Soziopod: Jahresrückblick 2018

  • Sehr geehrter Herr Breitenbach, sehr geehrter Herr Köbel,


    dann stürze ich mich mal auf den Elefanten im Raum. Die Sehnsucht nach einer Alternative (oder sogar mehreren?) zum bestehenden kapitalistischen System. So verstehe ich zumindest Ihren Dialog zum Thema Kapitalismus/Sozialismus.


    Interessant hierbei finde ich vor allem die Vermischung von sehr unterschiedlichen Ebenen. Während Kapitalismus nach meinem Verständnis eher ein Wirtschaftssystem bezeichnet, ist Sozialismus kein Wirtschaftssystem, sondern umfasst Überlegungen, wie der gesellschaftliche Rahmen aussehen soll, in welchem ein Wirtschaftssystem eingebettet wird. Entsprechend wäre nach meinem Verständnis eine passendere Paarung, statt Kapitalismus/Sozialismus die Gegenüberstellung von „Demokratie mit marktwirtschaftlichem Privatkapitalismus“ und einer „sozialistischen Diktatur mit staatlicher Planwirtschaft“. Die Unterschiede zwischen den beiden Seiten diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs waren, je nach Perspektive, gar nicht so groß. Daher wird das Wirtschafssystem im Ostblock auch mitunter als Staatskapitalismus bezeichnet. Entsprechend dieser Lesart war diese Form desSozialismus keine Alternative zum Kapitalismus, sondern nur eine andere Ausformung.


    Die Beschränkungen, welche die Demokratien dem kapitalistischen Wirken im Westen auferlegt haben, waren letztlich nicht die Folge einer wirtschaftlichen Systemalternative, sondern eines Wettstreits der Ideologien, in welchem sich sowohl der Osten als auch der Westen versucht hat, als das „bessere“ System zu profilieren. Dabei wiesen diese inhaltlich nur wenige Unterschiede auf, zumindest was die Frage nach der Rechtmäßigkeit einer Bevormundung von Menschen angeht und der Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt bis hin zum Krieg. Freiheit und Selbstbestimmung waren weder im Osten noch im Westen das erklärte Ziel. Die Grenzen wo und die Mittel wie die Freiheit beschnitten wurde, waren sehr verschieden. Die Konkurrenz der Ideologien hat auf beiden Seiten dafür gesorgt, dass die Schattenseiten von Herrschaft und Kapitalismus nicht überhandgenommen haben. Nachdem der ideologisch Überbau verschwunden ist, stellt nun kein Staat mehr die kapitalistische Wachstumslogik in Frage.


    Wenn es also um die Frage nach einer Alternative geht, wäre meine Nachfrage zunächst einmal: Eine Alternative wofür? Aus meiner Sicht bezieht sich die Frage (leider) zumeist nur auf ein alternatives Wirtschaftssystem und sonst soll irgendwie alles beibehalten werden. Wobei selbst die Alternative zum Wirtschaftssystem zum Teil einigen Restriktionen unterworfen wird, z. B. die Beibehaltung von Besitz- und Eigentumsverhältnissen, Geld, Lebensweise, Zins. Also, wie alternativ darf die Alternative sein? Die Einschränkung auf realistische Konzepte ist dabei nicht hilfreich. Sowohl Kapitalismus (Adam Smith) als auch Sozialismus (Karl Marx) waren zu der Zeit, als diese formuliert wurden, utopisch und nicht realistisch.


    Ich denke, es mangelt nicht an Ideen für Alternativen, aber es mangelt den Alternativen an Anhängern. Das ist aus meiner Sicht das größere Problem. Den Vorstellungen von Adam Smith und Karl Marx sind Millionen von Menschen gefolgt und hängen diesen immer noch an.


    Im Rahmen eines Wettbewerbes einer schwedischen Stiftung habe ich 2017 meine Idee einer Alternative ausformuliert. Dabei wurden hunderte Ideen eingereicht, von denen einige auf deren Webseite nachgelesen werden können. Wer möchte, kann die Details zu meinem Vorschlag hier nachlesen.


    Ich sehe in diesem Entwurf verschiedene Überlegungen miteinander kombiniert. Ein Aspekt ist, dass wir uns von der Vorstellung eines Systems lösen und dahin gelangen, unsere Gesellschaft Richtung einer Struktur zu öffnen, in welcher Platz für verschiedene Entwürfe von gesellschaftlichem Miteinander besteht. Hierzu finde ich die Strukturontologie von Heinrich Rombach sehr interessant. Ebenso halte ich meine Utopie dafür geeignet, entsprechend Eurer Folge zu Kohlberg einen Beitrag leisten zu können, uns gesellschaftlich von Stufe 4 -Recht und Gesetz- hin zu Stufe 6 -universelle Ethik- entwickeln zu können.


    Mein Vorschlag enthält eine direkte Form der Mitbestimmung, welche keine Machtakkumulation mehr zulässt. Ganz in der Tradition von Räten oder syndikalistischen Strukturen. Hinzu kommt eine alternative Währung, welche gleichzeitig ein freiwilliges Grundeinkommen integriert. Im Kern dreht sich der Entwurf darum, die individuelle Freiheit in den Mittelpunkt zu stellen.


    Mir geht es dabei darum, dass Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung von Interessen in jeglicher Form geächtet wird. Dabei besonders auch staatliche Gewalt. Eine Auseinandersetzung oder Entscheidungsfindung, welche nicht darauf bauen kann, eine einmal erreichte Mehrheitsentscheidung in der Folge Anderen aufzwingen zu dürfen, würde meiner Ansicht nach viele Probleme unserer heutigen staatlichen Ordnung aufheben. Es erfordert eben einen anderen Umgang miteinander, wenn einseitige Interessen nicht mehr via Lobbyismus durchgesetzt werden können, sondern wenn jeder Betroffene erst persönlich überzeugt werden muss. Es bedeutet auch, jedem Menschen Vernunft zuzusprechen, wenn man ihm die Entscheidung überlässt. Etwas was in demokratischen Diskursen dem jeweiligen Gegenüber oft abgesprochen wird, nur weil dieser eine andere Meinungen vertritt.


    Natürlich ist mein Entwurf eine Utopie, was bedeutet, dass diese nicht von heute auf morgen einzuführen ist. Es ist nur ein Rahmen, in welchem viele verschiedene gesellschaftliche Formen des Zusammenlebens praktiziert werden können, unter dem einzigen Grundkonsens, dass jeder Mensch frei entscheiden darf, wie er mit anderen Menschen zusammen leben möchte und in welchem Umfang und in welcher Form er etwas zu einer Gemeinschaft beiträgt, ohne dazu mit Gewalt gezwungen zu werden.


