Beiträge von Catweazle

    Weil wenn die gesellschaft ABC ist und ich habe die eigenschaft ABC dann ist sie doch trozdem meine individuelle und weil viele sie auch haben gleichzeitig eine soziale?

    Ich würde sagen, sozial wird das Merkmal ABC nicht dadurch, dass es viele Menschen innerhalb der Gesellschaft auch haben, sondern dadurch, dass es Einfluss auf unseren möglichen Handelns- bzw. Verhaltensspielraum gegenüber anderen Menschen hat.

    könntest du bitte hierfür ein beispiel nennen?

    Ich sach mal salopp, wenn z.B. ein Mann seine Ehefrau regelmäßig drischt, kann es an seiner individuellen Veranlagung zu Gewalttätigkeit liegen, meinetwegen nach der Theorie des Lernens am Modell nach Bandura. Das wäre dann erstmal ne psychologische Geschichte. Dreschen aber tausende Ehemänner ihre Frauen, wäre es insofern strukturell bedingt, bzw. "sozialer Art", als es was mit ungleicher Machtverteilung zwischen den Geschlechtern einer Gesellschaft zu tun haben kann. Religiöse oder gesetzliche Überbleibsel, von wegen "Das Weib sei dem Manne Untertan" oder die Patrilinearität oder das "Züchtigungsrecht des Ehemannes", das erst in den 20er Jahren endgültig abgeschafft wurde.

    Aber wäre dann die strukturelle gewalt schon die tatsache das man in armut geboren wird oder erst die konsequenzen daraus (also im ghetto leben und krank werden usw) ?

    Von struktureller Gewalt spricht Galtung dann, wenn jemandes Entwicklungspotenzial durch gesellschaftliche Bedingungen eingeschränkt wird, er z.B. erkrankt/eine kürzere Lebenserwartung hat aber auch wenn er z.B. aufgrund seiner Herkunft weniger Chancen erhält, auf andere wertvolle Güter, wie etwa Bildung zugreifen zu können. Würde also sagen, strukturelle Gewalt sind eher die Konsequenzen. Mal abgesehen davon, dass man soweit gehen könnte zu sagen, dass die embryonale Entwicklung sowie das Risiko, dass während der Geburt etwas schief geht wesentlich durch die medizinische Versorgung abhängt, die wiederum ungleich verteilt ist.

    Strukturelle, kulturelle Gewalt sind 2 ineinandergreifende bzw. verknüpfte Konzepte und sind insofern nicht trennscharf abgrenzbar. Kulturelle Gewalt dient oft als Legitimation für personale Gewalt, man könnte also durchaus von psychologischen bzw. sozialpsychologischen Effekten sprechen. Einer meiner Soziologieprofessoren meinte mal augenzwinkernd in einer Einführungsveranstaltung, Soziologie sei sowas wie die "Psychologie einer Gesellschaft". Psychologen würden ne einzelne oder ne kleine Gruppen von "Ameisen" beobachten und deren Verhalten bzw. "Handeln" analysieren, die Soziologen würden sich den gesamten Ameisenstaat angucken und die Abläufe, die Verteilung von Funktionen/Rollen in den Blick nehmen. Wenn ich das jetzt mal weiterspinne und auf Gewalt übertrage würde ich sagen, wenn sich 2 Ameisen bekämpfen wäre es für die Soziologie erst dann von Interesse, wenn es was mit ihren "Rollen" innerhalb des Staates zu tun hat. Ist aber jetzt ziemlich wild rumspekuliert. ;)

    ...es gibt „soziale strukturen“ und „strukturelle gewalt“ (institutionellen rassismus).

    doch am ende sind es einzelne leute die dies oder jenes tun und sagen?

    Sofern ich Galtungs Begriff der strukturellen Gewalt richtig verstanden habe, ist diese "täterlos", heißt, es geht um Benachteiligungen durch soziale Ungleichheiten. Ist man z.B. arm, wohnt deswegen in einer industrienahen Siedlung und erkrankt deswegen an Krebs handelt es sich um strukturelle Gewalt. Galtungs allgemeines Gewaltverständnis ist ja sehr weit gefasst. Zündet aber jemand, wie leider erst kürzlich geschehen, einen Obdachlosen an, ist es allem zuvor personale Gewalt, die aber durch strukturelle (Armut des Obdachlosen) und kulturelle (gesellschaftliche Ächtung, von wegen "Penner") Gewalt mitbeeinflusst wird - Stichwort "Gewaltdreieck".


