Brauchen wir die männliche Emanzipazion?

  • Und wenn ja, wie kann diese Aussehen?


    Ich habe letztens ein sehr interessantes Hörbuch "gelesen", in welchem es um Probleme und Chancen für hochsensible Männer geht.

    Für alle, welchemit dem Phänomen nicht vertraut sind, habe ich hier einen guten Podcast mit vielerlei weiterführenden Informationen verlinkt.

    Ein Aspekt drehte sich um das Selbstbild von Männern und ihre Rolle in der Gesellschaft. Und zwar wird der Umgang mit unseren Gefühlen, Selbstakzeptanz und Selbstreflektion,

    oft komplett vernachlässigt. Männer sollen stark sein, extravertiert, erfolgreich, homosexuell, bzw. im allgemeinem natürlich sexuell aktiv sein. Natürlich ist das nur ganz grob vereinfacht, aber im Selbstbild vieler dennoch verankert. Gerade im Hinblick auf die me too Debatte frage ich mich, ob vieler der gesellschaftlichen und persönlichen Probleme genau auf dieses Selbstbild zurückzuführen sind. In meiner Selbsthilfegruppe - für Menschen mit Depressionen - lerne ich häufiger sehr sensible junge Männer kennen, die sich selbst in ihrer Art nicht akzeptieren können. Die Folge ist entweder eine Depression, oder das Spielen eines Charakters welches der eigneen Person nicht entspricht. In jedem Fall ist die Folge aber ein anwachsender und tiefer Selbsthass.


    Andererseits führt dieses Einschränktende Verhalten den eigenen Gefühlen gegenüber dazu, dass Selbstreflektion und Empathie eingeschränkt werden. Nicht anders kann ich es mir erklären, dass es heute leider immer noch üblich ist, dass kaum eine Frau hezutage nicht mit Sexualisierung und Diskriminierung zu kämpfen hat. Man denke an viele Geschichten in welchem der Chef es sich erlaubt, seiner Untergebenen die Hand auf die Beine zu legen. Wobei das zwar das Alltäglichste, aber der dennoch der kleinste vorwurf ist. Der Aufschrei nach den Vorwürfen ist immer groß, so als ob man uns ein Grundrecht verweigern würde. Argumentationen wie, jetzt müsse man vor jedem Sex schirftlich eine Einigung festhalten, um als Mann noch sexuell sein zu dürfen, zeigen das gut.


    Brauchen wir desshalb nicht nur mehr Schutz für Frauen, sondern ein schonungsloses Hinterfragen des männlichen Selbst und Fremdbildes in unserer Gesellschaft


    Viel nachgedacht über dieses Thema habe ich dann vor allem, als ich erfahren habe, dass der amerikanische Psychologenverband nun davor gewarnt, traditionell männliche Ideale an Kinder weiterzugeben. Es führe - so die Argumentation - zu destruktiven Bezehungen mit sich und der Umwelt und schade der Entwicklung des Kindes so. Den Artikel worduch ich auf das Thema aufmerksam wurde, findet ihr hier: https://www.queer.de/detail.php?article_id=32714


    Durch das Teilen des folgenden Videos geht es mir nicht um eine Kritik des Raps, oder der Rapkultur. Es geht mir vor allem um den Abschnitt, ab dem der Link das Video abspielen soll. Also vor allem um die traurige Tatsache, dass sich in der Kunst dieses Selbstbild eines extravertierten, verschwenderischen und übergriffigen Machos, besser verkaufen lässt. Ich denke da vor allem aber auch an viele Filme, in welchen Beziehungen und Sex als eine art Machtkanpf, dargestellt werden, so als ob der Mann in der Aufgabe wäre die zweifelnde Frau - welche schon oft genug betont hat, dass sie nicht will - doch noch zu überreden und zu verführen, um sie ins Bett zu bekommen. Gerade die Kunst reflektiert uns da viel an Werten und bietet daher auch viel Stoff zur Kritik. https://youtu.be/G5SqvZfp358?t=738


