Diskussion zum BGE - Bedingungsloses Grundeinkommen

  • Hey zusammen,


    ich versuche hier mal auf ein paar Punkte einzugehen, die ich hier gelesen hab.


    Für eine Finanzierung müsstest du so viel Geld umverteilen, dass man da auch gleich wieder zum großen Klassenkampf blasen kann. Das werden die Reichen und Wohlhabenden nämlich wohl kaum wollen. Deshalb müsste man es auch mit Zwang durchsetzen und könnte nicht auf Freiwilligkeit bauen.


    Die Höhe des BGE wäre auf jeden Fall niedrig. Viel mehr als das Existenzminimum wird da nicht rum kommen. Wollen wir es dann wirklich, dass die Leute de facto dafür bezahlt werden zuhause rum zu sitzen und keinen Ärger zu machen?


    Ich denke auch nicht, dass die Vereinfachung der Sozialleistungen wirklich wünschenswert ist. Wenn ich aus meinem Job ausscheide und dann (zumindest temporär) noch einen Prozentsatz meines damaligen Einkommens bekomme, dann kann man evlt. noch recht gut über die Runden kommen bis man einen neuen gefunden hat. Fällt man hingegen direkt nur noch auf das BGE Niveau herab, dann kann man wahrscheinlich die aktuelle Wohnung aufgeben und sich "unnötige" Ausgaben, wie soziale Teilhabe in die Haare schmieren.


    Oft wird ja auch darüber argumentiert, dass Digitalisierung und Automatisierung so viele Arbietsplätze vernichten werden, dass die "Überflüssigen" unabhängig von ihrer Arbeit versorgt werden müssen. Das halte ich für falsch. Wäre es da nicht viel sinnvoller dafür zu kämpfen, dass der Fortschritt in der Produktivität in eine Arbietszeitverkürzung fliesst?


    Was haltet ihr von dem Vorschlag? Der Staat stellt jedem Menschen ein bedingungsloses Existensminimum, wenn dieser nicht für sich selber sorgen kann und die Kommunen müssen Menschen, die arbeiten wollen, aber nicht können einen Arbeitsplatz mindestens auf MIndestlohnniveau anbieten. Dazu steckt man Geld in kostenlose staatliche Leistungen, wie Infratsruktur (zB kostenloser ÖPNV) oder auch Möglichkeiten sozialer Teilhabe (kostenlose MItgleidschaft in einer Bibliothek) und so weiter.

  • Wollen wir es dann wirklich, dass die Leute de facto dafür bezahlt werden zuhause rum zu sitzen und keinen Ärger zu machen?

    Das bezahlte Nichtstun ist kein Grundprinzip irgendeines BGE Modells. Das BGE soll die Grundlage für freie selbst gewählte Tätigkeiten ohne existentiellen Erwerbszwang bieten. Dass es neben einem mathematisch und bürokratisch ausgestalteten BGE dazu weiterer Narrative bedarf, ist selbstredend. Auch im jetzigen kapitalistischen System kam und kommt man nie ohne Zwang aus, nur dass der Zwang für die meisten schon gar nicht mehr wahrnehmbar ist. Der Autor Patrick Spät bezeichnet das Verhältnis von Arbeitnehmer > Arbeitgeber ähnlich einem Stockholm-Syndrom.


    Wäre es da nicht viel sinnvoller dafür zu kämpfen, dass der Fortschritt in der Produktivität in eine Arbietszeitverkürzung fliesst?

    Mit dieser Verwirklichung haben viele Denker vor über 100 Jahren schon gerechnet. Der Gedanke ist dermaßen naheliegend, dass man sich eigentlich fragen muss, warum genau das niemals verwirklicht wurde und wieso es scheinbar auch vorsätzlich und strukturell verhindert wird.


    Wenn du selber Bokef von Arbeitszeitverkürzung sprichst, was ist da so sehr viel anders, als das von dir zuvor erwähnte bezahlte "zuhausen rum sitzen" ? In beiden Fällen läuft es auf mehr Freizeit hinaus, die irgendwie gefüllt werden muss. Es ist die Aufgabe der Gesellschaft, Möglichkeiten zu schaffen und die Aufgabe und Verantwortung jedes einzelnen, diese Möglichkeiten wahr zu nehmen. Also eigentlich so wie jetzt auch schon, nur eben ohne die Hürde Geld.