    Ich weiß, dass bei vielen Menschen die Vorstellung existiert, dass so etwas nicht oder zumindest nicht mit Millionen von Menschen funktionieren könne, sondern nur in kleinen Gruppen von vielleicht wenigen hundert Menschen. Meine Überzeugung, dass dieses nicht so ist, sondern Freiheit und Freiwilligkeit auch mit Millionen Menschen funktioniert, ziehe ich aus der Geschichte des Anarchismus. Hierbei besonders die Erfahrung mit der Anarchie in Spanien (Lesung aus Kapitel 35 - ca. 17 Minuten).


    Es fehlt uns nicht an Alternativen. Es fehlt aus meiner Sicht an der Notwendigkeit und dem Willen, solche Alternativen zu verwirklichen. Die theoretische Einsicht, dass der aktuelle Weg keine Zukunft zu haben scheint, genügt eben nicht, um sich auf das Risiko einzulassen, etwas grundlegend zu verändern. Es gibt für die meisten Menschen einfach noch zu viel zu verlieren.


    Mit freundlichen Grüßen

    Martin Finger

  • Vielen Dank für den Jahresrückblick. Ich habe ein paar Gedanken zu dem Vergleich dass selbst bei Cookies um Einverständniss gebeten wird und ob das Einverständniss für die Verwendung der Organe expliziet gegeben werden muss.


    Bei den meisten Webseiten gibt es ja keine echte Wahl ausser die Seite eben nicht zu benutzen. Eine bessere Wahl währe wenn lediglich Funktionen die tatsächlich Cookies benötigen eingeschränkt wären.


    Warum bedarf es denn keine Zustimmung, Organe im Boden verrotten zu lassen? Ist dies die moralisch bessere Wahl weil es schon immer so war, oder gibt es eine Begründung die unabhängig von Konventionen ist?


    Für den Führerschein in Washington State musste ich mich entscheiden ob ich mit Organspende einverstanden bin oder nicht. Ich finde das ist eine sehr gute Lösung. Ich finde Deutschland könnte bei der Ausstellung des Personalausweises erfragen ob man mit Organspende einverstanden ist oder nicht.

  • Martin Finger  
    Der Elefant im Raum wird bemerkenswert oft unbehandelt zurückgelassen. Die Idee sich diesem Thema mit einer Utopie zu nähern ist denke ich sinnvoll und ein passender Rahmen um soziologisch über "System/Struktur Alternativen" zu sprechen.

    Ich lese derzeit "Envisioning Real Utopias" von Erik Olin Wright - wer sich mit Utopien beschäftigen möchte: meine Empfehlung.
    (Neben den Klassikern: "Ideologie und Utopie" [Karl Mannheim], "Utopie und Moderne" [Eickelpasch/Nassehi] )
    Um einen ersten Eindruck zu gewinnen kann ich folgenden Artikel empfehlen: "Transforming Capitalism through Real Utopias"
    In wie weit sich diese Gedanken an einer Akademie realisieren lassen: "Teaching “Real Utopias” through Experiential Learning"
    (Vielleicht ein interessantes Experiment für entspr. Lehrkörper ;-))


    Ich schreibe meine erste Hausarbeit über Utopien (1. Semester Soziologie), daher habe ich zugegeben ein gewisses Eigeninteresse dieses Thema hochzuhalten, jedenfalls würde ich mich über eine entspr. Soziopod-Folge sehr freuen.

  • Lieber Martin Finger  

    zu ihren durchaus interessanten Gedanken habe ich ein paar konkrete und zum Teil sehr pragmatische Fragen:

    1. Was macht man mit Menschen, die sich dem Gebot der Gewaltfreiheit einfach nicht anschließen wollen, sondern im Gegenteil, weiterhin Gewalt ausüben? Wie wird willkürliche Gewalt an anderen in ihrem Gesellschaftsentwurf verhindert und wie werden Menschen dauerhaft vor willkürlicher Gewalt beschützt?

    2. Wie sieht der konkrete Weg in diese Gesellschaftsform aus? Wie werden ganz aktuell bestehende und zementierte Machtakkumulationen behoben? Was macht man mit den Menschen, die diesem neuen Entwurf nicht folgen wollen?

    3. Ihr beschriebenes System geht von einem Delegiertenprinzip aus. Worin unterscheidet sich dies von der derzeitigen parlamentarischen Demokratie? Entscheidet hier nicht auch die Mehrheit?

    4. Wer formuliert, verabschiedet die einfachsten Regeln des Zusammenlebens und sorgt für deren Einhaltung?

    5. Ich möchte im Rahmen meiner individuellen Freiheit etwas tun, das aber 3-4 Menschen stört oder gar schadet. Wie wird das geregelt?

    PS: Ich bin ein Fan des demokratischen Rechtsstaates und es wird extrem schwer sein mich allein davon zu überzeugen, dass eine komplexe, pluralistische Gesellschaft (und ich Rede von der Gesellschaft 2019 und nicht einer fiktiven utopische Gesellschaft bei der alle vernünftig sind und alles passt) ohne Gewaltmonopol nicht in ein sozialdarwinistisches Horrorszenario endet.

    Sie meinten, dass diese Utopie problemlos in kleinen Gruppen funktioniert. Allein das würde ich schon stark bezweifeln (vorausgesetzt wir reden von diversen Gruppen, deren Wertvorstellungen sich unterscheiden).

    Mit freundlichen Grüßen
    Patrick Breitenbach

  • Sehr geehrter Herr Breitenbach ,


    gerne antworte ich auf Ihre Fragen. Letztlich können meine Antworten nur genauso pragmatisch ausfallen wie Ihre Fragen. Es geht mir darum einen Rahmen zu schaffen in welchem Menschen individuelle Wege des Umgangs miteinander finden, es wäre in der Hinsicht absurd, für eine Situation jetzt festzulegen, wie in dieser zu handeln ist.


    Was macht man mit Menschen, die sich dem Gebot der Gewaltfreiheit einfach nicht anschließen wollen, sondern im Gegenteil, weiterhin Gewalt ausüben?

    Es kommt darauf an. Was ist das genaue Verhalten einer Person und warum will diese gegen wen Gewalt anwenden? Letztendlich ist jede Option möglich, für welche sich der oder die von der Gewalt betroffenen Menschen entscheiden. Diese Optionen können sogar Gewalt enthalten. Nur kann der Einsatz von Gewalt auf keine legale Grundlage gestützt werden und ist eine Entscheidung des Subjektes, welches sich wiederum seinen Mitmenschen gegenüber wird verantworten müssen. Wie ein solches Verantworten wiederum aussehen wird, kann ich nicht vorwegnehmen, dafür gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten.


    Wie wird willkürliche Gewalt an anderen in ihrem Gesellschaftsentwurf verhindert und wie werden Menschen dauerhaft vor willkürlicher Gewalt beschützt?

