Soziopod Academics #003: Gesellschaft und Identität von George Herbert Mead

  • Die Theorie der Identitätsbildung von G.H. Mead

    Soziopod-Abstract zur Episode Soziopod Academics #003: Gesellschaft und Identität von George Herbert Mead


    Als ein Begründer der sozialwissenschaftlich fundierten Identitätsforschung sieht George Herbert Mead (1863-1931) die Fähigkeit zur Rollen- und Perspektivübernahme als entscheidend für die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen. Indem Personen lernen, sich selbst aus der Perspektive eines anderen zu betrachten, können sie ein Verhältnis zu sich selbst einnehmen, das als Grundlage für jede inhaltliche Auseinandersetzung mit der eigenen Person dient. Diese Fähigkeit ist das Ergebnis eines schrittweisen Sozialisationsprozesses, in dessen Zentrum das Erlernen der Sprache als gesellschaftlich geteiltem Symbolsystem steht. Mead unterscheidet drei Phasen des Spracherwerbs:

    1. Die ‚Geste’: Hier wird der Kontakt durch körperliche Haltungen ausgedrückt. Das Ablesen dieser Haltungen ermöglicht eine erste gegenseitige Verhaltensangleichung zwischen Bezugsperson und Kind.

    2. Die ‚vokale Geste’: Hier vollzieht sich der Übergang zum ‚signifikanten Symbol’. Das Kind beginnt, durch Zeigen, Deuten und Rufen andere zu beeinflussen.

    3. Die ‚signifikante Geste’: Intentionen und Bedeutungen können jetzt auf dem allgemein- anerkannten Bedeutungsgrund der Sprache wechselseitig erschlossen und verarbeitet werden.

    Das Erlernen der Sprache ermöglicht dem Menschen, mithilfe eines allgemein gültigen Symbolsystems Haltungen, Intentionen, Bedeutungen und Gefühle auszudrücken und mit anderen Personen auszutauschen. Sprache eröffnet in diesem Sinn ein symbolisches Universum an Ausdrucksmöglichkeiten.

    Durch sprachliche Handlungen wird die interagierende soziale Umwelt zu einem Spiegel, in dem das eigene Verhalten wahrgenommen und abgelesen werden kann. Sind es in der Kindheit zunächst die primären Bezugspersonen eines Kindes – Mead bezeichnet sie als ‚signifikante Andere‘ – mit denen diese spiegelnden Interaktionen eingeübt werden, lernen Heranwachsende in zunehmendem Maße, die Haltungen größerer sozialen Gruppen bin hin zum gesamtgesellschaftlichen ‚generalisierten Anderen‘ zu einem zentralen Aspekt des eigenen Selbst zu machen.

    Im Zuge dieser Entwicklungen verfeinert sich die Fähigkeit eines Individuums, Objekt für sich selbst sein zu können: Es entsteht die Fähigkeit eines inneren Dialogs, in dem die eigenen Motive und Haltungen zum Gegenstand der Selbstreflexion werden. Die Übernahme der gesamtgesellschaftlichen Einstellungen der Interaktionspartner bezeichnet Mead als das ‚Mich‘. Es besteht aus den internalisierten Verhaltenserwartungen des generalisierten Anderen. Das ‚Ich‘ repräsentiert die Fähigkeit des Individuums, kreativ und spontan diese Verhaltenserwartungen verarbeiten zu können und vermittelt damit dem Einzelnen ein Bewusstsein seiner Freiheit. Diese beiden Aspekte bilden für Mead die zentralen Instanzen ‚Ich und Mich (I and Me)‘, die das Selbst einer Person konstituieren.

    Um präzise zu beschreiben, wie sich das Zusammenspiel zwischen Individuum und Gesellschaft strukturiert, unterscheidet Mead die Begriffe Denken, Geist und Sinn:

    - ‚Denken‘: Fähigkeit, die Reaktionen seines Interaktionspartners zu antizipieren. Denken steht zwischen den sozialen Reizen und dem antwortenden Verhalten und bildet damit die soziale Welt.

    - ‚Geist’: Fähigkeit des Menschen, Haltungen und Handlungen auf der Grundlage von gesellschaftlichen Erfahrungen anzupassen.

    - ‚Sinn’: Struktur des gesellschaftlichen Handelns, Gesamtkoordination des sozialen Lebens.



    Literatur

    Baumgart, F. (2008): Theorien der Sozialisation. UTB, Stuttgart

    Garz, D. (2008): Sozialpsychologische Entwicklungstheorien: Von Mead, Piaget und Kohlberg bis zur Gegenwart. VS-Verlag, Wiesbaden

    Köbel, N. (2018): Identität, Werte, Weltdeutung. Weinheim, Beltz

    Mead, G.H. (1973): Geist, Identität, Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt

    Neumann, K. (1983): Der Beginn der Kommunikation zwischen Mutter und Kind. Strukturanalyse der Mutter-Kind-Interaktion. Klinkhardt, Bad Heilbrunn

    Stern, D. (2000): Mutter und Kind – Die erste Beziehung. Klett-Cotta, Stuttgart