    Ich bezweifle das wir ins der Lage sein werden unsere Rollenbilder zu durchbrechen. Was aber beim Mann möglich wäre, ist eine Erweiterung. Begriffe wie Erfolg, können um mehrere Definitionen Erweitert werden. So Erfolg nicht unbedingt alleine bedeuten, viel materielles zu besitzen. Erfolg kann und muss auch bedeuten, für seine Beziehungspartnerin oder Partner, emotional erreichbar zu sein. Erfolg kann auch bedeuten, für etwas einzustehen und seine Umwelt weiterzubringen. Insofern wäre es keine Emanzipazion wie bei der Frau, sondern eher eine in der wir uns aus den Ketten unseres beschränkten Selbstbildes befreien. Nicht nur um unser selbst Willen, sondern vor allem zum Wohle aller anderen.

    "Man ist nie so lächerlich durch Eigenschaften, die man besitzt, als durch jene die man zu haben vorgibt."


    Jolan tru,

    Chris :whistling:

  • Männer sollen stark sein, extravertiert, erfolgreich, homosexuell, bzw. im allgemeinem natürlich sexuell aktiv sein.


    Gleiches gilt im Bereich Stärke, Erfolg und Außenwirkung übrigens ja auch für Frauen bzw. viele Frauen wollen dem offenbar "männlichen Ideal" nacheifern. Das wäre dann für mich die Frage ob das Bedürfnis (oder ist es Zuschreibung) wirklich geschlechterspezifisch ist oder nicht im jeden Menschen vorhanden ist und nur diejenigen das ausüben können, die strukturell nicht daran gehindert werden. Und was mit den Menschen die daran kein Interesse zeigen oder psychisch nicht in der Lage sind? Die spannende Frage für mich: Will man nicht stark sein oder kann man es aus verschiedenen Gründen nicht? Will man nicht erfolgreich sein oder kann man es nicht? Will man nicht extrovertiert sein oder kann man es nicht?

    In sehr vielen Diskussionen, die ich in den letzten Monaten führte, gelangte ich immer wieder zu der grundsätzlichen Frage nach der "Macht". Denn um nichts anderes scheint es in der derzeitigen Welt und in dem Leben der Menschen zu gehen. Positiv wie negativ. Wer kann gestalten? Wer kann das nicht? Wer nimmt an der Gesellschaft teil? Wer nicht? Wer herrscht und wer wird von wem unterdrückt? Wer hat Recht und wer nicht? Wer darf hier leben und wer nicht? Wer ist etwas wert und wer nicht?

    Diese Fragen sind immer gleich, egal ob es um Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Psyche oder sonstige kategorische Einordnung geht.

    Aber zu deiner Frage ChrisH Ich glaube schon dass sich diese Rollen durchbrechen lassen. Das passiert ja längst. Du selbst zeigst zahlreiche Beispiele auf. Allein die Tatsache, dass wir hier darüber schreiben und du diverse Literatur und Erfahrungen aus Gruppengesprächen teilst, zeigt doch, dass hier einiges in Bewegung ist. Außerdem merken wir es gerade an dem heftigen Widerstand der bisher etablierten Machtstrukturen. Die wollen sich die Butter vom Brot nicht nehmen lassen. Aber aufzuhalten ist diese Pluralisierung ganz sicher nicht und je vielfältiger die Rollen, desto vielfältiger die Vorbilder. Und diese sind entscheidend für die weitere Entwicklung. Jeder "Ausreißer" als Vorbild ist mehr wert als die Masse an etablierten Rollenmodelle. Ansonsten kann man schon attestieren dass wir im post-heroischen Zeitalter leben. Schau dir den derzeitigen Spitzenpolitiker Robert Habeck an. Der ist mit einem Gerhard Schröder gar nicht mehr zu vergleichen. Ein komplett anderer Typus von Mann, der eben in seinen Rollen wechseln kann. Mal kann er stark und laut sein, mal aber eben auch leise, sensibel und zuhörend. Die Vielfältigkeit kann und sollte sich also durchaus auch in der eigenen Identität widerspiegeln.

