Methoden der Diskreditierung

  • Hallo Soziopoden,


    ich befasse mich gern mit unkonventionellen Ideen, weil mich auch die Gedanken und Lebensläufe der jenigen interessieren, die sie vertreten. Deshalb gerate ich bei meinen Nachforschungen immer wieder an Gegendarstellungen zu diesen Ideen, die sehr oft nach einer spezifischen Methode funktionieren. Ich beobachte das nun schon seit fast 20 Jahren vor allem im Netz und hauptsächlich oder gar ausschließlich bei der Schriftform. Und zwar funktioniert das nach meiner Auffassung folgendermaßen :


    Eine gewisse Idee wird von einem Verfasser abgelehnt, aber eine sachliche Auseinandersetzung oder kritische Widerlegung findet dabei gar nicht statt. Sondern es werden nur bestimmte Aspekte einer Idee heraus gegriffen und in einem spöttischen Kontext mit ausgiebiger Benutzung von Konjunktiven zitiert bzw. sinngemäß wieder gegeben.


    Ist das eine bestimmte Rhetorik oder folgt diese Art einer Denkschule ? Ich hab jetzt leider kein konkretes Beispiel zur Hand, weil ich diese Beiträge wegen des mangelnden Mehrwerts nie speicher. Ich hätte mir vielleicht mal besser die Autoren merken sollen, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es immer der gleiche ist, weil es um völlig unterschiedliche Themen geht.


    Bin ja echt mal gespannt, ob jemand von euch meinen Eindruck teilt oder mehr dazu sagen kann.


    mfg, Teta

  • Es ist eine Tendenz in uns Menschen, die uns dazu bewegt, das zu lesen, was wir mögen, das aber abzulehnen/"kritisch" zu behandeln, was unserem Weltbild erst einmal nicht entspricht. Das sehe ich auch bei mir. Ich lese prinzipiell gerne Bücher, die zu meinem Weltbild passen. Bücher die dem wiedersprechen, lese ich ersteinmal auch gerne, aber ich würde es nicht immer als etwas rein "schönes" bezeichnen. Es braucht den Willen, Energie und Zeit sich mit dem wirklich Auseinanderzusetzten. Genauso auch mit den Gesprächen bei anderen.

    Ich denke wir sollten uns alle vor augen führen, was wir unter "kritisch" denken verstehen wollen. Denn kritisch kann untershciedlich und beliebig oft definiert werden. Für einige ist es die sachliche Auseinandersezung. Für andere die Ablehnung. Aber selbst bei der sachlichen - da brauchen wir uns alle nichts vor machen - sind Emotionen dabei. Positive, wie negative.

    "Man ist nie so lächerlich durch Eigenschaften, die man besitzt, als durch jene die man zu haben vorgibt."


    Jolan tru,

    Chris :whistling:

    Einmal editiert, zuletzt von ChrisH ()

  • Bin ja echt mal gespannt, ob jemand von euch meinen Eindruck teilt oder mehr dazu sagen kann.

    Deine Beschreibung erinnert mich sofort an Platon und seine Kritik an den Sophisten. Insofern ist das Verhalten - sich an Scheinargumenten abzuarbeiten um das Gegenüber zu diskreditieren - schon ganz gut mit dem Begriff Sophismus umschrieben und findet seine Analyse wohl in der Rabulistik. Was meinst Du? Sind die Schreiberlinge welcher Du Dich erinnerst "rechthaberische Wahrheitsverdreher"?

  • Was meinst Du? Sind die Schreiberlinge welcher Du Dich erinnerst "rechthaberische Wahrheitsverdreher"?

    Erst mal danke. Die Hinweise erweitern schon mal meine Sicht. Aber etwas Konkretes zu meinem Thema habe ich da nicht erkannt. Das kann aber an meinem Unverständnis oder einfach an meiner anderen Wahrnehmung liegen. Ich bin kein Akademiker.


    Als rechthaberische Wahrheitsverdreher kann ich die Schreiberlinge anhand der Texte gar nicht bezeichnen. Ich würde sie bezeichnen als Manipulatoren zum Festhalten am Status-Quo und ihre Methode als pseudeodeskriptive Diskreditierung. Gestern Abend fiel mir noch ein, dass die Texte, die ich so bei Psiram las, z.T. dieser Methode, zumindest oberflächlich, zu folgen scheinen. Damit will ich aber wiederum nicht Psiram selbst diskreditieren, weil da wenigstens auch was Handfestes dabei ist und die Texte eher nüchtern und sachlich, statt spöttisch und persönlich angreifend sind.