    Willkürliche Gewalt kann ich nicht verhindern und solange Menschen auch nur minimalste Freiheit erlaubt wird, können Menschen auch Gewalt anwenden. Ich bin überzeugt, dass in einer Gesellschaft ohne strukturelle Gewalt das verbleibende Gewaltpotential gering sein wird und z. B. durch Kampfsport oder andere Betätigungen so kanalisiert werden kann, dass niemand gegen seinen Willen Gewalt ausgesetzt wird. Da willkürliche Gewalt nicht verhindert werden kann, ist die Vorstellung, man könne Menschen dauerhaft vor willkürlicher Gewalt schützen, eine Illusion. Niemals wird Gewalt dabei helfen Gewalt zu verhindern. Aus meiner Sicht sind Ohnmachtsgefühle und Hilflosigkeit Gründe, warum Menschen auf Gewalt zurückgreifen. Als Gewaltprävention sind aus meiner Sicht Konzepte wie die Gewaltfreie Kommunikation oder andere Methoden sinnvoll, um Menschen zu befähigen, ihre Ziele mit anderen Mitteln als Gewaltanwendung zu erreichen.


    Wie sieht der konkrete Weg in diese Gesellschaftsform aus? Wie werden ganz aktuell bestehende und zementierte Machtakkumulationen behoben? Was macht man mit den Menschen, die diesem neuen Entwurf nicht folgen wollen?

    Der Weg ist recht einfach. Zunächst werden die gewünschten Strukturen parallel zu allen bestehenden Strukturen aufgebaut. Während die „politische“ Eben darin besteht, sich u. a. via Internet zu organisieren und zu vernetzten, besteht die „wirtschaftliche“ Ebene darin, eine elektronische Komplementärwährung in Verbindung mit einem freiwilligen Grundeinkommen zu begründen. In dem Zuge, wie diese neuen Strukturen Menschen eine vollständige Abkehr von den bisherigen Strukturen ermöglichen, werden die bestehenden Machtzentren geschwächt. Es gibt keinen Zeitplan dafür, wie oder wann eine konkrete Institution aufgelöst würde. Es genügt erst einmal Strukturen aufzubauen, welche nach den Spielregeln von Selbstbestimmung und Freiheit funktionieren. Dadurch werden die Menschen den bestehenden Strukturen entzogen und diesen Strukturen die Machtbasis genommen. Jene Menschen, welche nicht in dieser freiheitlichen Form leben wollen, können so leben wie sie wollen, also auch in den alten Strukturen. Spannender wird die Frage, was diese Menschen mit denjenigen machen werden, die freiheitlich leben wollen und ab irgendeinem Zeitpunkt die Bevormundung durch eine Staatlichkeit nicht mehr anerkennen? Werden die Demokratiebefürworter dann den Anhängern einer herrschaftsfreien Gesellschaft ihre Regeln aufzwingen?


    Ihr beschriebenes System geht von einem Delegiertenprinzip aus. Worin unterscheidet sich dies von der derzeitigen parlamentarischen Demokratie? Entscheidet hier nicht auch die Mehrheit?

    Die Delegierten haben in meinem Entwurf nur die Funktion eines Sprechers einer Gruppe, ohne gleichzeitig Entscheidungsbefugnisse von den Mitgliedern der Gruppe zu erhalten. Es gäbe zukünftig keine Gremien mehr, welche durch Mehrheitsbeschluss irgendetwas beschließen könnten und auch keine Exekutive, welche diese Beschlüsse umsetzen könnte. Stattdessen können die Delegierten Projekte initiieren. Ein solches Projekt wird dann durch den Delegierten und ggf. weitere Personen durchgeplant und mit einer Kostenschätzung der Öffentlichkeit vorgelegt. Danach ist es den Menschen überlassen selbst zu entscheiden, ob sie bereit sind, die Aufwendungen für ein Projekt zur Verfügung zu stellen. Das funktioniert dann nach dem Crowdfundingprinzip, für das es auch heute bereits verschiedene Plattformen gibt. Der Vorteil eines solchen Vorgehens ist „positive“ Politik. Sie können niemandem etwas Wegnehmen und können auch niemanden mit Gewalt zu etwas zwingen. Sie können Projekte nicht „gegen“ Menschen durchsetzen, sondern nur mit ihnen, indem sie Wege finden, diese zu überzeugen. Manchmal mag es auch genügen, eine Gruppe zu „überreden“. Alle diese Kosten müssten aber im Projektbudget eingeplant werden, wären in dieser Form als Projektkosten öffentlich sichtbar und die Menschen müssten es freiwillig finanzieren wollen. Im Idealfall also Konsensentscheidungen unter Einbeziehung aller Interessierten und Betroffenen.


    Wer formuliert, verabschiedet die einfachsten Regeln des Zusammenlebens und sorgt für deren Einhaltung?

    Letztlich niemand oder jeder, je nach Perspektive. Für alle Formen des Zusammenlebens innerhalb der neuen Struktur gäbe es nur eine verbindende Regel: Kein Mensch darf die Freiheit eines anderen Menschen gegen dessen Willen beschränken.


    Mir ist aber nicht ganz klar, welche Regeln hier eigentlich gemeint sind? Gerade die einfachsten und grundlegendsten Formen des Umgangs des Miteinanders basieren auch heute nicht auf einem Gewaltmonopol des Staates, sondern auf gesellschaftlichen Gepflogenheiten, welche auch immer wieder einem Wandel unterliegen. Oder geht es hier darum, in welchem Umfang Institutionen wie der Ehe weiterhin durch staatliche Förderung gehuldigt werden soll?


    Ich möchte im Rahmen meiner individuellen Freiheit etwas tun, das aber 3-4 Menschen stört oder gar schadet. Wie wird das geregelt?

    Es wird so geregelt werden, wie Sie bereit sind, es zu regeln. Vermutlich wird es Empfehlungen geben, basierend auf Erfahrungen, wie das, was Sie erreichen wollen, in diesem Fall am besten erreicht werden könnte. Letztlich wird es darauf ankommen, wie Sie agieren wollen, welche Verantwortung Sie für Ihr Handeln bereit sind zu übernehmen und ob Sie einen Konsens anstreben oder bereit sind andere Menschen ohne deren Zustimmung in ihrer Freiheit zu beschränken. Jede Ihrer Handlungen wir Folgen für Sie haben, die ich nicht voraussagen kann, weil es nicht festgeschrieben sein wird, wie sich Menschen verhalten werden oder sollen. Abgesehen davon, dass jeder die Freiheit des anderen respektiert. Freiheit mag, im Vergleich zu einer staatlichen Gewalt, nach wenig Wirkmächtigkeit klingen. Meine Erfahrung ist, dass freiwillige Selbstbeschränkung aufgrund von Einsicht die besser funktionierende Grundlage für ein Miteinanders ist, als die Androhung von Strafe.


    Ich bin ein Fan des demokratischen Rechtsstaates und es wird extrem schwer sein mich allein davon zu überzeugen, dass eine komplexe, pluralistische Gesellschaft (und ich Rede von der Gesellschaft 2019 und nicht einer fiktiven utopische Gesellschaft bei der alle vernünftig sind und alles passt) ohne Gewaltmonopol nicht in ein sozialdarwinistisches Horrorszenario endet.

