Markus Gabriel und seine Aussagen zum Konstruktivismus

  • In SWR2 Wissen: Aula wird Markus Gabriel zu seinem neuen Realismus befragt. [1] Dabei postuliert Gabriel "die Wahrheit gibt es doch" und provoziert, in dem er den Konstruktivismus in seinem Kern de­le­gi­ti­mie­rt.

    Zitat

    Das Gehirn bilde keine Wirklichkeit ab, sondern produziere oder konstruiere sie. Sie ist, wenn man sie sich philosophisch etwas näher anschaut, letztlich vollkommener Unsinn, also sozusagen nicht einmal richtig falsch. Man kann das kaum so artikulieren, dass man die These überhaupt versteht.


    Also nähern wir uns dem Problemfeld einmal durch eine ganz einfache Überlegung: Wenn das Gehirn die Wirklichkeit insgesamt oder in irgendeinem Sinne hervorbrächte oder konstruierte, dann wohl auch sich selber. Das Gehirn ist ja ein Stück Wirklichkeit, sonst gäbe es keine Neurowissenschaft oder Hirnforschung, die sich mit dem Gehirn und seinem Subsystem beschäftigt. Wenn das Gehirn also alles konstruiert, dann auch das Gehirn. Und da sieht man sofort, dass der Unsinn beginnt. [2]

    Gibt es bereits Reaktionen auf diese Argumentation?

    Wie würdet Ihr darauf reagieren?



    [1] https://www.swr.de/swr2/progra…660374/1wf1mkk/index.html

    [2] https://www.swr.de/-/id=226531…/swr2-wissen-20181226.pdf

  • Ich habe die beiden Beiträge die Tage auch gehört. Auf der Ebene der Wissenschaftstheorie wäre ich wahrscheinlich weitestgehend bei Herrn Gabriel, seine Aussagen zu Gesellschaft und Politik finde ich allerdings etwas unsauber vorgebracht und zum Teil nicht nachvollziehbar. Ich müsste mir das Gespräch jetzt noch mal anhören, um exakt zitieren zu können. Es schien mir jedenfalls dort an einigen Stellen eher um Kritik an der Beschreibung zu gehen als um die Erklärungskraft der Theorie selbst, und da und dort blitzte für mich ein naturalistischer Fehlschluss durch.

  • Wie gut, dass sich nicht nur Philosophen wie Markus Gabriel mit der Frage beschäftigen, sondern eben auch Neurowissenschaftler und Hirnforscher. Dort herrscht meines Erachtens einigermaßen Konsens darüber, dass das Gehirn Wirklichkeit nicht abbildet, sondern mittels neuronaler Prozesse (Reizumwandlung) konstruiert.

    Ich vermute Markus Gabriel verwechselt da auch "Konstruktion" mit "Illusion". Darüber ließe sich ja noch trefflich streiten, zumal Illusionen im Konstruktionsprozess ebenfalls möglich und sogar von jedem Menschen erfahrbar sind, z.B. durch Sinnestäuschungen, dem blinden Fleck oder Erfahrungen mit neurologischen Fällen, die Oliver Sacks dokumentiert hat. Demnach dürfte es keinen Mann geben, der seine Frau als Hut wahrnimmt.

    Übrigens befinden sich Neurowissenschaftler wenigstens noch in der Diskussion darüber wie das Gehirn funktioniert. Markus Gabriel hat die Antwort offenbar als Philosoph darüber längst gefunden:

    "Wenn das Gehirn die Wirklichkeit insgesamt oder in irgendeinem Sinne hervorbrächte oder konstruierte, dann wohl auch sich selber.Das Gehirn ist ja ein Stück Wirklichkeit, sonst gäbe es keine Neurowissenschaft oder Hirnforschung, die sich mit dem Gehirn und seinem Subsystem beschäftigt. "

    Okay, d.h. Quantenwissenschaft dürfte es nicht geben, weil Quanten im Sinne von Gabriel ganz sicher kein Stück Wirklichkeit sind?

    Ich halte seine Argumentationskette in diesem Zitat für ziemlich dünn, ja fast schon erschreckend dumpf.

  • alboh   Nils  

    Hier die Ausführungen des Hirnforschers Gerhard Roth aus seinem Buch "Das Gehirn und seine Wirklichkeit - Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen", der die wichtige Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Realität einführt und zwar aus neurologischer Perspektive.



