Bedingungesloses Grundeinkommen und Digitalisierung und Automatisierung, vielleicht doch keine so gute Lösung

  • Jüngst im Podcast "Soziopod Live & Analog #011: Digitalisierung! Die soziale Frage? Im Wühlmäuse Theater in Berlin" wurde noch einmal eine kleine Diskussion um das Bedingungslosen Grundeinkommen angerissen.

    Es ist schon einige Zeit her, seit dem ich das erste mal von der Idee des BGE hörte.

    Anfangs war ich davon angetan, mittlerweile bin ich davon nicht mehr so recht überzeugt.


    Meine Kritik daran ist einfach. Geld kann einem genommen werden.

    Warum auch sollte ein Arbeitgeber 3.000€ im Monat zahlen? Er kann auch auf das BGE verweisen, und sich 1.000€ einsparen.

    Warum nicht die Mietkosten erhöhen, da doch jeder 1.000€ hat? Die Mieter können ja auch kellnern gehen und so die Differenz ausgleichen.

    Lebensmittelpreise könnten ja auch ruhig steigen. Wir in Deutschland bezahlen sowieso schon vergleichsweise wenig für Lebensmittel.

    Krankenversicherungen bieten nur noch das absolute Minimum an, gerade weil die Menschen mit BGE jeden Cent zweimal umdrehen müssen. Vielleicht gibt es auch keine Pflichtversicherung mehr, wenn das Geld dafür absolut nicht reicht.

    Strom, Gas, Wasser, das ist alles nicht mehr in staatlichen Händen, sondern privatisiert. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dort die Kosten auch steigen.


    Die Gier nach seinem Stück vom Kuchen, zieht sich wie ein roter Faden durch alle Bereiche der durch Digitalisierung anonymisierten Gesellschaft.

    Wäre es denn nicht möglich, dass das BGE am Ende dazu führt, dass alle Kosten steigen und das Existenzminimum von 1.000€ um einige hundert Euro mehr steigt?

    Klingt für mich wie eine Inflation mit ein wenig mehr bürokratischem Aufwand.


    Ist ja nicht gerade so, dass man am Existenzminimum "ganz einfach" noch etwas sparen kann. Denn wo, wenn nicht am Wohnraum, Strom, Lebensmittel oder Krankenversicherung?


    Anders könnte das BGE wiederum für Familien mit 2 Verdienern aussehen. Ein Kind, 2 Elternteile, 2 Einkommen und 3k€ BEG. Das sieht ja schon einmal gar nicht so übel aus.

    Aber das ist ja auch der Knackpunkt.

    Die Versuche in vielen verschiedenen Ländern gehen nicht davon aus, dass die Personen im BGE nicht länger arbeiten. Und es war auch nicht flächendeckend, sondern auf wenige tausend Menschen beschränkt. Mal eben alle Mieten erhöhen, geht in einem so kleinen Maßstab nicht.


    Das BGE wird aber als die Lösung im Problem der Automatisierung und Digitalisierung betrachtet.

    Das Existenzminimum als Lösung für eine Zukunft ohne Arbeit ist eine furchtbare Idee!



    Andere sagen, dass das BGE eben dann doch Bedingungen braucht. Dann sind wir aber nicht mehr im "Bedingungslosen" Grundeinkommen.

    Dann setzen wir die ersten Bedingungen, um die Sache fair zu gestalten. Ab dann findet man sich sehr schnell in einer Situation wieder, in der ein dickes Regelwerk erarbeitet wird, ab wann man ein Grundeinkommen in Anspruch nehmen darf, und ab wann es endet.

    Das ist wie ein Neustart des Sozialwesens bis hin zu Agenda 2010 und Harz IV.



    Noch eine Idee geht in die Richtung Bedingungslose Grundversorgung statt Einkommen.


    Kein Geld, sondern Güter. Denn die können weder von Vermieter noch Arbeitgeber weggenommen werden.

    Eine Wohnung für alle, Essen für alle, Strom, Gas, Wasser, Versicherungen, Bildung und Kleidung für alle, und zwar vom Staat.


    Das ist aber auch viel ein dickeres Brett. Das muss ja auch finanziert werden. Selbst wenn die erste Finanzierung als Anschwung gelingt, wird es spätestens dann zu einem Problem, wenn es keine oder viel zu wenig Arbeitsplätze mehr gibt, oder der Staat die von der Industrie hergestellten Produkte nicht mehr umverteilen kann.

    Selbst wenn eine Verteilung der industriellen Produkte möglich wäre, würde die Qualität der Erzeugnisse signifikant fallen. Warum sollte man auch auf Qualität produzieren, wenn es eh vom Staat genommen wird?


    Es werden ja nicht sofort alle aufhören zu arbeiten, sagen auch viele.

    Das stimmt auch. Nur so nach und nach bei den Arbeitsplätzen im Tanzportsektor, Anwälte, Lehrer, Kassierer, Postboten, Reinigungspersonal, Fließbandarbeit, Kellner, und so weiter und so weiter.