    Auch wenn ich Sie nicht überzeugen können sollte, so hilft es mir bereits durch den Dialog mit Ihnen, meine Vorstellungen und Argumente zu schärfen und vielleicht Menschen zu finden, welche sich mit mir schon mal auf den Weg machen wollen, um gemeinsam die Strukturen zu erschaffen, welche nach meiner utopischen Vorstellung einmal die Demokratie beerben.


    Sie meinten, dass diese Utopie problemlos in kleinen Gruppen funktioniert.

    Ich sagte, dass ich aufgrund der Erfahrungen, welche in der Zeit der Anarchie in Spanien gemacht wurden, davon überzeugt bin, dass solche Formen problemlos mit Millionen von Menschen funktionieren können. Sicher nicht von jetzt auf gleich. Es braucht Zeit, in welcher Menschen sich wieder ihrer Freiheit bewusst werden und erleben können, dass eine Gesellschaft auch ohne Staat funktioniert.


    Mit freundlichen Grüßen

    Martin Finger

  • Sehr geehrter Herr Finger,

    ich finde Ihren Gesellschaftsentwurf sehr spannend. Leider fürchte ich steht dem Menschen, bei der Entwicklung einer so rational entscheidenden Gesellschaft einfach seine Natur (Biologie, Psychologie) im Weg.

    Gegenüber der jetzigen Organisation der Menschheit ist noch viel praktisch möglich hin zu ihrer Vision.

    Mehr Empathie, mehr Eigenverantwortung, mehr Respekt, etc.


    Allerdings halte ich es für ausgeschlossen die Ganze Menschheit so zu organisieren, ohne ein Minimum an Regierung.


    Aber wenigstens ist dies eine positive Vision die dem Menschen viel zutraut, entgegen dem weitverbreitetem Pessimismus.

  • Lieber Martin Finger  

    Danke für die Antworten, an einigen Stellen würde ich das gerne noch vertiefen

    Es kommt darauf an. Was ist das genaue Verhalten einer Person und warum will diese gegen wen Gewalt anwenden? Letztendlich ist jede Option möglich, für welche sich der oder die von der Gewalt betroffenen Menschen entscheiden. Diese Optionen können sogar Gewalt enthalten. Nur kann der Einsatz von Gewalt auf keine legale Grundlage gestützt werden und ist eine Entscheidung des Subjektes, welches sich wiederum seinen Mitmenschen gegenüber wird verantworten müssen. Wie ein solches Verantworten wiederum aussehen wird, kann ich nicht vorwegnehmen, dafür gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten.

    Dann spielen wir das ganz konkret durch:

    Beispiel 1: Eine Frau wird von einem Mann tätlich angegriffen. Es handelt sich um ein gewaltsames Sexualdelikt. Was passiert nun in der neuen Gesellschaftsform ohne Einsatz von Gewalt auf "legaler Grundlage"? Wie kann ich mir fehlende "legale Grundlage" vorstellen? Gibt es keine Polizei? Keine Strafverfolgungsbehörde? Keine Strafgesetze?

    Beispiel 2: Eine Gruppe von Widerständler, akzeptieren das bestehende Rätesystem nicht. Mit Hilfe von Sachbeschädigung, aber auch tätlichen Angriffen auf Delegierte und Erpressungsversuchen, wollen sie die Revolution entfachen und den Systemsturz. Wie begegnet das Syndikat diesem Umstand?


    Ich bin überzeugt, dass in einer Gesellschaft ohne strukturelle Gewalt das verbleibende Gewaltpotential gering sein wird und z. B. durch Kampfsport oder andere Betätigungen so kanalisiert werden kann, dass niemand gegen seinen Willen Gewalt ausgesetzt wird. Da willkürliche Gewalt nicht verhindert werden kann, ist die Vorstellung, man könne Menschen dauerhaft vor willkürlicher Gewalt schützen, eine Illusion. Niemals wird Gewalt dabei helfen Gewalt zu verhindern.

    Definieren Sie "Strukturelle Gewalt". Sind bereits Gesetze und deren polizeiliche und juristische Exekutive eine Form von struktureller Gewalt (was ich persönlich bejahen würde)? Gibt es diese Gesetze noch die natürlich auch dazu beitragen die Menschen indirekt vor willkürlicher Gewalt zu schützen? Was macht die neue Gesellschaft mit gefährlichen Gewalt- und Straftätern (die eben nicht auf die von Ihnen angesprochenen Maßnahmen ansprechen, wovon man immer ausgehen muss) um die Gesellschaft zu schützen? Vor allem bezieht sich die Frage auf dem Weg hin zur neuen Gesellschaft. Ein Schalter kann ja nicht umgelegt werden.


    Stattdessen können die Delegierten Projekte initiieren. Ein solches Projekt wird dann durch den Delegierten und ggf.weitere Personen durchgeplant und mit einer Kostenschätzung der Öffentlichkeit vorgelegt. Danach ist es den Menschen überlassen selbst zu entscheiden, ob sie bereit sind, die Aufwendungen für ein Projekt zur Verfügung zu stellen. Das funktioniert dann nach dem Crowdfundingprinzip, für das es auch heute bereits verschiedene Plattformen gibt. Der Vorteil eines solchen Vorgehens ist „positive“ Politik.Sie können niemandem etwas Wegnehmen und können auch niemanden mit Gewalt zu etwas zwingen. Sie können Projekte nicht „gegen“ Menschen durchsetzen, sondern nur mit ihnen, indem sie Wege finden, diese zu überzeugen. Manchmal mag es auch genügen, eine Gruppe zu „überreden“.


    Das bedeutet jeder Mensch muss in der Lage sein ein solche Projekt anlegen zu können, es durchzurechnen und dafür zu werben. Das erfordert eine Vielzahl von Kompetenzen. Wie stellt das neue System sicher, dass die Bevölkerung auf einem Bildungsstand ist, wenn es so etwas wie Schulpflicht nicht mehr gibt? Wie wird eine Machtakkumulation der Wissenden verhindert? Was geschieht wenn ein Projekt mit Hilfe von Gewalt (psychischen Druck oder Propaganda) "beworben" wird?



    innerhalb der neuen Struktur gäbe es nur eine verbindende Regel: Kein Mensch darf die Freiheit eines anderen Menschen gegen dessen Willen beschränken.


    Mir ist aber nicht ganz klar, welche Regeln hier eigentlich gemeint sind? Gerade die einfachsten und grundlegendsten Formen des Umgangs des Miteinanders basieren auch heute nicht auf einem Gewaltmonopol des Staates, sondern auf gesellschaftlichen Gepflogenheiten, welche auch immer wieder einem Wandel unterliegen. Oder geht es hier darum, in welchem Umfang Institutionen wie der Ehe weiterhin durchstaatliche Förderung gehuldigt werden soll?