  • Hallo ihr Lieben ich möchte mal einen neuen Anstoß für die Diskussion geben. Mein Anstoß bezieht sich auf die Art des BGE. Anstatt jedem Bürger einen hypothetischen Betrag an Geld zu geben wäre es ein sinnvoller und solidarischer Ansatz Grundbedürfnisse wie Strom Wasser öffentlicher Personennahverkehr Internet kostenlos für alle anzubieten. Mit dieser Variante kostenloser Grundbedürfnisse würden sozial Schwache Mitglieder der Gesellschaft gefördert ohne dass die sozial starken Mitglieder zusätzlich mit Geld versorgt werden würden. Eine Förderung der sozial Schwachen sollte auch im Sinne einer gerechteren Gesellschaft sein , denn nur wenn man die arme Mitglieder einer Gesellschaft von Lasten befreit und gleichzeitig sehr gute Einkommen besteuert, ein Ausgleich von Kapitalen und in Folge auch Sozialen Kapital möglich erscheinen könnte.

  • Hallo Jakob,


    das Thema BGE beschäftigt auch mich seit längerem und ich finde deine Gedanken interessant.

    "[...]wäre es ein sinnvoller und solidarischer Ansatz Grundbedürfnisse wie Strom Wasser öffentlicher Personennahverkehr Internet kostenlos für alle anzubieten.

    Ich halte die Idee, dass Grundbedürfnisse jedem Menschen zustehen und diese zur freien Verfügung stehen sollten, für einen wichtigen Ansatz zur Lösung globaler und gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten. Aristoteles hat bereits in seinen Überlegungen über einen gerechten Staat die Befriedigung bestimmter Bedürfnisse der Menschen durch die staatliche Bereitstellung in Erwägung gezogen.


    Allerdings möchte ich meine Zweifel gegenüber dem Gedanken anbringen, dass Kapital dadurch verteilt oder bzw. mehr angehäuft wird.

    Als Grundlage meiner Bedenken sehe ich hier die Akkumulationsprozesse der kapitalistischen Wirtschaftsweise, welche begünstigend auf Personen mit bereits höherem Kapital wirken.

    Gleichzeitig scheint sich der Gegensatz von ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen durch ein BGE oder Ausgleichszahlungen nicht aufheben zu lassen, was weitere, damit einhergehende, gesellschaftliche Prozesse und auftretende Exklusionsmechanismen situiert.

  • Zitat

    dass Kapital dadurch verteilt oder bzw. mehr angehäuft wird.

    Als Grundlage meiner Bedenken sehe ich hier die Akkumulationsprozesse der kapitalistischen Wirtschaftsweise, welche begünstigend auf Personen mit bereits höherem Kapital wirken.

    Ich denke dass wir hier an einem Dilemma scheitern werden.

    Als anscheinend Gut erachtet man dass Kapital reicheren Kapital entzogen werden müsse um dies an ärmere zu verteilen. Jedoch dürfen wir in unserer Demokratie keine Unterschiede der Verteilung machen da formal jeder vor dem Gesetzt gleichgestellt sein muss. Um also Kapital reichere Personen nicht unnötig zu subventionieren müsse man Grundlagen unseres Rechtsstaates aushöhlen, was nicht im Sinne der Bevölkerung sein kann.

  • Gleichzeitig scheint sich der Gegensatz von ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen durch ein BGE oder Ausgleichszahlungen nicht aufheben zu lassen, was weitere, damit einhergehende, gesellschaftliche Prozesse und auftretende Exklusionsmechanismen situiert.

    MBuber89 : Worin sollte denn der Gegensatz zwischen einem Arbeitgeber und einem Arbeitnehmer bestehen, welcher durch ein Grundeinkommen nicht aufgehoben werden könnte? Vorausgesetzt das Grundeinkommen ist so hoch bemessen, dass keine Notwendigkeit besteht eine Arbeit annehmen zu müssen, um leben zu können.


    Jedoch dürfen wir in unserer Demokratie keine Unterschiede der Verteilung machen da formal jeder vor dem Gesetzt gleichgestellt sein muss.

    Jakob Mothes : Ist diese Aussage ironisch gemeint? Wenn unsere Demokratie die formale Gleichstellung vor dem Gesetz damit gleich setzen würde, wie die Verteilung von staatlichen Mitteln zu erfolgen hätte, hätte man sich die ganze Ausdifferenzierung eines Sozialgesetzbuches sparen können.