Existentialismus und Existenzkrise

  • Hallo,


    angeregt den Philosophy Jam zum Sinn des Lebens ist mir wieder eine Frage eingefallen, die mich seit einiger Zeit beschäftigt.

    (Zugegeben: Die Frage ist (vielleicht für manche) nicht gerade unsensibel gestellt worden.)


    Denkt ihr, dass der Existentialismus nur dann in seiner Fülle* zugänglich ist bzw. gelebt werden kann, wenn man zuvor eine Existenzkrise (bspw. eine Depression) erlebt / durchlaufen hat?


    Mit zugänglich meine ich weniger den akademischen Zugang durch das Lesen, Hören, Diskutieren etc. der Inhalte auf theoretisch-akademischer Ebene, sondern das Verinnerlichen des Existentialismus (z.B. als Lebensphilosophie).


    Anmerkungen:

    Die Frage habe ich bewusst so offen gestellt.

    *(was auch immer das heißen mag)

  • Zitat von dasCamera

    Denkt ihr, dass der Existentialismus nur dann in seiner Fülle* zugänglich ist bzw. gelebt werden kann, wenn man zuvor eine Existenzkrise (bspw. eine Depression) erlebt / durchlaufen hat?


    Ist umgekehrt eine Existenzkriese ein Garant dafür, zum Existenzialismus überzulaufen? Ich selbst stecke gerade mittendrin, weshalb ich auch in Therapie bin. Mich würden deine Gedanken dazu sehr interessieren, denn eigentlich hatte ich Satre und co. bisher weitestgehend ignoriert, um mich auf Foucault zu stürzen.


    Wie würdest du denn "Existenzkrise" definieren?

    "Man ist nie so lächerlich durch Eigenschaften, die man besitzt, als durch jene die man zu haben vorgibt."


    Jolan tru,

    Chris :whistling:

  • Hallo Chris,


    unter Existenzkrise würde ich wohl etwas verstehen, was unmittelbar mit dem Sinn des Lebens verknüpft ist. Ich denke, dass einem in einer Existenzkrise die Frage nach dem Sinn bewusst wird; sprich, dass die Frage nicht nur "aufploppt" und wieder verschwindet, sondern dass sie in der Zeit der Krise das gesamte Leben (oder eher: den gesamten Kopf) mit Gedanken, die sich mit der Sinnhaftigkeit des Lebens und der Existenz beschäftigen, füllt. Sicherlich geht dies auch einher mit einem ständigen Hinterfragen von Alles und Jedem mit der resultierenden Erkenntnis, dass alles, was getan wird, gedacht wird, keinen Sinn besitzt (bzw. vielleicht auch besaß und besitzen wird), er ist jedenfalls nicht (mehr) erkennbar. Es sei noch der Aspekt erwähnt, dass die Krise m.E. von einem selbst (und in der Zeit der Krise) als negativ empfunden wird, also z.B. als etwas belastendes. Das würde in vielen Fällen wohl bedeuten, dass die Sinnlosigkeit als belastend empfunden wird oder zumindest als etwas, was einen tief bewegt und umtreibt.


    Deine erste Frage schwirrte mir auch eine ganze Weile durch den Kopf und ich habe sie mir so beantwortet: Ich denke, dass eine Sinnkrise nicht zwingend zum Existentialismus führt, aber einen auf jeden Fall grundlegend verändert. Ich denke, es muss nicht zwingend eine positive Veränderung sein, v.a. nicht aus der Sichtweise eines Jemanden, der das Ganze von außen betrachtet. Aber dennoch denke ich, dass sie die Kluft der Sinnlose- und Sinnhaftigkeit für einen selbst beschwichtigen kann. Es gibt m.E. primär drei Optionen, die eine Sinnkrise in den Weg bringen kann (mir ist bewusst, dass die folgenden Zeilen sehr generalisierend sind):

    • Ein Theismus kann für einige Personen, denke ich, die Existenzkrise schwächen. Ich hörte beispielsweise immer wieder von Personen, die ihre Existenzkrise (ausgelöst durch schwere Schicksalsschläge) mit dem Glauben überwanden, indem Gott das sinnstiftende Element sei.
    • Die Sinnlosigkeit kann, denke ich, auch mit einem Absprechen des Wertes allgemein einhergehen - dann wäre man wohl beim Nihilismus. Aber was dieses Thema angeht, bewege ich mich auf extrem dünnen Eis...
    • Existentialismus als ein Weg, den Sinn selbst zu kreieren. Also im Sinne Sartres: Die Existenz, also das bloße Dasein, kommt vor der Essenz ("l'existence précède l'essence") ; sprich, wir existieren und können (oder eher: müssen) uns selbst erfinden und das Wesen schaffen, weil "der Mensch ist zur Freiheit verurteilt". Durch diese Freiheit muss der Mensch ständig Entscheidungen treffen, durch die er sich definiert. Oder jemand kann beispielsweise wie Camus stetig gegen das Absurde, das die Entzweiung zwischen einem Menschen und seinem Leben darstellt, ankämpfen, indem jemand ständig den Akt der Rebellion vollzieht.

    Beim Existentialismus handelt es sich für mich nicht nur um eine philosophische Denkrichtung wie jede andere, der man sich ausschließlich auf akademischen Weg nähern, der man sich ohne Ich-Bezug bzw. seine Erfahrungen widmen kann; zumindest denke ich, dass da einige philosophische Themen zugänglicher sind. Das mag wohl u.a. daran liegen, dass der Existentialismus eine der größten Fragen des menschlichen Lebens thematisiert (so meinte ja Camus auch: "Es gibt nur ein wirkliches ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie"). Gerade durch diese Mächtigkeit des Themas wird m.E. in den Inhalten des Existentialismus auch ein bestimmter "Tenor" transportiert, der vielleicht mit Worten wie Weltschmerz, konstante Unzufriedenheit (s. Steppenwolf von Hesse), Absurdität etc. beschrieben werden kann. Deswegen fällt es mir, zugegeben, etwas schwer zu verstehen, wie man sich diesem Themenfeld nur auf akademischem Weg nähern kann. Oder positiv ausgedrückt: Ich denke, dass der Zugang zum Existentialismus einfacher/einleuchtender ist, wenn ein Selbst dieser Absurdität begegnet ist und mit dieser lebt.

    Aber: Ich persönlich möchte keinem den Zugang bzw. das Verständnis zum Existentialismus absprechen, weil schlussendlich können wir nicht in die Köpfe anderer sehen und wissen, was und wie gedacht wird.



  • Denkt ihr, dass der Existentialismus nur dann in seiner Fülle* zugänglich ist bzw. gelebt werden kann, wenn man zuvor eine Existenzkrise (bspw. eine Depression) erlebt / durchlaufen hat?

    Da kann man wie Sonntagssoziologe "Ja" sagen, nach meiner Erfahrung ist das so. Ich kenne niemanden, der sich seiner Existenz wirklich bewußt wurde, der nicht vorher an den Rand derselben gelangt ist.