Beiträge von Aska

    Ich würde darin allerdings keinen Zweck sehen, ja nicht einmal einen kausalen Zeitpfeil postulieren.

    Dann beschränkst Du Dich aufs Wie? und leitest keinerlei philosophische Bedeutungssätze aus der Architektur des Kosmos ab. Jedem sollte klar sein, dass die Naturwissenschaft auf das Warum? keine Antwort hat – und keine Antwort geben kann. Während der ersten Aufklärung wurde mit der Kirche halt auch das komplette Universum samt seiner subjektiven Tiefe intellektuell eingestampft. Unsere Vorgänger haben das Warum? damit fast verbrannt.


    Dann hätte das Leben alles in allem aber keinen Sinn mehr. Es wäre ein Prozess ohne Funktion.


    Ich sehe einen Zweck, weil diese Perspektive nicht weniger logisch als Deine ist, mir darüber hinaus aber eine Verknüpfung von Wie? und Warum? erlaubt. Wir können mit denselben naturwissenschaftlichen Daten arbeiten, ohne je aneinander zu geraten: Die Entropie steigt, das Universum expandiert, alle Systeme evolvieren irgendwie. Für Dich ohne Richtung – für mich mit. Vielleicht bin ich sowas wie ein Kosmotheist...

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    Der Naturalismus besagt ja, dass die Welt als rein natürliches Geschehen zu verstehen ist. Sprich alles was existiert, ist natürlich, das heißt nicht übernatürlich. Naturalisten gehen daher davon aus, dass alles auf natürliche Weise erklärbar ist, ohne übernatürliche Begründungen hinzuziehen zu müssen. Kant behauptete auch einmal, dass es nie einen Newton des Grashalmes geben würde und er hatte sich geirrt. So etwas wie "eben nicht nachweisbar" wird methodologisch ausgeschlossen, unter der Voraussetzung dass alles was ist natürlich ist. Vermutlich werden wir irgendwann an die Grenzen unserer Erkenntnis stoßen aber da wir nicht wissen wo diese genau liegen und man hier schon sehr oft eines besseren belehrt wurde...

    Was ist Natur? Das musst Du festlegen, wenn Du davon das Übernatürliche abgrenzen willst.


    Obwohl Falsifikation das wirksamse Prinzip der modernen Wissenschaft ist – da stimme ich Dir zu –, muss ich Dir widersprechen: "Eben nicht nachweisbar" ist methodologisch absolut möglich, und auch immer wieder passiert. Zum Beispiel beim Gödelschen Unvollständigkeitssatz.


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    Die Frage danach ob das Universum einen Zweck hat ist eine ziemlich metaphysische Frage. Habe nichts gegen Metaphysik bzw. finde sie sogar sehr interessant, auch wenn sie für mich bloße Gedankenspiele darstellen.

    Du bist auch ein intentionales Wesen, ohne ein Gott zu sein. Das Universum könnte einen Selbstzweck haben, der sich durch die Evolutions- und Chaostheorie und mit den Phänomenen der Selbstorganisation und Emergenz absolut erklären ließe. Obwohl auch ich nichts gegen die Metaphysik habe, leben wir in einer postmetaphysischen Ära. Jede spätmoderne Philosophie muss sich in dieser verorten können.


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    Weshalb sollte es NIE naturwissenschaftlich beschrieben werden können?

    Das wäre dann der Fall, wenn sich herausstellen würde, dass sich weder das Subjektive auf das Objektive reduzieren ließe, wie es die Moderne angenommen hat, noch das Objektive auf das Subjektive, wovon die Postmodernisten auszugehen scheinen. Wenn Subjektivität und Objektivität nicht aufeinander reduzierbar sind, wonach es immer noch aussieht, dann gibt es verschiedene Perspektiven, aus denen der Kosmos betrachtet werden kann, die parallel gültig sind – einen methodologischen Pluralismus halt. Monologisch beschreibbar wäre demnach das objektive Universum als Untersuchungsgegenstand der Naturwissenschaft; dialogisch beschreibbar das subjektive Universum als Untersuchungsgegenstand der Geisteswissenschaft.


    Natürlich habe ich keine Ahnung, ob sich das Leib-Seele-Problem nicht doch neurowissenschaftlich lösen lässt. Du hast sicherlich gute Gründe, das anzunehmen. Und Du weißt nicht, ob das Universum vielleicht nicht doch seine eigene Evolution als oberstes Prinzip verfolgt. Für mich deuten die Daten, die meine Art über die letzten 13,8 Mrd. Jahre gesammelt hat, einfach daraufhin. Und wir erörtern gerade intersubjektiv, wer von uns die objektiven Daten korrekter verwendet hat. Die können uns nämlich gar nichts darüber sagen, wie wir sie interpretieren sollen – das müssen wir innerhalb unserer Spezies selbst entscheiden.

