Literatur-/Wissensverwaltung

  • Hallo zusammen,


    ich versuche es einfach einmal und bin gespannt, wie die Reaktionen so sind bzw. ob es überhaupt welche gibt...


    Mich interessiert es, neben den Inhalten immer auch über die (wissenschaftliche) Arbeitsweise ins Gespräch zu kommen. Ich bin neugierig, wie jemand versteht, wie Gelesenes verarbeitet wird, wie daraus ggf. Publikationen (angefangen von der Hausarbeit bis zur Habilitation) werden.


    Vielleicht ist hier ein Ort auch darüber in einen für alle Seiten nützlichen Erfahrungsaustausch zu gelangen?! Einleitende Fragen wären z.B.: Nutzt ihr Literaturverwaltungsprogramme wie Citavi? Oder habt ihr einen Zettelkasten „à la Luhmann“? Schreibt ihr handschriftliche Exzerpte oder wird alles direkt digital verarbeitet und abgespeichert? Kurzum: Wie sieht Eure Literatur- bzw. Wissensverwaltung aus?

  • Hallo,


    super spannende Frage; damit hatte ich mich noch gar nicht auseinandergesetzt (bzw. musste mich noch nicht). Deshalb hoffe ich, dass diesbezüglich noch ein paar Kommentare kommen.


    Ich kann leider nicht wirklich etwas zu diesem Thema beitragen; bisher bin ich auch ohne "Verwaltung" ausgekommen: zum einen lese ich eigentlich ausschließlich "für mich privat" und bin nicht an irgendwelche Verpflichtungen gebunden, das (detaillierte) Wissen in Hausarbeiten und co. wiederzugeben (weil ich (noch) nicht im universitären Bereich bin). Zum anderen sind die Mengen überschaubar, sodass ich diese relativ easy in einem Notizbuch festhalten kann (und im besten Fall sind die Inhalte so abstrakt, dass ich sie auch so im Kopf hängen bleiben). Dementsprechend passiert bei mir auch nichts digital, was das Thema betrifft.

  • Hi allerseits,


    ich nutze beruflich und privat (haha) Citavi. Ich kam zu Citavi, weil ich das über meine Uni kostenlos probieren konnte, auch in der uneingeschränkten Version. Mein Arbeitgeber meinte dann auch, dass sei kein Problem - deshalb wurde es dann auch dort Citavi. Zum ausprobieren gab es bis vor kurzem (denke es geht immer noch) ein Citavi Trial. Das kann alles, aber bei 100 Titel ist Schluss - das genügt aber für erstes ausprobieren sicher.

    Wieso nutze ich das?

    Zunächst mal habe ich mir mehr Überblick über die von mir gesichtete Literatur verschaffen wollen, und dachte, das geht mit Citavi ganz gut. Bisher sind die Projekte aber noch so klein (ich bin im 3. Semester eines Masterstudiengangs, das größte umfangmässig war eine Fallarbeit mit 20 Seiten, bisher), dass es vermutlich auch ohne gegangen wäre.

    Charmant ist der Citavi Picker - Citavi hat ein Adobe Plugin, wenn man ein pdf liest, clickt man in Adobe auf den Picker, dann wird der artike/das Buch/ die Quelle auch gleich in das aktuelle Projekt eingefügt und steht dann dort zur Verfügung. Problemlos generiert Citavi dann die Literaturangabe fürs LitVz - es stehen allein mehrere 100 deutsche Zitationstechniken zur Verfügung (u.a. APA und mehrere modifizierte Harvards).


    Hauptgrund für mich war das, was Marco angesprochen hatte - nicht nur das Schreiben von Hausarbeit und Co., sondern echte Literaturverwaltung. Ich lese für die Arbeit oft mehrere Dutzend Artikel zu bestimmten Themen, um "Unterrichte" bzw. Vorlesungen vorzubereiten. Die speichere ich auch immer lokal ab - und eine klassische Ordnerstruktur sprengt bei mindestens 30 abzudeckenden Gebieten den Rahmen, mittlerweile. Und auch das kann Citavi: man kann Artikel komplett speichern, mit Schlagworten (Tags) versehen, etc. pp. Leider kam ich bisher noch nicht dazu, dieses Feature zu nutzen - ich hab da, solange das Studum noch läuft, keine Zeit für.


    Was sind die negativen Seiten?