    Es gibt Menschen, die fordern das Recht auf totaler sexueller Selbstbestimmung. Darf man deren Freiheitsdrang einschränken? Was geschieht vor allem bei Freiheitskonflikten (die zahlreich auftreten werden) Wer entscheidet darüber wessen Freiheit über der Freiheit des anderen steht, wenn also zwei Freiheitsansprüche die Freiheit des Anderen jeweils einschränken? Banales Beispiel: Ein Mensch möchte nachts das Haus renovieren, weil er das lieber in der Nacht tut oder tagsüber etwas anderes arbeitet. Den Nachbar nebenan stört das, weil er nachts schlafen will. Wie wird das geregelt, wenn beide Parteien auch nicht wirklich miteinander kommunizieren können, weil sie sich schlicht nicht leiden können? (Oder wird sich jeder Mensch mit jedem anderen Menschen plötzlich verstehen?).

    Verstehen Sie "Gesetze", die ganz sicher die individuelle Freiheit der Menschen einschränkt, also nicht als Teil des Gewaltmonopols?

    Man kann ja gerne über den Sinn und Unsinn von Gesetzen diskutieren, mich interessiert aber viel mehr ob in ihrer Gesellschaft überhaupt noch institutionelle Gesetze und Regeln vorhanden sind?


    Abgesehen davon, dass jeder die Freiheit des anderen respektiert. Freiheit mag, im Vergleich zu einer staatlichen Gewalt,nach wenig Wirkmächtigkeit klingen. Meine Erfahrung ist, dass freiwillige Selbstbeschränkung aufgrund von Einsicht die besser funktionierende Grundlage für ein Miteinanders ist, als die Androhung von Strafe.


    Sie gehen von einem Grundzustand aus, der nicht annähernd derzeit existiert, das jeder die Freiheit des Anderen respektiert. Wie gesagt, da interessiert es mich sehr, wie wirklich jeder Mensch auf der Welt zu diesem Zustand gelangt, ohne dass jemand Gewalt ausübt. Momentan gibt es Gesetze und Strafvollzug. Denken Sie, dass es derzeit Verbrechen- trotz Strafvollzug - nur gibt weil es die Androhung von Strafe gibt? Nochmal gefragt: Was tut die neue Gesellschaft mit Menschen die partout nicht bereit sind sich selbst zu beschränken?

  • Sehr geehrter Herr Breitenbach ,


    anbei meine Antworten. Mir ist es wichtig, an dieser Stelle zu betonen, dass meine Schilderungen nur als mögliche Lösungen zu verstehen sind und keine Festlegung, dass der jeweilige Konflikt immer oder gar weltweit auf diesem Weg gehandhabt werden sollte. Ich gehe davon aus, dass es im Rahmen des Übergangs (ich gehe hier mindestens von Jahrzehnten aus) noch andere Ansätze und Lösungen geben wird, die ich mir heute, aufgrund meiner Prägung durch die bestehenden Strukturen, gar nicht vorstellen kann.


    Beispiel 1: Eine Frau wird von einem Mann tätlich angegriffen. Es handelt sich um ein gewaltsames Sexualdelikt. [...]

    Best Case: Zunächst wird die Frau medizinisch und psychologisch betreut und begleitet, um eventuelle Traumata zu bewältigen. Diese Leistungen würden im Rahmen einer von ihr abgeschlossenen Gesundheitsversicherung erbracht werden. Darüber hinaus könnte die Frau eine Schutzversicherung haben, welche ihr aufgrund der Schädigung und des Versagens der Versicherung eine Entschädigung zahlt. Darüber hinaus könnte die Versicherung einen spezialisierten Dienstleister beauftragen, um Beweismittel zu sichern und den Täter ausfindig zu machen. Kann jemand der Tat überführt werden, würde der Täter mit seiner Tat konfrontiert werden. Dann käme es darauf an, ob dieser bereit ist, für seine Tat Verantwortung zu übernehmen oder nicht. Übernimmt er die Verantwortung, würde er sich zur Wiedergutmachung verpflichten. Diese würde z. B. Entschädigungen für die Aufwendungen der Versicherung umfassen, als auch Empathiesitzungen mit der Geschädigten. Darüber hinaus könnte er sich verpflichten, sich in psychologische Behandlung zu begeben. Lehnt er es ab, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, könnte die Versicherung verschiedene Maßnahmen ergreifen, um ihre Klienten zu schützen. Je nach Gefährlichkeit könnte die Versicherung jemanden dazu abstellen, den Mann zu beobachten, sie könnte die Daten des Mannes und des Vorfalles in ein zwischen verschiedenen Versicherungen geteiltes Register eintragen oder sogar den Vorfall öffentlich machen und durch ein Schiedsgericht die Verantwortlichkeit des Mannes feststellen lassen. Strafrechtlich könnte der Mann nicht belangt werden, würde aber im schlimmsten Fall von seinem Umfeld so lange Ablehnung erfahren, wie er nicht bereit ist, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen.


    Worst Case: Die Frau hat keine Versicherung und es gibt keine durch freiwillige Gelder finanzierte Institution, welche in einem solchen Fall tätig würde. Sie kann sich von ihrer Grundversorgung nur eine minimale ärztliche Behandlung leisten. Sie findet sonst niemanden, der sie unterstützt, weiß aber, wer der Täter war. Sie spart einen Teil ihrer Grundversorgung auf und entscheidet sich, statt einen Wiedergutmachungsdienstleister zu beauftragen, lieber eine Schläger zu bezahlen, welcher dem Täter Gewalt antut, um sich an diesem Mann zu rächen. Der Schläger wird sich ggf. wiederum für sein Handeln verantworten müssen, je nachdem wie die Dinge letztendlich geregelt sind.


    Wie kann ich mir fehlende "legale Grundlage" vorstellen? [...]

    Genau. Es gibt keine der Strukturen, die heute durch den Staat legitimiert werden. Es gibt aber alles andere weiterhin. Es gibt private Sicherheitsunternehmen, welche Wachschutz anbieten oder Detektive, welche Beweismittel sammeln würden, möglichst mit den gleichen kriminalistischen Methoden wie heute auch. Die Aufgabe wäre immer noch eine Überführung des Täters, nur mit dem Unterschied, dass es darum geht, diesen dazu zu bringen, Wiedergutmachung zu leisten, statt ihn zu bestrafen. Da alles auf Freiheit aufbaut, kann es nur darum gehen, angerichteten Schaden auszugleichen.


    Beispiel 2: Eine Gruppe von Widerständler, akzeptieren das bestehende Rätesystem nicht. [...]