    Von daher finde ich es gut wenn Männer und Frauen "sowohl als auch" sind. Mal stark, mal verletzlich. Wichtig sind sowieso immer nur die Beziehungen zueinander indem wir unsere Rolle ausüben. Und wenn das zu einseitig ist, wird es immer etwas schwieriger.

  • ich frage mich dann immer warum emanzipation immer nur von diesem Frau/Mann ding aus gedacht wird. ich finde es prinzipiell gut zu versuchen sich von seinen stereotypen "klischee-so-musst-du-sein-bildern" zu befreien.

    z.b. jetzt auch für dieses forum :) ...könnte man auch hinterfragen ob man nicht auch gerne der nachdenkliche-immer-ernste typ wäre der niemals was naives und lustiges leichtes sagt usw... ist für mich auch ein klischee und schutzmechanismus...

    aber ja ich denke z.b. auch das es kein sinn macht ein altes frauenbild zu befreien nicht ohne das des mannes auch zu "befreien" ??

    es braucht aber viel mut und selbstvertrauen in jeglicher hinsicht..

  • Jemand sagte mal, wo gesellschaftlich Irrsinn angestrebt wird, bedeutet Emanzipation immer, dass alle an diesem Irrsinn teilhaben wollen. Der Irrsinn wäre hier, sich für eine entfremdete Arbeit für mehr Konsum und Status aufzubrauchen, was die traditionelle Männerrolle ist. Emanzipation von Frauen folgt dann dahin, dass sie das auch wollen. Wären Status und Vermögen mit Haushaltsarbeit und Kindererziehung assoziiert, würden in einer emanzipierten Welt alle dahinstreben.

  • Orientiert man sich eng an der Begrifflichkeit, so geht es - wie bereits erwähnt - um die Befreiung aus einer als ungleich empfundenen Machtbeziehung. Das ist grundsätzlich natürlich nicht auf Geschlecht bezogen sondern richtet sich an alle denkbaren Szenarien der Ungleichheit.

  • Ein Aspekt drehte sich um das Selbstbild von Männern und ihre Rolle in der Gesellschaft. Und zwar wird der Umgang mit unseren Gefühlen, Selbstakzeptanz und Selbstreflektion,

    oft komplett vernachlässigt.

    Eigentlich ist es noch radikaler und damit tragischer. Emotionalität und Gefühle werden als weiblich besetzte Eigenschaften im Laufe der Sozialisation ganz konkret abtrainiert, um im Umkehrschluss dem männlichen Ideal näher zu kommen. Böhnisch beschreibt es sogar als regelrechten Hass auf die eigenen Gefühle stellvertretend als Hass auf das vermeintlich Weibliche in einem selbst. Der Zugang zu und Umgang mit Gefühlen ist als Kompetenz also total verkümmert, weshalb Männer eigene Bedürfnisse häufig gar nicht bewusst wahrnehmen.


    Nicht anders kann ich es mir erklären, dass es heute leider immer noch üblich ist, dass kaum eine Frau hezutage nicht mit Sexualisierung und Diskriminierung zu kämpfen hat.


    Das liegt weniger an mangelnder Empathie, sondern mehr in erlernen Verhaltensmustern und dem männlichen Habitus allgemein. Der Unterschied ist, das sich auch die Normen zunehmen verändern und Frauen dadurch dass männliche Verhalten nicht mehr schweigend hinnehmen, sondern es thematisieren. Die Irritation und Überraschung vieler Männer, wenn sie damit konfrontiert werden ist vielmehr Zeichen ihres Verständnisses der Situation als Normalität, evtl sogar als "nett gemeinte Aufmerksamkeit". Die Thematisierung des Problems kommt daher für viele tatsächlich überraschend und wirkt wahrscheinlich eher wie eine Verzerrung der Wirklichkeit.