    Zum Thema "wann ist etwas individuell bzw. sozial oder gesellschaftlich" würde ich meinen, dass etwas dann sozial konstruiert ist bzw. Gegenstand der Soziologie ist, wenn es sich tatsächlich um wiederkehrende Muster/Strukturen handelt, die jenseits individuellen "Pathologien" liegen, die wären dann eher individualpsychologisch als soziologisch relevant. Die "Schubladisierung" erweist sich als sinnvoll um z.B. Signifikanzen innerhalb bestimmter Bevölkerungsgruppen zu bestimmten Sachverhalten ermitteln zu können, etwa, um beim Thema Gewalt zu bleiben, um anhand von Prävalenzen spezifische Präventionsstrategien abzuleiten. In Bezug auf Sozialisation bzw. Verstöße gegen gesellschaftliche Normen und Werte wären die Stichworte hier abweichendes Verhalten, Devianz und Anomie statt Psychopathologie.




    @ Sonntagssoziologe Da ist allerdings was dran. Dadurch beißt sich die Katze aber in den Schwanz, vermute ich. Um das Ganze ethisch zu betrachten, meinetwegen utilitaristisch, würde man wiederum wissenschaftliche Erkenntnisse über die potentiellen Folgen der Art und des Umfangs des bereitgestellten Wissens benötigen, um den jeweiligen Gesamtnutzen beurteilen zu können. Ich glaube, mein Hirn fängt gerade an, zu qualmen...

    ich würde mich da Pascal anschließen und meinen, die vorrangige Aufgabe der Soziologie ist die Beobachtung und die möglichst wertneutrale Beschreibung sozialer Phänomene. Menschen und damit die Welt zum besseren zu verändern, bedeutet erstens eine implizite Bewertung von dem, wie es ist und wie es sein soll und zweitens, würde ich sagen, ist das die Aufgabe der Pädagogik etc. Die Soziologie liefert theoretische Rahmen und/oder Daten und maximal Handlungsempfehlungen bzgl. des Forschungsgegenstandes. Streng genommen ist letzteres eigentlich schon jenseits "des Schusters Leisten", wird aber spätestens seit Mitte des letzten Jhds. zunehmend von den (häufig staatlichen oder staatsverbundenen) Auftraggebern der soziologischen Forschung gewünscht und erwartet.

    Spielt man ein wenig Advocatus Diaboli könnte man sagen, der Soziologie fehle es deshalb an einem intrinsischen Forschungsziel und sie sei nicht mehr als der Handlanger von anderen Wissenschaften oder der Politik. Ich halte diese Wertneutralität der Soziologie dennoch (oder gerade deswegen) für wichtig, um eine Instrumentalisierbarkeit so weit wie möglich auszuschließen. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch das, "was die Welt besser macht" kulturell konstruiert ist und als Legitimation für Restriktionen, Unterdrückung etc. dienen kann; kurzum missbräuchlich angewendet werden kann.


    Edit: Rechtschreibung

    @ WaermflaschenMacher Ich hab mich zugegebenermaßen bisher nicht großartig mit konstruktivistischen Theorien auseinandergesetzt. Mir fehlt dazu ein bisschen die Vorstellungskraft. Dein Wand-Problem würde ich aber spontan so erklären: Der Begriff "Farbe" als solcher hat keine Materie und ist abhängig von unseren Zuschreibungen, nicht bloß was den kulturellen Kontext und die individuellen Farbrezeptoren angeht, sondern auch intraindividuell. Wenn es dunkel ist, sind die Farben in unserer Wahrnehmung "plötzlich weg". Die Mauer aber eben nicht, die können wir immer noch fühlen. Um Farben wahrzunehmen bedarf es Licht, eines Transfers über das Hirn und offenbar, wie das Video zeigt, einer sprachlichen Vermittlung. Farben sind nur ein Attribut von etwas, die Mauer ist aber selbst ein "etwas".
    Auch von Geburt an blinde, gehörlose Menschen, ich spitze es mal zu, ohne Tastsinn könnten nicht durch die Mauer hindurch gehen.Gleiches gilt für Mitglieder kleiner, von der Außenwelt abgeschotteten Völker, die z.B. das Konzept "Eigentum" und somit "Grenze" nicht kennen und letztlich kein Wort für Mauer haben.

