Corona und Gerechtigkeit: Finest Rawls

  • Hallo,


    ich habe gerade einen schönen Beitrag von Thomas Fischer auf SPON gefunden, der die vorherrschende ökonomische Weitsicht trefflich aufs Korn nimmt: in der Ökonomie würden ständig Abwägungen getroffen, bei denen Menschenleben für den Wohlstand anderer geopfert werden. Dies werde durch Corona in mehrerer Hinsicht erschwert. „Drittens können diejenigen, die die Auswahl der Opfer treffen, zu keinem Zeitpunkt sicher sein, auf welcher Seite sie selbst stehen.


    Rawls Schleier des Nichtwissens im echten Leben. Infiziert sich jetzt die Ökonomie mit einem Sinn für Gerechtigkeit?


    Was meint ihr?


    Hier der Link: https://www.spiegel.de/panoram…AFjflf0DZCxpPYDCQgO1dEMph

  • Ökonomie ist nicht gerecht oder ungerecht, sondern es ist nicht ausschlaggebend für sie (ob z.B. ein Kind für unser Smartphone gestorben ist oder nicht). Luhmann sagt ja auch in seiner Systemtheorie, dass die Ökonomie in "Profi" und "nicht Profit" (oder sowas, aufjeden Fall nicht "gerecht" und "ungerecht") kommuniziert.


    Rein praktisch gesehen, würde ich sagen, dass die Krankheit in dem Gesellschaftsystem, das wir nun mal haben, angenehmer überstanden werden kann, wenn man Reich ist. Und wenn Reiche und Privilegierte dei Auswahl der Opfer treffen, dann stimmt dieser Punkt einfach nicht. Die Gesellschaft kann sich zwar schon spalten in "Immune" und "Nicht Immune", aber wie bei Intersektionalität, kann das eine Privileg das andere verstärken.


    Bei Rawls muss immer gesagt werden, dass in seiner oh-so-gerechten Gesellschaft dann letztendlich die selbstverschuldete Leistung zählt, die man vorzeigen kann. Also die berühmte neoliberale Kritik am Subjekt: du bist selbst schuld für deine soziale Position. (weil es wurde alles im Schleier des Nichtswissens durchdacht und deswegen sei es gerecht) Und das ist ein psychologischer Angriff auf das Stolz oder Würdeempfinden eines jeden einzelnen. Eine offen ungerechte Gesellschaft kann dagegen Sündenböcke für alles inkusive schlechten Wetters bereitstellen. Bestimmt würden die sogar gut bezahlt werden... Es ist eben ein Gedankenspiel und funktioniert ansich schon nicht, weil es macht ein riesen Unterschied, ob du dir die Mühe gemacht hast in der Südhalbkugel oder in der Nordhalbkugel geboren worden zu sein. Subjektive Erfahrungen sind nicht für alle gleich durchlebbar und Einfühlungsvermögen auch ungleich verteilt. Von daher ist der Schleier des Nichtwissens schon an sich eine unmögliche, zu vernünftige Voraussetzung.


    Aber trotzdem: Thomas Fischer ist genial. Gerade die letzten Sätze:

    "Diejenigen, die das entscheidende Risiko jeder Veränderung der Verhältnismäßigkeits-Beurteilung zu tragen haben, haben das Geld, die Macht und die Entscheidungsbefugnis. Und die "Säulen der Wirtschaft", die durch die Mühen der Kinderbetreuung und die Leere des Zu-zweit-Spazierengehens schon nach drei Wochen alle Kräfte verbraucht haben, müssen halt im Zweifel nicht nur den Laden am Laufen halten, sondern dafür auch noch Mama und Papa opfern. Und das dann die nächsten 50 Jahre extrem vernünftig finden. Das ist kein Vergnügen."

    Mahnen zum Nachdenkan an.

    2 Mal editiert, zuletzt von Soziales Brot () aus folgendem Grund: Ich lass den Absatz doch drinne, damit die Konservation ein Sinn ergibt.

  • Soziales Brot An der Stelle sei vielleicht erwähnt, dass Rawls mit dem Schleier des Nichtwissens kein Modell einer besseren Gesellschaft skizziert, sondern ein Gedankenspiel anregt, dass uns ja gerade ein Bewusstsein für die Lotterie der Natur verschaffen soll. Rawls ist daher alles andere als im neoliberalen Denken (Eigenes Verschulden etc.) einzuordnen. Da hast du ihn da wohl komplett mißverstanden. Rawls zählt zwar zu den Vertretern einer liberalen Strömung, aber eben eines egalitären Liberalismus, der im Gegensatz zum Libertarismus oder dem elitären Liberalismus steht. Rawls sah den Schlüssel von Gerechtigkeit vor allem in der Chancengleichheit, die ja eben genau durch die Lotterie der Natur nicht gegeben ist.

  • Da hast du ihn da wohl komplett mißverstanden. Rawls zählt zwar zu den Vertretern einer liberalen Strömung, aber eben eines egalitären Liberalismus, der im Gegensatz zum Libertarismus oder dem elitären Liberalismus steht. Rawls sah den Schlüssel von Gerechtigkeit vor allem in der Chancengleichheit, die ja eben genau durch die Lotterie der Natur nicht gegeben ist.

    Ich dachte, dass das, was ich angebracht habe, eine berühmte Kritik an ihm sei.Stimmt nicht. Hab mich nicht ganz geirrt, aber es fehlt eben der Leistungsbegriff und das Rawls kein Endzustand der Gesellschaft definiert, sondern eben die Chancengleichheit aus Ausgangspunkt nimmt. Dein Punkt.


    (Mit Timecode, da wird erklärt, was ich meinte. Das gesamte Interview hindurch wird immer wieder Rawls referenziert. Sehr interessant imho)