#019: Konstruktivismus: Die Wahrheit mit Halbwertszeit

  • Hallo,


    eine Frage, die mir beim Durchstöbern der Kommentar-Leiste zur Konstruktivismus-Folge (#019) auf der Soziopod-Homepage aufgekommen ist: Seitens Herrn Breitenbachs wurde erwähnt, dass „Der Steppenwolf“ konstruktivistische Anklänge liefere.

    Zitat

    "[...] Ich glaube den ersten wirklich bedeutsamen Kontakt mit dem Konstruktivismus hatte ich durch Hesses "Steppenwolf". Die Dekonstruktion und Rekonstruktion des Harry Hallers im magischen Theater. [...]" - Herr Breitenbach

    Was haltet ihr von der Idee, Haller und den Konstruktivismus zu verknüpfen? Inwiefern is diese Verknüpfung möglich?


    (Ich würde es spontan vielleicht so interpretieren, dass Haller ja im Sinne des Konstruktivismus in seine Lebenswirklichkeit blicken lässt (also primär in das Wesen seines dualistischen Charakters); wobei er meint, dass der dualistische Charakter sich dadurch kennzeichne, dass er zwei nicht miteinander vereinzubarende Lebenswirklichkeiten innehat. Mit dem Kontakt zu Hermine ergibt sich die Möglichkeit, seine bisher starre Lebenswirklichkeit zu erweitern (indem er beispielsweise der Bürgerwelt mit Hermine erkundet) - also die direkte Konfrontation mit dem, was er zuvor verabscheute. Haller, der mE versucht, dem Ideal der Unsterblichen näherzukommen, erreicht diese, wenn er den dualistischen Charakter überwindet, sodass er unendlich viele Seelenteile in sich vereinigt. Unendlichkeit bedeutet in diesem Sinne vielleicht, dass er fähig ist, unendlich viele Lebenswirklichkeiten wahrzunehmen; deswegen sind die Unsterblichen das Ideal, radikal-konstruktivistisch alle Lebenswirklichkeiten wahrnehmen zu können.)

  • Ich würde sagen man kann dies mit Harrison White und seinen 5 verschiedenen Senses of Identity gut nachvollziehen. Den Konstruktivsmus sehe ich eher darin verortet, dass die Instrumente mit denen wir die Welt beschreiben die Welt verändern und somit diese Konstrkukte nicht unabhängig von uns gedacht werden können.

  • Hallo Parasit1980,


    vielen Dank für deinen Kommentar.


    Ich habe noch nichts von Harrison White und seinen Theorien gehört; müsste ich mir mal genauer ansehen.


    Was wären dann die von dir erwähnten Instrumente beim Steppenwolf? Das magische Theater mit den verschiedenen Türen? Oder der Weg dorthin allgemein?

  • Hallo alle,

    die folgende Rückmeldung hatte ich den beiden bereits per E-Mail geschickt. Verständlicherweise können Sie nicht auf jedes Feedback antworten, deshalb stelle ich meine Gedanken zur Folge an dieser Stelle nochmal zur Diskussion:


    Hi Nils und Patrick,


    beim Konstruktivismus haltet ihr euch ziemlich lange und ausführlich mit dem Wahrheitsbegriff auf, was einerseits verständlich ist, weil es nahe liegt, andererseits aber auch schade, weil dadurch m.E. die eigentlich wichtigen Fragen in den Hintergrund rücken. Sicher mag es für den Wissenschaftsbetrieb - sowie im weiteren Sinne auch für seine Lehre - wichtig sein, über eine „harten“ Wahrheitsbegriff zu verfügen und ebenso sollten empirische Untersuchungen klaren Richtlinien der Durchführung genügen. Auf vernünftig gemessene ökologische Belastungswerte bspw. sollte man sich verlassen können. Dasselbe gilt für Urteile im Strafrecht u.ä.


    Andererseits gehört es ja gerade zur Eigenlogik des Wissenschaftsbetriebs, dass bestimmte Forschungsrichtungen/-ergebnisse erwünschter und förderungswürdiger sind als andere. Das musste auch Humberto Maturana, auf den sich das Gros der ernst zunehmenden Konstruktivisten beruft, selbst am MIT erfahren. Die operationale Geschlossenheit des Nervensystems bei gleichzeitiger Offenheit für Störungen von außen z.B. ist mittlerweile empirisch ebenso überzeugend belegt wie - entschuldigt bitte den Vergleich - der Holocaust. In diesen und ähnlichen Fällen stellt sich der Wissenschaftsbetrieb selbst als unvermögend dar, Ergebnisse entsprechend zu berücksichtigen und/oder kohärent in die allgemeine Forschung zu integrieren.


