Meine Kritik am BGE

  • Einmal angenommen, die Finanzierbarkeit eines BGE wäre insofern kein Problem, als dass die Wirtschaft in einer digitalisierten Zukunft problemlos den Lebensunterhalt aller Menschen problemlos decken könnte. Auch wenn ich also nicht arbeite, verdiene ich also mindestens das gleiche, oder vergleichbar viel, wie mit einer Erwerbstätigkeit. Meiner Meinung nach stünde dennoch zwei fundamentale Probleme im Raum, welches bis heute nicht ausreichend bedacht werden. Zum einen wäre da die gesellschaftliche Sicht, zum anderen die individelle Sicht des überliegenden Problems.


    Viele der heutigen Berufe sind nicht nur Jobs, oder Erwerbstätigkeiten, sondern vor allem auch Ausdruck von Gesellschaftsstrukturen, die ursprünglich die Stabilität und das Wohlbefinden in einer Gesellschaft getragen haben und immer noch tun. Am deutlichsten sieht man dies am Beruf des Arztes. Ein Arzt ist niemals nur eine Person, die auf rein materieller Eben eine Person behandelt. Er ist oft genug auch Ansprechpartner für viele Menschen, oft sogar einer ganzen Gemeinschaft, für ihre Sorgen und Probleme. Natürlich kann eine Maschiene in naher Zukunft viele bis alle Tätigkeiten eines Arztes übernehmen. Die persönliche Ebene, der Kontakt zwischen Helfendem und Hilfesuchendem - was für die meisten Patienten gar nicht so unwichtig ist und nebenbei einer der Hauptkritikpunkte an unserem aktuellem Gesundheitssystem ist! - fällt dann weg, bzw. wird ersetzt. Natürlich kann man dies nicht für alle Berufszweige sagen, bei einigen würde es die Arbeitenden sogar entlasten, bzw. die Lebensqualität wäre ersteinmal sehr viel besser. Dennoch ist dieser Blick sehr wertvoll, denn eine Frage die sich mir dadurch stellt, ist wie wir damit umgehen werden, welche Fragen und Diskurse sich ersteinmal auch ergeben werden, wenn Gemeinschaftsstrukturen und Ansprechpartner teilweise oder vollständlich digitalisiert sind.


    Der andere Punkt zielt auf das selbe Szenario ab, sieht es aber aus einer anderen Perspektive. Was ist mit mir, wenn ich mit meiner Arbeitskraft und meinem Engagement zum großen Teil nicht mehr gebraucht werde, weil alle Tätigkeiten die mir, meiner Familie und meiner Gemeinschaft dienen, digitalisiert sind, oder zumindest werden können? Wir Menschen als soziale Wesen stehen dann vor einem großen Problem, weil ein großer Teil dessen was Identität und Weltbild bei uns ausmachen, durchdigitalisiert sind. Folge werden große Diskurse und teilweise häftige Identitätsdiskurse sein.


    Mir scheint so, dass das BGE oft mit auch versucht, diese Fragen schnell zu beantworten. Weil wir dann nämlich genug Geld für unseren Unterhalt haben, können wir uns selbst auf die Suche machen. Precht spricht dann ja oft von einer Zukunft in der wir alle Kunst machen können. Dass die Kunst dann auch durchdigitalisiert ist, bzw. dass wenn jeder Kunst macht, die Kunst des Einzelnen nur für sich, aber nie in der Gemeinschaft - aus der Sicht des Individuums gesprochen - eine Bedeutung hat, wird aber schnell vergessen. Stattdessen kann dann ja jeder Eigenverantwortlich sein. Ein Denkfehler, den wir heute nur zu oft begehen. Denn Identität wird maßgeblich in Gruppen gesucht. Heute im Job. In der Zukunft - hoffentlich immer noch - in der Familie, im Freundeskreis, warscheinlich aber vor allem auch im politischem Aktivitsmus. Wenn wir diese Fragen aber nicht offen stellen, vor allem in eine destruktive Richtung hin. Hin zu mehr Verschwörungstheorien, mehr Radikalismus, mehr Einfachheit und schnellen Antworten, auf hoch komplexe und problematische Antoworten.

