Digitalisierung - in bin genervt

  • Zahllose Medienbeiträge in Printmedien, Blogs und Foren drehen sich gefühlt seit 2-3 Jahren um die gesellschaftlichen Veränderungen durch Digitalisierung. Jedenfalls wird das so formuliert.

    Mich stören daran zwei Aspekte. Zum einen wird der Begriff Digitalisierung vermutlich falsch verwendet und zum anderen werden wichtige Dinge rund um das Thema überhaupt nicht oder zu wenig reflektiert.

    Der Begriff Digitalisierung bezeichnet ursprünglich das Umwandeln von analogen Werten in digitale Formate.

    Also an "digitalen Formaten" soll es jetzt plötzlich liegen, dass die Gesellschaft sich ändert und ändern muss? Digitalisiert wird schon seit mehr als 5 Jahrzehnten. Es ist also weder ein wirklich neuer Vorgang noch sind seine gesellschaftlichen Auswirkungen neu.

    Ich glaube, in den zahllosen Beiträgen ist eigentlich von Automatisierung die Rede. Warum verwendet man diesen Begriff nicht mehr?


    Und auch die gesellschaftlichen Veränderungen durch Automatisierung sind nicht neu. Genauso wenig, wie die Zunahme der Geschwindigkeit und des Umfangs mit der sie vonstatten geht.

    Was genau ist also anders als, sagen wir, vor 20 Jahren?


    Vermutungen

    1. Die Produktion von Mikrokontrollern in Billiglohnländern hat zu einer Flutung der Märkte mit diesen Mini-Steuerungs-Computern geführt. Sie können heute zur vereinfachten Automatisierung eingesetzt werden, wo früher nur die Anschaffung neuer, teurer Maschinen stand. Durch drastisch gesunkenene Preise hat die weltweite Automatisierung einen Schub erfahren.

    2. Die digitalen Möglichkeiten zur Speicherung und späterem Abruf von Kommunikation (auch schriftlich) haben welweit die Kommunikation beschleunigt und vereinfacht (Stichwort Internet). Dies ist tatsächlich eine Folge der Digitalisierung und nicht der Automatisierung. (Eine gesellschaftliche Veränderung hat dadurch stattgefunden, aber nur wenig hinsichtlich einem Verschwinden von Arbeitsplätzen, oder ist gerade dieser Teilsapekt mit den Veränderungen durch Digitalsierung gemeint?).

    3. Hinsichtlich der Klimaveränderung weiß man heute auch nur unwesentlich mehr (vielleicht irre ich mich) als vor 10 Jahren. Trotzdem verzeichnen wir eine Zunahme der Diskussionen rund um das Thema. Das liegt vielleicht am lauteren Auftreten der Leugner, vielleicht aber auch daran, dass die Lage sich gefühlt, also nicht nur faktsich, zuspitzt. Vielleicht verhält es sich mit dem Automatiserungsgrad genau so, hier scheint sich eine Lage zuzuspitzen. Bedauerlicher Weise erfährt man darüber, außer via kruder Thesen rund um die Themen Blockchain und KI, wenig.


    Fragen

    Sollte die offenkundig falsche Nutzung des Begriffs geändert werden?

    Findet tatsächlich eine deutliche Erhöhung des Automatiserungsgrades statt und womit könnte man das messen?
    Geht es beim Thema Job-Verlust nur um die Digitalsierung der Kommunikation als Ursache?

    Welche Aspekte der Automatiserung werden zu wenig erörtert?

  • Ich sehe das relativ simpel:

    Automatisierung kann ohne die Digitalisierung gar nicht gedacht werden.
    Digitalisierung ist die Übersetzung der Welt in eine universelle, maschinell verarbeitbare Sprache und somit Daten. Unter "Digitaler Wandel" werden auch alle soziokulturellen Phänomene der Digitalisierung zusammengefasst. So wie Industrialisierung mehr ist als nur die Maschine an sich.

    Automatisierung ist nicht der einzige Dreh- und Angelpunkt des digitalen Wandels, aber ein sehr zentraler. Technologien wie soziale Netzwerke und deren soziale Auswirkungen kann ich nicht in "Automatisierung" einordnen, sehr wohl aber in den gröberen Bereich der Digitalisierung.