    Für die Sachbeschädigung und die tätlichen Angriffe sowie Erpressungen müssten die Personen sich individuell jeweils genauso verantworten wie der Täter im 1. Beispiel. Der Ablauf wäre hier kaum anders. In der Art und Weise, wie das Delegiertensystem funktioniert, wäre das Vorgehen allerdings gar nicht zielführend. Die Delegierten haben keine Macht inne, welche durch die Widerständler vereinnahmt werden könnte. Die Widerständler müssten also eher gegen die Menschen Gewalt ausüben, damit diese akzeptieren, sich erneut einer Herrschaft zu unterwerfen, welche dann von den Widerständlern ausgeübt wird. Ich gehe davon aus, dass sich genügend Menschen finden werden, welche ihre Freiheit, auch unter Einsatz von Gewalt, gegen solche Übergriffe verteidigen werden. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen, welche wiederholt solche Versuche einer erneuten Etablierung von Herrschaft unternehmen, irgendwann aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden und ihnen keine Teilhabe mehr eingeräumt wird. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es Menschen geben wird, welche sich diesen nach Macht strebenden Menschen sehr intensiv und liebevoll annehmen werden oder die Revolutionäre sich im Rahmen ihrer Wiedergutmachungsvereinbarungen freiwillig in psychologische Behandlung begeben.


    Definieren Sie "Strukturelle Gewalt". [...]

    Gesetze sind auf jeden Fall Bestandteil der strukturellen Gewalt. Gesetze könnte es in dieser Form nicht mehr geben, da es weder die Legislative (Bundestag, Länderparlamente) gäbe, welche Gesetze erlassen kann, noch die zu ihrer Durchsetzung benötigte Exekutive (Polizei, Gefängnisse) oder Judikative (staatliche Gerichte) bestehen bleiben würden. Strukturen, welche auch ohne staatliches Gewaltmonopol funktionieren, kann es weiterhin geben. Also Dienstleistungen wie Wachschutz bis hin zu Gated Communities. Eine Gated Community könnte eventuell eine ganze Stadt oder einen Stadtteil umfassen und beim Betreten müsste ein Vertrag akzeptiert werden, welcher die dort freiwillig vereinbarten Verhaltensregeln umfasst. Bei Konflikten können Verfahren von Mediation bis hin zu Schiedsgerichten genutzt werden. Privatisierte Gefängnisse wären nicht möglich, da diese direkt vom Gewaltmonopol des Staates abhängen. Alle Regeln, welche heute in Gesetzen stehen und von Vertragsparteien für sinnvoll gehalten werden, z. B. Regeln im Bürgerlichen Gesetzbuch, könnten weiterhin verwendet werden und werden es sicher auch. Sie würden nur nicht per se gelten, sondern müssten im Rahmen eines Vertrages vereinbart werden. Manches würde sicher anders strukturiert werden müssen, da Vertragskonflikte nur einvernehmlich gelöst werden können. Eine Übervorteilung durch rechtliche Winkelzüge wäre um einiges schwieriger, wenn nicht gar unmöglich.


    Für mich geht strukturelle Gewalt noch über die direkten Institutionen des Staates hinaus. Auch unser Wirtschaftssystem beinhaltet strukturelle Gewalt, auch wenn diese Fähigkeit zur Gewalt wiederum auf dem staatlichen Gewaltmonopol basiert. Als Beispiel seien hier zwei Punkte herausgegriffen: das Eigentumsrecht und das Patentrecht. Das Eigentumsrecht führt in Afrika und Südamerika dazu, dass Menschen legal vom Land, welches in ihrem Besitz aber nicht im Eigentum war, vertrieben werden und ihnen die Lebensgrundlage entzogen wird. Das Patentrecht ermöglicht großen Konzernen, ihre Märkte abzuschotten und Konkurrenz zu minimieren. Auch diese Formen struktureller Gewalt gilt es aufzuheben. Letztlich ist jede hemmende Struktur zu ändern oder aufzuheben, so dass Menschen jederzeit neue und für sich passende Lösungen entwickeln können und sich somit als handlungsfähig erleben, statt ohnmächtig und ausgeliefert.


    Was macht die neue Gesellschaft mit gefährlichen Gewalt- und Straftätern [...]

    Während des Übergangs gehe ich davon aus, dass es eine schleichende Erosion des Strafrechtes geben würde, zumindest in den Bereichen, in denen eine Staatsanwaltschaft nur tätig würde, wenn es einen Kläger gibt, da es vorteilhafter für den Geschädigten wäre, eine Kompensation vom Täter zu erhalten, anstatt den Täter einsperren zu lassen und auf dem Schaden sitzen zu bleiben. Zu klären wäre vor allem, was an heutigen Straftaten in einer freien Gesellschaft noch geahndet werden würde. Steuerhinterziehung wäre nicht möglich, da es keine Steuern gibt. Ebenso gehören weder Handel, Besitz oder Konsum von beliebigen Substanzen nicht zu Taten, die zu ahnden wären. In welchem Umfang es Eigentumsdelikte geben kann hängt davon ab, ob und in welchem Umfang Eigentum weiterhin existiert und welche Bedeutung es hätte. Bleibt also vor allem Gewaltanwendung gegen Menschen, bis hin zur Tötung. Menschen, welche im Affekt oder im Rahmen einen Unfalls jemanden getötet haben, werden sicherlich eher bereit sein, sich auf Wiedergutmachungsvereinbarungen einzulassen. Sie müssen ja nicht befürchten, lebenslang eingesperrt zu werden.


    Mit freundlichen Grüßen

    Martin Finger

  • Hier der 2. Teil meiner Antwort, da eine Nachricht maximal 10k Zeichen umfassen darf. ;)


    Es bleibt am Ende also eine eher geringe Zahl von Menschen, welche bereit sein könnten, mehrfach Gewalt- oder Tötungsdelikte auszuführen und keine Bereitschaft haben, ihre Taten zu verantworten. Wenn sie jedes Angebot der Gemeinschaft, in welcher sie gegenwärtig leben, ablehnen würden und auch nicht freiwillig bereit sind, sich eine andere Gemeinschaft zu suchen, in welcher ihr Verhalten regelkonform wäre, würde am Ende irgendeine Form von Ausschluss stehen. Eine Option sehe ich in der Verbannung aus einer Stadt oder Gemeinschaft. Da Städte nicht unbedingt von Stadtmauern umgeben sind, müsste die Person, vielleicht auch gegen ihren Willen, mit einem Sender versehen werden und eine Art Wachschutz sorgt dafür, dass die Person außerhalb der Stadt verbleibt. In Verbindung mit Videoüberwachung und Gesichtserkennung könnte vielleicht auch auf einen Sender verzichtet werden. In einer Folge von „Twilight Zone“ wurde jemand mit „Unsichtbarkeit“ bestraft. Ich sehe diese Form der Bestrafung durchaus ambivalent und kann nicht einschätzen ob sie im Falle von Gewaltdelikten sinnvoll wäre. Eine endgültige Antwort auf diese Frage habe ich letztendlich nicht. Ich bin nur zuversichtlich, dass auch hier Lösungen gefunden werden, welche einer freiheitlichen Gesellschaft angemessen sind und soweit wie irgend möglich auf Gewalt verzichten. Da der Übergang viele Jahre benötigt, ist auch genügend Zeit hierfür freiheitliche Lösungen zu finden.


    Das bedeutet jeder Mensch muss in der Lage sein ein solche Projekt anlegen zu können [...]