    Die Gewaltabsicht, die zu seiner Definition dazugehört, war in beiden Fällen gegeben, nur in einem versagte das Gewehr.

    Das ist ein gutes Argument. Eine Schädigungsintention scheint ein ganz wesentliches Element zu sein und die liegt ja in beiden Fällen vor. Ob der gewünschte Effekt tatsächlich eintritt oder nicht wäre demnach tendenziell zweitrangig. Irritiert hatte mich die Tatsache, dass z.B. die WHO in ihrer Definition explizit schreibt, das Gewalt dann vorläge, wenn eine Tat zu Verletzung, Tod etc. führt oder mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen kann. Etwas Entsprechendes habe ich bei Popitz eben vergeblich gesucht. Aber mittlerweile tendiere ich da zu deiner Interpretation. Vielen Dank!


    Das mit der Drohung habe ich allerdings anders verstanden, wobei ich dazu sagen muss, dass ich mir das ein wenig zusammengereimt habe. Eine Drohung, körperliche Gewalt anzuwenden, ob als Drohschuss oder verbal als "Ich hau' dir eine auf's Maul wenn du (nicht)...", dachte ich, sei nach Popitz instrumentelle Macht, keine Aktionsmacht und damit per definitionem keine Gewalt. Wohl aber könne körperliche Gewalt auch zur Drohung eingesetzt werden, z.B. wenn ich meinem Klassenkameraden ein paar Tage hintereinander "auf's Maul haue", gibt er mir irgendwann freiwillig sein Taschengeld. Solche Sachverhalte habe ich bisher als das interpretiert, was Popitz mit bindender Aktionsmacht meint.


    @ Theoderich Da stimme ich vollens mit dir überein. Drastisches Beispiel wäre hier Methoden der sogenannten "weißen Folter", bei der nicht der Körper direkt, sondern die Psyche geschädigt wird, etwa durch Scheinhinrichtungen, Dauerbeschallung etc. Falls es dich interessiert, würde ich annehmen, Popitz würde dahingehend argumentieren, dass solche Umstände vom Opfer als allumfassende existenzielle, also auch körperliche Gefahr erlebt würden.


    VG

    Catweazle




    Hallo Sonntagssoziologe,


    erstmal vielen Dank für deine Antwort. Jetzt bin ich allerdings etwas irritiert, da ich Popitz bisher so verstanden habe, dass er eben den Nutzen der Ursachenforschung in Frage stellt. Er betont ja z.B., dass Gewalt auch aus reinem Selbstzweck ausgeübt werden könne oder auch aus Routine, Langweile oder in spielerischer Neugier. Ich dachte, dass sei so zu verstehen, dass er Gewalthandeln jenseits einer Kategorisierung nach subjektiv gemeinten Sinninhalten, etwa nach der Weberschen Handlungstheorie sieht.


    Sollte ich das allerdings fehlinterpretiert haben, macht deine Argumentation natürlich durchaus Sinn. Ich werde die Kapitel nochmal durchgehen und schauen, ob ich etwas entsprechendes finde.


    Mit freundlichen Grüßen


    Catweazle

    Liebe Forenmitglieder,


    ich stelle mir gerade folgende Frage zu Popitz' Phänomene der Macht bzw. zu dessen Gewaltbegriff:

    Wenn jemand in voller Verletzungs- oder sogar Tötungsabsicht auf einen Menschen schießt, einsticht etc., ihn aber verfehlt, ist das nach Popitz dann Gewalt oder nicht? Seiner Definition nach ist Gewalt ja eine Machtaktion, die zur absichtlichen körperlichen Verletzung eines anderen führt. Er schreibt nicht "führen kann". Zu den anderen 3 Grundtypen von Macht, neben der Aktionsmacht scheint m.M.n. dieser Sachverhalt aber auch nicht zu passen. Ich bin die entsprechenden Kapitel jetzt mehrfach durchgegangen, finde aber nichts, was seinen Gewaltbegriff hinsichtlich des konkreten Vorliegens bzw. Zufügens einer Verletzung in den Bereich des potenziell Möglichen relativiert. Übersehe ich da etwas Wesentliches oder verstehe ich etwas falsch? Ich würde mich freuen, wenn jemand, der sich intensiver mit Popitz auseinandergesetzt hat, da Licht ins Dunkle bringen könnte.


    Mit vielem Dank vorab und freundlichen Grüßen


    Catweazle