    Hilft das an der Stelle weiter?

  • Leider nur bedingt, lieber Patrick.
    Die Ängste, die sich mit der Digitalisierung verbinden, sind doch hauptsächlich die Befürchtungen des Arbeits- und Bedeutungsverlusts, die sich durch höhere Grade an Automatisierung ergeben. Wie technisch automatisiert wird, ist dabei nebensächlich. Und ich halte die Aspekte Verbilligung der Microcontroller und Zuspitzung der Folgen der seit Jahrzehnten fotgesetzen Automatisierung für bedeutsamer, als die Technik (Digitalisierung) die dahinter steht. Du deutest es ja auch an indem Du schreibst: "Industrialisierung ist mehr als nur die Maschine an sich".

    Die Internet Affinen, wie vermutlich Du und ich, sehen in der digitalisierten Kommunikation im Grunde eine große Zukunfts-Chance und verbinden damit zunächst keine Sorgen. Das persönliche Wissen um die Dinge und Gegebenheiten wird vermehrt, die Welt wächst zusammen und deshalb denkt man in Zukunft (oder schon heute) hoffentlich kollektiver und weniger dumpf-egoistisch.
    Natürlich lassen sich aus der digitalsierten Kommunikation und den damit verbundenen soziokulturellen Phänomenem auch Ängste ableiten.
    Ich habe jedoch das Gefühl, dass dies der kleinere Teil der Besorgnis ist und somit auch der kleinere Teil der Motivation hinter dem breiten Diskurs um das Thema.


    Und ich habe ein Gefühl, wie bei vielen Anglizismen, man versteckt sich hinter einem Begriff, den, ehrlich besehen, die wenigsten richtig verstehen, um weniger angreifbar zu bleiben. Liege ich da völlig falsch?
    Das Verstecken schafft Freiraum für Hysterie, die monetär lukrativer ist. Vielleicht steckt auch diese Motivation dahinter und es spitzt sich in Wirklichkeit nichts zu. Sondern es ist eine ganz "normale" Phase der Automatisierung, wie wir sie bei Buchdruck, Dampfmaschine, Industrialisierung, Telegrafie usw. immer wieder durchlebt haben. (Es ist klar, dass all diese "Errungenschaften" auch von heftigen Schmerzen begleitet wurden).

    Fakt aber bleibt, dass das eine wie das andere nicht neu ist. Was also sind die Ursachen für den Hype des Themas? Und ist er gerechtfertigt? Spitzt sich etwas zu oder wird das nur herbeigeredet?


    Ich hoffe ich konnte zumindest ein wenig sensibilisieren, dass auch dieses Thema in seiner Begrifflichkeit problematisch ist.
    Mehr will ich nicht.
    Sorry für die vielen Worte...

  • Natürlich lassen sich aus der digitalsierten Kommunikation und den damit verbundenen soziokulturellen Phänomenem auch Ängste ableiten.
    Ich habe jedoch das Gefühl, dass dies der kleinere Teil der Besorgnis ist und somit auch der kleinere Teil der Motivation hinter dem breiten Diskurs um das Thema.


    Das glaube ich eben nicht. Was gibt es denn noch an digitalen Angstthemen - über die Automatisierung hinaus?
    Fake News, Cybermobbing, Datenmißbrauch, Social Scoring, Internetsucht, geistige Defragmentierung, ...

    Ich möchte die Automatisierung sicherlich nicht kleinreden. Das ist ein Riesenfeld, aber eben nicht das einzige Problemfeld im Zuge des digitalen Wandels zusammengefasst unter dem Begriff "Digitalisierung". Nur weil man von "Digitalisierung" spricht, lässt man die Komponente "Automatisierung" ja nicht automatisch weg. Gut, der Begriff an sich taucht nicht so oft auf, aber das Thema dahinter ist doch omnipräsent.

