Warum Soziologie sich so schwer tut, die Welt zu verändern

  • Ich nehme mir mal heraus, diesen Beitrag von Benjamin Köhler auf folgende Erkenntnis zu reduzieren :

    Zitat

    "Kritik führt nicht automatisch schon aus den kritisierten Verhältnissen hinaus, sie ist in ihrer konkreten Form unter Umständen sogar, und ganz im Gegenteil, Ausdruck längst erfolgter, uneingestandener Anpassung ans Bestehende."


    Quelle : https://soziologieblog.hypotheses.org/7396

    Liegt es aber nicht viel mehr an der abgehobenen Akademikersprache systemkritischer Soziologen, dass sie die, für die sie sprechen wollen - also die unter dem Status-Quo, dessen Veränderung angestrebt wird, leiden - nicht erreichen ? Mit der Sprache will man sich aber im Angesicht der Funktionseliten seriös geben und 1. vom Populismus, 2. von den Abgehängten distanzieren, um als eine Art Bittsteller zu funktionieren. Als wäre Kritik nur glaubwürdig, wenn sie von Außen käme und auch nur dann wirksam ? Der durch die Sprache zu simulieren versuchte seriöse Habitus soll als Eintritt in die Welt der Funktionseliten dienen und macht den Systemkritiker zu einem Wandler zwischen den Welten, der doch für beide Welten unsichtbar bleiben muss : Die einen verstehen ihn nicht, die anderen brauchen und wollen ihn nicht. Deswegen können alle diplomatischen Bemühungen nur scheitern.

  • Tetagmenon

    Hat den Titel des Themas von „Warm Soziologie sich so schwer tut, die Welt zu verändern“ zu „Warum Soziologie sich so schwer tut, die Welt zu verändern“ geändert.
  • Tetagmenon  

    Ich bringe da mal Luhmanns Theorie ins Spiel. Er geht ja von getrennten Systemen aus, mit eigenen Regeln und so etwas wie eigenem Habitus (eigener Kommunikation). Die Systeme interessieren sich jeweils nur für sich selbst und bleiben anderen Systemen gegenüber gleichgültig. Beispielsweise Wirtschaft interessiert sich erstmal gar nicht für Moral, solange es keine Auswirkungen auf das eigene Handeln gibt, zum Beispiel unmittelbar durch Gewinnverluste oder Subventionen. Daher sind "strukturelle Kopplungen" zwischen den Systemen notwendig, um überhaupt mal unterschiedliche Systeme voneinander wissen zu lassen. Das sind dann Formen und Institutionen wie zum Beispiel die Wissenschaft, die versucht verschiedene Systeme strukturell zu koppeln. Zum Beispiel Medizin mit Wirtschaft und/oder Politik. Möchte man also die Wirtschaft mit sozialen Fragen koppeln (aka ins Gespräch bringen), muss die Sozialwissenschaft eine Vermittler- und Übersetzerrolle einnehmen. Dazu muss sie aber eben auch in der Lage sein beide zu koppelnde Systeme zu verstehen und sich in ihr verständlich machen. Das erfolgt natürlich auch ganz maßgeblich über Sprache, aber eben vor allem auch über (teilnehmende) Beobachtung. Sehr viele Sozialwissenschaftler verlassen aber gar nicht mehr ihren Campus. Sie müssten eigentlich dauernd im Feld sein oder sich mit Systemen koppeln, die permanent im Feld sind. Dazu muss man auch erstmal den Mut haben, denn das bedeutet eben auch die eigene akademische Habitus-Blase zu verlassen und sich selbst kritisch zu hinterfragen. Das führt dann eben auch dazu, dass im Grunde die Kopplung nur in eine Richtung verläuft. Der Report aus dem Feld an die Politik und eben nicht umgekehrt. Wissenschaft sollte eigentlich aber vermitteln und eben beiden Seiten rückkoppeln und das geschieht meines Erachtens so gut wie gar nicht, eben weil der akademische Habitus eben oft auch darauf baut, etwas besonderes zu sein und sich - wie du schon schriebst - von den anderen ("dem Pöbel") abgrenzen will.

    Auf alle Fälle eine spannende Frage. Meine Idee dazu ist: Wissenschaft muss viel zugänglicher werden. Es muss eine Mitmach-Bewegung sein. Allerdings werden da sehr viele Akademiker Einspruch einlegen. Eben aufgrund der angesprochenen Abgrenzung.


    Auf alle Fälle spannende Fragen!