  • Bin ja echt mal gespannt, ob jemand von euch meinen Eindruck teilt oder mehr dazu sagen kann.

    Kann dir hier die Eristische Dialektik oder die Kunst, Recht zu behalten von Arthur Schopenhauer empfehlen. Hierin beschreibt er 38 Kunstgriffe um Recht zu behalten bzw. eine Diskussion an sich zu reißen. Sehr entlarvend bzw. erhellend, wenn man mit jenen versucht Diskussionen oder Texte zu analysieren :)

  • Das passiert doch leider ganz oft. Einzelne Aussagen werden aus dem Kontext heraus gerissen und dann zerpflückt. Das funktioniert immer wieder weil sich viele nicht die Mühe machen das Gesamtbild zu erfassen.

    Ich denke wir sollten uns alle vor augen führen, was wir unter "kritisch" denken verstehen wollen.

    Genau das finde ich auch ganz entscheidend. Kritisch gegenüber anderen zu sein ist eine meiner leichtesten Übungen. Aber Kritisch mir selbst gegen über zu sein das ist die große Kunst.


    Zitat von ChrisH

    „Aber selbst bei der sachlichen - da brauchen wir uns alle nichts vor machen - sind Emotionen dabei. Positive, wie negative.“


    Das hat Antonio Damasio in seinem Buch „Descartes Irrtum“ gut dargelegt. Auch die rationalsten Entscheidungen bedürfen der Emotionen. Da gibt es das anschauliche Beispiel des Bauarbeiters des „emotionaler Bereich“ des Gehirns beschädigt wurde. Alle anderen Bereiche blieben unverletzt und er hat noch lange überlebt. Aber er war nicht mehr in der Lage vernünftige Entscheidungen zu treffen!

  • nihilin


    Danke, das hab ich schon aufm Schirm. Mir gehts ja auch um die Analyse und nicht darum, selber solche Methoden anzuwenden, wobei man sich wohl auch nie ganz davon frei sprechen kann.


    Daspassiert doch leider ganz oft. Einzelne Aussagen werden aus demKontext heraus gerissen und dann zerpflückt. Das funktioniert immerwieder weil sich viele nicht die Mühe machen das Gesamtbild zuerfassen.

    Aus dem Kontext reissen und zerpflücken ist noch mal ne andere Nummer. Das trifft mein Beispiel gar nicht und das meinte ich auch nicht mit "Aspekte heraus gegriffen". Dieses herausgreifen kann durchaus umfassend sein, aber es folgt halt keine Auseinandersetzung oder Zerpflückung. Die Aspekte oder Zitate werden lediglich spöttisch kommentiert, in etwa wie "er glaubte doch tatsächlich, dasss...." Manchmal folgt dann noch eine scheinbare Gegendarstellung, indem einfach konventionelle Vorstellungen abgebildet werden, als hätten sie allein dadurch einen höheren Wert oder Argumentationskraft.

  • Ein leider nicht so aussagekräftiges Beispiel habe ich beim Deutschlandfunk zum Thema Flache Erde gefunden :


    https://www.deutschlandfunk.de…ml?dram:article_id=439754


    Der wesentliche Teil steht zwar nur im letzten Absatz, aber das macht deutlich, dass man sich mit dem eigentlichen Thema, laut Schlagzeile, gar nicht auseinander setzt, weil man es wohl nicht für wert oder zu absurd hält. Ich bin selbst kein Vertreter der Flacherde ^^habe mich aber selber schon einigermaßen intensiv mit dieser Weltsicht auseinander gesetzt und sehe in dem eben verlinkten Artikel absolut null Mehrwert. Man erfährt nichts, über das, was da kritisiert wird, man möchte nur sich und sein Publikum der eigenen Weltsicht gewiss machen.

  • Aus dem Kontext reissen und zerpflücken ist noch mal ne andere Nummer. Das trifft mein Beispiel gar nicht und das meinte ich auch nicht mit "Aspekte heraus gegriffen".

    Ok. ?(Schauen doch mal ob Dir ein passendes Beispiel über den Weg läuft und stelle das dann hier konkret vor. Ich glaube das würde es einfacher machen.