    Witzigerweise schreibt er im nächsten Kapitel eine passende Antwort auf Markus Gabriels Argument mit dem "wirklichen Gehirn"

    [1] http://www.irwish.de/PDF/Roth_…nd_seine_Wirklichkeit.pdf Seite 314ff


  • Ich habe eine ganze Reihe seiner Argumentationen nicht verstanden


    Wenn wir alle unmittelbar Wirklichkeit erfahren können, wie verfährt er dann mit nicht übereinstimmenden Erfahrungen? Schon allein wenn ein Betrachter einen Augenschaden hat und nur einen Ausschnitt der Welt sieht - wie würde er darauf antworten? Konstruktivistisch würde man doch (man darf mich korrigieren) antworten, dass wir nur mittelbar über unsere Augen und deren Signale an unser Gehirn ein Bild von dem konstruieren können, was da draußen ist. Wenn das Auge als Mittler einen Fehler hat bekommen wir ein Fehlerhaftes Bild. Damit wäre ja eine Mittelbarkeit gegeben. Wenn er aber behauptet, wir erfahren etwas unmittelbar, wie geht er mit solchen interpersonalen Abweichungen um?


    Analog zum Gehirn verstehe ich auch sein Argument betreffend des Teilchenbeschleunigers nicht. Er sagt doch, indem man den Beschleuniger baut und er existiert wäre ja die Existenz von Teilchen schon bewiesen (?), da der Beschleuniger ja auch aus Teilchen besteht. Aber dass Materie auf Teilchen und nicht etwas anderem basiert ist doch nicht automatisch gegeben?


    Ich muss sagen, dass mich dieser Realismus irgendwie mehr verwirrt als dass er Dinge einfacher und klarer macht...

  • Aus diesem Grund finde ich Konstruktivismus eigentlich sogar wichtig für die Wissenschaft, wenn er richtig angewandt wird und ein starkes, theoretisch durchdachtes Fundament hat.


    Mir scheint als ob Herr Gabriel teilweise einen Strohmann aufbaut um ihn dann zu bekämpfen. Ich meine mich zu erinnern, dass er dem Konstruktivismus auch Schuld daran gibt, dass das Vertrauen in die Wissenschaft schwinde.

  • Zora  
    Das mit dem Strohmann sieht dieser ZEIT Autor wohl auch so: https://www.zeit.de/2016/05/ic…n-markus-gabriel-sachbuch

    Und Gabriel gibt auch den Hirnforschern bzw. dem "Neurozentrismus" die Schuld daran "keinen Platz für die menschliche Freiheit lasse, die Würde des Menschen untergrabe und die Wirklichkeit zu einer Illusion erkläre".

    Schade eigentlich, denn ich finde es schon durchaus spannend dem Konstruktivismus auf den Zahn zu fühlen und die Debatte über Wahrheit, Wirklichkeit und Realität in Schwung zu halten.

  • Ich zitiere mal einen Hochschuldozenten: "Für SozialkonstruktivistInnen sind Gehirne völlig irrelevant. Sie gehören zur Umwelt." Hier wird das Gehirn als Produkt sozialer Übereinkünfte verstanden, die nicht auf das Gehirn selbst reduziertbar sind; vielmehr das Ergebnis von Wissenschaftstheorie, der Biologie als Disziplin, Technik usw. also alles soziale Prozesse. Diese Prozesse erzeugen zusammen so etwas wie die Idee eines Gehirns.

  • "Für SozialkonstruktivistInnen sind Gehirne völlig irrelevant. Sie gehören zur Umwelt."

    Ich denke man könnte hier berücksichtigen, das neben der Realität der Begriff der Wirklichkeit soziologisch interpretiert wird und eine dritte Instanz, die der Umwelt oder Welt hinzugefügt wird. Also für mich jetzt ein Begriffstrias aus Relität, Wirklichkeit und (Um-)Welt entsteht, wobei die Wirklichkeit die Brücke zwischen der philosophischen Realität und der soziologischen (Um-)Welt bildet.
    Eine ähnliche Passage habe ich bei Berger&Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (Vorwort: Helmuth Plessner) gefunden:
    "Welt, offene Welt, ist eine anthropologische Dimension und fungiert als unausschöpfbarer Hintergrund für jede Art von artikulierter Wirklichkeit. Der Ansatz bei dieser Dimension erfolgt im Interesse einer Freilegung der Vielfalt von Wirklichkeiten, in denen Menschen leben."

  • Ohne Sonne gäbe es auch keine, vielleicht sogar ohne Kartoffeln. Deshalb würde man aber nicht sagen, Sonne und Kartoffeln seien für SozialkonstruktivistInnen relevant.

    Da es konkret um das menschliche Gehirn ging, bringt diese Aussage wenig weiter.