  • Ich glaube das ist ein komplexes Phänomen. Die Sprache ist mit Sicherheit ein Punkt. Kein normaler Mensch kann die meisten akademischen Paper lesen. Dass die meisten fast nur auf englisch erscheinen, macht es nicht besser. Was ja für die Wissenschaft auch gut und wichtig ist, um den Austausch über Sprachbarrieren hinweg zu schaffen, aber für die meisten Menschen halt zum Problem wird. Und wenn ein Soziologe dann mal ein Buch schreibt, dass auf deutsch erscheint, dann ist es dick und schwer zu lesen.


    Die Kopplung von Systemen finde ich aber auch spannend. Ich denke, dass es v. A. in der Soziologie fast auf der Hand liegt. Bourdieu zum Beispiel wird ja recht breit gelesen, was man darauf gut zurück führen kann. Ich persönlich hab auch den Eindruck, dass die Ausbildung, die man als Soziologe an der Uni erfährt definitiv nicht dazu motiviert seine Blase zu verlassen.


    Mein Eindruck ist auch, dass die Soziologie heute sehr stark beschreibend ist. Wenn die Leute untersuchen, welcher Zusammenhang zwischen Alter und Kaufverhalten besteht, dann fällt mir da wenig ein, was man danach verändern könnte.


    Ich würde in dem Kontext mal den alten Marx bemühen: "Die Waffe der Kritik kann die Kritik der Waffen nicht ersetzen."

    Womit ich jetzt natürlich nicht zu der Bildung soziologischer Paramilitärs aufrufe. Ich möchte damit nur sagen, dass Ansichten, die von Wissenschaftler in kritischer Absicht geäußert werden ja nur eine Wirkung entfalten, wenn eine politische Bewegung sie aufnimmt und versucht in die Praxis zu bringen. Ich glaube daher, dass das auch ein Zeichen schlichter politischer Schwäche ist.

  • Herr Breitenbach


    euer Podcast zu Luhmanns Systemtheorie hat mich damals sehr bereichert und würde sagen, dass er wesentlich dazu beitrug, mich zum Nachdenken über die Kommunikationshürden zwischen System zu bringen. Das Stichwort "strukturelle Kopplung" halte ich für wesentlich. Da fällt mir aus der Medientheorie von Sybille Krämer ihr Modell des Boten als Hybridwesen ein. Es ist ja nicht so, als würden die Systeme untereinander nicht kommunizieren. Das tun sie sehr wohl. Nur ist die systemische Sprache durch die Reduzierung auf die Funktion sehr fest gefahren und scheint uns Menschen als naturgegebene Prinzipien, statt als das, was sie sind : anthropogen. Wenn es also in den herrschenden Systemen Kommunikation untereinander schon gibt, stellt sich die Frage, wen oder was man als ihre Boten identifizieren muss. Für mich ist es augenscheinlich so, dass diese in der Bürokratie und in den öffentlichen Medien zu finden sein müssen. Die Bürokratie wirkt durch Gewalt und die Medien durch populistische Sprache, die Menschen durch Emotionen, statt durch distanzierte sachlich dargestellte Fakten bewegt. In den Sozialwissenschaft haben wir es auch mit distanziert dargestellten Fakten zu tun, so dass ein Leser, den der Sachverhalt betrifft, selber auch distanziert bleiben muss und anschließend wieder zur gewohnten Tagesordnung übergeht, wenn er nicht schon zuvor auf andere Weise seine eigene Betroffenheit erkannt hat.

  • Ich würde in dem Kontext mal den alten Marx bemühen: "Die Waffe der Kritik kann die Kritik der Waffen nicht ersetzen."

    Womit ich jetzt natürlich nicht zu der Bildung soziologischer Paramilitärs aufrufe. Ich möchte damit nur sagen, dass Ansichten, die von Wissenschaftler in kritischer Absicht geäußert werden ja nur eine Wirkung entfalten, wenn eine politische Bewegung sie aufnimmt und versucht in die Praxis zu bringen. Ich glaube daher, dass das auch ein Zeichen schlichter politischer Schwäche ist.

    Schon Marx Frau Jenny hatte darüber geklagt, dass sein Hauptwerk die nicht erreichen kann, für die es eigentlich gedacht ist. Ich glaube, dass er zu Lebzeiten durch seine Tätigkeit als Journalist und Redner weit mehr Menschen erreichte, als mit seinem komplizierten Hauptwerk. Er sprache ja von der geistigen Waffe, womit er die Philisophie und die Schreibfeder meinte.

