Das Coronavirus aus systemtheoretischer Perspektive

  • Lieber Soziopod bzw. liebe Soziopod-Community,


    Können wir bitte eine systemtheoretische Perspektive auf die derzeitige Corona-Krise werfen, entweder hier im Forum oder in einer eigenen Folge? Gerne auch in Gegenüberstellung zu der Klimathematik, hier sehe ich durchaus parallele Irritationen, aber unterschiedliche Reaktionen aus den jeweiligen Systemlogiken heraus. Ich halte das für extrem interessant.


    Vielleicht formuliere ich meine ersten Gedanken einmal als Aufschlag:

    Das Corona-Virus hat durch die Schließung etlicher Einkaufsläden und Fabriken sowie dem omnipräsenten Appell auf Verzicht und Beschränkung auf die Befriedigung wesentlichster Bedürfnisse das kapitalistische Wirtschaftssystem aus Nachfrage und Angebot derart irritiert, dass es in großen Teilen zum Erliegen gekommen ist und andere Teile (z.b. Online-Handel, digitale Technologien) immens gestärkt werden. Hier vor allem auch diejenigen sozialen Berufe, die gerade nicht vollends dem Primat der Wirtschaftslogik unterworfen oder aus diesem hervorgegangen sind (v.A. der medizinische Sektor, der soziale Sektor). Interessanterweise kann es keine Lösungsstrategien aus der Wirtschaftslogik heraus geben (anders als z.b. bei Fridays for Future und der Klimathematik, wo mit Fortschritt und Konsum von vermeintlich grüneren Gütern geantwortet wurde und nicht mit Verzicht). Drittens wären global chains zu diskutieren.


    Das politische System reagiert meiner Ansicht nach dreierlei: erstens mit einer immensen Handlungsschnelligkeit und dem Außerkraftsetzen langwieriger, aber demokratischer Aushandlungsprozesse, zweitens mit autoritären Politiken (siehe die sukzessive eintretenden Ausgangssperren sowie Zwangsschließungen) (das hier übrigens nur analytisch, nicht negativ gemeint!) Und stark gemeinschaftsstiftende Narrative (sie die Ansprache Merkels) und drittens mit einer neuen Offenheit ggü dem Wissenschaftssystem. All das hätten ja auch Reaktionen auf die Klimakrise sein können. Hat ja aber nicht wirklich stattgefunden. Darüber hinaus ist es vielleicht interessant, soziale Ungleichheiten aus Sicht der Politik neu zu diskutieren, da diese u.U. in Teilen nivelliert bzw neu gedacht werden könnten. Schließlich interessiert das Virus z.b. der Aufenthaltsstatus der Menschen nicht. Prinzipiell sind alle Menschen gefährdet und Gefährder, und Solidarität ist mit allen (sich hier geographisch befindlichen) Menschen notwendig, um gegen ihn vorzugehen. Hier wäre vielleicht der geplante Rettungsschirm interessant zu betrachten. Wer profitiert davon am meisten, wer am wenigsten, wer wird nicht beachtet?


    Letztlich die Zivilgesellschaft. Hier natürlich auch wieder das Thema soziale Ungleichheit und kollektive Identitätsstiftung. Hier aber auch ganz stark das Verzichtshandeln. Die Idee, dass es auf jeden ankommt. Gewandelte Formen kollektiven Handelns und sozialer Interaktion innerhalb des Systems. Eine Infragestellung individualistischerer Identitäten (mit Bröckling: dem unternehmerischen Selbst als Subjektform) durch die Notwendigkeit von solidarischer Kollektivität. All das wäre ebenfalls eine sinnvolle Konsequenz aus den Klimaprotesten gewesen, die aber allenfalls in einigen Personen mit besonderen Kapitalformen und Dispositionen Eingang gefunden haben und auch da sicher nicht so stark wie jetzt.


    Keine Ahnung, ob das, was ich geschrieben habe, Sinn macht. Ich freue mich über Antworten (oder eine Soziopodfolge dazu, lieber Herr Breitenbach, lieber Herr Kögel? ;))


    Alles Gute in dieser Zeit!

  • Wirklich sehr spannende Gedanken. Gern geb ich meinen Senf dazu.;)


    Erst einmal zeigt sich doch deutlich, dass das politische System in den meisten Gesellschaft in der Hierarchie ganz oben steht, das heißt, den meisten Einfluss ausübt.

    In der Vor-Corona-Zeit konnte man ja meinen, dass das Primat der Wirtschaft gilt. Aber nun wird deutlich, wie sehr eine ganze Volkswirtschaft (nicht nur die Banken) von politischen Entscheidungen beeinflusst werden kann. Die Grundlogiken bzw. Codes des ökonomischen Systems (Angebot/Nachfrage, Rendite vs. Keine-Rendite) können m.E. ausschließlich durch das politische System ausser Kraft gesetzt werden. Das widerspricht ein wenig der Auffassung von Luhmann, dass ein System nur bedingt beeinflusst werden könnte, also dass ein System nach seiner je eigenen Logik Irritationen verarbeitet. Aber wie man sieht kann ein System durchaus (relative) Kontrolle auf ein anderes ausüben.