    Worauf ich logisch hinauswollte, ist, dass Menschen offenbar von der biologischen Hirnstruktur abhängig sind, um überhaupt irgendetwas geistig konstruieren zu können. Die klare Tatsache, dass alles, was passiert, durch Menschen beschrieben und mit Erklärungsmuster belegt wird, entbindet nicht von der ebenfalls klaren Tatsache, dass das biologische Phänomen "Gehirn" auch ohne diese Beschreibungen und Erklärungsmuster der Fall wäre.

  • Da es konkret um das menschliche Gehirn ging, bringt diese Aussage wenig weiter.


    Worauf ich logisch hinauswollte, ist, dass Menschen offenbar von der biologischen Hirnstruktur abhängig sind, um überhaupt irgendetwas geistig konstruieren zu können. Die klare Tatsache, dass alles, was passiert, durch Menschen beschrieben und mit Erklärungsmuster belegt wird, entbindet nicht von der ebenfalls klaren Tatsache, dass das biologische Phänomen "Gehirn" auch ohne diese Beschreibungen und Erklärungsmuster der Fall wäre.

    Dem stimme ich zwar zu, aber solange wir das Gehirn noch nicht so gut erfasst und erforscht haben, dass wir alle Vorgänge darin messen, erklären und vorherberechnen können ist es erst einmal doch nur eine Black Box und bringt uns kaum etwas.

    Dass wir auf Körper und deren Funktionen angewiesen sind, um überhaupt denken zu können, ist doch eine Binsenweisheit und bedeutet weder, dass wir einen unmittelbaren Zugriff auf die Wirklichkeit hätten (ergo Realismus stimmen muss), noch können wir davon sicher herleiten, dass wir biodeterminiert denken (weil wir noch nicht genau wissen, wie all die komplexen Prozesse ablaufen)

  • Da es konkret um das menschliche Gehirn ging, bringt diese Aussage wenig weiter.


    Worauf ich logisch hinauswollte, ist, dass Menschen offenbar von der biologischen Hirnstruktur abhängig sind, um überhaupt irgendetwas geistig konstruieren zu können. Die klare Tatsache, dass alles, was passiert, durch Menschen beschrieben und mit Erklärungsmuster belegt wird, entbindet nicht von der ebenfalls klaren Tatsache, dass das biologische Phänomen "Gehirn" auch ohne diese Beschreibungen und Erklärungsmuster der Fall wäre.


    Dasselbe ließe sich auch weiterhin von der Sonne sagen. Wenn dem Gehirn aber eine so zentrale Bedeutung im Rahmen von Sozialkonstruktivismus (nicht zu verwechseln mit Konstruktivismus) zugeschrieben wird, dann muss die Begründung eine andere sein als dass "Gehirn" und nicht "Sonne" im Thread steht. Ich bestreite ja nicht, dass Gehirne eine Voraussetzung sind, sage nur eben, dass die Sonne auch eine ist.

  • Dasselbe ließe sich auch weiterhin von der Sonne sagen. Wenn dem Gehirn aber eine so zentrale Bedeutung im Rahmen von Sozialkonstruktivismus (nicht zu verwechseln mit Konstruktivismus) zugeschrieben wird, dann muss die Begründung eine andere sein als dass "Gehirn" und nicht "Sonne" im Thread steht. Ich bestreite ja nicht, dass Gehirne eine Voraussetzung sind, sage nur eben, dass die Sonne auch eine ist.

    Ich verstehe, worauf du hinaus willst, aber du hast ja weiter oben über die Rolle des Gehirns im Sozialkonstruktivismus begonnen zu sprechen. Und da war die Aussage, das Gehirn sei eine soziale Konstruktion. Dem habe ich etwas entgegengehalten. Dasselbe würde im Dialog über doe Sonne passieren, aber es ging ja nicht um die Sonne. Oder habe ich dich missverstanden?

    Dem stimme ich zwar zu, aber solange wir das Gehirn noch nicht so gut erfasst und erforscht haben, dass wir alle Vorgänge darin messen, erklären und vorherberechnen können ist es erst einmal doch nur eine Black Box und bringt uns kaum etwas.

    Dass wir auf Körper und deren Funktionen angewiesen sind, um überhaupt denken zu können, ist doch eine Binsenweisheit und bedeutet weder, dass wir einen unmittelbaren Zugriff auf die Wirklichkeit hätten (ergo Realismus stimmen muss), noch können wir davon sicher herleiten, dass wir biodeterminiert denken (weil wir noch nicht genau wissen, wie all die komplexen Prozesse ablaufen)

    Dem würde ich zustimmen. Ich fühlte mich dazu veranlasst, diese Binsenweisheit hier auszusprechen, da ich den Eindruck hatte, aus sozialkonstruktivistischer Sicht würde das bestritten. Hier kann aber auch ein Missverständnis meinerseits vorliegen.