    Brauchen wir desshalb nicht nur mehr Schutz für Frauen, sondern ein schonungsloses Hinterfragen des männlichen Selbst und Fremdbildes in unserer Gesellschaft


    Mehr Schutz? Weiß ich nicht. Aber wir sollten das Thema Übergriffigkeit ernst nehmen und von schnellen Urteilen (gegenüber Männern wie Frauen) absehen. Nur wenn es möglich ist, entsprechende Situationen zu thematisieren ohne direkt gesellschaftliche (oder berufliche...) Sanktionen fürchten zu müssen, können alle Beteiligten, also schlussendlich die Gesellschaft das Thema bearbeiten und sich entsprechend damit auseinandersetzen.


    Viel nachgedacht über dieses Thema habe ich dann vor allem, als ich erfahren habe, dass der amerikanische Psychologenverband nun davor gewarnt, traditionell männliche Ideale an Kinder weiterzugeben. Es führe - so die Argumentation - zu destruktiven Bezehungen mit sich und der Umwelt und schade der Entwicklung des Kindes so.


    Die traditionell männlichen Ideale führen zu einer sehr fragilen Konstruktion des Selbstbildes, das sich meist an externen Einflüssen orientiert. Damit wirkt es einer gesunden Identitätsbildung einfach entgegen. Das Problem dabei ist glaube ich eher, dass Eltern die Erziehung der eigene Kinder nur zu einem Teil beeinflussen können und Jungen gerade in der Adoleszenz sich stark an externen Einflüssen orientieren. Der Rat ist demnach eigentlich sinnvoll, aber kaum umzusetzen. Unter anderem auch einfach, weil diese Ideale zum großen Teil eben nicht bewusst weitergegeben werden, sondern unbewusst und nebenbei. Als klares statement gegen diese traditionellen Werte mit Blick auf die psychosoziale Gesundheit des Jungen finde ich den Hinweis aber begrüßenswert, da das Thema so um eine fachliche Dimension erweitert wird.

    Was aber beim Mann möglich wäre, ist eine Erweiterung. Begriffe wie Erfolg, können um mehrere Definitionen Erweitert werden. So Erfolg nicht unbedingt alleine bedeuten, viel materielles zu besitzen.

    Ich denke der Beginn ist, den Zugang zur eigenen Gefühlswelt zu finden. Häufig werden eigene Gefühle und Wünsche überdeckt und emotionale Bedürfnisse geraten so in den Hintergrund. Wenn bspw. klar wird, dass die bisher formulierten Ziele gar nicht den eigentlichen Wünschen entsprechen, entsteht eine intrinsische Veränderungsmotivation, die stärker ist als eine konstruierte Umdeutung. Wichtig ist tatsächlich gerade die vermeidung von Negativ formulierten Zielen (Umdeutung von Erfolg impliziert das Ziel, nicht mehr erfolgsorientiert zu denken. Die Erkenntnis, dass ich durch die Erfolgsorientierung meinen Körper schinde kann zur Zielsetzung führen, auf mich aufzupassen und mehr auf Signale meines Körpers zu hören, wodurch der Fokus automatisch umschwenkt. Eine Umdeutung findet aber nicht statt).


    Eine neue Konzeption von Männlichkeit wäre also gesellschaftlich wie individuell definitiv vorteilhaft und würde zu einem stabileren Selbstbild und einer gleichberechtigteren und gewaltfreieren Gesellschaft führen. Die tatsächliche Veränderung ist aber leider gar nicht Mal so leicht, da im Grunde jede angenommene Selbstverständlichkeit der eigenen Lebensführung im Grunde potentiell hinterfragt werden kann, bzw. sollte.

