Soziopod Live & Analog #009: “Schafft uns die Digitalisierung ab?” in Mainz

Aufnahme vom 6.9.2018 in Mainz.

4 Comments

  1. Sehr geehrter Herr Breitenbach, sehr geehrter Herr Köbel,

    da war es wieder das Gespenst Grundeinkommen, für manche eher ein Schreckgespenst für andere ein Baustein für eine Utopie und für viele irgendetwas dazwischen.

    Was mich bei der Diskussion um Digitalisierung überrascht hat, ist die Ratlosigkeit welche aus meiner Sicht durch die gestellten Fragen zutage tritt. Natürlich wissen wir nicht wie die Zukunft wird. So sollte es aus meiner Sicht auch sein, wenn wir uns Menschen eine Freiheit im Denken und Handeln zuerkennen wollen. Die Fragen welche gestellt wurden, klangen für mich vor allem so, als würden die Menschen sich als Getriebene der Digitalisierung erleben. Die Unterordnung an scheinbar von außen stammende Vorgaben, symptomatisch dafür das Nutzungsverhalten des Smartphones, negiert genau diese Freiheit in der Gestaltung des eigenen Lebens. Das hat für mich nichts mit der Digitalisierung zu tun, sondern ist eine Folge der Umgebung in welcher wir leben und welche Lebensentwürfe wir in der Lage sind für uns zu denken und zu realisieren.

    Was wir nicht denken können, können wir auch nicht leben. Die Fähigkeit zu denken bedeutet für mich, dass jemand in der Lage ist Informationen zu analysieren, zu verstehen, kritisch zu hinterfragen und in Frage zu stellen. Sowie sich auf Basis eigener Werte und gesammelter Informationen eine persönliche Meinung zu bilden und danach zu handeln. Leider wird genau diese Fähigkeit zu denken in unserer Gesellschaft nicht gefördert sondern im Gegenteil durch Erziehung und Bildung nachhaltig aberzogen. Auch wenn eine solche Form des Denkens kurz in der Diskussion als erwünscht genannt wurde, so sind die wenigsten Arbeitsplätze so gestaltet, dass Mitdenken erwünscht ist geschweige denn kritisches Denken.

    Thema: Hochschullehrer durch Roboter ersetzen
    An dieser Aussage zeigt sich aus meiner Sicht etwas Phantasielosigkeit was Digitalisierung bedeuten kann. Dadurch werden die Veränderungen zur Überraschung weil sie ganz anders erfolgen, als dass ein Mensch durch einen Computer oder Roboter ersetzt würde. Als ein Beispiel wie Digitalisierung zur Veränderung der Lehrtätigkeit beiträgt sei zunächst das Konzept „Flipped Classroom“ genannt. Das Videomaterial zu einem bestimmten Thema muss theoretisch nur einmal erstellt werden. Es wird also viel Arbeitszeit potentiell frei. Die Frage ist nun was daraus folgt. Werden die Lehrer eingespart, weil es um Kostensenkung geht oder wird die Zeit genutzt, um den Lernenden ein tieferes Verständnis zu ermöglichen. Wie die Antwort ausfällt ist keine Frage der Digitalisierung, diese schafft nur die Optionen zwischen denen gewählt werden kann.

    Hier möchte ich Euch ein englisches Video empfehlen, was das Thema aus einer interessanten Perspektive betrachtet (Humans Need Not Apply – CGP Grey – 15 Minuten):
    https://www.youtube.com/watch?v=7Pq-S557XQU

    Vielleicht mangelt es Menschen einfach an der Phantasie sich ein erfülltes und selbstbestimmtes Leben vorstellen zu können, wenn nicht mehr die Umstände und Abhängigkeiten ihnen den Lebenstakt und Lebensinhalt vorgeben. Unbekanntes macht vielen Menschen Angst und die wenigsten Menschen haben je Freiheit erlebt und haben auch keine Vorstellung davon was Freiheit sein kann.

