Diskussion: Soziopod Live & Analog #011: “Digitalisierung! Die soziale Frage?” im Wühlmäuse Theater in Berlin

  • Danke für die Aufzeichnung, war wieder ein toller Soziopod!



    Möchte als "Digital Native" der "Generation Y" noch ein paar Gedanken hierlassen, zu verschiedenen Themen des Abends...



    Die Anekdote von Herr Breitenbach , mit der Bahnfahrt, bei welcher die Mitfahrenden wischend auf ihre digitalen Diktatoren schauten.

    Das hört man ja öfter und mir fällt das auch immer wieder auf, allerdings frage ich mich dann, ob das vor der Zeit des Smartphones wirklich so anders war? Da saß man dann halt mit einem Buch in der Hand, einem Magazin oder der Zeitung im Zug und fokussiert sein Bewusstsein darauf, statt achtsam seiner Umwelt zu begegnen, während man jetzt halt auf einen Display starrt. Bin früher ebenso mit dem Discman (später mit der MiniDisc und dem MP3-Player) im Zug gehockt und habe ein Buch während der Fahrt gelesen, um mir die Zeit zu vertreiben, wenn ich alleine unterwegs war. Auch in der Post-Smartphone Zeit hat nicht einfach jeder mit jedem ein Gespräch angefangen, das war, sofern mich meine Erinnerungen jetzt nicht trügen, auch eher die Ausnahme.



    Das von Nils angesprochene "Dilemma" mit seinem Work-Life-Balance Online Kurs

    ...fand ich auch sehr interessant, da ich selbst ein großer Fan dieser Online Angebote bin, mit deren Hilfe man in seinem eigenen Tempo etwas erlernen kann oder an ein Thema herangeführt wird. Ich konnte schon immer besser mit autodidaktischen Methoden lernen, statt mit formalisierten Lernprozessen und da sind die heutigen Möglichkeiten ein sehr großer Segen, auf die ich recht ausgiebig zurückgreife und die ich nicht mehr missen möchte.


    Die Angesprochene "Achtsamkeit" ist auch ein sehr interessanter Punkt und diese kommt uns leider wirklich sehr bzw. noch mehr als bisher abhanden. Ständig buhlt etwas um unsere Aufmerksamkeit und die Zeitpläne werden immer enger, sodass manche beinahe schon wie Getriebene durchs Leben jagen und selbst wenn wir denn einmal abschalten, tun wir das gerne mit einem weiteren Aufmerksamkeitsräuber. Wer sich schon einmal an Mindfulness/Achtsamkeits Meditationen versucht hat (zB Vipassana) weiß wie schlecht es um unsere Achtsamkeit bestellt ist und wie schwierig es ist sie zu erlangen und sich nicht ständig von sich selbst ablenken zu lassen (ja, genau, von sich selbst, denn dazu benötigt es bei genauer Betrachtung nicht einmal irgendeinen Aufmerksamkeitsräuber, der da noch einen drauf setzt).



    Herr Breitenbach schnitt auch das sehr wichtige Thema des Schulsystems an, welches in seiner Wichtigkeit kaum überschätzt werden kann

    Stimme da vollkommen zu, dass hier mit geänderten Stellschrauben nicht viel zu erreichen ist. Man bedenke nur einmal wo die Wurzeln unseres Schulsystems liegen und dass es seither, etwas bissig formuliert, eher eine Umdekorierung der Liegestühle stattfand, statt das System grundlegend nach seiner Aktualität und heutigen Möglichkeiten sowie Kenntnissen zu überprüfen und dementsprechend auch fundamental zu überdenken. Den größten Eingriff in dieses alte System gab es vmtl. noch durch unsere neoliberales Wirtschaftsordnung (der Bologna-Prozess an den Studiengängen, G8 bei den deutschen Abiturienten,...) und ihrem Drängen danach die Bildung der Ausbildung von marktkonformen Fachkräften zu unterwerfen, die möglichst schnell einsatzfähig und schön normiert/gleichgeschaltet sind, um die nötige Flexibilität im Human Ressource Management zu gewährleisten.


    Denke die größte Herausforderung an ein Bildungssystem der Zukunft wird es sein Menschen dazu zu befähigen sich den Spaß am Lernen beizubehalten, statt ihn abzutöten - man denke nur einmal daran wie selbstverständlich und spielerisch kleine Kinder Neues erlernen und bei wie vielen diese natürliche Neigung dann plötzlich Bruch landet, während sie durch die Mühlen unseres Schulsystem getrieben werden. Die Bereitschaft ein Leben lang zu lernen und sich weiterzubilden wird denke ich in der Zukunft gefragter sein denn je, während heutzutage die Menschen meist froh sind wenn sie ihren jeweiligen Abschluss in der Hand haben und der ganzen Prozedur den Rücken zukehren können.