    Nein. Dafür gibt es die verschiedenen Ebenen, auf denen Delegierte gewählt werden können, welche dann die Aufgabe übernehmen, ein solches Projekt zu erstellen. Durch die finanzielle Unterstützung ihrer Wähler können diese auch Unterstützung von Fachpersonal zu Rate ziehen und müssen nicht alle Kompetenzen selbst besitzen.


    Wie stellt das neue System sicher [...]

    Sichergestellt wird ein einheitlicher Bildungstand nicht. Wird es heute letztendlich auch nicht. Es wird weiterhin Schulen geben, die allerdings über die Grundversorgung, welche jeder Mensch erhält, finanziert werden müssen. Schulen dienen nicht mehr dazu Menschen zu kategorisieren und zu benoten, sondern helfen dabei, das zu erlernen, was den jeweiligen Menschen interessiert und darüber hinaus Angebote zu machen. Wer etwas lernen möchte, für den wird es Möglichkeiten und Wege geben, dieses zu tun. Was genau sollte durch den Wegfall der Schulpflicht verloren gehen?


    Wie wird eine Machtakkumulation der Wissenden verhindert?

    Warum sollte Wissen mit einer Machtakkumulation verbunden sein und welche Gefährdung sollte von Menschen mit einem Wissensvorsprung gegenüber anderen in einer Gesellschaft ausgehen, in welcher es keine Herrschaftsposten zu besetzen gilt? Welches Herrschaftswissen könnte es in einer herrschaftsfreien Gesellschaft geben?


    Was geschieht wenn ein Projekt mit Hilfe von Gewalt [...]

    Jede Form von Werbung ist eine Form der Manipulation und Propaganda ist nur eine Unterform der Werbung. Welche Maßnahmen stellen Sie sich hier vor, welchen aus Ihrer Sicht zu begegnen wäre? Der Verzicht auf Gewalt, auch psychischer Art, entspringt der Selbstverpflichtung basierend auf der Freiheitsregel. Wenn jemand psychische Gewalt gegen jemanden einsetzt, z. B. in Form von Erpressung (oder welche Form psychischer Gewalt ist hier gemeint?), dann würden die gleichen Schutzmechanismen greifen wie im Beispiel 1 oben beschrieben. Generell würden in der freiheitlichen Gesellschaft Menschen mehr darüber aufgeklärt werden, wie sie manipuliert werden können, um ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, sich gegen Manipulationen zu wappnen.


    Es gibt Menschen, die fordern das Recht auf totaler sexueller Selbstbestimmung. [...]

    Was genau schließt dieses Recht ein? In der freiheitlichen Gesellschaft gäbe es kein Recht, welches eine Person einseitig von einer anderen einfordern könnte. Wenn jemand öffentlich onanieren würde, wäre das zunächst einmal seine Sache. Würde ein Exhibitionist sich vor anderen Menschen gegen deren Willen entblößen und ihnen einen psychischen Schaden zufügen, müsste er sich dafür wiederum verantworten. Nacktheit wäre sicher kein Delikt. Jeder Laden oder jedes Einkaufszentrum könnte allerdings Bekleidungsregeln festlegen und ihnen ein Betreten untersagen, wenn sie nackt sind.


    Was geschieht vor allem bei Freiheitskonflikten [...]

    Es gibt keine Unter- oder Überordnung der Freiheit des einen gegenüber der Freiheit des anderen. Sie können sich letztendlich nur in irgendeiner Form einig werden. Selbst wenn sie sich entscheiden, ihren Konflikt einem Dritten zur Lösung zu übergeben, müssen sie diese Entscheidung freiwillig treffen.


    Banales Beispiel: Ein Mensch möchte nachts das Haus renovieren [...]

    Natürlich wird sich nicht jeder automatisch mit jedem verstehen. Da ist das Konzept von Recht bereits heute das größte Hindernis. Ist ein Mensch überzeugt, im Recht zu sein, wird er nicht auf den anderen zugehen, um mit ihm einen Konsens zu finden oder notfalls, falls sich kein Konsens finden lässt, einen Kompromiss zu vereinbaren. Wenn der Konflikt der Nachbarn über mehr als eine Nacht besteht und sie miteinander nicht reden können, können sie immer noch über Dritte versuchen miteinander indirekt zu reden. Die 1. Option wären hoffentlich die Lebenspartner, welche hier einwirken können und miteinander reden. Als 2. Option könnte eine Mediation genutzt werden und als letzte Option ein Schiedsgericht. Darüber hinaus könnte es noch andere Gremien in einer Siedlung geben, welche bei Konflikten vermitteln. Das alles funktioniert aber nur, wenn beide zu einer Klärung des Konfliktes bereit sind. Ich gehe davon aus, dass eine solche Bereitschaft umso höher sein wird, je weniger noch das Konzept von Recht Anwendung findet.


    Verstehen Sie "Gesetze" [...] also nicht als Teil des Gewaltmonopols?

    Doch, natürlich ist ein Gesetz Bestandteil des Gewaltmonopols. Ein Gesetz ohne Gewaltmonopol ist nur noch ein Text ohne Bindungskraft für irgendjemanden.


    [...] mich interessiert aber viel mehr ob in ihrer Gesellschaft überhaupt noch institutionelle Gesetze und Regeln vorhanden sind?

    Institutionelle Gesetze könnte es qua Definition, was ein Gesetz ist, logischerweise nicht mehr geben. Regeln kann es in beliebigem Umfang geben und diese auch durch Institutionen vertreten werden. Die Anwendung dieser Regeln erfolgt nur durch Selbstverpflichtung. Bestes Beispiel hierfür sind ISO und DIN, soweit deren Normen nicht per Gesetz als verbindlich erklärt wurden, denn diese Ebene entfällt.


    Sie gehen von einem Grundzustand aus, der nicht annähernd derzeit existiert [...]

    Ich gehe nicht davon aus, dass jeder Mensch, welcher in unserer heutigen Gesellschaft sozialisiert wurden, einfach so in der Lage sein wird gewaltfrei zu leben. Dafür sind wir viel zu sehr von Gewalt geprägt und von ihr umgeben. Nur bin ich zuversichtlich, aufgrund dessen was ich bisher über Gewalt gelesen habe, sei es zu Quellen und Ursachen von Gewalt, Formen von Gewaltprävention sowie der Möglichkeit, Gewalt ohne Gewalt zu begegnen, dass Menschen im Umgang miteinander keine Gewalt benötigen. Gewalt wird genutzt, weil sie entweder leichter nutzbar erscheint oder Alternativen gar nicht bekannt oder gewollt sind. Es sind einige Änderungen nötig, um sich von Gewalt abzuwenden und der aus meiner Sicht größte Schritt dorthin wäre die Ächtung jeglicher Gewalt, insbesondere und vor allem der staatlichen.


    Momentan gibt es Gesetze und Strafvollzug. [...]