    Darüber hinaus muss man sich klarmachen, dass es – wie der von Herrn Breitenbach verehrte Heinz einmal so schön gesagt hat - entgegen der gängigen Intuition ja die soft sciences sind, die es, im Gegensatz zu den hard sciences, mit den eigentlich harten Fragen (weil: unentscheidbar) zu tun haben. Mit welchem Ethos ein Wissenschaftler seine Forschung oder ein Manager seine Geschäfte betreibt, entscheidet somit grundlegender über die Ergebnisse der Arbeit als andere Dinge.


    Vor diesem Hintergrund ist Poppers Aussage, dass solche Überlegungen „von den eigentlich wichtigen Fragen wegführen“ m.E. mit Vorsicht zu genießen. Wo in aller Welt soll denn der beobachterunabhängige Bezugspunkt sein, auf den man trotz aller Beteuerungen niemand habe „die Wahrheit in der Tasche“ stillschweigend doch nicht verzichten kann (oder will)? Ohne Beobachterunabhängigkeit aber sind Wahrheit und Objektivität nicht zu haben.


    Welche Vorteile, wird jetzt vielleicht der ein oder andere denken, hat denn eine Beschäftigung mit einer Theorie von Beobachtern, bei der sich das Gesagte nicht vom Sprecher trennen lässt, im Gegensatz zur klassisch-wissenschaftlichen Trennung von Subjekt und Objekt? Ich meine, gleich eine ganze Reihe.


    Zunächst mal wendet man sich von der Erforschung einer vermeintlichen äußeren Realität, die „ist, wie sie ist“, hin zur Beschäftigung mit der Frage, wie Wirklichkeit im Kopf des Betrachters entsteht, wie eine Gesellschaft mit verschiedenen Realitätskonstruktionen umgeht und dennoch zielführend handeln kann. Alles wird in erster Linie eine Frage der Sprache und der Kommunikation. Die tägliche Erfahrung, dass nicht alle so denken wie man selbst, erschüttert einen nicht mehr. Man kann sich, ohne ständig darüber in Streit zu geraten welches Denken das „richtige“ ist, ob die Dinge wirklich so oder anders „sind“, gemeinsam mit anderen auf den Weg der Kollaboration machen. Die ethische Einsicht, dass ich selbst verantwortlich für das bin, was ich sage, aber nicht für das, was mein Gegenüber versteht, trägt zu einer unverkrampften Haltung angesichts sozialer Konflikte und ihrer Lösung bei.


    Massenmediale Erregungsspitzen und Moralisierungswellen erzeugen Gelassenheit, da jeder zu allererst einmal über „sich selbst“ redet. In Fragen der Bildung und Erziehung wendet sich der Blick endgültig vom Lehren hin zum Lernen. In Medizin und Psychotherapie steht das Lebewesen im Mittelpunkt, welches, auch wenn seine innere Balance verloren geht und es leidet, weiterhin nach der Erhaltung seines Wohlbefindens strebt. Vor dem Hintergrund, dass es sich selbst bewahren und gleichzeitig den Veränderungen der Umwelt anpassen muss, wird das Ziel sein den Bereich, der aus dem Gleichgewicht gekommen ist, ausfindig zu machen und dem Betroffenen zu helfen, sich selbst zu heilen. Schließlich geht bei dieser Art die Welt zu betrachten noch nicht einmal die Außenwelt verloren. Der Beziehung zu ihr kann sich der Beobachter jederzeit durch seine Operationen versichern. Einzig die sinnvolle Übereinstimmung zwischen ihnen wird bestritten. Für den Beobachter gibt es schlicht kein Innen und Außen.


    Ich hoffe ich konnte ein bisschen deutlich machen, welche (praktischen) Fragen in Bezug auf den Konstruktivismus/das systemische Denken mir interessanter und auch relevanter scheinen als die von euch diskutierten. Es sind für gewöhnlich die, denen viele gerne aus dem Weg gehen durch Beharren auf den Institutionen, Menschen oder täglichen Routinen, die eben so sind, wie sie sind: Das haben wir schon immer so gemacht. Das haben wir noch nie so gemacht. Da könnte ja jeder kommen. Ihr kennt das sicher;) Lohnt sich noch eine Folge oder öffentliche Diskussionsrunde?