    • Vollumfängliche Nutzung nur mit Word - dann generiert es sogar im Text die Kurzbelege. Ich verweigere mich Word und schreibe alles mit (nicht lachen!) google docs - deshalb kann ich nicht sagen, wie gut das funktioniert.
    • Der Arbeitsaufwand bei Zitationen wird nicht weniger. Citavi holt sich die Infos über die ISBN oder per drag und drop aus dem Artikel/Buch, und gleicht das dann mit Bibliotheken (DNB zum Beispiel) ab. Da sind aber schon manchmal Fehler drin, und man muss sorgfältig jedes mal prüfen
    • Ohne eine Minischulung würde ichs nicht versuchen. Ich hatte eine zweistündige an der Uni, das war sehr hilfreich. Alternativ gibts nen Einsteigerkurs in Form eines Newsletters von Citavi selbst, und ein gutes Tutorial (Videoreihe), erste Folge hier: https://bit.ly/2LNGl3J
    • ich hab keine Ahnung über den Funktionsumfang kostenfreier Software, wie Zotero und Mandalay; meines Wissens nach können die aber keine Artikel speichern/taggen/verwalten, deshalb wurde es bei mir Citavi.

    Zettelkasten? Bin ich viel zu schlampig..:-/


    Hilft Dir das erst mal weiter? Kann ich noch irgendwie hilfreich sein? Tolles Thema :)


    Viele Grüße

    Chris

  • Hilft Dir das erst mal weiter?

    Ich bin ja primär schlicht interessiert an den Arbeitsweisen von Soziopod-Machern/-HörerInnen, daher: Ja, Dein Beitrag hilft! Danke!!


    Vielleich an dieser Stelle einige meiner Erfahrungen:


    Ich bin (angehender) Jurist und habe während meines gesamten Studiums hauptsächlich gelernt, indem ich mir mit Microsoft OneNote selbst ein "Lernzettel-System" erstellt habe. Die Erstellung dieses "Systems" war ein mehrstufiger Prozess: Waren es zu Beginn meines Studiums eher (schlechte) Exzerpte von den jeweiligen Lehrbüchern, wurde es im weiteren Verlauf zu einem das Gesamt-Verständnis fördernden Instrument, da ich Neues in eine eigens erstellte Struktur einpflegen musste. Anders als die unter JuristInnen beliebten Karteikarten bot mir mein System überdies die Vorteile, (1) nachträgliche Ergänzungen problemlos zu implementieren (im späteren Verlauf des Studiums bspw. aktuelle Rechtsprechung) und (2) konnte ich mittels internen Verlinkungen (Hyperlinks) den wichtigen Schritt vom "(gepaukten) Einzelwissen" zum (so wichtigen) "Erkennen der größeren Zusammenhänge" gelangen.


    Künftig werde ich weniger (für Klausuren) lernen, sondern mich eher in bestimmten Bereichen vertiefen und auch stärker wissenschaftlich arbeiten. Bisher (nur nebenher) Gelesenes habe ich nur selten exzerpiert bzw. in abrufbarer oder systematischer Form abgelegt, was auf Dauer infolge der Lückenhaftigkeit (m)eines Gedächtnisses nicht praktikabel scheint. (Zumal ich ein großer Freund von Ordnung und Systematik bin...) Daher bin ich (noch) in einem "Findungsprozess".


    Ziemlich begeistert bin ich von dem Luhmann´schen Zettelkasten (siehe: https://www.uni-bielefeld.de/soz/luhmann-archiv/ m.w.N.; *). Das dahinterstehende Prinzip ist m.E. einfach genial, weshalb ich momentan versuche, dieses in das 21. Jahrhundert zu transferieren und es auf meine Bedürfnisse anzupassen.


    Zu Citavi:

    Ich habe es - ohne Schulung i.e.S. - im Rahmen einer Seminarhausarbeit ausprobiert und mich (frustriert) davon abgewandt. Der Aufwand zur Anpassung an meine "Bedürfnisse" (insbesondere was die Zitation betrifft) erschien mir unverhältnismäßig.


    Ich würde mich über weitere spannende Berichte freuen ;-)



    *


  • Hey,

    ich gebe auch einfach mal noch meinen Senf dazu. Ich habe für meine Bachelorarbeit das Programm "Zotero" verwendet und damit gute Erfahrungen gemacht. Vor Allem bei neueren Artikeln in wissenschaftlichen Zeitschriften funktioniert das wunderbar. Dort reicht es meistens wenn man diesen im Browser offen hat per Plug-In die Datei direkt in das Programm zu bringen. Sehr praktisch und wenn man mit 30+ Quellen arbeitet verliert man auch schnell den Überblick. Dazu hatte ich einen großen Stapel Blätter mit Notizen zu den Quellen.

    Die Literaturverwaltungsprogramme tun sich am Ende alle nicht viel. Da würde ich mich danach richten, ob s mit den anderen Programmen (Office, Browser) kompatibel ist. Obwohl man mit Mendeley auch eine Cloud hat, wo die zusammen getragen Literatur gespeichert wird.