    Die werden auch nicht einfach so mal eben einen neuen Beruf anfangen. Man wird nicht einfach mal eben Informatiker, wenn man Jurist gelernt hat. Oder Gartendesigner, wenn man auf Lehramt studierte.

    Ist denn wirklich die Annahme, jeder ohne Job und mit BGE wird zu Hause in Heimarbeit Produkte herstellen, die er gegen Geld verkaufen kann?

    Das wäre wie die Zeit damals, vor 200 Jahren, als Menschen lebten um zu arbeiten.

    Selbst dann wird das Spiel absurd. Heimarbeit ersetzt die industriell hergestellten Produkte. Darauf müssen die von Hand gefertigten Produkte teurer werden. Also geht man in Großproduktion, automatisiert mit der Zeit immer mehr um Arbeitskräfte ein zu sparen, um em Ende Menschen wieder zu Hause sitzen zu haben, die in Heimarbeit Produkte herstellen.


    Ab da fragen wir uns wieder, was es braucht, um Menschen von der Notwendigkeit eines Job unabhängiger zu gestalten. Vielleicht eine Steigerung des BGE von 1.000€ auf 2.000€? Dann geht die Schleife wieder von Vorne los.



    Wie ich es auch drehe, am Ende ist derjenige mit einem Job ein König.


    Ich glaube zu alle dem gibt es eine echte Lösung. Entschleunigung, Stillstand des Wachstum.

    Ich glaube ein Sprecher des o.g. Live Podcast erzählte davon, wie seine Cola-Produktion einfach nicht weiter wachsen sollte. Warum auch?

    Wenn DAS zu dem Standard werden könnte, hätten wir zumindest etwas mehr Zeit, um eine dauerhafte Lösung zu erarbeiten.


    Also frage ich mich (und damit auch euch liebe Leser) in Konsequenz, ist es zu schaffen ein Selbstverständnis zum Wachstumgsstop in den Köpfen aller zu etablieren?


    Ich hoffe ich habe unrecht. Ich hätte in der Sache sehr gerne unrecht. Es wäre schön, wenn meine Sorge um eine Inflation durch ein BGE unbegründet ist.

  • Woher kommt den dieser Wachstumsgedanke, seit wann ist es ökonomische Pflicht NR.1 um jeden Preis zu wachsen wie eine Krebszelle? Die Neoliberalen Wirschaftstheorien basieren sehr auf diesem Gedanken.


    Jedoch kann ich mir kaum vorstellen das Ihre Erdenker und Erfinder sich im Angesicht des heutigen Raubtierkaptialismus eine derart extreme Form vorgestellt haben, in der Gewinne immer Privatisiert werden und Risiken verallgemeinert. Bsp. Atomenergie

    "Glaubst du nicht, daß du dadurch, daß du dich diesem System verweigerst, letztlich auch das System veränderst, indem du es untergräbst?" - Hans A. Pestalozzi

  • Deine Frage trifft den Nagel gut auf den Kopf.

    Ich kann mir auch nicht erklären, wo der Wachstumsgedanke herkommt. Ich weiß lediglich, dass er existiert, ohne ihn selbst empfunden zu haben.

    Oder habe ich doch?

    Ich baue mir eine Wohnung auf. Ich habe ein recht schickes Auto. Meine Kleidung ist auch auf einander abgestimmt. Ich kaufe möglichst wenig in Plastik verpackte Lebensmittel. Ich supplementiere meinen Fleischverzicht.

    Das alles, weil ich das Geld dafür übrig habe. Hätte ich noch mehr Geld, würde ich vermutlich in meiner Selbstoptimierung noch höher hinaus.

    Vielleicht bin ich schon längst über das Ziel hinaus geschossen. Immerhin gab es die gesamte Geschichte der Menschheit nie eine Zeit wie dieser, in der ich einfach so mal eben Urlaub nehme, und mir eine Woche Amsterdam gönne, nur um Kunst zu sehen.

    Was würde ich mir noch alles gönnen, hätte ich noch mehr Geld?

    Wäre das vielleicht ein Gedanke, der Unternehmer antreibt, stets weiter zu wachsen?

    Andere Theorien besagen, es habe mit Macht zu tun. Je mehr Geld ein Mensch hat, desto mächtiger ist er auch. Ist der Glaube noch immer up to date, das Streben nach Macht sei dem Geltungsdrang nach zu kommen, der den stärksten Trieb des Menschen definiert?


    Aufbauend auf dieser Annahme, würde ich sagen, dass die Maxime des Wachstumgsgedanken als ökonomische Pflicht Nr. 1 schon seit Beginn der Menschheit existiert.


    Ich glaube auch nicht, dass die neoliberalen Wirtschaftstheoretiker sich ein Maß wie das Heutige ausgemalt hatten.

    Vielleicht hatten sie auch nie im Sinne, sich eine derartige Konsequenz aus zu malen. Hatten sie überhaupt einen Blick in die potentiellen Konsequenzen geworfen?


    (Am Rande; ich habe kein Problem mit Atomenergie, ich habe bloß ein Problem mit der Endlagerung)