  • Auch ich möchte mich dem anschließen. Die "strukturelle Kopplung" der Systeme ist unerlässlich! Ich bin ursprünglich klassische BWLerin und habe nur über die zufällige Entdeckung von Soziopod den Zugang zur Thematik gefunden. Genau deshalb habe ich es nun zu meinem Auftrag gemacht, den Menschen in meinem Umfeld den Zugang auch zu ermöglichen. Es ist unglaublich zu sehen, wie sehr man die Menschen mit den richtigen Impulsen zum Denken anregen kann und wie sie in den Diskussionen aufgehen. Soziologie hat das Potenzial die Welt zu verändern, aber sie muss sich dem Rest der Welt erst öffnen und aktiv den Kontakt suchen! Jeder von uns kann dazu im Alltag beitragen.

  • Ich möchte hierzu Paul Watzlawick zitieren: „Man kann nicht nicht kommunizieren!“ Wenn ich also nicht auf die Menschen zugehe um mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren, dann „kommuniziere“ ich womöglich ungewollt die Haltung, mit dir rede ich nicht.

    Wer mir vermeintlich so gegenüber steht, für dessen Thesen interessiere ich mich dann eher nicht.


    Mir fällt dazu auch ein sehr guter Podcast ein den ich letzten gehört habe, über Talcott Parsons. 8)

    Jede Gruppe ist ein Teil der Gesellschaft so wie die Organe eines Körpers. Diese Teile des ganzen müssen aber miteinander Kommunizieren, sonst wird das nichts.

  • Paul Watzlawickzitieren: „Man kann nicht nicht kommunizieren!“

    das Zitat ist ein sehr schönes Beispiel dafür, dass wir bei solch universellen Aussagen aufpassen müssen, in der Beschreibung "sauber" zu sein. Als ich vor vielen Jahren das erste Mal mit dieser Aussage konfrontiert wurde hatte ich ein Gefühl, dass mit dieser Aussage etwas nicht stimmt. Nach einiger Zeit der Überlegung bin ich darauf gekommen, dass mir das "man" nicht passt, die Erklärung dazu lieferte mir dann Dr. Wolfram Lutterer:


    "Man kann nicht nicht kommunizieren" (Watzlawick et al. 1967, 53)

    "Wir können niemals nicht kommunizieren, und als menschliche Lebewesen und Mitglieder einer Gesellschaft sind biologischerweise gezwungen zu kommunizieren" (Ruesch in Ruesch/Bateson 1951a, 18)

    "Man kann nicht nicht kommunizieren" ist vermutlich der bekannteste Ausdruck aus der Menschlichen Kommunikation. Sein Vorläufer findet sich jedoch bereits in Rueschs einleitendem Kapitel in Kommunikation. Sehr subtil, und vielleicht auf den ersten Blick gar nicht ersichtlich, ist die Bedeutungsverschiebung, die mit diesem Axiom vorgenommen wird:Watzlawick trennt sich mit "Man kann nicht" von der reflexiven Stellung des von Ruesch und Bateson begründeten kommunikationstheoretischen Ansatzes. Deren "Wir können niemals" bezieht im Gegensatz zu Watzlawicks pseudo-objektivem "man" den Beobachter ausdrücklich mit ein. Die Folge: In dem einen Fall wird eine Aussage über jemanden gemacht (Watzlawick), im anderen Fall hingegen eine Aussage, die keine besondere Position des Beobachters behauptet (Ruesch). Es wurde diesbezüglich auch bereits auf Watzlawicks spätere Behauptung, man könne auch nicht nicht manipulieren, hingewiesen. (Lutterer, Auf den Spuren ökologischen Bewusstseins, eine Analyse des Gesamtwerks von Gregory Bateson, S. 278)


    Selbst Heinz von Foersters ethischer Imperativ enthält eine solche Bedeutungsverschiebung,

    "Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird"

    müsste meiner Ansicht nach mit "Ich..." beginnen. Wir können nur jeweils selbst handeln...

    mein Entwicklungspfad: über die Thematik Nachhaltigkeit erkennend, das ist richtig, jedoch nicht die Basis

    Donella H. Meadows Buch "Die Grenzen des Denkens" entdeckt und verstanden das ist die Basis :)

    intensive Literaturstudie "komplexe Systeme" über die Kybernetik kommend, G.Bateson, HvFoerster und viele andere aufgesogen

    Übertragen erster Erkenntnisse in die tägliche Praxis

    Literaturstudie heutiger Wissenschaftler wie Hartmut Rosa, Armin Nassehi, Wolfram Lutterer, Maria Pruckner

    Soziopod entdeckt ;)

  • Auf alle Fälle eine spannende Frage. Meine Idee dazu ist: Wissenschaft muss viel zugänglicher werden. Es muss eine Mitmach-Bewegung sein. Allerdings werden da sehr viele Akademiker Einspruch einlegen. Eben aufgrund der angesprochenen Abgrenzung.


