wir sie wieder sterben lassen.
    Man könnte in diesem Zusammenhang vermuten, dass wir gottgleiche Machtfigürchen sind, denn wir schöpfen und entscheiden. Wir sind der Souverän.
    Als Minigötter kreieren wir selbst menschliche Bedürfnisse, und schaffen Produkt“-lebensräume“ als Märkte. Computer“-viren“*, die die digitale Welt bedrohen und „schwarm“-intelligentes Verhalten innerhalb derselben Dimension lässt die biopolitische Logik in die von Menschen konstruierten Sphären hineinragen.**

    *vorausgesetzt Virus=Leben, aber dennoch biolgisch
    **womit selbst das Kreativitätsdispositiv eine biopolitische Eigenschaft innehaben dürfte

    Was haltet Ihr diesen der Annahmen?

    Viele Grüße

    Christian

    • Herr Breitenbach Reply

      Auf alle Fälle hochinteressant!

      Und hier ist das passende Epistem zum Schöpfer-Diskurs:

      “Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.”

  5. Zunächst vielen Dank für einen wieder sehr gelungenen Podcast! Ich habe mich mit Foucault bisher nicht beschäftigt und hatte Tendenziell eher das Vorurteil der Unwissenschaftlichkeit seinem Werk gegenüber gehabt. Aber euer Podcast hat mir da einen sehr guten Einstieg gegeben!

    Nach der Sendung treibt mich die Frage um, was wohl Popper und Foucault so gemeinsam hatten und was sie wohl so trennt. Ein paar Gedankenfetzen dazu:

    1. Erst mal hat Foucault ja ganz im Sinne Poppers eine spekulative These aufgestellt. Die meisten Thesen, die ihr vorgestellt habt, sind per se sehr wohl falsifizierbar und eben nicht transzendent. Die Neigung von Menschen zur Bemächtigung über andere, die Immanenz dessen in unserer Gesellschaft, oder aber die unterbewusste Wirkung von gesellschaftlichen Normen lassen sich ja sehr wohl experimentell untersuchen. Unwissenschaftlich wäre Foucault ja nur, wenn er die Untersuchbarkeit seiner Thesen an sich in Frage gestellt hätte. Also wenn er z.B. jedem, der ihn zu kritisieren versucht hat, als indiskutabel abgestempelt hätte. Wisst ihr dazu mehr?

    2. Popper war ebenfalls ein großer Gegner von Macht und Gewalt. Ich frage mich, ob man als Schnittmenge von Popper und Foucault den Satz: “Last Episteme sterben, nicht Menschen” bilden dürfte. Also Popper gewissermaßen einen strukturellen Ausweg aus der Misere zeigt, indem er sagt: Wir Menschen wissen um unsere Fehlbarkeit. Wir wissen, dass es eine absolut vernünftige Diskussion gar nicht gibt – dass unser Denken sehr viele Grenzen hat – und auch u.a. kulturell und auch psychologisch sehr stark manipulierbar ist. Lasst uns das immer vor Augen haben und immer gegenüber Macht und Gewalt misstrauisch sein. Immer offen gegenüber der Veränderung bleiben.

    3. Was denkt ihr, hätte Foucault über die “offene Gesellschaft” gesagt und was über “ihre Feinde”? Das ist ja leider in Zeiten von PEGIDA wieder eine komplexe Frage geworden. Schließlich ist ja die “offene Gesellschaft” teilweise auch jetzt “die Macht” und muss sich mit ihren Gegnern auseinandersetzen. Teilweise wird die offene Gesellschaft sogar als Vorwand für Gewalt genommen, wenn z.B. PEGIDA-Anhänger behaupten, dass sie Frauenrechte schützen würden, indem sie Flüchtlinge verjagen. Oder aber, wenn Politiker mit der Bundeswehr unsere Freiheit am Hindukusch oder mittels Guantanamo verteidigen wollen.