    "Man ist nie so lächerlich durch Eigenschaften, die man besitzt, als durch jene die man zu haben vorgibt."


    Jolan tru,

    Chris :whistling:

  • Hallo ChrisH


    Danke für deine Gedanken.


    Nun, ich gehe nicht davon aus, dass alle unsere Lebensbereiche in Zukunft automatisiert werden. Du sprachst das an, was eigentlich nicht so einfach von Maschinen ersetzt werden kann. Zwischenmenschliche Interaktion. Am Ende klingt dein Szenario ja auch so als sei der Mensch jetzt bereits völlig entkoppelt von einem Prozess, der sich nicht mehr aufhalten lässt. Der Patient entscheidet im Zweifel darüber ob er einen anderen Menschen oder eine Maschine konsultiert (In meiner Vorstellung übrigens idealerweise eine Kombination, also ein Mensch meines Vertrauens der sich einer KI bedient).


    Ich bin übrigens kein besonders großer Fan des BGE, weil es die elementare Problematik der sozialen Ungleichheit nicht lösen wird. Aber all zu große Angst davor dass wir alle uns abschaffen habe ich nicht. Sollte das dennoch so sein wäre auch das BGE obsolet.

  • Du sprachst das an, was eigentlich nicht so einfach von Maschinen ersetzt werden kann. Zwischenmenschliche Interaktion.

    Ich bevorzuge eine gut funktionierende Maschine, statt einen schlecht gelaunten Menschen, der seine Arbeit nicht gerne macht.


    Ich bin übrigens kein besonders großer Fan des BGE, weil es die elementare Problematik der sozialen Ungleichheit nicht lösen wird.

    Nach viel Kopf zermartern bin ich auch noch nicht ansatzweise zu einer Lösung gekommen, die Ungleichheit tatsächlich aus der Welt schaffen kann. Ich halte das Problem prinzipiell nicht für lösbar, aber durch ein BGE mindestens für auf gesunde Weise ausgleichbar, indem die natürliche Ungleichheit der Menschen auf ein tragbares und existenzsicherndes Fundament gestellt wird. Das Hauptziel des BGE ist nicht die Lösung sämtlicher Probleme der Menschheit (seit Bart Simpson wissen wir ja, dass nur Alkohol Ursache und Lösung aller Probleme ist :D), sondern dass jeder Mensch ohne wirtschaftlich begründete Existenzangst leben kann. Das ist im jetzigen System, wo viele einfach ohne Eigentum, quasi mit Null ins Leben geworfen werden, einfach nicht möglich. Schlimmer als Monopoly, wo es Startkapital gibt und jede Rund einen Gratisbetrag über Los. Das Leben im Kapitalismus ist in der Endphase angekommen, wo es nichts mehr zu verteilen gibt, aber ständig neue Spieler hinzukommen.

  • hi danke für dein beitrag, hier meine 2 cent dazu... :)

    Viele der heutigen Berufe sind nicht nur Jobs, oder Erwerbstätigkeiten, sondern vor allem auch Ausdruck von Gesellschaftsstrukturen, die ursprünglich die Stabilität und das Wohlbefinden in einer Gesellschaft getragen haben und immer noch tun. Am deutlichsten sieht man dies am Beruf des Arztes. Ein Arzt ist niemals nur eine Person, die auf rein materieller Eben eine Person behandelt. Er ist oft genug auch Ansprechpartner für viele Menschen, oft sogar einer ganzen Gemeinschaft, für ihre Sorgen und Probleme. Natürlich kann eine Maschiene in naher Zukunft viele bis alle Tätigkeiten eines Arztes übernehmen. Die persönliche Ebene, der Kontakt zwischen Helfendem und Hilfesuchendem - was für die meisten Patienten gar nicht so unwichtig ist und nebenbei einer der Hauptkritikpunkte an unserem aktuellem Gesundheitssystem ist! - fällt dann weg, bzw. wird ersetzt. Natürlich kann man dies nicht für alle Berufszweige sagen, bei einigen würde es die Arbeitenden sogar entlasten, bzw. die Lebensqualität wäre ersteinmal sehr viel besser. Dennoch ist dieser Blick sehr wertvoll, denn eine Frage die sich mir dadurch stellt, ist wie wir damit umgehen werden, welche Fragen und Diskurse sich ersteinmal auch ergeben werden, wenn Gemeinschaftsstrukturen und Ansprechpartner teilweise oder vollständlich digitalisiert sind.