    Ein Problem liegt halt auch darin wie unser wissenschaftliches System funktioniert. Wer heutzutage wissenschaftlich Karriere machen will, muss ein Paper nach dem anderen veröffentlichen. Fachliteratur bzw. Öffentlichkeitsarbeit wird einem hier selten honoriert und in manchen Disziplinen handelt man sich dabei auch noch den Spott (böse Zungen würde auch von Neid sprechen) der Kollegen ein, wenn versucht wird die eigene Disziplin populär zu machen, was dazu führt, dass man vor die Wahl zwischen seiner wissenschaftlichen Karriere und der Öffentlichkeitsarbeit gestellt wird. Wenn, dann entscheiden sich viele erst wesentlich später für Zweites, wenn sie irgendwann ganz oben auf der Karriereleiter angelangt sind. Um aktuelle Themen oder ganz einfach nur die Disziplin der Öffentlichkeit näherzubringen, würde es gar keinen Profressor benötigen, das könnten auch jüngere, akademisch weniger dotierte Personen übernehmen.


    Interdisziplinäres Arbeiten zwischen den Fachrichtungen ist auch schwierig, wenn ich bedenke wie hochspezialisiert unsere Ausbildungen mittlerweile sind. Generalisten werden von unserem Bildungssystem ja weitgehend wegrationalisiert.




    ThomasG

    Bei der Kritik am "man" kann ich nicht mitgehen, da "man" doch verschiedene Bedeutungen haben kann und eine darunter ist ein allgemeiner Bezug, der einen auch selbst mit einschließt, ein Synonym zum "wir", welches von Ruesch/Bateson verwendet wird. Mein "Unverständnis" rührt wahrscheinlich auch daher, dass ich "man" selbst auch meistens in Form der Allgemeinheit verwende (die mich mit einschließt) aber da sind wir dann wieder bei Wittgensteins Sprachspiele.


    Zu Heinz von Foersters Aussage sehe ich das übrigens genauso, dass er sich ganz kantianisch hier selbst mit einschließt.

  • Ich finde das Thema „Warum Soziologie sich so schwer tut...“ sehr spannend, auch als „Gasthörer“ der nicht aus der Geisteswissenschaft kommt. Den die Kluft zwischen denen die etwas zu sagen haben (hier die Soziologen) und denen die etwas lernen könnten (alle anderen) ist in vielen Bereichen leider sehr groß.


    Mein Steckenpferd ist die Architekturgeschichte und da speziell die Burgenforschung. Dieses Themengebiet hat nun den Vorteil, gegenüber der Soziologie, das es um etwas Handfestes geht, das im allgemeinen jeder verstehen kann. Aber auch hier gibt es diese Kluft.

    Auf der einen Seite haben wir die Fachleute aus der Architektur und Kunstgeschichte die viel spannendes zu Burgen zu sagen haben, dem gegenüber die wirklich vielen Menschen die mit Begeisterung sich die alten Gemäuer ansehen aber sich vor allem für die überholten Klischees wie Eisernejungfrau, Folterkeller, Krokodil im Graben, Schloßgespenst und Fluchtgang interessieren und den neuesten Stand der Forschung als eher lästig empfinden. Und ich versteh nicht warum das so ist. Natürlich hat es auch etwas mit der Form der Präsentation zu tun, aber ich denke das geht noch weiter.


    Ich habe das Gefühl das sich in unserer Gesellschaft eine Grundhaltung breit gemacht hat die jede Form von Erkenntnis erst mal ablehnt. Vielleicht als Reaktion auf das Schulwesen in dem Lernen als etwas unangenehmes kennen gelernt wird. Dabei ist unser Gehirn auf lernen programmiert.


    2011 habe ich eine Fachtagung zu dem Thema organisiert und hatte überlegt zu dem Thema auch einen Soziologen zu befragen, in der Hoffnung das er/sie eine Antwort weiss, ich hatte aber keinen gefunden. Da wusste ich noch nicht das sich diese Zunft mit einem ähnlichen Problem plagt.


    Vielleicht ergibt sich ja dann eine Zusammenarbeit bei einer kommenden Tagung.