  • Meiner Meinung nach ist der gesamte Emanzipationsbegriff nicht mehr zeitgemäß bzw sollte nur sehr beschränkt verwendet werden. Egalisierung wäre angebrachter, da mit Emanzipation immer eine Fokussierung auf eine Gruppe einhergeht. Vielmehr sollte man jeden Menschen (im Rahmen der Gesetze natürlich) gleich behandeln, anstatt zu sagen, wir müssen Frauen besser behandeln, brauchen weniger Rassismus. Die direkte Umsetzung der Gleichheit aller Menschen wäre meiner Meinung nach sinnvoller als diese isolierten und isolierenden Emanzipationsbegriffe.

  • Ich denke es kommt da sehr stark auf den Betrachtungswinkel an. In diesem Fall würde ich sogar weg vom Verhältnis Frau-Mann (also auch vom Emanzipationsbegriff) gehen und nur den Mann allein betrachten, da der Ursprung der Frage ja eigentlich nicht an dieses Verhältnis gekoppelt wurde, sondern bei der männlichen Empathie.


    Mit Blick auf die Geschlechterverhältnisse wäre der Emazipationsbegriff inhaltlich ja durchaus noch zutreffend, aber ich denke auch, dass er im öffentlichen Diskurs anders (/negativ) belegt ist.

    Die direkte Umsetzung der Gleichheit aller Menschen wäre meiner Meinung nach sinnvoller als diese isolierten und isolierenden Emanzipationsbegriffe.

    Wie würde das konkret im Alltag aussehen (also, beispielhaft)

  • Das Problem ist, dass zum Beispiel beim Thema Antisemitismus viele Personen, die sich selbst als jüdisch definieren, direkt darauf angesprochen werden, bei Flüchtlingen und Muslimen ist es ähnlich, es geht weniger um das große gesellschaftliche, mehr um das individuelle Verhalten, anstatt zu versuchen überfürsorglich zu sein, sollte man jeden, egal ob Muslim oder Homosexueller oder angehöriger jeder anderen Minderheit, man sollte jede Person mit dem gleichen hohen Respekt behandeln und Fürsorge und Mitleid nur da anbringen, wo es benötigt wird. Einem Freund von mir, dessen Eltern Juden sind, geht das so, er wird sofort auf seine Meinung zum Islam und Hitler angesprochen, obwohl er zum Islam so steht wie jeder, der Religionsfreiheit hochhält, und Hitler als einen (abscheulichen) Teil der Geschichte betrachtet.

    Um mal die Toiletten-Kontroverse kurz anzusprechen: würde man genau EINE Form der Toilette anbieten (einfach Sitzklos) würden alle gleich behandelt werden, es gäbe keine Probleme mit TQ+. Ich denke das wäre eine ziemlich elegante Lösung, gegen die (meiner Erfahrung nach) von den radikalen FeministINNEN am stärksten demonstriert wird.

    Sorry übrigens, ich habe die Frage etwas weit interpretiert, aber dass Frauen und Männer genau gleich behandelt werden sollen. Der Emanzipationsbegriff setzt immer ein Dativobjekt und damit eine Abhängigkeit vorraus, die dann aufgebrochen wird. Das führt dann zu einer ungerechtfertigten Abgrenzung, anstatt zu Arbeit an einem friedlichen und harmonischen Zusammenleben. Das mit den Toiletten wäre so ein Vorschlag für die Realität.

  • Ich stimme dir da voll und ganz zu und denke, dass das durchaus auch das langfristige Ziel diverser Gleichstellungsdiskurse ist. Die Problematik liegt wohl darin, sexistische, rassistische Verhaltensweisen als solche zu erkennen/zu verstehen, um sie dann vermeiden zu können. Positiver Rassismus z.B. wird ja durchaus positiv gemeint gefolgt von einem Unverständnis, was daran falsch sein soll. Die Aufklärung über existierende Benachteiligung (individuell wie strukturell) ist also nötig. Zudem gibt es einen individuellen Bedarf verschiedener Menschengruppen, der über eine entsprechende Gleichschaltung ignoriert werden würde und dadurch wieder zur ungleichen Behandlung führen würde. In der Geschlechterforschung laufen die Diskurse der Differenz und der Gleichheit daher auch parallel. Unterschiede sollen gleichberechtigt und gleichwertig neben-/miteinander existieren können. Ich verstehe dich aber auch so, dass sich deine Meinung damit decken würde (?)