    Ich denke hier sprichst du einen Kritikpunkt an der die Digitalisierung betrifft. Oder das ersetzten Menschlicher Arbeit durch Maschinen.

    Das BGE hat aber erstmal nichts mit Digitalisierung zu tun. Es wird nur immer damit in verbindung gebracht als eine art Lösung.

    Es ist ein guter punkt aber, ich denke, keine Kritik am BGE ansich.

    Der andere Punkt zielt auf das selbe Szenario ab, sieht es aber aus einer anderen Perspektive. Was ist mit mir, wenn ich mit meiner Arbeitskraft und meinem Engagement zum großen Teil nicht mehr gebraucht werde, weil alle Tätigkeiten die mir, meiner Familie und meiner Gemeinschaft dienen, digitalisiert sind, oder zumindest werden können? Wir Menschen als soziale Wesen stehen dann vor einem großen Problem, weil ein großer Teil dessen was Identität und Weltbild bei uns ausmachen, durchdigitalisiert sind. Folge werden große Diskurse und teilweise häftige Identitätsdiskurse sein.

    ok hier ist es wieder die digitalisierung...

    Mir scheint so, dass das BGE oft mit auch versucht, diese Fragen schnell zu beantworten. Weil wir dann nämlich genug Geld für unseren Unterhalt haben, können wir uns selbst auf die Suche machen. Precht spricht dann ja oft von einer Zukunft in der wir alle Kunst machen können. Dass die Kunst dann auch durchdigitalisiert ist, bzw. dass wenn jeder Kunst macht, die Kunst des Einzelnen nur für sich, aber nie in der Gemeinschaft - aus der Sicht des Individuums gesprochen - eine Bedeutung hat, wird aber schnell vergessen. Stattdessen kann dann ja jeder Eigenverantwortlich sein. Ein Denkfehler, den wir heute nur zu oft begehen. Denn Identität wird maßgeblich in Gruppen gesucht. Heute im Job. In der Zukunft - hoffentlich immer noch - in der Familie, im Freundeskreis, warscheinlich aber vor allem auch im politischem Aktivitsmus. Wenn wir diese Fragen aber nicht offen stellen, vor allem in eine destruktive Richtung hin. Hin zu mehr Verschwörungstheorien, mehr Radikalismus, mehr Einfachheit und schnellen Antworten, auf hoch komplexe und problematische Antoworten.

    Verstehe nicht wieso dann die Kunst digitalisiert sein sollte? Kannst du ein Beispiel nennen?

    Kunst ist sowieso heutzutage doch eine super-individuelle angelegenheit.


    Ich denke das in der gruppe eher selbst-bestätigung gesucht wird (und nicht primär identität).

    Jemand der nicht genug selbstvertrauen hat unterwirft seine "Identität" einer "Gruppenidentität" um dadurch bestätigung zu erlangen.

    Auch das nicht-aushalten von wiedersprüchen führt zu so einer reduzierung von Identität auf eine Gruppenkonforme Identität (Komplexitätsreduzierung) -> führt dann zu radikalen einstellungen.

    Oder sehe ich das zu eng?

    das BGE könnte durch seine bedingungslosigkeit den leuten mehr grundlegendes vertrauen schenken und das wiederum könnte psychologische "wohltuende" effekte haben?



    lg,