  • Ich finde, Soziologie hat schon einen gehörigen Einfluss, bedenkt man z.B. die Geschlechter- oder Erziehungsfragen. Ist das aber überhaupt ihre Aufgabe? Würde man auch fragen, wieso Politikwissenschaftler oder Historiker die Welt nicht verändern? Änderungen sind politisch und dafür gibt es Verfahren. Soziologie kann lediglich für diese Verfahren Wissen bereitstellen.

  • Soziologie kann lediglich für diese Verfahren Wissen bereitstellen.


    Diese Aussage möchte ich eben infrage stellen. Ich hoffe, dass Akademiker nicht nur Wissen für das Bestehende bereitstellen, sondern auch den lernende Systeme unterstützen und Möglichkeitsräume für politisches "vernünftiges" Handeln schaffen, wenn auch zunächst nur gedankliche.


    Um aktuelle Themen oder ganz einfach nur die Disziplin der Öffentlichkeit näherzubringen, würde es gar keinen Profressor benötigen, das könnten auch jüngere, akademisch weniger dotierte Personen übernehmen.

    Zum einen: So nachvollziehbar die Erläuterungen der Hürden und Dilemmata von Akademikern auch sind, stellt sich hier nicht die Frage einer ethischen Verpflichtung des Gebildeten zum aktiven Bemühen um niederschwellige Zugänge zu Forschung und Wissenschaft? Und beinhaltet die ethische Verantwortung nicht auch das Vorgenannte? Dieser Raum (das Forum) ist ja bereits ein Schritt in diese Richtung und könnte als Anregung dienen für Ähnliches.

    Zum anderen möchte ich höflich fragen, ob sich im Zitat ein elitärer Unterton zu verbergen scheint, nicht nur, weil ich zu der genannten erwähnten Nachwuchsgruppe gehöre und mich - aus eigenen Überlegungen heraus- der ethischen Verantwortung stellen muss.

    Schliesslich hoffe ich auf Ideen, wie genau wir - neben dem Anstoss von Diskussionen

    Es ist unglaublich zu sehen, wie sehr man die Menschen mit den richtigen Impulsen zum Denken anregen kann

    oder in anderer, möglichst effizienter Weise - dieser Verantwortung gerecht werden können. So?: Effizienter Altruismus, wo eine meine Töchter sich engagiert, oder durch Blogs, Kommentare und mit anderen Social - Media - Meinungsbildung- Prozess- Arbeit?

    Ich bin noch ratlos und hoffe sehr auf hilfreiche Antworten.

  • Stellt neues Wissen nicht solche Möglichkeitsräume für vernünftiges Handeln dar? Ich finde in der Soziologie keine Basis für Ethikdiskurse, welche die Philosophie nicht besser führen könne. Vielmehr sehe ich die politische Dimension der Soziologie darin, Widersprüche zwischen gesellschaflicher Selbstbeschreibung und Tatsachen aufzudecken. Z.B. kann sie sehr gut herausfinden, ob bestimmte Gerechtigkeitslogiken realisiert oder nur Seifenblasen sind.

  • Sehr gewinnbringend für meine Betrachtung halte ich die aktuellen Ansichten von Robert Pfaller und der von ihm betrachteten Erwachsenensprache. Er sagt auch, dass die Betrachtung der Probleme von Randgruppen lediglich einer profitablen Distinktion der Aspiraten diene, ohne dabei tatsächlich im Sinn haben zu wollen, irgendwelche Probleme zu lösen. Das erinnert mich dann irgendwie an die Autopoiesis von Systemen.

  • Mit dem Marxismus wurde ja bereits eine komplexe soziologische Theorie angewandt, um die Welt zu verändern. Die Geschichte der kommunistischen Staaten ist ein Beispiel für die Umsetzung soziologischer Theorie in Praxis. Ein sehr abschreckendes Beispiel, wie ich hinzufügen möchte, ein Beispiel, mit dem man sich insbesondere als Soziologe, kritisch auseinandersetzen sollte.

  • Wenn man Gesellschaft nicht religiös gestalten will, bleiben doch nur wissenschaftliche Theorien. Marxismus ist ja nur eine, Merkantilismus, Sozialdarwinismus, Ökonomie des freien Marktes usw.

    Ich wüsste nicht, wo beim Marxismus und der Ökonomie des freien Marktes das wissenschaftliche in den Theorien stecken soll und worin sich diese von Religionen unterscheiden sollten. Beide Theorien können sicher mit einer ähnlichen Anzahl von Toten aufwarten wie andere Weltreligionen und ebenso mit Anhängern die zum Töten bereit sind.