    Der These, dass der soziale Bereich aufgrund der Krise gestärkt wird, muss ich (teilweise) widersprechen. Der soziale Bereich steht enorm unter Druck (komme selbst aus dieser Richtung). Vielleicht nicht unbedingt finanziell, aber gerade im Bereich der zwischenmenschlichen Interaktion. In Brandenburg dürfen im Pflegekinderbereich die Pflegekinder für vier Wochen erst einmal ihre leiblichen Eltern nicht mehr sehen, was für alle Beteiligten sehr belastend ist. In Berlin machen Kältehilfen, Suppenküchen etc. dicht, gerade für Obdachlose eine höchst dramatische Situation. Diese Beispiele ließen sich weiter fortsetzen.


    Das politische System reagiert mit einer unglaubliich großen Schnelligkeit. Einerseits ist dies der dramatischen Lage angemessen. Andererseits besteht auch hier die Gefahr, dass die Pandemiebekämpfung das alles verschlingende Allgemeine verkörpert, das alle anderen Bereiche gesellschaftlichen Lebens dominiert. Interessante Frage: ab welchem Punkt sind die Schäden der Pandemiebekämpfung größer als das Virus selbst?

    Um es aber deutlich zu sagen, ich befürworte (zumindest momentan) die restriktiven Maßnahmen der Politik. Natürlich werden wir in unseren Freiheiten erheblich eingeschränkt. Aber das unverantwortliche Verhalten vieler Menschen (bspw. Corona-Parties) schränkt wiederum auch die Freiheit anderer Menschen ein, sprich: deren Freiheit auf ein gesundes Leben.

    Etwas pathetisch formuliert: vielleicht muss auch ein demokratisches System zeitweise die Freiheit einschränken, um die Freiheit langfristg erhalten zu können.


    Die Offenheit der Politik gegenüber dem Wissenschaftssystem ist wirklich bemerkenswert. Wobei hier speziell die medizinische Sicht auf die Corona-Problematik im Mittelpunkt steht. Ich glaub aber, dass ein multidisziplinärer Ansatz in der Politikberatung notwendig ist. Also bitte nicht nur Virologen, sondern auch Sozialwissenschaftler etc. miteinbeziehen. Gerade weil die Krise ja so gut wie alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringt.

    Ich meine mich zu entsinnen, dass selbst Prof. Drosten von der Charité in einer Talkshow meinte, dass die Politiker bei ihren Entscheidungen auch Wissenschaftler aus anderen Disziplinen anhören sollten.


    Du merkst bestimmt. In vielen Ansichten schwanke ich sehr. Es gibt immer wieder ein großes ABER.

    Gerade hier ist ein großes Maß an Ambiquitätstoleranz notwenig, also das Aushalten von Widersprüchen.

    Auf Deine anderen Ausführungen werde ich jetzt nicht eingehen können. Fehlt mir leider jetzt die Zeit zu. ;)

  • Vielen Dank für die Impulse und Gedanken.

    Ich denke wir haben es auf alle Fälle mit einer Systemübergreifenden Krise zu tun, jedenfalls wenn es um menschliche Systeme geht, wobei ja selbst die Effekte auch indirekte Auswirkungen auf andere biologische nicht-menschliche Systeme haben wird (Luftverschmutzung sinkt etc. pp.).


    Derzeit stehen gefühlt Gesundheit, Politik und Wirtschaft als jeweilige Systeme im Vordergrund. Aber wie Micha083 schon erwähnte gilt es nun sehr rasch im Krisenmanagement vernetzt zu denken, denn im Grunde sind alle Systeme betroffen. Die Ausgangssperren haben Auswirkungen auf psychische Systeme und damit wieder auf Sozialsysteme und die Sicherheitssysteme. Stichwort Zunahme von Häuslicher Gewalt. Auch das Bildungs- und Schulsystem vernimmt eine spürbare Erschütterung. Das mag am Anfang noch nicht gravierend wirken, wird aber langfristige Spuren hinterlassen.