    4. Eine völlig losgelöste Frage, die mich immer wieder nach euren Sendung verfolgt: Ist Popper eventuell der “Nerd” unter den Philosophen im 20. Jahrhundert? So wie der nette Nerd, der einem gerne die unbequeme Wahrheit sagt, es gut mit einem meint und hilfsbereit ist – aber mit dem man vielleicht nicht unbedingt über Lebenskrisen reden möchte, weil man dort eher emotionale, als rationale Ratschläge hören möchte. Popper schreibt viel über strukturelle Themen wie Theoriebildung und ist dort sehr sehr hilfreich. Er geht jedoch nie wirklich auf die emotionale Seite des Menschseins. Auf der anderen Seite ist er aber auch stets Kritiker der klassischen Aufklärung gewesen, indem er stets die Verantwortungslosigkeit von Intellektuellen kritisiert hat, die ihre Bildung ja besonders zu Machtzwecken missbraucht haben. Sind da Foucault und Popper vielleicht sogar komplementär?

  6. Breitenbach und Köbel sind auch irgendwie ganz nah bei einander und dann doch wieder ganz verschieden. 😛

    Danke für die vielen tollen Folgen SozioPod!

  7. Hallo Ihr zwei,

    Ihr habt wiedermal eine sehr gute Episode hingelegt!
    Habe mich bislang noch nicht mit Foucault beschäftigt und war etwas geflashed, weil ich das “Gefühl” hatte ein Puzzelstück gefunden zu haben.
    Gibt Foucault denn mehr Hinweiss darüber wozu die Subjektivierung dient, also wieso das Individuum sich dem Diskurs völlig unterwirft? Ihr habt das etwas angerissen und ich dachte hier sofort an die Terror Management Theory von Ernest Becker. Aus dieser Heraus würde sich das sterbliche Individuum einem Diskurs unterwerfen um eine kulturelle Immortalität zu erreichen. Wird dieses DIskurs an sich in Frage gestellt reagieren die zugehörigen Subjekte mit Aggression, da die eigene Unsterblichkeit auf dem Spiel steht. Anders ausgedrückt:
    1. The world is a terrifying place (für das Individuum)
    2. The basic motivation for human behavior is the need to control our basic anxiety, to deny the terror of death
    3. Since the terror of death is so overwhelming we conspire to keep it unconscious
    4. Our heroic projects (u.a. Diskurse), aimed at destroying evil, have the paradoxical effect of bringing more evil into the world.

    Klingt jetzt sehr theoretisch, ist aber aus meiner Sicht sehr schnell sehr eingängig und wird durch die experimentelle Psychologie in vielen Experimenten empirisch gestützt.

    Vielleicht wäre das mal ein interessantes Thema für Euch?
    – Wikipedia (für Eilige): https://en.wikipedia.org/wiki/Terror_management_theory
    https://youtu.be/Joalg73L_gw (für ganz Eilige 🙂 )
    – Ernest Becker “The Denial of Death” 1972 (Dt.: Die Überwindung der Todesfurcht. Dynamik des Todes.). Pulitzerpreis 1974
    – Solomon, Greenberg et al. “The Worm at the Core: On the Role of Death in Life”, 2016 (Dt.: Der Wurm in unserem Herzen: Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst)
    https://youtu.be/SS0mwd9cR24
    http://www.ernestbecker.org – Die Ernest-Becker Foundation

    Macht weiter so mit Eurer tollen Arbeit! Ihr bereichert meine Diskurse immens 😉

    Grüße aus Düsseldorf

  8. Eine kleine Frage: stell das dogmatische “sich-gegen-die-Unterwerfung-durch-einen-Diskurs-wehren” nicht gliechzeitig eine Unterwerfung durch den Diskurs des “Sich-Nicht-Untwerfen-Wollens” dar ?

  9. Peter Hirsch Reply

    Danke für den super SozioPod!!! Endlich kann ich Foucault besser verstehen. Sehr interessant.
    Weiter so!!!

  10. Ich glaube, ich habe die Episode bisher fünfmal gehört und muss sagen, dass sie einer Eurer lebendigsten und spannendsten Episoden ist. In der Episode wird immer wieder angesprochen, wer im Diskurs mit wem war … beispielsweise Foucault und Habermas. Solch eine Darstellung wünsche ich mir für die Auseinandersetzungen aktueller (noch lebender) Soziologen/Philosophen. Vielleicht kann da das ein Input für eine der nächsten Folgen sein.

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