    Mit freundlichen Grüßen
    Martin Finger

    PS: Wenn Sie beide mal wieder in Würzburg sind, würde ich mich freuen, wenn wir uns mal einen Nachmittag oder Abend auf ein Gespräch treffen. Ich würde gerne einmal tiefer in Ihre Vorstellungen von Gesellschaft einsteigen und erfahren wie viel Freiheit Sie Menschen zutrauen/zugestehen würden und in welcher Welt Sie leben wollen würden und natürlich was sind Ihre Pros und Contras zum (bedingungslosen?) Grundeinkommen.

  2. Martin Taurer Reply

    Hallo,

    ich habe alle Soziopod-Aufnahmen gehört. Interessiert mich alles, hab mich gerade wieder mal etwas geärgert.
    Die andauernde (zum Teil ungewollte) Gleichsetzung von Effizienz und Markt (Wettbewerb), hier dargestellt am Beispiel Premium-Cola, wird durch Wiederholung nicht wahrer. Bitte reflektiert ein weiteres mal folgende Problematik: Auf Wachstum zu verzichten, um nicht in die “Coca-Cola Dynamik” zu “verfallen”, ist bizarr. Wenn die Produktion trotz vorhandener Nachfrage nicht gesteigert oder gar reduziert wird, ist dieses Verhalten ebenso marktkonform, ob gewollt oder ungewollt. Selbst wenn (was durch die Verknappung ja keineswegs ausgemacht ist) weniger profitabel vermarktet wird, bleibt die Entscheidung eine von den Markt-Verhältnissen geprägte. Anstelle einer am Bedarf der Menschen ausgerichteten Produktion/Verteilung/Forschung/Entwicklung/………. bleibt die sich selbst genügende Marktlogik das Maß aller Dinge (und Menschen und überhaupt). Totalität… Kapitulation…. Es gibt kein richtiges Cola in Flaschen! Oder Dosen…? Was war nochmal der Maßstab? Achja…

    • An der Stelle sollte man wohl zwei Intentionen trennen: 1) die Produktion gemäß des Bedarfs des Produzenten, so dass er sein Leben bestreiten kann, und 2) die Produktion orientiert am Konsumenten, um dessen Bedarf zu decken. Beide Modelle sind meiner Meinung nach in Ordnung, weil sie sich an einem realen Bedarf orientieren und nicht spekulativ produzieren bzw. erst einen Bedarf erzeugen (Werbung).

  3. Diese Diskussionsrunde war echt super, da solch vielfältige Argumente vorgebracht wurden. Ich wäre zu gern dabei gewesen. Mir fehlte nämlich ein wichtiger Aspekt bei der Digitalisierung: Ein Umstand, der zu wenig Beachtung findet, ist das Wesen von digitalen Daten. Während materielle Güter sich mit der Zeit abnutzen und eine Reproduktion ihrer immer neue Materialien erfordert, ist es bei digitalen Gütern so, dass man sie beliebig oft nutzen kann, ohne dass sich ihre Qualität mindert, und sie in Sekundenschnelle ohne große Aufwand vervielfältigt werden können. Digitale Güter (Bilder, Videos, Texte) sind wie herkömmliches Wissen, das man leicht teile kann.

    Was also heißt das für z.B. Musik oder Texte? Sie können sehr leicht verbreitet werden (Raubkopien), aber es ist keine spezielle Industrie dafür mehr notwendig (Independent Labels, Direktveröffentlichung). Sind Lizenzen/Patente überhaupt noch möglich, wenn man überhaupt nicht kontrollieren kann, wie sich ein Gut verbreitet? Wie geht man mit dem Vertrauen um, wenn man jemandem etwas zur Ansicht gibt, er es aber dabei unerkennbar vervielfältigen kann (Datensammler à la Google, Facebook)?

    Ich glaube, dieser Wesensunterschied zwischen digitalen und materiellen Gütern ist sehr entscheidend und ermöglicht uns sehr viele Neuerungen, aber auch viele alte Konzepte müssen damit überdacht und neugedacht werden.

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