    "Privat" nutze ich sowas aber gar nicht. Ich finde es aber schon sinnvoll ein paar zentrale Gedanken aus Büchern etc. sich rauszuschreiben. Oft versteht man es dann noch besser. Ein Buch zu besitzen ist aber auch schon viel Wert. Wenn man dann noch mal drinne blättert erinnert man sich in der Regel, was zentral wichtig war.


    Die Idee von einem solchen digitalen Zettelkasten fasziniert mich aber auch irgendwie ;)

  • Hallo zusammen und danke Marco für diese interessante Frage. Ich muss gestehen, dass ich mir schon lange keine Gedanken mehr darüber gemacht habe, wie ich mir Inhalte aneigne oder Wissen "verwalte". Ich weiß noch, dass ich mich ähnliche Fragen am Anfang meines Studiums gestellt habe, aber irgendwann hat sich alles so mehr oder weniger "eingegrooved" und wurde sozusagen inkorporiert ;) umso besser und wichtiger, mal wieder zu reflektieren, was man da eigentlich mit welchen Tools tut, wenn man liest, lernt, etc.


    Ich glaube es handelt sich hier um zwei unterschiedliche Fragen:

    1. einmal eher konzeptuell die durchaus spannendere Frage, wie jemand versteht wie es Marco so schön formuliert hat
    2. und welche Arbeitsmittel dabei zum Einsatz kommen

    Erstens: Lesen heißt Schreiben

    Lernen in sozialwissenschaftlichen Disziplinen ist meiner Ansicht nach eng verknüpft mit dem Lesen. Ich kann mich in Vorlesungen, Vorträge usw. setzen (oder auch Podcasts hören ;) ) - dort lerne ich meistens aber eher nur, wo ich nachschauen kann, um mehr über eine Sache zu erfahren. Lesearbeit wiederum ist für mich nicht zu trennen vom Schreiben. Das kann ganz unterschiedlich aussehen: annotieren am Rand, Post-its an der Wand, ein Exzerpt auf dem Rechner oder stichpunktartig im Notizbuch. Mit dem Schreiben setze ich das Gelesene erst für mich um und mache es mir zugänglich.


    Schreiben ist dabei manchmal auch einfach den Text abzuschreiben, kurze Stichworte rauszuziehen, aber auch zu reformulieren. Notizen (und auch Markierungen!) sind Kernbestandteil des (lernenden) Lesens, und nicht nur Nebenbeschäftigung. Das ist meine Auseinandersetzung mit aber auch gegen den Text. Manchmal muss man auch gegen Texte anarbeiten, da hilft auch das Schreiben. Schreibend bricht man den Text auf und stößt ziemlich schnell darauf, ob man beschreiben kann, was dort steht oder nicht. Im Hinblick auf die Ausgangsfrage geschieht im reinen Lesen für mich noch kein Verstehen, erst das Schreiben verändert etwas an dem Verhältnis von mir zum Inhalt. Der Text wandert sozusagen durch mich durch wieder auf das Papier. So kann man sich auch seiner eigenen Aufmerksamkeit vergewissern - die geschriebene Notiz ist ja auch in gewisser Weise eine Nachricht an einen selbst. "Hier, das steht da, nur anders, weißt du noch?" Schreiben und Lesen sind mEn ein untrennbares Zwillingspaar, das am Anfang der Organisation bzw. Verwaltung des eigenen Wissens steht.


    Eine sehr schöne Forschungsarbeit, die meine eigene Erfahrung ethnographisch anhand der Beobachtung von Soziologen aufarbeitet: Englert, Krey (2013): Das lesende Schreiben und das schreibende Lesen. Zur epistemischen Arbeit an und mit wissenschaftlichen Texten; in: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 42, Heft 5, S. 366-384


    Zweitens: Citavi rettet Leben

    Ich verfolge mit Interesse die Diskussion zu Citavi, die sich hier entfaltet. Trotz der wohl sehr richtigen Kritikpunkte muss ich doch (stellvertretend für andere Literaturverwaltungssoftware) eine Lanze für Citavi brechen. Ich weiß noch wie ich während meiner Bachelorarbeit jedem der es hören wollte gesagt habe "Citavi rettet Leben". Ein garantierter Lacher, aber durchaus aus Überzeugung gesagt.


