Markus Gabriel und seine Aussagen zum Konstruktivismus



  • Nur dachte ich, dass selbst Teile der Philosophie (eben z.B. der radikale Konstruktivismus) und auch die Soziologie (sozialer Konstruktivismus) sich längst den Naturwissenschaften angepasst haben. Denn diese Erkenntnisse rund um Autopoesis, Wahrnehmung etc. pp. stammen alle aus der Naturwissenschaft, also aus der Biologie und Neurologie. Klar kann man das Rad als junger Philosoph jetzt jeweils neu erfinden, aber das wirkt auf mich alles sehr an den Haaren herbeigezogen und so als ob man einfach mal eine harte Gegenposition einnimmt um entsprechende mediale Aufmerksamkeit zu generieren. So wie es im Jahr 2019 immer noch eine Community gibt, die felsenfest nach Außen propagiert, dass die Erde eine Scheibe sei.

    Wenn wenigstens Gabriels Argumente schlüssig wären, würde ich mich ja wirklich drauf einlassen.

    Nun ich denke, dass es nicht darum geht, dass sich die Einen den Anderen anpassen. Vielmehr gehe ich davon aus, dass die meisten Wissenschaftler beide Denkrichtungen (Naturwissenschaftlich / Philosophisch) gleichzeitig anwenden. So bleibt einmal das eine und einmal das andere unbestimmt. Es entstehen verschiedene Dimensionen die mal mehr oder weniger gewichtet werden können.

    Ob die Argumente Gabriels schlüssig sind oder nicht, kann ich noch nicht sagen. Ich lasse das einfach mal als eine weitere Realität so stehen. Ich kann auch noch noch nicht wirklich unterscheiden was von seinen Aussagen nur Marketing ist und was echte Tiefe hat. Da fehlt mir einfach noch die notwendige Auflösung. Gefühlt ist das vermischt. Auf die gleiche Ebene wie die "flache Erde" Geschichte möchte ich seine Theorie deswegen aber nicht stellen.

  • Ich glaube, dass die scheinbaren Gegensätze eher daher rühren, dass wir irrtümlich annehmen, dass nur weil wir die gleichen Worte benutzen damit auch das gleiche meinen. Die Sprache ist, gerade in so einem Kontext, eine zur Unterkomplexität neigende Kommunikationsform. Leider habe wir bisher noch keine bessere allgemeine Kommunikationsform. Weil was genau meint jemand wenn er von Konstruktion oder Realismus spricht?


    Aus neurologischer Sicht ist es plausibel davon auszugehen, das etwas konstruiert wird, da Nervenimpulse nur fragmentarische Informationen über die Beschaffenheit einer eventuell vorhanden Realität an das Gehirn weitergeben können und in diesem dann damit etwas passiert. Inzwischen können einzelne spezialisierte Verarbeitungszentren identifiziert sowie deren Zusammenwirken beobachtet werden. Solche spezialisierten Bereich können inzwischen in künstlichen Neuronalen-Netzen in Form einer schwachen KI nachgebildet werden. Wie genau das Gesamtbild einer "Wirklichkeit" entsteht kann jedoch (noch?) nicht nachvollzogen werden. Entsprechend sind wir bisher auch nicht in der Lage eine starke KI zu erstellen.


    Aus Sicht eines philosophischen Realismus wird eine Wirklichkeit postuliert. Da diese notwendigerweise als Axiom vorausgesetzt wird, kann diese

    Wirklichkeit keine Folge einer Aktivität im Gehirn sein oder gar von dieser abhängig. Um zu dieser postulierten Wirklichkeit Aussagen machen zu können, muss ich zu dieser einen direkte Zugang haben. Eine wie auch immer geartete Kopie/Konstruktion reicht nicht, da ich sonst niemals in die Lage kommen würde die "Echtheit" der Kopie überprüfen zu können, da ich meine Erkenntnisse immer nur an einer Kopie abgleichen könnte.


