Frage zum Gewaltverständnis von Heinrich Popitz

  • Liebe Forenmitglieder,


    ich stelle mir gerade folgende Frage zu Popitz' Phänomene der Macht bzw. zu dessen Gewaltbegriff:

    Wenn jemand in voller Verletzungs- oder sogar Tötungsabsicht auf einen Menschen schießt, einsticht etc., ihn aber verfehlt, ist das nach Popitz dann Gewalt oder nicht? Seiner Definition nach ist Gewalt ja eine Machtaktion, die zur absichtlichen körperlichen Verletzung eines anderen führt. Er schreibt nicht "führen kann". Zu den anderen 3 Grundtypen von Macht, neben der Aktionsmacht scheint m.M.n. dieser Sachverhalt aber auch nicht zu passen. Ich bin die entsprechenden Kapitel jetzt mehrfach durchgegangen, finde aber nichts, was seinen Gewaltbegriff hinsichtlich des konkreten Vorliegens bzw. Zufügens einer Verletzung in den Bereich des potenziell Möglichen relativiert. Übersehe ich da etwas Wesentliches oder verstehe ich etwas falsch? Ich würde mich freuen, wenn jemand, der sich intensiver mit Popitz auseinandergesetzt hat, da Licht ins Dunkle bringen könnte.


    Mit vielem Dank vorab und freundlichen Grüßen


    Catweazle

  • Tendenziell würde ich sagen, die vollzogene Absicht gilt. Popitz wollte, dass die Soziologie die Ursachen von Gewalt erforscht. Wollte man in dem Sinne eine Stichprobe zusammenstellen, um Attentäter nach deren Motive zu befragen, wäre es unzweckmäßig, aus der Stichprobe jene Attentäter herauszunehmen, die ihren Todesschuss durch Zufall verfehlt haben. Das würde überhaupt keinen Sinn ergeben.

  • Hallo Sonntagssoziologe,


    erstmal vielen Dank für deine Antwort. Jetzt bin ich allerdings etwas irritiert, da ich Popitz bisher so verstanden habe, dass er eben den Nutzen der Ursachenforschung in Frage stellt. Er betont ja z.B., dass Gewalt auch aus reinem Selbstzweck ausgeübt werden könne oder auch aus Routine, Langweile oder in spielerischer Neugier. Ich dachte, dass sei so zu verstehen, dass er Gewalthandeln jenseits einer Kategorisierung nach subjektiv gemeinten Sinninhalten, etwa nach der Weberschen Handlungstheorie sieht.


    Sollte ich das allerdings fehlinterpretiert haben, macht deine Argumentation natürlich durchaus Sinn. Ich werde die Kapitel nochmal durchgehen und schauen, ob ich etwas entsprechendes finde.


    Mit freundlichen Grüßen


    Catweazle

  • Sorry, das war dumm von mir. Popitz wollte das ja genau nicht. Hatte ihn verwechselt. Popitz grenzt seine Gewaltsoziologie ja gerade von der üblichen Ursachenforschung ab, da hast du völlig Recht.


    Ich würde zwei Argumente sehen, wieso es sich auch bei nichtvollzogener Verletzung um Gewalt handelt.


    1) Auch bei Popitz ist Gewalt beschreibbar. Die Frage wäre dann, ob eine Situation, in der ein Attentäter aus Zufall danebenschießt, eine gewaltlose Situation sei. Wenn Popitz Gewalt beschreiben will, muss er gewaltsame und gewaltfreie/-arme Situationen differenzieren. Die Gewaltabsicht, die zu seiner Definition dazugehört, war in beiden Fällen gegeben, nur in einem versagte das Gewehr. Angenommen, ein Täter schießt im Zug hinterrücks auf sein Opfer. Der Zug entgleist, der Schuß geht daneben, beide sind tot. Hat Gewalt stattgefunden oder nicht? Eine Theorie, die eine Mißglückte Tötungsabsicht auch als Gewalt einstuft, hätte hier weniger Probleme. Die Theorie wäre anfällig für Zufälle außerhalb der Akteure.


