Soziopod Academics 004: Die strukturfunktionalistische Systemtheorie von Talcott Parsons

  • Die strukturfunktionalistische Systemtheorie von Talcott Parsons

    Soziopod-Abstract zu Episode Soziopod Academics 004: Die strukturfunktionalistische Systemtheorie von Talcott Parsons (von Prof. Dr. Nils Köbel)

    Talcott Parsons (1902 – 1979) gilt als einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Seine wissenschaftliche Leistung besteht in der Konzeption einer ersten integrativen soziologischen Systemtheorie, in der zahlreiche sozialwissenschaftliche, philosophische und psychologische Ansätze zu einem umfassenden Gesellschaftskonzept verbunden werden.

    Parsons schlägt vor, Gesellschaften mit biologischen Organismen zu vergleichen. Wie biologische Systeme grenzen sich Gesellschaften von ihrer Umwelt ab und bilden eine innere Struktur, in denen Teilsysteme bestimmte Aufgaben übernehmen. So wie einzelne Organe ihren Beitrag zur Fortleben eines Organismus leisten, übernehmen spezifische Institutionen Funktionen für ein Gesellschaftssystem: Das ökonomische System etwa stellt Waren und Dienstleitungen bereit, das politische System erlässt Gesetze zum Ausgleich unterschiedlicher Interessen. Diese Grundstruktur, dass Teilsysteme Funktionen für den Erhalt des Gesamtsystems erfüllen, ist Parsons zufolge in allen Epochen wirksam, es stellt die Kernlogik jeder Gesellschaft dar. Im Zentrum seines Theoriemodells steht immer die Stabilität einer Gesellschaft, daher richten sich Parsons zufolge alle sozialen Funktionen nach der bestehenden Gesellschaftsstruktur. In der Soziologie wird diese Konzeption als ‚strukturfunktionalistische Systemtheorie‘ bezeichnet.

    Vor diesem Hintergrund konzipiert Parsons eine Sozialisationstheorie, in deren Kern das Erlernen sozialer Rollen steht. Da Institutionen durch das soziale Handeln ihrer Mitglieder betrieben werden, müssen Sozialisationsinstanzen wie Familie und Schule Heranwachsenden die Fähigkeit und Bereitschaft zum Rollenhandeln vermittelt. In Anlehnung an Sigmund Freuds Theorie des psychischen Apparats müssen nach Parsons individuelle Wünsche und Bedürfnisse mit den funktionalen Anforderungen einer Gesellschaft zusammengehen. Dafür ist es unerlässlich, gesellschaftliche Rollen, Werte und Normen zu übernehmen. Die Motivation hierfür bilden Anerkennung und Wertschätzung für konformes Handeln durch das soziale Umfeld. Ein entscheidender Aspekt der Sozialisation besteht in der sich allmählich herausbildenden Fähigkeit, bestimmte Rollentypen unterscheiden zu können: Persönliche, gefühlsbetonte und gemeinschaftliche Beziehungen wie in Familien und Freundschaften, bezeichnet Parsons als ‚partikulare‘ Rollenbeziehungen. Unpersönliche, austauschbare Beziehungen wie in beruflichen Kontexten, nennt Parsons ‚universale‘ Rollenbeziehungen. Universale und partikulare Rollen beinhalten unterschiedliche Grundmuster, die so genannten ‚Pattern Variables‘:


    Partikulare Rollenbeziehungen

    Universale Rollenbeziehungen

    Affektivität

    Affektive Neutralität

    Diffusität

    Spezifität

    Zuschreibung

    Erlangung

    Gemeinschaftsorientierung

    Selbstorientierung



    Literatur:


    Baumgart, F. (2008): Theorien der Sozialisation. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt.

    Joas, H. (Hg.) (2007): Lehrbuch Soziologie. Frankfurt: Campus Verlag.

    Joas, H., Knöbl, W. (2004): Sozialtheorie - Zwanzig einführende Vorlesungen. Frankfurt: Suhrkamp.

  • Sehr gute Episode, hat mich sehr interessiert. Am liebsten hätte ich euch noch 2 Studen zugehört; insbes. ein Kommentar zu Parsons Auseinandersetzung mit dem Ordnungsproblem bei Hobbes und seiner voluntaristischen Handlungstheorie (als "Konvergenz" aus Durkheim und Weber) wären aus meiner (rechts-)soziologischen Perspektive erhellend gewesen.


    Freue mich auf Habermas! ;)

  • Mir hat vor allem die Erkenntnis gefallen, das in einer Gesellschaft alle mit allen zusammen hängen und es keinem gut tut wenn er meint die anderen nicht mehr zu brauchen und er / sie sich absetzt.

    Diese Erkenntnis sollte man mehr verbreiten.

  • Danke für diesen Podcast.

    In meiner Arbeits als Betriebsrat werde ich mit dem Anspruch der ganzheitlichen Vereinnahmung von Arbeitnehmern konfrontiert.


    'work life balance' ist doch veraltet, wozu diese Trennung?

    Die Arbeit macht Spass, Zeit und Ort sind selbstbestimmt.

    Niemand braucht veraltete aufgezwungene Regelwerke wie zB das BetrVG oder Gewerkschaften


    Besonders die Darstellung des Nutzens von Rollen ist für mich wertvoll.

    Parsons werde ich mir genauer anschauen :)

  • Habe mir jetzt auch die Folge komplett angehört und wie immer hat sie mir sehr gut gefallen. Ein großes Dankeschön für die Mühen, die Vorbereitung und die sehr anschaulichen, lehrreichen Erklärungen. Besonders das Hervorheben, dass auch solche "älteren" Theorien immer wieder aktuelle Bezüge haben können und interessante Lesarten oder Anwendungen für die heutige Zeit, finde ich gut.

    Als Anregung / Hinweis: In der Folge fiel ja auch kurz der Name Goffman. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob Ihr dazu schon eine Folge gemacht habt (vermutlich schon?), aber in der Nachfolge würde sich Goffman mit seinem Verständnis von Rollen auch noch anbieten zu besprechen. Und Luhmann und Habermas soll ja laut Ankündigung auch nochmal thematisiert werden...