    Bei der Toilettendiskussion werfe ich nich ein, dass diese meines Wissens nach auch als Schutzräume gelten. Gemeinschaftstoiletten würden bspw. alle gleich behandeln, aber eben diese sozialen Schutzräume nicht mehr gewährleisten.


    Zwwischenfrage: schweifen wir ins OT ab?

  • Unter anderem auch einfach, weil diese Ideale zum großen Teil eben nicht bewusst weitergegeben werden, sondern unbewusst und nebenbei. Als klares statement gegen diese traditionellen Werte mit Blick auf die psychosoziale Gesundheit des Jungen finde ich den Hinweis aber begrüßenswert, da das Thema so um eine fachliche Dimension erweitert wird.

    Wäre dann nicht die Hoffnung zu argumentieren, dass wir trotz unbewusster Weitergabe im späterem Alter immrer noch in der Lage sind, unsere Erziehung und Sozialisation zu hinterfragen, bzw. deren Definitionen wie Männlichkeit, Erfolg, etc. pp. zu erweitern? Zugegeben ein aroganter Ansatz, weil er von einem gebildetem Menschen ausgeht, der irrgendwann gelernt hat sich seiner selbst und seiner Sozialisierung bewusst zu werden.


    Eine neue Konzeption von Männlichkeit wäre also gesellschaftlich wie individuell definitiv vorteilhaft und würde zu einem stabileren Selbstbild und einer gleichberechtigteren und gewaltfreieren Gesellschaft führen. Die tatsächliche Veränderung ist aber leider gar nicht Mal so leicht, da im Grunde jede angenommene Selbstverständlichkeit der eigenen Lebensführung im Grunde potentiell hinterfragt werden kann, bzw. sollte.


    Das kennen wir ja bereits aus der Geschichte. Es wäre aber insofern besonders schwierig, bzw. besonders lohnenswert weil wir damit das Problem bei seiner Wurzel anpacken könnten. Denn die Veränderung passiert dann nicht mehr bei der unterdrückten Gesellschaftsgruppe, sondern bei den "Unterdrückern" selbst.

    "Man ist nie so lächerlich durch Eigenschaften, die man besitzt, als durch jene die man zu haben vorgibt."


    Jolan tru,

    Chris :whistling:

  • Wäre dann nicht die Hoffnung zu argumentieren, dass wir trotz unbewusster Weitergabe im späterem Alter immrer noch in der Lage sind, unsere Erziehung und Sozialisation zu hinterfragen, bzw. deren Definitionen wie Männlichkeit, Erfolg, etc. pp. zu erweitern?

    Na klar ist das theoretisch auch später noch möglich, aber es wird zugegebener Maßen immer aufwändiger, weil sich deine bisherige Lebensweise natürlich bisher "bestätigt" und damit gefestigt hat. Die Wahrscheinlichkeit würde demnach also mit zunehmendem Alter sinken während die Möglichkeit grundsätzlich bestehen bleibt.

    Es wäre aber insofern besonders schwierig, bzw. besonders lohnenswert weil wir damit das Problem bei seiner Wurzel anpacken könnten.

    Das kommt natürlich ganz auf den Blickwinkel an. Was ist denn "das Problem"? Wenn es die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wäre, spielen dann nicht auch Frauen einen Part? Frauen und Männer übernehmen beide Ihren Part, was das Problem eigentlich auf unsere Gesellschaftliche Struktur überträgt. Ich denke, dass Männer die Ursache dieser Verhältnisse sind, aber ebenso, dass wir uns alle verändern müssen, um die Verhältnisse zu verändern. Männer tun sich nur schwerer, weil sie einen Verlust in Kauf nehmen müssten.

  • Was, wenn mit Stärke die emotionale Stabilität, Konsequenz und Weisheit gemeint ist?

