Beiträge von Joachim

    Ok also ich hab jetzt nochmal in der Enzyklopädie Philosophie nachgeschaut und es gibt wohl ganz schön viele Strömungen unter dem Begriff Konstruktivismus:S.

    Da gibt es zum einen den 'logischen Konstruktivismus', in dem es um die "Rückführung von Begriffen oder ganzen Begriffssystemen mittels Definition auf wenige Grundbegriffe" geht. Darauf sollen dann so Sachen wie Mathematik, Physik und Wissenschaftstheorie begründet werden. Eine Unterform (wenn man das so nennen kann?) sei der Operationalismus, "demzufolge wissenschaftliche Objekte durch die spezifische Art des wissenschaftlichen bzw. konstruierenden Zugriffs konstituiert werden." Wissenschaft hat also Konstruktcharakter, weil sie grundlegend durch menschliches Handeln geformt ist.


    Dann gibt es noch die 'Konstruktionalistische Symboltheorie' - hier geht es darum, dass Welt, Wirklichkeit, Selbst- und Fremdverständnis aktiv konstruiert werden. Das wird wohl die Schiene sein, über die das Geld-vs-Wand-Problem erklärbar wäre. In Logik, Kunst, Wissenschaft oder dem Bereich der Erkenntnis- so dieser Ansatz - verwenden wir Symbole. Soweit so gut. Der Clou aber ist hier, dass diese Theorie(n) davon ausgeht, dass die Gegenstände, auf die wir uns mit diesen Symbolen beziehen (Im Wahrnehmen, Sprechen, Denken, Handeln) abhängig sind von der Art, wie die verwendeten Symbolsysteme funktionieren. Das geht hier dann soweit, dass die Gegenstände dadurch formiert werden. Ich denke aber nicht, dass damit wirklich gemeint ist, dass eine Wand eine andere Konsistenz annimmt, wenn wir von ihr sprechen, sondern, dass vielmehr der Begriff 'Wand' und sein Platz in unserem Weltsystem verändert wird. Das ist dann ja schon etwas anderes als reine Assoziation oder? Wenn ich einen Gegenstand A mit einem Gefühl/Gedanken B assoziiere, dann impliziert das, dass ich A auch unabhängig von allem anderen sozusagen 'in seiner Natur' wahrnehmen kann. Wenn ich aber annehme, A habe Konstruktcharakter, dann nehme ich an, dass ich ihn gar nicht unabhängig von allen anderen Konstrukten in meinem restlichen Symbolsystem (v.a. sprachliche Zeichen denke ich) wahrnehmen kann. Hier aber nochmal ein dickes :?:


    Dann gibt es noch die 'Konstruktionalistische Interpretationsphilosophie.' Welt-, Fremd- und Selbstbild entstehen hier durch "kreativ-konstruktionale Interpretationsprozesse." Was heißt das? Wenn wir etwas als ein bestimmtes etwas setzen, es also identifizieren, ihm Eigenschaften zuschreiben, es mit anderen Gegenständen (die dem gleichen Prozess unterstehen) verbinden, es in Gruppen einteilen, dann interpretieren wir dieses Etwas kreativ-konstruktional. Daraus formieren sich dann unsere Welten, innerhalb derer wir dann über "Meinungen, Überzeugungen und auch über ein gerechtfertigtes Wissen verfügen." (Das mit dem Wissen habe ich nicht ganz verstanden, ich denke, es ist dann gerechtfertigt, weil es innerhalb des Systems nachvollziehbar ist?)
    So organisieren wir dann jedenfalls unsere Erfahrungswelt. Das funktioniert dann auf verschiedenen Ebenen:

    Wahrnehmen und Empfinden: Jede Wahrnehmung geht einher mit Konzepten und Begriffen, die sie bereits vor-kognitiv beeinflussen. Der Artikel schreibt: "Alles, was als ein bestimmtes Etwas wahrgenommen wird, hat bereits eine Individuation hinter sich und kann in die Frage der Spezifikation der Mittel der |Wahrnehmung verstrickt werden." --> jeder wahrgenommene Gegenstand hat bereits eine Interpretationsphase hinter sich.