    Ich empfinde die Begrifflichkeit "Digitalisierung" daher überhaupt nicht problematisch, vor allem weil er das Phänomen rund um "Automatisierung" nicht verschleiert. Daher vermutlich meine Irritation. :-)

  • Ich verfolge zum Glück nicht irgendwelche Diskussionen oder Nachrichten zum Thema. Mir ist das Thema bisher nur durch die Soziopod Live Folgen begegnet und was mich bei Diskussionen immer kirre macht ist die Verwendung solcher Buzzwords (zu dem Digitalisierung inzwischen verkommen ist) die inzwischen so oft gewaschen und durch die Mangel gedreht wurden, dass sie von jeglichem Inhalt befreit sind.


    Sollte die offenkundig falsche Nutzung des Begriffs geändert werden?

    Da der Begriff zum Modebegriff geworden ist, ist für mich der einzige Weg den Begriff zu ignorieren und mir jeweils vom Gegenüber erklären zu lassen, was er denn nun meint wenn er von Digitalisierung spricht und welche diese Inhalte er aus welchem Grund für problematisch hält. Wenn der Begriff in der von Dir geäußerten Häufigkeit verwendet wird und dabei vorwiegend in einem negativen Setting (?) hat der Begriff wohl inzwischen eine negative Konnotation erhalten. Was ich sehr schade fände.


    Findet tatsächlich eine deutliche Erhöhung des Automatiserungsgrades statt und womit könnte man das messen?

    Variante 1: Nimm ein beliebiges Produkt (z. B. ein Auto oder einen Bleistift) und ermittle wie viele menschliche Arbeitsstunden noch benötigt werden, um eines oder 1.000 dieser Produkte herzustellen und wie sich dieses in den letzten 30 Jahren verändert hat.

    Variante 2: Du suchst nach aktuellen Zahlen wie sie in diesem Bericht (Die Informatisierung der Arbeitswelt von Werner Dostal) verwendet wurden und schaust ob die geschätzte Entwicklung sich stärker beschleunigt hat als damals angenommen.

    Variante 3: Du schaust wie viele Jobs es noch gibt welche nicht innerhalb einer Dekade komplett durch eine Maschine oder aktuell eher durch einen Algorithmus bzw. eine KI ersetzt werden können.


    Die eigentliche Automatisierung (menschliche Arbeit wird durch Maschinen/Roboter ersetzt) besitzt aus meiner Sicht nur noch geringe Relevanz. Die eigentlich Welle die auf uns zu rollt ist nicht materiell, denn es betrifft vor allem die Menschen welche heute am Rechner respektive in Büros arbeiten. Alle Menschen die nur mit Informationen hantieren dürfen um ihr Erwerbseinkommen bangen.


    Geht es beim Thema Job-Verlust nur um die Digitalsierung der Kommunikation als Ursache?

    Aus meiner Sicht zeigt sich hier, dass der Begriff der Digitalisierung nicht wirklich der Problemstellung gerecht wird. In einer der Folgen hatte Herr Breitenbach als Beispiel einen Busfahrer genannt. Es geht nicht darum das Kommunikation digital wird, also das Text, Sprache und Bilder in digitaler Form gespeichert vorliegen. Es geht darum, dass an vielen Stellen an denen heute noch eine Mensch-Mensch Kommunikation erfolgt/üblich ist, die Menschen dahin geführt werden (mit unterschiedlichsten Anzeizen: Effizienz, Preis, Trendy, Schnelligkeit), dass sie auch bereit sind eine Mensch-Computer Kommunikation zu akzeptieren. Die Digitalisierung ist also Voraussetzung und keine Ursache dafür, dass der Prozess XXX (bitte passenden Begriff einsetzen) überhaupt möglich ist. Die Ursachen sind, wie so meist, nicht die sichtbaren Symptome sondern die darunter liegenden Strukturen welche bestimmte Anreize setzen: Geld, Wirtschaft, Staat, Gesellschaft.


    Welche Aspekte der Automatiserung werden zu wenig erörtert?

    Ich gehe davon aus, dass der Begriff Automatisierung den Wandel welcher uns nun bevorsteht: Weg von der Dienstleitungsgesellschaft hin zur Informationsgesellschaft, nicht ausreichend wiedergibt. Es wird zu wenig deutlich, worin der Wandel besteht. Ich persönlich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Informationsgesellschaft mehr Beschäftigten eine Erwerbsarbeit ermöglicht, als diese in der Lage sein wird durch selbstlernende Algorithmen obsolet zu machen.