  • Aus dem Kontext reissen und zerpflücken ist noch mal ne andere Nummer. Das trifft mein Beispiel gar nicht und das meinte ich auch nicht mit "Aspekte heraus gegriffen". Dieses herausgreifen kann durchaus umfassend sein, aber es folgt halt keine Auseinandersetzung oder Zerpflückung. Die Aspekte oder Zitate werden lediglich spöttisch kommentiert, in etwa wie "er glaubte doch tatsächlich, dasss...." Manchmal folgt dann noch eine scheinbare Gegendarstellung, indem einfach konventionelle Vorstellungen abgebildet werden, als hätten sie allein dadurch einen höheren Wert oder Argumentationskraft.

    Ja, hier hast du es dann mit Sophismen bzw. Scheinargumenten zu tun.


    Danke, das hab ich schon aufm Schirm. Mir gehts ja auch um die Analyse und nicht darum, selber solche Methoden anzuwenden, wobei man sich wohl auch nie ganz davon frei sprechen kann.

    Wenn du es eh bereits auf dem Schirm hast und dich für dieses Thema interessierst, dann greif zu (gibt natürlich noch viele weitere Bücher zu dem Thema aber Schopenhauers Schrift fand ich hier angenehm kurz und knackig). Man sieht Argumentationen und Kritik mit ganz anderen Augen, wenn man sich mal mit dem Thema befasst hat. Ist aber gar nicht einmal so einfach nicht selbst in diese Falle zu treten. Passiert mir oft genug.

  • Hallo Theoderich,


    in dem Video war jetzt nichts dabei, dass ich entsprechend identifizieren könnte. Das, was ich meine, würde ich überhaupt nicht einer Argumentation zuordnen. Noch nicht mal dem Scheinargument. Die Methode bemüht sich ja überhaupt nicht zu argumentieren, sondern versucht lediglich die unbequeme Ansicht vorzuführen und mit Spott zu unterlegen.


    Dabei würde ich sagen, dass das suggerierte Argument nicht in den Äusserungen steckt, sondern nur unbestimmt über der Abhandlung schwebt und als Einbildung höchstens deshalb auftaucht, weil der Verfasser, wie auch sein Publikum sich selber einem bestimmten Habitus der Überlegenheit zuordnen. Der Verfasser geht davon aus, dass die Unsinnigkeit der konjunktivisch dargestellten und spöttisch unterlegten Ansicht schon deshalb völlig offensichtlich ist, weil er sich ihr zuwendet. Die sachliche Auseinandersetzung mit der Ansicht hält er nicht für nötig, weil er deren Anhänger für verblendete Untermenschen hält.

  • Die sachliche Auseinandersetzung mit der Ansicht hält er nicht für nötig, weil er deren Anhänger für verblendete Untermenschen hält.

    Wenn ich auf diese Aussage jetzt Antworten würde: Klingt wie eine Debatte im Bundestag.


    Wäre so etwas dann in dem Stil den Du meinst? Keine Argumente sondern einfach die mit der Gruppe geteilten Ansichten abrufen und die eigenen Ressentiments pflegen ohne sie wirklich zu benennen. Wenn man die gleichen Ansichten teilt, muss man die ja nicht aussprechen um auch so verstanden zu werden.

  • Wenn ich auf diese Aussage jetzt Antworten würde: Klingt wie eine Debatte im Bundestag.

    Da muss ich mal gezielt drauf achten. Wäre ja jetzt der letzte Ort, wo ich drauf gekommen wäre. Wenn ich so in meinen Erinnerungen krame, meine ich, dass diese Methode eingestreut vorkommt, aber nicht eine komplette Rede ausmacht.


    Ich sprach ja bisher immer wieder von einem spöttischen Unterton. Aber genau so gut könnte es auch ein empörter Unterton sein, oder beides kombiniert.


    Also in etwa :


    "Diese Typen glauben doch tatsächlich, dass.... wie kann man nur ?"


    "Und dann haben diese auch noch die Dreistigkeit des..... Wir sind ja bekannterweise nicht so."


    Eine Strategie der zur Schau gestragenen Empörung, die meint als solche schon Überzeugung genug zu sein. So gesehen könnte es eine Unter bzw- Vorform des moralischen Arguments sein.