    Weil sie in einer naturalistischen Erklärung nicht notwendig sind. Der Naturalismus zeichnet sich ja gerade ua dadurch aus, dass er metaphysische Annahmen soweit wie möglich zu "eliminieren" versucht. Man gewinnt nichts dabei etwas zweckorientiert zu beschreiben, wenn es auch ohne eine solche Annahme erklärt werden kann.


    Stimmst Du mir denn darin zu, dass der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik gültig ist; es also universelle Gesetzmäßigkeiten gibt, die eine Richtung haben? Oder dass aus subatomaren Teilchen Atome, aus Atomen Moleküle und aus Molekülen im Rahmen der chemischen Evolution Zellen evolvierten? Und wie steht es um die beständige Expansion des Universums?!


    All das sind Prozesse im physikalisch beschreibbaren Universum, die eine Richtung haben. Ich argumentiere, dass die Evolution Selbstzweck des Kosmos ist, weil wir sie in allen Bereichen antreffen, und sie gewissermaßen der gemeinsame Nenner ist: Ganze Kulturen evolvieren, aber auch Computeralgorithmen oder die neuronalen Netzwerke tibetischer Mönche.


    Teleologisch meint, dass der Kosmos einen Zweck hat, und ich behaupte, dass dieser Zweck eben jene Richtung ist, die dieser anvisiert. Der Naturalismus lehnt sich ziemlich weit aus dem Fenster, weil er nicht nur die metaphysischen Annahmen eliminiert, sondern alle Annahmen, die eben nicht naturwissenschaftlich nachweisbar sind. Deshalb rutschen so viele aus dem Naturalismus in den Szientismus ab.


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    Um die "Evolution" des Kosmos zu beschreiben muss ich dem nicht wieder irgendeine metaphysische Annahme anhängen, ergo eine Erklärung liefern die ihrerseits wieder weiterer Erklärung bedarf (bzw. nicht überprüft werden kann), wenn hierfür Theorien ohne derartige Annahmen, wie in diesem Fall etwa der Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik, herangezogen werden können.


    Für die Annahme, dass der Kosmos eine Richtung hat, ergo evolviert, ergo emergente Sprünge via Selbstorganisation vollführt, bedarf es keiner Metaphysik.


    Ich habe nie metaphysisch argumentiert.

    Ein interessanter Gedanke für den ich mich auch erwärmen kann.

    Aber, wer oder was ist DER Kosmos?

    Hallo Theoderich,


    "Kosmos" ist ein undankbarer Lückenfüller. Ich könnte antworten, er sei alles, was existiere, aber das würde mich in eine infinite Schleife führen: Denn dann ist der Kosmos all das, was existiert, plus der Aussage: "Der Kosmos ist all das, was existiert." Dieser Satz wird dann aber wieder der Menge hinzugefügt, die ich eben noch beschrieben habe. Ich müsste also hinzufügen: Der Kosmos ist all das, was existiert, plus der Aussage: "Der Kosmos ist all das, was existiert, plus der Aussage, der Kosmos ist all das, was existiert." Markus Gabriel hat deshalb argumentiert, dass "die Welt" nicht existiere.


    Den Begriff Kosmos verwende ich, weil sich Universum im allgemeinen Sprachgebrauch als Gesamtheit von Raum, Zeit, Materie und Energie auf den physikalisch beschreibbaren Teil des Kosmos reduziert. Aber ich bin ja Antinaturalist: Ich glaube nicht, dass nur das Objektive existiert, sondern versuche auch das Subjektive einzubinden, das sich bis heute nicht objektiv beschreiben lässt.


    Obwohl ich also nicht weiß, was der Kosmos ist, so kann ich auf deine Frage antworten: Der Kosmos umfasst zumindest das, was physikalisch beschrieben wird, und das, was als Bewusstsein oder Geist beschreibt. Er ist eine objektive und subjektive Entität. Aber was ich über den Kosmos aussage, muss dann natürlich auch für das Universum gültig sein: Auch das ist teleologisch und sein Ziel ist seine eigene Evolution.


    Zitat

    Wenn ich nicht Wissenschaftlich verstehen kann wie eine Pflanze entsteht, sich ein Tier oder gar der Mensch verhält. Dann liegen dem also keine allgemeinen Gesetzmäßigkeiten zugrunde die ich erfassen kann. Das heißt aber dann doch das ein WER-AUCH-IMMER gezielt eingreift und Änderungen vornimmt die wir kleinen Geister nicht verstehen können.

    „Gottes Wege sind unergründlich.“ oder was?

    Da bin ich dann raus.


