Themenwunsch: Methodologie / Was ist eigentlich Wissenschaft?

  • Hallo an alle hier im Forum und an die beiden Soziopodler 8)

    Ich habe einen Themenvorschlag: In den Folgen kommen ja in der Regel (natürlich völlig zurecht) Theorien und Deskriptionen wichtiger Denker dran. Was ist, wenn man mal eine Ebene darüber geht und eine Folge darüber macht, was man unter Wissenschaft oder auch Empirie eigentlich genau versteht oder verstehen kann. Hier lassen natürlich schnell Namen und Begriffe wie Karl Popper, Falsifikation, Differenzierung qualitativ/quantitativ oder Gütekriterien grüßen.

    Ich habe grade erst einen Podcastbeitrag über Replikationsstudien gehört und deren oft eher schweren Stand in den wissenschaftlichen Institutionen. Wie kann man wissenschaftliche Ergebnisse deuten und interpretieren, wo liegen dabei Probleme oder Schwierigkeiten? Aktuelle Probleme wie Veröffentlichungsdruck bei Wissenschaftlern, der Druck "spannende" und griffige Ergebnisse zu publizieren könnte man zum Beispiel auch ansprechen. Oder auch die meiner Meinung nach recht große Diskrepanz bei der Auffassung was eine Studie oder was Wissenschaft überhaupt ist, in der allgemeineren, breiteren öffentlichen Wahrnehmung und bei tatsächlichen Wissenschaftlern und Akademikern und denjenigen die forschen. Die Sicht zu diesen Themen von Herrn Dr. Köbel, als im Wissenschaftsbereich direkt involvierte Person, fände ich spannend.

    Auch so etwas wie Fake News und der Ruf danach sich an Wahrheit und Fakten zu halten hat meines Erachtens nach eine Verbindung zu dem Feld. Das ist eine schöne und gute Forderung, aber in der Realität doch deutlich schwieriger zu realisieren als sich das so mancher vorstellt.

    Ich finde, man kann hier aus dem Thema einiges rausholen und spannende Bezüge sowie aktuelle Debatten aufgreifen. Vielleicht gibt es ja Interesse sich dem mal anzunehmen.

  • kuwin

    Hat den Titel des Themas von „Themenwunsch - Methodologie / Was ist eigentlich Wissenschaft?“ zu „Themenwunsch: Methodologie / Was ist eigentlich Wissenschaft?“ geändert.
  • Genau dieses - auch aus aktuellem Anlass - heisse Thema würde ich auch gern einmal anregen, von unseren kompetenten Gastgebern aufgegriffen zu werden.


    Kopfschüttelnd verfolgte ich eine Debatte um das Thema "Luftwertsetzung und Dieselmotoren" unter dem Zeitartikel https://www.zeit.de/wissen/ges…e=recommendation#comments.

    Ich konnte mich nicht zurückhalten, mit zu kommentieren, merke aber, dass es sehr leicht ist, am Haken des "ich weiss es besser" zu hängen. Das ist übrigens der Grund, warum ich bisher noch keinen einzigen Tweed verfasst habe. Ich befinde mich im Dilemma, einerseits meinem Impuls "da muss Mensch klar Meinung beziehen" zu folgen, andererseits gerade dadurch (unbeabsichtigt) zur Polarisation beizutragen, die vom Wesentlichen (was ist Wesentlich?) ablenkt.


    Der von der LeserInnenschaft meist-empfohlene Beitrag lautet:


    "Schön, dass es noch Menschen gibt, die Wissenschaft über Ideologie stellen."


    Und hier (!) können wir uns fragen - selbstverständlich unter Würdigung der Komplexität dieses heiklen Themas:


    Was ist Wissenschaft? Welches Wissen "schafft" sie? In wie fern ist Wissenschaft frei von Ideologie? Kann der/ die BeobachterIn von "wissenschaftlichen" Versuchen aus den Experimenten (überhaupt) in einer Weise "heraus gekürzt" werden, dass das gefundene Ergebnis als "gültig" oder "bewiesen" dargestellt werden kann?


    Ich vermute, dass die Wissenschaft:saint: am Ende eines konstruktivistischen Diskurses einen (teilweisen) Wahrheitsverlust<X erleiden wird.

    Sollte sich meine Vermutung erhärten, wäre die spannende Anschlussfrage, welche Auswirkungen diese Erkenntnis für die Zukunft haben könnte, oder nicht?

  • Was ist Wissenschaft? Welches Wissen "schafft" sie?

    und wieder fällt mir da Gregory Bateson ein: Die Wissenschaft beweist nie irgend etwas / Manchmal verbessert die Wissenschaft Hypothesen, und manchmal widerlegt sie welche (Geist und Natur, S. 37

    "Schön, dass es noch Menschen gibt, die Wissenschaft über Ideologie stellen."

    über Ideologie sollten wir zumindest das systemisch orientierte Denken und Handeln stellen! Ideologie ist für mich der Versuch komplexe Systeme, Fragestellungen zu trivialisieren, das kann auf Dauer nicht gut gehen, da Trivialisierung komplexe Systeme zerstört. Ideologie wählt bewusst einen Ausschnitt (siehe z.b. unser Parteiensystem) In der Hoffnung, dass in einer Demokratie die politischen (ideologisch geprägten) Parteien in ihrem Mix zu vernünftigen Lösungen kommen ist für mich allenfalls der zweitbeste Versuch. Besser ist für mich eine ganzheitliche Betrachtung der Fragestellungen. Als Beispiel führe ich folgende Entwicklung an: freie Marktwirtschaft -> soziale Marktwirtschaft -> Nachhaltigkeit; übertragen: Ideologie -> systemisch orientiertes Handeln

    mein Entwicklungspfad: über die Thematik Nachhaltigkeit erkennend, das ist richtig, jedoch nicht die Basis

    Donella H. Meadows Buch "Die Grenzen des Denkens" entdeckt und verstanden das ist die Basis :)

    intensive Literaturstudie "komplexe Systeme" über die Kybernetik kommend, G.Bateson, HvFoerster und viele andere aufgesogen

    Übertragen erster Erkenntnisse in die tägliche Praxis

    Literaturstudie heutiger Wissenschaftler wie Hartmut Rosa, Armin Nassehi, Wolfram Lutterer, Maria Pruckner

    Soziopod entdeckt ;)

  • Genau: Systemisches statt ideologisches Denken kann Politik und Handlungsoptionen bereichern, stimme Dir zu. Ich muss mich entschuldigen, dass ich noch nicht alles hier las, Du und Herr Breitenbach, auf die Initiative von Tetagmenon " Warum Soziologie sich so schwer tut... " habt über eine mögliche (und hoffentlich zukünftig verstärkte) Rolle der Wissenschaft gesprochen: Wissenschaftler (natürlich nicht nur Soziologen) als Vermittler. Sich selbst stetig reflektierend und eine Sprache findend, die das Gegenüber versteht. Und zwar aktiv, meint, Wissenschaftler verlassen ihre "Blase" und machen sich verständlich! Im optimalen Fall, wird ein Sog erzeugt und der irrende Mensch wird freundlich bewogen, seine eigenes (Werte-)System zu hinterfragen und zu erweitern.


    Meine Frage ist: In wie weit könnten/ sollten Emotionen, als Triebfeder unseres Handelns, und vielleicht auch ein gewisses Mass an Populismus sinnvoll ins Handeln einbezogen werden, um Wirkung zu erzeugen?