    Natürlich ist nicht die Androhung von Strafen die Ursache für Verbrechen. Allerdings gilt für einen Teil von Handlungen, dass diese erst durch den Staat zu Verbrechen deklariert wurden. Der Strafvollzug trägt wenig dazu bei, Menschen zu schützen. Je nach Ursache für ein Verbrechen sind hier ganz andere Maßnahmen wichtig, um Werte zu vermitteln und dem Menschen eine Perspektive für sein Leben zu geben. Ich habe weiter oben schon einige Wege beschrieben, wie die Gesellschaft mit Menschen umgehen kann, welche bereit sind, ihre Freiheit auf Kosten anderer auszuleben. Die letzte und brutalste Antwort ist letztlich: Jeder Mensch hat die gleiche Freiheit, die Freiheit eines anderen Menschen zu verletzen. Ich meine dies nicht als Warnung oder Drohung, es ist eine Realität, in welcher wir auch heute bereits leben. Die Menschen machen es sich nur nicht bewusst. In einer Gesellschaft von Menschen, welche gelernt haben, miteinander Konflikte friedlich und ohne Gewalt zu lösen, ist die Gefahr Gewalt zu erfahren sicher geringer als es heute der Fall ist.

  • Herr Breitenbach In der Folge wurde ein Buch, welches sich mit dem Thema Demokratie auseinandersetzt empfohlen. Leider habe ich mir den Titel nicht gleich notiert und kann die Textstelle beim scrollen nicht mehr finden. Könnten Sie mir den Titel nochmal nennen?

    "Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen (...)." (Theodor W. Adorno, 1966)

  • Guten Abend allerseits,


    der Elefant im Raum ist ein Elefant der Weltgeschichte. Herr Breitenbach ist m. E. zurecht skeptisch: Utopien, die einen zukünftigen Idealzustand skizzieren, um quasi "von der Zukunft aus" Handlungsempfehlungen für die Gegenwart zu entwickeln, sind brandgefährlich. Prinzipiell funktionieren sie schon in der Theorie nicht; zu komplex ist die Weltstruktur, als dass sich finite Utopien logisch konstruieren ließen. Schon gar nicht lassen sich realistische Utopien von einem Einzelnen entwerfen – und auch nicht von Gruppen oder Bewegungen. Dafür sind zu viele Kulturen unterschiedlichster Entwicklungsstufen, zu viele Weltbilder und zu viele Systeme involviert.


    Aber die Frage nach einer Alternative ist brisant: In der Wahrnehmung vieler Weltbürger steht die Menschheit vor einer Weltkrise. Für uns Millennials und unsere Nachfolgegenerationen ist die Zündschnur dieser Bombe die Zeit: Wo Klimaziele zu scheitern drohen, wird berechtigterweise die Frage laut, ob wir uns die ideelle Alternativlosigkeit leisten können. Vielleicht müssen wir uns endlich trauen, sie alle zurückzuweisen: Die Visionen einer längst vergangenen Zeit und den Konformismus spätmoderner Demokratien, die uns in eine Welt ohne lebensspendende Biosphäre treiben.


    Vielleicht braucht es eine Weltföderation, die einzelne Gesellschaften zwingen kann?


    Pseudonymisiert

    Vali

  • Nachdem der Mensch vor einigen hunderttausend Jahren so viel Hirn entwickelt hat, dass er denken konnte "ich bin", hoffe ich ich, dass die Menschheit ein Kollektiv-Bewußtsein entwickelt, wo jeder denkt "wir sind", vielleicht klappt's dann, aber ich fürchte, dass ist auch eine wenig zielführende Utopie

    *seufz*

  • Aska Ja. Es bedarf m. E. einer Utopie der kleinen Schritte. Die großen Würfe sind bisher immer gescheitert und sie haben halt einfach ihre ganz großen Lücken. Problematisch wird es vor allem immer dann wenn die Frage nach der pragmatischen Realisierung gestellt wird. Wie sieht der Weg dahin aus? Dann kommt ganz schnell die Gewalt ins Spiel, nach dem Motto: "Wenn alle gleich denken, dann können wir alle die gleiche ideale Gesellschaft bilden". Dann denkt man über "Reinigung" nach und die "Beseitigung" des "Bösen".

    Derzeit sehe ich das größte utopische Umsetzungspotenzial in der demokratischen Grundstruktur (als Ideal). Je mehr Menschen an der Stärkung und Optimierung der Demokratie arbeiten, desto aussichtsreicher das Ergebnis. Wir leben zwar in einer Demokratie, aber die gilt es täglich zu beleben UND täglich zu verbessern. Da finde ich Karl Popper wirklich sehr hilfreich. Probieren, verwerfen, kleine Schritte. Stückwerk etc. Das absolute Gegenmodell zum "großen Wurf". Und was sich ja hier in diesem Diskussionsstrang deutlich gezeigt hat: Des einen Utopie, ist des anderen Dystopie. Da muss man sich am Ende auch wirklich erst einmal darüber einig werden was denn für ALLE eine gute Lösung ist.

    Trotz des katastrophal wirkenden Zustand der Menschheit, glaube ich dennoch dass sich in den letzten 100 Jahren unfassbar viel weiter entwickelt hat. Das Thema Umweltschutz gibt es erst seit einigen Jahrzehnten in der Form. Sklaverei war bis vor kurzem noch eine Selbstverständlichkeit. Der Schutz von Kindern hat sich erst in den letzten 100 Jahren entwickelt. Tierschutz war bis vor kurzem gar kein Thema und dass wir heute (relativ) selbstverständlich auch gleichgeschlechtliche, zwischengeschlechtliche Beziehungen eingehen können ist ein absolutes Novum und ein Indikator für eine freie und offene Gesellschaft. Das wiederum ruft natürlich Gegenwehr auf den Plan. Die ersehnte konservative Konterrevolution, die aber wirklich vergleichsweise schwach ausfällt, auch wenn sie medial gehyped wird. Fortschritt (auch kulturell und sozial) scheint sich langfristig eher durchzusetzen, weil viel mehr Menschen langfristig davon profitieren.

    Das ist weder Anlass zur Beruhigung aber eben auch nicht Anlass zur Verzweiflung Eigentlich die perfekte Motivation um da anzuschließen und einfach immer weiter daran zu arbeiten. Und um nochmal abschließend eine Phrase abzulassen: Gras wächst nicht schneller, nur weil man dran zieht.

  • Je mehr Menschen an der Stärkung und Optimierung der Demokratie arbeiten, desto aussichtsreicher das Ergebnis. Wir leben zwar in einer Demokratie, aber die gilt es täglich zu beleben UND täglich zu verbessern.

    Dazu müssten mehr Menschen die Komfortzone verlassen und sich politisch engagieren. Vor allem junge Menchen und die haben meist was anderes vor als Politik zu betreiben, so wie meine Generation auch und diese hat den Planeten so zugerichtet, wie er jetzt ausschaut; ich bin 66er Jahrgang.