Soziopod #054: Erich Fromm - Haben oder Sein?!

  • Ihr Lieben,


    meine Frage betrifft obigen Soziopod. Es wurde dort sinngemäß gesagt, dass wir als Gesellschaft in die riesige Falle des Industriezeitalters getappt sind und dass das "Problem" mit dem Kapitalismus mit der industriellen Revolution seinen Anfang nahm. Gegen Ende dieses Soziopods, auch geschuldet durch die Thesen Adornos, ließen sich keine wohlwollende Ansatzpunkte finden, um als Mensch bzw. Gesellschaft, mehr in die "Seins-Logik" zu gelangen und weniger die "Habens-Logik" zu bedienen. Ich dachte darüber noch einige Zeit nach, und kam zu dem Schluss, dass die Gründe, warum uns der Kapitalismus so stark gepackt hat und permanent packt, tiefer zu suchen sein müssen...


    Einige Monate nach Geburt eines Babys, sagt das Geschöpf "HABEN" und wo man auch hinsieht - ob Kita, Schule, Freundeskreis, Arbeit, etc. - nahezu alles wird "VERNUTZT". Kaum noch etwas geschieht um der reinen Freude und des reinen Seins wegen, ohne Zweck und ohne Ziel. Also frage ich Euch im Forum, gibt es einen Theoretiker, eine Theoretikerin, die sich dabei den Trieben, den biologischen Unabdingbarkeiten, der Seele des Menschen zuwendet und darin mögliche Antworten auf den Zwang zum Konsum findet? Also gewissermaßen einen biologischen Effekt ausmacht...


    Ist Euch da draußen irgendetwas bekannt? Das würde mich brennend interessieren. Denn allein die industrielle Revolution als Begründung zu liefern, erklärt für mich in keinster Weise die Heftigkeit, Zwänge und die Macht des Kapitalismus, und die permanente Reproduktion desselben. Denn obschon es vielen Menschen rein kognitiv schon lange klar und bewusst ist, dass Geld und Konsum allein nicht glücklich macht, läuft das Hamsterrad trotzdem unablässig weiter - in jedem System und jeder Zelle. Warum ist das HABEN wollen so stark? Warum bietet das SEIN nicht genügend (An)Reize, ihm zu folgen?


    Ich freue mich sehr auf alle Antworten, kann es kaum erwarten...


    Liebe Grüße, Ruth

  • Hallo Ruth,
    es scheint wirklich verzwickt mit dem Haben oder Sein. Aber ich denke, dass das Haben zutiefst menschlich ist. Gerade ist es wirklich kalt und regnerisch draußen und ich bin sehr dankbar für meine trockene und warme Wohnung. Darin kann ich "sein".
    Ich denke, dass der Kapitalismus dem Menschen seit dem Ackerbau schon sehr entspricht. Mehren dessen, was wir haben (Getreide, Saat) und auch planen für schlechtere Zeiten und schützen, wobei nicht in Stein gemeißelt ist, vor wem oder was geschützt werden muss. Und klar ist das Habende bedroht, denn es ist relativ leicht abzuhmen, vorallem wenn man im Sein ist.
    Was m.E. den Kapitalismus vergiftet, ist das zinshafte Geld (obwohl dieses Geld richtig große und weltumspannende Projekte erst möglich machte) und das Besitzen von Land (man könnte es stattdessen von der Gemeinschaft pachten).
    Ich halte auch unser westliches Denken mit Fokus auf Mangel und Fehler abträglich für das Sein, sodass das Haben leichtes Spiel hat. Das Sein lässt sich nicht kaufen, man muss es immer wieder aufs Neue "herstellen" oder "zulassen".
    Wenn eine Gesellschaft sich darauf einigt (egal, ob bewusst oder verführt), dass sie alles über Haben bewerkstelligen will, ist es verdammt schwer das Sein daneben aufrecht zu erhalten. Das Sein sieht von außen immer reizvoll aus; wenn jemand ganz vertieft in etwas ist, hat das eine große Attraktivität. Oft hat es auch etwas Heiliges. Das Haben macht ihm oft ein respektloses Angebot.
    Ich bin mal gespannt, ob noch andere Theoretiker vorgeschlagen werden, aber ich halte die Mystiker für die überzeugensten Theoretiker des Seins.
    Und dieses Buch schafft es sogar, ohne religiösen Überbau nahe zu bringen.
    https://www.herder.de/leben-sh…rte-ausgabe/c-28/p-12388/
    Herzlichen Gruß
    Monika

  • Liebe Monika,


    vielen Dank für deine Gedanken dazu. Die Mystiker werde ich mir mal näher ansehen. Ich stimme dir zu, das Haben ist zutiefst menschlich und das Sein ist flüchtig, nicht absichtlich herstell- und erzwingbar - es stellt sich von selbst ein, sofern gewisse Bedingungen gegeben sind.

    Es scheint mir allerdings innerhalb von Gesellschaften (im kapitalistischen System) notwendig, dem Sein trotzdem einen Wert, eine Kenngröße zuzuschreiben, womit man (unglücklicherweise) das Sein in die Logik des Habens zwingt. Doch ohne dies, bleibt das Sein "wertlos" und alles nicht meßbare (z.B. Care-Arbeit) wird nicht entsprechend honoriert und damit nicht entsprechend wertgeschätzt.