    Nach den Aussagen und Argumentationen welche in beiden Sendungen von Markus Gabriel getätigt wurden, stellt sich mir vor allem die Frage worum es eigentlich geht. Ich gehe davon aus, dass die Positionen am Ende nicht so radikal auseinander sind, wie er versucht dieses zu postulieren. Mir scheint es eher so, dass es ihm um die Reaktivierung des Begriffes der "Wahrheit" geht. Damit dieser in gesellschaftlichen Diskussionen genutzt werden kann, um andere Interessen in Diskursen leichter abschmettern zu können, soweit diese keine Argumente entsprechend seiner Wahrheitsdefinition vorgebracht haben. Aus meiner Sicht eine problematische Rückkehr und gerade eine seriöse Wissenschaft sollte sich vom Wahrheitsdogma eher fernhalten. Ich denke für die verschiedenen gesellschaftlichen Diskurse ist "Wahrheit" gar nicht nötig, da die beabsichtige Verbesserung aus meiner Sicht bereits darüber erreicht würde wenn in Diskussionen eben argumentiert würde und nicht einfach Behauptungen aufgestellt oder Emotionen geweckt werden dürften ohne Argumente vorbringen zu müssen. Aussage wie "Es ist so weil ich (oder irgendwer) es sage." oder Begründungen wie "Weil ich (oder irgendwelche) es für richtig halte/n." sind eben keine Argumente.

  • Markus Gabriel halte ich für einen "schwierigen" Denker. Ich höre mir zwar gerne Vorträge/Diskussionen mit ihm an bzw. lese seine Bücher, da er einen immer wieder mit interessanten Gedankengängen konfrontiert, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Auf der anderen Seite aber irritiert mich seine arrogante, teilweise fast schon polemische Art sehr, auf die man immer wieder stößt, wenn er andere Perspektiven und Denker angeht, die konträr zu ihm stehen bzw. seine Philosophie gegen jene zu verteidigen versucht (sowie etwa den Konstruktivismus). Da wird dann leider gerne ein unzureichend vereinfachter Strohmann errichtet und gegen diesen mit sophistischer Spitzfindigkeit, innerhalb seines eigenen Sprachspiels argumentiert.


    Man sucht leider auch vergebens nach Aufzeichnungen in denen Gabriel mit seinen philosophischen Gegnern diskutiert, denn so eine Auseinandersetzung würde ich sehr interessant finden. Wenn jemand dazu etwas findet, würde ich mich sehr über Links freuen.

  • Nachdem ich Gregory Batesons "Geist und Natur" gelesen hatte und Heinz von Foersters "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" (Primärliteratur), habe ich für mich die Basis gefunden. Von dort ausgehend gelingt es leichter sich mit der heutigen Sekundärliteratur auseinander zu setzen. Es kommt natürlich auf den jeweiligen Kontext an, was einem "leicht" fällt oder eben als "schwere oder schwierige Kost" gesehen wird. Wer also Basiswissen zu komplexen Systemen, Systemtheorie, Kommunikation sucht, könnte dort fündig werden ;)

    mein Entwicklungspfad: über die Thematik Nachhaltigkeit erkennend, das ist richtig, jedoch nicht die Basis

    Donella H. Meadows Buch "Die Grenzen des Denkens" entdeckt und verstanden das ist die Basis :)

    intensive Literaturstudie "komplexe Systeme" über die Kybernetik kommend, G.Bateson, HvFoerster und viele andere aufgesogen

    Übertragen erster Erkenntnisse in die tägliche Praxis

    Literaturstudie heutiger Wissenschaftler wie Hartmut Rosa, Armin Nassehi, Wolfram Lutterer, Maria Pruckner

    Soziopod entdeckt ;)

  • ich bin ja philosophisch grün hinter den ohren aber ist das nicht sowas wie das gleichsetzen von ontologie und epistemologie? oder eine verwechselung ? es geht doch beim konstruktivismus um das erkennen. wir konstruieren das gehirn heisst ja nicht das wir es erschaffen sondern erkennen (wir erschaffen nur das konstrukt) ?

    wir machen eine unterscheidung von gehirn und allem anderen.

    etwas ist aber schon da...