    Das wünscht sich doch jeder.

    Man, zu was wäre ich Mensch im Stande, hätte ich die emotionale Stabilität mich von Sackgassen und Missgunst nicht entrüsten zu lassen!

    Wie weit würde ich es bringen, wenn ich eisern an meinem unbedingten Willen fest halte, meinen Traum zu verwirklichen!

    Es triggert meinen Idealismus hart, hätte ich die Weisheit meinen Pfad in geschickten Worten zu erklären, so dass andere Menschen meinem Erfolg folgen könnten!

    Genau diese vermeintlich traditionellen männlichen Ideale, funktionieren für Männer wie auch für Frauen.


    In einer Zeit des "tl;dr" ist der Begriff "Stärke" ein Synonym für komplizierte Gedanken, hinter denen sich Welten verstecken.

    Ist doch klar, dass die meisten Menschen beim Gedanken an männliche Stärke einen Gang in die Muckibude verstehen.


    Selbsthass führt zu eingeschränkter Empathie. Das klingt erstmal plausibel. Ich würde das gerne erweitern. Selbsthass scheint mir ein Filter, der viele andere Einflüsse als Irrelevant erkennt und nicht in den Fokus lässt.

    Diese Männer sind sehr wohl zu Empathie in der Lage. Sie sehen nur einige Dinge in besonders starkem Kontrast. Missgunst, Abneigung, Zweifel usw. darauf ist der Verstand eines sensiblen Mannes trainiert.

    Es nutzt nichts, dem Mann zu erklären, dass die Welt nicht so schwarz-weiß ist. Es braucht eine ebenbürtige Energie, die ihn dazu brachte, seinen Verstand auf diese Reize über die Jahre zu sensibilisieren.


    Frauen werden unfassbar dumm angemacht, weil :

    1. Männern nicht beigebracht wird, wie es richtig geht

    2. Männer keine Vorbilder haben

    3. Schubladendenken böse ist

    4. Teile des Mannes böse sind


    Jungs lernen den Umgang mit Mädchen in der Schule, leider aller höchst selten vom Vater.

    Ein jugendlicher Junge hat keinen blassen Dunst, wie er seine Freundin bekommen hat. Aber das hindert ihn nicht daran eine Persona aus zu strahlen, die ihn als natürlichen Gewinnertypen darstellt.

    Mangels echter Vorbilder, richtiger Mentoren, nach denen Jungs sich richten wollen, bleibt Jungs nichts anderes übrig, als das Rad stets von neuem zu erfinden. Also ziehen sie los und probieren Unsinn aus, den sie sich als wirksam abgeguckt oder erzählen lassen haben. Anmachsprüche ganz vorne mit dabei.

    Oder James Bond als Vorbild, der stets absolute cooles ausstrahlt. Das doofe ist nur, dass ich James Bond nichts fragen kann.

    Irgend eine Flachzange muss vor vielen Jahren einmal auf die dumme Idee gekommen sein, dass Schubladendenken etwas ganz schlimmes ist. Individualität ist Mode und alles andere beleidigt meine Person, so wird es daher empfunden. Das führt natürlich auch dazu, dass männliche Vorbilder und Mentoren kategorisch abgelehnt werden. Ich bin schließlich einzigartig. Ich brauche natürlich einen ganz eigenen Funken, um mein eigenes Feuer zu entfachen.

    Und daraus ergeben sich auch die brutal schlimmsten Tipps, die man einem Mann geben kann. Wie zum Beispiel "Du musst ganz einfach nur du selbst sein“.

    Teil eines Mannes ist aber auch die Aggressivität. Aber nichts könnte schlimmer und verwerflicher als Aggressivität scheinen. Denn daraus ergeben sich schließlich Kriege. Das mag schon sein, allerdings kann Feuer auch böse schmerzhafte Brandblasen bringen, oder ein unverzichtbarer Schritt in der Evolution der gesamten Menschheit sein.