    Ich kann den prinzipiellen Einwand verstehen, dass es sich für eine landläufige Hausarbeit nicht lohnt, auf Citavi zurückzugreifen. Da muss schon ein größerer Brocken kommen mit >10 Quellen, damit der initiale Aufwand des Einrichtens und Einarbeitens im guten Verhältnis zur inhaltlichen Arbeit steht - danach ist diese Art der Literaturverwaltung allerdings das beste, was dem Schreibenden passieren kann. Der Gesamtaufwand wird merklich reduzuiert, es liegen weniger Bücher, Zettel, Ausdrucke und Texte rum und die Ordnung im digitalen Verzeichnis übernimmt das Programm ja für einen.


    (Ich kann z.B. groeschc's Kommentar, dass sich der Aufwand für Zitationen gleich bleibt, überhaupt nicht nachvollziehen. Ob meine Quellenangaben richtig sind muss ich doch ohnehin überprüfen, das kann mir Citavi nicht abnehmen. Aber es wird doch sehr viel weniger Arbeit von mir verlangt, wenn ich mir ein initial von Citavi ein komplettes Verzeichnis geben lasse und dann vereinzelt Justierungen vornehme? Vielleicht kannst du da nochmal präzisieren, was dich gestört hat)


    Vor allem theoretische oder stark literaturgebundene Aufsätze profitieren enorm, weil mit der Literaturverwaltung gleichzeitig die Arbeitsweise strukturiert wird. Wie in diesem Thread auch schon angemerkt wurde: Die Tutorials oder das ein oder andere Hilfsangebot der örtlichen Bib sollte man aber schon wahrnehmen, Citavi ist mEn absolut nichts für "Learning by Doing". Citavi kann sogar großen Spaß machen, aber nur wenn man weiß, was man tut (und sich entsprechend tief genug reingenerded hat).


    Wichtiger Tipp: Schlagworte, Kategorien, etc. muss man unbedingt gut pflegen, das ist das eigentliche Killerfeature - dann eröffnet die systematische Literaturverwaltung sogar Zugang zu den berühmten Aha-Momenten, wenn Text X und Y "plötzlich" in der selben Kategorie auftauchen - der eigene Kopf diese Verbindung aber noch nicht so ganz realisiert hat.

    Ich habe nur beste Erfahrungen damit gemacht (und um mich zu wiederholen: das gilt sicher auch für andere Literaturverwaltungsprogramme!)



    Zum Abschluss weitere nützliche Tools:

    • Auch im digitalen Zeitalter: Stift, Notizbuch und Fresszettel --> ich muss die Dinge in der Hand haben, literally. Wissen hat manchmal auch eine gewisse Haptik
    • andere Schreibutensilien, wenn es A5 mal nicht mehr tut. Manchmal ist es cool auf eine Mindmap auf einen A3 Block zu kritzeln oder vor einem Whiteboard zu stehen. Solche Spielereien helfen mir meistens sehr. Wissen ist auch Spielen
    • Trello --> nutze ich für den ersten Überblick, welche Teilaufgaben anstehen für eine Hausarbeit/etc. Geht aber auch auf dem oben erwähnten Fresszettel
    • Wenn es mal nicht so flutscht: ein Glas Wein, wirkt wahre Wunder!

    Ich hoffe, diese zugegebenermaßen eher fragmentartigen Einblicke in die Art und Weise, wie ich Studieren/Lernen/Wissensverwaltung begreife, helfen weiter einen allgemeinen Eindruck zur (wissenschaftlichen) Arbeitsweise zu bekommen. Ich freue mich auf weitere Erfahrungsberichte!

  • Ich gehe da auch in die Richtung von Bekado. Wenn ich mir selber Notizrn mache, strukturiere ich mir dadurch inhaltlich, aber auch optisch auf dem papier die Themen vor. Informationen kann ich später dann nicht nur als abstrakte theorie abrufen, sondern meist auch mit einem Text- oder Schaubild verknüpfen und weiß z.b. daher, wieviele elemente noch dazu gehören, an welcher stelle etwas stand, etc.

    Als nächstes nutze ich mindmapping-tools, einfach weil ich damit ale themen in eine gesamtatruktur bringen kann. Strukturelle Ungereimtheiten und überflüssige Unterteilungen fallen dabei schnell auf jnd lassen sich dank digitaler form schnell anpassen. Außerdem kann ich die themen dabei schon voll aufschlüsseln und mir zudem die entsprehenden bücher, evtl sogar Kapitel zu den Oberpunkten schreiben, wodurch ich später gezielter nachlesen. (Manchmal lese ich erst nach der planung, manchmal währenddessen, manchmal ist das lesen für die planung notwendig, je nachdem, wieviel ich schon über das jeweilige thema weiß.)


    Und danach nutze ich ebenfals citavi. Ich habe mal ne kurze einführung gehabt, danach einige features selbst entdeckt und bin sehr zufrieden damit. Vollständig nutze ich das aber mit sicherheit noch nicht...