    Popitz sieht meines Wissens nach Drohung auch als Gewalt an. Ein Drohschuss ohne Tötungsabsicht wäre also auf jeden Fall Gewalt, egal, ob eine Verletzung eintritt. Ein Todesschuss mit Tötungsabsicht aber nur Gewalt, wenn keine Verletzung eintritt. Das würde bedeuten, dass ein misslungenes Attentat nicht als Gewalt zählt, ein Luftschuss mit der Schreckschusswaffe aber schon.


    2) Popitz Theorie wäre für die Kriminologie oder Kriminalsoziologie nicht verwendbar. Mit Popitz könnte man nicht sinnvoll differenzieren, wie Gesellschaft mit Gewaltkriminalität im Unterschied zu anderen Delikten umgeht. Eine Haftstrafe für ein mißglücktes Attentat wäre ein soziologisches Rätsel, weil es sich weder um Gewalt, noch um Diebstahl, noch um Ruhestörung etc. handelt. Popitz müsste sagen, Gesellschaft behandle manche Nichtgewaltdelikte so, als wären sie Gewaltdelikte. Kriminologen würden dagegenhalten, das läge nur daran, dass Popitz eine Privatdefinition von Gewalt ersponnen hat.


    Ich las eine Interpretation von Gewalt nach Popitz als "direkte, gegen den Körper gerichtete Verletzungsaktionen".Das würde auch fehlgeschlagene Angriffe einschließen.

  • Ich kenne weder Herrn Popitz noch sein Werk aber ich halte es für immens wichtig das der psychischen Gewalt mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wird als dies bislang der Fall ist.

    Eine rein körperliche Verletzung kann ich, in der Regel, relativ schnell heilen.

    Wirklich lang anhalten das Leben eines anderen zerstören kann ich vor allem mit Psychischer Gewalt und wenn es die Verarbeitung Physischer Gewalt ist.

    z.B.: Postraumatische Belastungsstörung

    Glücklich ist der der weiß das er glücklich ist!

  • Die Gewaltabsicht, die zu seiner Definition dazugehört, war in beiden Fällen gegeben, nur in einem versagte das Gewehr.

    Das ist ein gutes Argument. Eine Schädigungsintention scheint ein ganz wesentliches Element zu sein und die liegt ja in beiden Fällen vor. Ob der gewünschte Effekt tatsächlich eintritt oder nicht wäre demnach tendenziell zweitrangig. Irritiert hatte mich die Tatsache, dass z.B. die WHO in ihrer Definition explizit schreibt, das Gewalt dann vorläge, wenn eine Tat zu Verletzung, Tod etc. führt oder mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen kann. Etwas Entsprechendes habe ich bei Popitz eben vergeblich gesucht. Aber mittlerweile tendiere ich da zu deiner Interpretation. Vielen Dank!


    Das mit der Drohung habe ich allerdings anders verstanden, wobei ich dazu sagen muss, dass ich mir das ein wenig zusammengereimt habe. Eine Drohung, körperliche Gewalt anzuwenden, ob als Drohschuss oder verbal als "Ich hau' dir eine auf's Maul wenn du (nicht)...", dachte ich, sei nach Popitz instrumentelle Macht, keine Aktionsmacht und damit per definitionem keine Gewalt. Wohl aber könne körperliche Gewalt auch zur Drohung eingesetzt werden, z.B. wenn ich meinem Klassenkameraden ein paar Tage hintereinander "auf's Maul haue", gibt er mir irgendwann freiwillig sein Taschengeld. Solche Sachverhalte habe ich bisher als das interpretiert, was Popitz mit bindender Aktionsmacht meint.


    @ Theoderich Da stimme ich vollens mit dir überein. Drastisches Beispiel wäre hier Methoden der sogenannten "weißen Folter", bei der nicht der Körper direkt, sondern die Psyche geschädigt wird, etwa durch Scheinhinrichtungen, Dauerbeschallung etc. Falls es dich interessiert, würde ich annehmen, Popitz würde dahingehend argumentieren, dass solche Umstände vom Opfer als allumfassende existenzielle, also auch körperliche Gefahr erlebt würden.


    VG

    Catweazle