    Die Naturwissenschaften können monologisch und objektiv beschreiben, woraus ein Lebewesen besteht und wie es funktioniert. Sie beschreiben aber nicht, wie es sich anfühlt, ein anderes Säugetier oder auch nur ein anderer Mensch zu sein. Ich werde nie naturwissenschaftlich beschreiben können, wie es ist, Du zu sein, weil dieser Bereich des Kosmos nur von Dir introspektiv erfahren werden kann. Aber ich kann Dich fragen, wie es sich anfühlt, Du zu sein, und Du kannst mir das erklären. Ich bin also intersubjektiv verbunden mit Dir. Dass das Subjektive nicht objektiv beschreibbar ist, heißt nicht, dass diesem keine allgemeinen Gesetzmäßigkeiten zugrunde liegen – die sind durchaus subjektiv und dialogisch beschreibbar. Sie sind eben nur nicht beschreibbar in der Sprache der Naturwissenschaft.


    Aus demselben Grund ist Gott kein Untersuchungsgegenstand der Naturwissenschaft, sondern der Geisteswissenschaft.


    Und dort sind seine Wege sehr wohl ergründlich – falls Gott überhaupt existiert.


    Beste Grüße

    Vali

    Als Naturalist tue ich mir mit der Frage immer etwas "schwer". Hinter dem "Sinn des Lebens" steckt ja für viele eine teleologisch Annahme, also die Annahme einer Zweckorientierung, die ich nur zurückweisen kann. Der Welt ist kein Sinn eigen, den wir zu deuten im Stande wären. Deswegen möchte ich hier gerne Albert Camus Philosophie des Absurden in den Raum stellen, in der er eben genau das thematisiert. Der Mensch als Suchender nach Sinn und Erklärungen, in einer sinnlosen Welt. Camus schlägt vor gegen diese Absurdität des menschlichen Daseins zu rebellieren und weiterhin den Kampf gegen die Windmühlen zu führen, sprich nach einem Sinn zu suchen, statt gänzlich dem Nihilismus zu verfallen.

    Hallo nihilin,


    ich bin so frei, mir Dich herauszupicken, um hier Fuß zu fassen. Das bietet sich an, weil ich mich selbst als Antinaturalisten bezeichnen würde – das heißt, ich lehne die naturalistische Position ab, dass sich alles, was existiert, auch naturwissenschaftlich erfassen lässt. Das vor allem deshalb, weil die dem Naturalismus zugrunde liegenden Philosophien – der Materialismus und der Physikalismus –, an ihre Grenzen stoßen, sobald sie erklären wollen, wie sich aus dem Objektiven das Subjektive entwickelt haben soll.


    Du schreibst, dass Du die teleologische Annahme zurückweist. Warum eigentlich?


    Ich möchte Dir meine teleologische Position entgegenhalten:


    I. Das Ziel des Kosmos ist dessen Evolution. Der Kosmos strebt seine eigene zunehmende Komplexität, Differenzierung, Integration, Organisation, Strukturierung und Autonomie an.


    II. Unser Leben ist ein sinnvoller Abschnitt dieses Evolutionsprozesses. Der Sinn des menschlichen Lebens ist demnach, komplexer, differenzierter, integrierter, organisierter, strukturierter und autonomer zu werden.


    Ich freue mich über Widerspruch!


    Pseudonymisiert

    Vali

    Guten Abend allerseits,


    der Elefant im Raum ist ein Elefant der Weltgeschichte. Herr Breitenbach ist m. E. zurecht skeptisch: Utopien, die einen zukünftigen Idealzustand skizzieren, um quasi "von der Zukunft aus" Handlungsempfehlungen für die Gegenwart zu entwickeln, sind brandgefährlich. Prinzipiell funktionieren sie schon in der Theorie nicht; zu komplex ist die Weltstruktur, als dass sich finite Utopien logisch konstruieren ließen. Schon gar nicht lassen sich realistische Utopien von einem Einzelnen entwerfen – und auch nicht von Gruppen oder Bewegungen. Dafür sind zu viele Kulturen unterschiedlichster Entwicklungsstufen, zu viele Weltbilder und zu viele Systeme involviert.


    Aber die Frage nach einer Alternative ist brisant: In der Wahrnehmung vieler Weltbürger steht die Menschheit vor einer Weltkrise. Für uns Millennials und unsere Nachfolgegenerationen ist die Zündschnur dieser Bombe die Zeit: Wo Klimaziele zu scheitern drohen, wird berechtigterweise die Frage laut, ob wir uns die ideelle Alternativlosigkeit leisten können. Vielleicht müssen wir uns endlich trauen, sie alle zurückzuweisen: Die Visionen einer längst vergangenen Zeit und den Konformismus spätmoderner Demokratien, die uns in eine Welt ohne lebensspendende Biosphäre treiben.


    Vielleicht braucht es eine Weltföderation, die einzelne Gesellschaften zwingen kann?


    Pseudonymisiert

    Vali