    Denken/Theorieentwicklung: Das ist dann notwendig, wenn Wahrgenommenes nicht mehr einfach in die bereits vorhandenen Wahrnehmungsmuster integriert werden kann. Der Artikel nennt das "Irritation in der Wahrnehmungswelt."Diese Irritationen werden so pragmatisch wie möglich aufgelöst, und zwar durch Theoriebildung. Der Gegenstand wird konstruiert, indem man ihn raum-zeitlich lokalisiert, kategorialisiert und klassifiziert. Und die These innerhalb dieser Strömung ist, dass diese Kontruktionsart auf einer "tief verankerten lebensweltlichen >Interpretationspraxis<" basieren. Das machen wir also auf zumindest teilweise unbewusst erlangten und genutzten Annahmen.

    Unsere Wirklichkeit(en) basieren also auf solchen Interpretationskonstrukten. Sie ist abhängig von den Interpretationssystemen, auf deren Basis sie konstruiert wird. Diese wiederum seien ganz basal auf der Ebene der Zeichennutzung angesiedelt und nicht frei wählbar. Deshalb ist es in dieser Perpsektive dann auch erklärt, warum wir beide die Wand als Wand wahrnehmen und uns darüber verständigen können - wir konstruieren innerhalb eines (?) Zeichensystems.



    So das sind jetzt mal drei Theorien, die der Artikel genannt hat. Eventuell hilft dir das ja weiter?

    Schau mal bei Soziopod #25 vorbei, da wird feministische Theorie ein wenig behandelt. Ich fände es aber auch sehr interessant, wenn mal eine oder mehrere Folgen kämen, in denen Philosophinnen den Schwerpunkt darstellen.


    Da wir schon dabei sind, ich bin vor einigen Tagen über ein sehr interessantes Buch gestolpert. Es nennt sich "Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?" und beschäftigt sich aus archäologischer Sicht mit der Aussage, bereits in der Steinzeit seien die Geschlechterrollen festgelegt gewesen (Jäger und Sammlerinnen). Ich bin jetzt noch nicht dazu gekommen, tiefer in das Buch einzusteigen, aber dennoch wollte ich das mal anführen.

    So wie ich den

    Ich denke es geht bei konstruktivistischen Ansätzen gar nicht so sehr darum, ob du dir die Wand ausdenkst oder nicht, sondern wie du die Wand in dein Weltbild einbaust. Du nimmst dieses Ding wahr, merkst dass du nicht durch es durchgehen kannst (außer du bist ein Jedi) und ziehst daraus Schlüsse auf dein Weltbild. Zum Beispiel indem du das Erlebnis des Nicht-hindurchkommens mit anderen Elementen deines Weltbildes verbindest beziehungsweise auf diese anwendest. Konstruktivistisches Denken wie ich es verstanden habe dreht sich eben im Kern um Weltbildkonstruktionen. Und hier sind wir dann beim linguistic turn beziehungsweise bei postmodernem Denken, das aus diesem Ansatz heraus über Sprache und menschliches Zusammenleben im Zusammenhang mit Ideologie (im weiteren Sinne des Wortes) nachdenkt.

    Hier noch eine Prise Salz, denn auch mein Geschwafel ist recht halbgar.;)

    Hallöchen,

    ich höre gerade die sehr schön gemachte Folge über Fichte und bin über eine Frage gestolpert, die ich seit nunmehr 9 Semestern mit mir herumtrage. Und zwar war mein erster Kurs in der Philosophie ein zweisemestriger Interpretationskurs über Fichtes Wissenschaftslehre. Davon mal ganz abgesehen, dass das Format meines Erachtens nicht für Leute geeignet war, die im Leben noch nie 'ernsthaft' Philosophie betrieben hatten, hatte dieser Kurs ein ganz großes Manko: Und zwar wurde mit keiner Silbe der Gegenwartsbezug hergestellt. Stattdessen kämpften wir uns Woche für Woche in Kleinstarbeit einige Zeilen weiter durch dieses mir stets ein Rätsel gebliebenes Buch. <X Deshalb wollte ich mal von den werten Forenmitgliedern hören, was Ihr so darüber denkt? Ist Fichte, ist vielleicht der Idealismus heute noch eine adäquate Perspektive um über Mensch, Welt und allerlei nachzudenken? Oder ist er nicht vielleicht doch zu antropozentrisch, zu sehr auf das Selbst und zu wenig auf das Andere bezogen?

    Wie euch vielleicht schon aufgefallen ist, bin ich ein wenig traumatisiert von Fichte, aber vielleicht komme ich ja so endlich über diesen verkorksten Einstieg ins Studium hinweg.:S