    Liebe Grüße

    Ruth

  • Liebe Ruth,
    Danke für Deine Antwort.
    Ich denke, dass wir mit dem Neoliberalismus das Habenendgültig und einseitig überstrapaziert haben. Systemisch ahnen wir, dass wir das Sein wieder bewusster einbeziehen müssen. Aber vielleicht fehlen uns auch nur die Worte, um es in den Diskussionen so einzubringen, dass man nicht mit so Begriffen wie "Gutmensch", "das Leben ist keine Ponyhof" etc. abqualifiziert wird.
    Kann man das "Sein" überhaupt so mit Fakten (also Zahlen und Objektivität) untermauern wie das "Haben"?
    Oder brauchen wir einfach neue Sensoren oder Indikatoren fürs Umsteuern?
    Am gesunden Menschenverstand kann's ja nicht liegen, denn jeder ist übezeugt, dass er davon mehr als genug hat.
    (Sorry, für meinen leichten Hang um Zynismus)
    Herzlichen Gruß
    Monika

    P.S. Nächste Woche besuche ich ein Seminar mit neuen Ansätzen zum Komplexitätsmanagement. Ich erhoffe mir da ein paar hilfreiche Impulse

  • Hallo zusammen,


    meine Perspektive ist eine andere. Aus meiner Sicht ist das Sein überhaupt nicht flüchtig, da das Sein die Voraussetzung ist, um überhaupt in einen Zustand des Haben eintreten zu können. Eine dualistische Perspektive ein Subjekt befände sich entweder in einem Haben- oder Seins-Zustand ist letztlich nur ein sehr vereinfachtes Modell, um auf dessen Basis eine künstlichen Trennung herbeizuführen und dann mit den gesellschaftlichen Zuständen moralisch abrechnen zu können. Dabei wird festgelegt, dass Haben "schlecht" und Sein "gut" sei.


    Wobei schon bei den Zuordnungen einiges fraglich ist. Wenn ich meiner Erwerbsarbeit nachgehe, weil ich Geld haben will, bin ich im "Haben". Wenn ich aber während meiner Arbeit in einen "Flow" komme, bin ich im "Sein"?


    Statt sich an den moralischen Maßstäben anderer auszurichten halte ich es für sinnvoll sich mit sich selbst zu beschäftigen und herauszufinden was einem Zufriedenheit und Glück gibt. Dann kann jeder für sich selbst ausprobieren ob ihm ein Leben als Workaholic oder Müßiggänger mehr Freude bereitet.


    Mit freundlichen Grüßen

    Martin

  • Liebe Monika,


    ich würde mich freuen, wenn du die möglicherweise hilfreichen Impulse hier mit uns (mit mir :-)) teilen möchtest.

    Bezogen auf den Einbezug des Seins, dachte ich daran, dass schon allein der Versuch es (in die Logik des Kapitalismus) einzubeziehen, ein grundsätzliches Problem darstellt - denn durch diesen Versuch, möchte man das SEIN ja schon wieder vernutzen, einspannen, sich zu eigen machen, objektifizieren - also genau das Gegenteil von dem wie das SEIN vom Grundsatz hier "funktioniert".


    Die Frage nach der Messung (Indikatoren) bzw. Quanitfizierung stellt sich mir extrem schwierig bis unmöglich dar. Man möchte das SEIN irgendwie begrifflich machen, in ein Konstrukt stecken? Doch wie soll das möglich sein, wo es sich doch um ein höchst subjektives Empfinden handelt?


    Trotzdem: Wie könnte es der Gesellschaft gelingen, den Wert des SEINS wieder mehr in den Fokus zu nehmen, mehr wertzuschätzen - sich dessen Qualität bewusster zu werden?


    Für mich bekämpfen sich HABEN und SEIN in gewisser Weise .... Findet sich trotzdem ein "verbindendes Element", wo man anknüpfen könnte?


    Das geht mir dazu durch den Kopf....


    Liebe Grüße und viel Freude und Resonanzerfahrung bei dem Seminar wünsche ich dir.


    Ruth

  • Hallo Martin,


    danke für Ihre Sichtweise. Da bin ich ganz Ihrer Meinung, "das Sein ist die Voraussetzung dafür, um überhaupt in einen Zustand des Habens eintreten zu können". Nur, das Sein ist im Gegensatz zum Haben nicht zu verdinglichen, daher ist es in meinen Augen "flüchtig", im Sinne von "nicht greifbar", es stellt sich mehr oder weniger von selbst ein, sofern die entsprechenden Bedingungen gegeben sind. Damit will ich sagen, das Wesen des Seins ist im Gegensatz zum Wesen des Habens zu sehen.


    Wenn ich Sie richtig verstanden habe, erkennen Sie wenig Sinn in der dualistischen Trennung dieser beiden "Zustände". Ja, jeder muss selbst seinen Maßstab errichten. Doch wie, wenn dies in einer von Kapitalismus (vor-)geprägten Welt geschieht, kann man sich als Individuum dieser Beeinflussung, diesen Kräften entziehen um dann zu einer echten Beziehung zwischen Sein und Haben zu gelangen? Dieses Haben-Weltverständnis beeinflusst uns Menschen doch entscheidend. Insofern ist es doch schier unmöglich eine wahrhaft unabhängige Entscheidung zu treffen? Man müsste aus den Systemen heraustreten, in Distanz zu ihnen gelangen, um wirklich sagen zu können, was ich SEIN will und was ich HABEN will.


    Viele Grüße, Ruth