    Dementsprechend wird es denke ich auch wichtig sein in der Erwachsenenbildung stark umzudenken. Gegenwärtig ist es ja immer noch üblich sehr früh einen Weg einzuschlagen, auf dem man dann möglichst (in vielen Fällen leider ob man will oder nicht), bis zur Pension, ein ganzes Leben lang bleibt, während sich jetzt ein mögliches Zukunftsbild abzeichnet in dem sich dieses Modell immer weiter auflösen könnte. Zum einen wäre es hier wichtig, dass die Leute wie zuvor erwähnt durchgehend lernwillig sind und zum anderen benötigt es dann aber auch entsprechende Angebote und Förderungen.



    Das Wachstum

    Die Sache mit dem Wachstum ist eine ziemlich Zwickmühle. Irgendwie hat man ja das Gefühl, als wäre unsere westliche Politik ganz diesem Dogma unterworfen. Die heilige Kuh die niemand anfassen möchte bzw. der sich niemand entgegen treten traut, die aber alle vor sich her treibt. Das ist schade, da es ja sehr interessante Konzepte gibt die sich von der bisherigen Metaphysik des Marktes distanzieren - zum Beispiel die im Gespräch erwähnte Gemeinwohlökonomie (wer davon noch nichts gehört hat, für den könnte dieses Buch eine gute und sehr leichte Einführung in das Thema sein). Auch wenn sich in letzter Zeit, zum Glück, der Wind wieder ganz leicht zu drehen scheint (alles andere wäre auch irgendwie bedenklich, bei all dem Marktversagen), wird ein tatsächlicher Umschwung (sollte es denn überhaupt dazu kommen) wohl noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Drei Jahrzehnte der neoliberalen Indoktrinierung, die sich durch alle Institutionen und auch Instanzen unseres Privatlebens zog, lassen sich nicht so von heute auf morgen revidieren. Ich fürchte dazu wird es mindestens noch einen Generationsumschwung benötigen.



    Der Einwand des letzten, aus der IT Branche stammenden Sprechers

    "Technik ist Technik und im Endeffekt kommt es darauf an, was der Mensch daraus macht" oder so in der Art wurde dieser Soziopod ja beendet. Das bringt mich auf Habermas Aufsatzsammlung "Technik und Wissenschaft als Ideologie". Dort verweist er ua auf eine Verwissenschaftlichung der Technik. Früher war es üblich, dass die Technik halt wissenschaftliche Forschungsergebnisse übernahm und eine anwendungsnahe/orientierte Forschung eher als Verrat wissenschaftlicher Ziele angesehen wurde. Habermas kritisiert hier, dass wissenschaftliches Arbeiten mittlerweile verstärkt auf technisch verwertbares Wissen abzielen würde. Das lässt sich finde ich auch gut daran erkennen, dass wir im Volksmund gerne Wissenschaft und Technik fast schon als synonyme verwenden und der Technik die Werte der Wissenschaft unterjubeln (was finde ich mit "Technik ist Technik und im Endeffekt kommt es darauf an, was der Mensch daraus macht" getan wird). Technik ist im Gegensatz zur Wissenschaft immer ziel/anwendungsorientiert und daher viel mehr irgendwelchen gesellschaftlichen oder systemischen Zwängen und Gegebenheiten unterworfen, aus denen sie eben auch entsprang und von derer sie weiterentwickelt wird. Der neutrale Standpunkt geht hier finde ich nicht auf und halte daher ein kritisches Durchleuchten auf jeden Fall für angebracht.

  • Der Neoliberalismus hat die technische Entwicklung fast durchgängig von Gegebenheiten des Marktes abhängig gemacht. Z.B. wurden vor den 1990er Jahren Kommunikation und Versorgung durch staatliche und halbstaatliche Betriebe wie Post, Bahn und Stadtwerken sichergestellt.

    Die Bahn war sicher, zuverlässig und konnte mit Recht mit dem Slogan werben: "Alle reden vom Wetter, wir nicht".

    Zu Zeiten der Post, wurden ISDN und DSL entwickelt, Deutschland hat das am besten ausgebaute Kupfernetz der Welt, womit wir jetzt aber an die Grenzen stoßen.

    Dann kam die große Liberalisierungswelle mit der Behauptung, dass staatliche Betriebe gar nicht wirtschaften können, bla, bla.

    Ich habe komischerweise nur Zahlen bis 2009 finden können und da haben die vier großen Energieversorger 23 Milliarden Euro Gewinn gemacht!!!

    Das heißt, jeder Bundesbürger darf erst mal 280 Euro erwirtschaften, bevor sie einen Liter Gas, eine Wattsekunde Strom, oder einen Tropfen Wasser bekommen haben.

    Ich denke mit dem alten Versorgungssystem würden wir heute weniger bezahlen und die Lenkung zu erneuerbaren Energien würde auch wesentlich effizienter ausfallen. Heute schauen die großen nur, ob's Geld bringt und erst dann, ob es vielleicht auch noch den Prestigegewinn der Nachhaltigkeit bringt.

    Aber es finden sich viele Startups und junge Betriebe, die es besser machen. Zum Bleistif "Viva con Agua" und was da so dranhängt, etwa "Goldeimer".

    Ok das hat jetzt nicht direkt mit Technik zu tun, da wäre "Fairphone" das bessere Beispiel.