    Das eigentlich interessante an der Krise ist, dass aus meiner Sicht die in der Systemtheorie ruhende "Black Box" zum Vorschein kommt. Viele meinen ja, Systeme lassen sich einfach und linear steuern. Gezielter Input erzeugt gezielten Output. Das ist momentan aber augenscheinlich nicht der Fall. Es wird im Nebel gestochert und per Trail & Error Verfahren auf die Krise reagiert, was absolut in Ordnung ist, weil eben nur so ein Umgang mit Black Boxen erfolgen kann. Es ist erstaunlich wie flexibel und experimentierfreudig nun manche scheinbar so starre Systeme sind. Ausgesprochen positiv sehe ich das gerade im Bildungssystem, wobei ich natürlich die kritische Zusatzbemerkung äußern muss, dass Corona die soziale Ungleichheit in unserem Bildungssystem nicht nur sichtbarer machen wird, sondern sie sogar noch verstärkt. Schulen schaffen es vielleicht noch Aufgaben in der Cloud zu vergeben, aber was eben nicht mehr geschieht (jedenfalls nicht in allen Haushalten möglich und leistbar), ist die pädagogische Begleitung von SchülerInnen. Das heißt, gut zu Hause betreute SchülerInnen, also Eltern mit Zeit und hohem Bildungsgrad und digitaler Kompetenz, werden vielleicht sogar von der Situation profitieren, während SchülerInnen ohne diesen privilegierten Background komplett runterfallen.

    Bemerkenswert ist die Krise im Bezug auf die Systemtheorie auch in Sachen "Vertrauen". Meine Vermutung ist nämlich, dass das Vertrauen derzeit in demokratischen Systemen etwas höher zu sein scheint, so dass diese durchaus auch kurzfristig mal die Autoritätsbremse ziehen können. Vertrauen ist jetzt sowieso das A&O in Systemerschütterungen. Welchen ExpertInnen vertrauen wir? Welchen PolitikerInnen? Vertrauen wir dem Handel? Den Maßnahmen? Den Medien? Den Mitmenschen?


    So oder so wird diese Krise all unsere Systeme nachhaltig neu ordnen. In welcher Richtung ist derzeit leider völlig offen. Aber es zeigt eben auch sehr deutlich, wie fragil das alles ist und wie eng verflochten und vernetzt all diese Systeme trotz ihrer jeweiligen Abgrenzung dann doch sind.


    Und was Apfeltee erwähnt hat: Wir werden unsere Prioritäten vermutlich neu setzen. Muss sich Gesundheit und Soziales sich weiterhin einer privatwirtschaftlichen Logik unterziehen und gilt jetzt nicht vielmehr der Umkehrschluss: Wirtschaft muss sich nach der Logik von Gesundheit und Soziales richten, wenn sie ein Interesse an Stabilität hat?

  • Hallo,


    ich glaube nicht, dass eine adäquate Auseinandersetzung der aktuellen Ereignisse aus systemtheoretischer Sicht möglich ist: in einem so schweren Sturm kann keine Krähe ihr Nest erreichen!
    Im Moment kann niemand die erforderliche Distanz bekommen, um einen reinen analytischen Blickwinkel einzunehmen. Ein vorschnelles Interpretieren führt nur dazu, dass man mit unausgereiften System-Begriffen die eigene Beobachtung einengt. In der aktuellen Informationsflut geht aber alles unter, was man sich nicht aktiv heraussucht. Voreilige Analyseschematas wirken hier bestimmt komplexitätsreduzierend, aber bestimmt nicht wahrheitsfördernd...


    Das einzige, was wir mit Bestimmtheit feststellen können, ist das gewaltige mediale Echo der Ereignisse und die damit verbundenen Kontroversen: wenn die Zustände in Italien wirklich so dramatisch sind, wie kommen gestandene Gesundheitsamtsärzte dann dazu das alles zum Schnupfen deklarieren zu wollen? Wenn die Ausgangssperren und Kontaktverbote das einzige Mittel sind, die Kurve zu brechen, warum ist ihr Anstieg in Schweden nicht höher als in Norwegen oder Finnland? Wenn die Politik das Heft (wieder?) in die Hand nimmt, wo ist dann die EU? Wenn unser deutsches Gesundheitswesen so gut aufgestellt ist, wo sind dann die Masken für unsere neuen Helden? Warum fürchten Politiker, die sich selbst als liberal bezeichnen, dass eine Revolution ausbricht, wenn die Deutschen ihre Spareinlagen verlieren, nicht aber bei der Freiheit?


    Dies sind nur ein paar Ungereimtheiten, die es mir unmöglich machen so etwas wie Politik als EIN System zu betrachten. Ich sehe hier viel eher den Kampf verschiedener Diskurse um die Deutungshoheit der Geschehnisse und die damit verbundenen Machtgewinn im Jahre 1 nach Corona...

  • Dass das ökonomische System die Anstöße aus dem politischen System nach ihrer eigenen Logik verarbeitet, sieht man unter anderem daran, dass Adidas Deichmann und Co. auf die Möglichkeit, Mietzahlungen an die Vermieter*innen auszusetzen, ersteinmal damit reagiert haben, dies auch machen zu wollen, obwohl die Möglichkeit natürlich für kleine Läden gedacht war, die sonst in Existenznöte geraten würden. Sie haben also erstmal so reagiert, wie sie es immer getan haben und offenbar nicht mit der Entrüstung vieler Menschen gerechnet.


    Am Ende gehen wahrscheinlich viele kleine Läden in der Nachbarschaft pleite, während große Onlinehändler wie Amazon sogar vom Virus profitieren.