    Männer brauchen Vorbilder. Andernfalls rennen Männer daher und versuchen Frauen mit unfassbar dummer Art für sich zu gewinnen. Schafft Mann es damit einfach nicht, muss Mann eben noch direkter werden und immer weiter eskalieren. Die anderen Jungs machen es ja auch so. Und genau da sind dann doch wieder die Vorbilder. Nur leider sehr Schlechte.


    Das schonungslose Hinterfragen des männlichen Selbst und Fremdbildes, adressiert wieder die gleiche Problematik. Es ist als müsse sich jeder Mann auf den Prüfstand stellen, und sich erstmal erklären.

    Ich propagiere, dass nahezu jeder Mann gut ist. Allerdings propagiere ich auch, dass jeder Mann ein Potenzial in sich hält, das ihn in die Lage versetzen kann, Berge zu versetzen.

    Mir widerstrebt es mein altes Ich auf den Prüfstand zu stellen, wenn alles in mir mich voran drängt.

    Sie schonungslose Frage darüber, ob meine Aggression, meine Scheuklappen, meine Passion, meine Sexualität überhaupt zeitgemäß und gesellschaftlich adäquat sind, hängen mir wie ein Anker um den Hals, der mich keinen Schritt voran kommen lässt.


    Die American Psychological Association hat trotzdem sehr recht mit seinem Statement der toxischen Männlichkeit, WENN damit gemeint ist, dass Mann seine "Stärke" glorifiziert, WÄHREND er gleichzeitig die Frauen abwertet.

    Genau hier braucht es starke männliche Vorbilder. Denn Männer und Frauen brauchen einander. Niemand ist Mittel zum Zweck des Anderen.

    Wir alle Menschen sehen Erfolg, erkennen Erfolg, lieben Erfolg, wünschen uns Erfolg. In unseren Aktivitäten, im Beruf und auch bei unseren geliebten Frauen. Ohne ein Vorbild, der Jungs zeigt, wie echte männliche Stärke aussehen kann, werden Substitute in Form von z.B. Rap-Videos erschaffen.


    So viel zu den Männern.

    Komme ich zu dem "What-about-ism“. Frauen haben auch ein dickes Brett für sich zu sägen. Allerdings auf ganz anderem Niveau. Sehr viele weibliche Probleme entstehen als Reaktion aus oben beschriebenen männlichen Problemen. Längst nicht alle!

    Aber wie viel einfacher wäre es für jede Frau, wenn wir Männer uns selbst in den Griff bekommen hätten und unsere Frauen nicht als Mittel zum Zweck, Lustobjekt oder lästige Last wahr nähmen?


    Die Rollenbilder durchbrechen wir nicht hier im Forum, in dem wir Gedanken darüber austauschen und uns dafür auf die Schultern klopfen, dass an etablierten Machtstrukturen gerüttelt wird.

    Die Rollenbilder durchbrechen wir, indem wir Zeit in die soziale Ausbildung eines jeden Menschen stecken. In den Schulen, wäre das möglich. Alle Lehrer durch Pädagogen ersetzen. Viel mehr soziale Perspektiven in den Schulen etablieren. Feuerwehrmänner, Soldaten, Banker, MMA Kämpfer, Altenpfleger, Kosmetiker, und viele andere in die Schulen zum Dialog kommen lassen. Am besten täglich. Gemeinschaftliche Lern-Projekte für jugendliche, statt Frontalunterricht.

    Wir haben nur die Schulzeit, in der Kinder und Jugendliche in irgend einer Weise für das Leben vorbereitet werden können. 
Jungs, die auf dem Schulhof "iiih Schwul" schreien, rufen damit ein Bedürfnis nach Aufarbeitung eines Weltbildes aus. Ein Pädagoge, der das erkennt, es schafft einen schwulen Kampfsportler in die Schule kommen zu lassen, der die Schüler in und durch ein Lernprojekt führt, der wäre Gold wert.

    Also das wäre mal Emanzipation … hässliches Wort, Humanismus auf ganz neuem Niveau.