Beiträge von Die Lehrperson

    In einem stimme ich Frau Rosa zu: Wenn schulisches Lernen auf reines Projektlernen umgestellt werden soll, dann bleibt wirklich kein Stein mehr auf dem anderen. Da geht es nicht nur um Stundenpläne und Klassengrößen, sondern grundsätzlicher um Noten, Lehrpläne, zentrale Prüfungen / Hochschulzugangsberechtigungen, Schulpflicht inkl. ihrer Dauer - das fällt alles weg, wenn man Schüler*innen einfach "mal" machen lässt und - so sagt sie es ja selbst - wartet, bis sie sich so lange langweilen, dass sie von selbst anfangen zu lernen.


    Meine Frage wäre allerdings: Woher wissen wir so genau, dass dann alles besser funktioniert? Dass dann insbesondere die Digitalisierung (die sie hier ins Feld führt) "besser" bewältigt wird etc.? Welche empirische Basis gibt es dafür aus der Unterrichtsrealität?


    Die empirische Unterrichtsforschung - Stichwort Hattie-Studie - hat die meisten "heiligen Kühe" der schulpädagogischen Diskussion (Gesamtschule oder nicht, Klassengröße, Medienunterstützung etc.) ja in den Nebenraum verschoben. Es kommt v. a. darauf an, was die einzelnen Lehrpersonen didaktisch können.


    "Projektlernen" klingt in der Theorie immer ganz toll - und es gibt durchaus auch Fälle, wo das toll funktioniert. Es setzt aber sehr viele Kompetenzen voraus, die Schüler*innen erst mal haben müssen. Gerade Kinder aus sog. bildungsfernen Elternhäusern - wo es evtl. auch an Deutschkenntnissen hapert etc. - werden mit dieser Methode gnadenlos abgehängt. Die Kinder derjenigen Professoren und Buchautoren (Precht & Co.), die diese Pädagogik propagieren, werden von der Regelschule möglicherweise wirklich gegängelt, unterfordert o. ä. Ich bin auch dafür, dass da mehr Freiraum rein muss.


    Aber die Schule komplett auf freie Projektarbeit umzustellen, ist der sicherste Weg, die heute schon Benachteiligten endgültig abzuhängen. Die "Gleichmacherei" des Schulsystems entspringt dem Versuch, Chancengleichheit herzustellen. Dass das System hier im Gegenteil viele Ungleichheiten verstärkt, ist leider auch wahr. Dann müssten wir bei einem kompletten Systemwechsel aber ziemlich sicher sein, dass genau dieser Punkt nach dem Systemwechsel auch besser funktioniert.


    Die Privatschulen, die diesen Ansatz verfolgen, werden - das wurde ja richtig gesagt - vor allem von einer besonders "bildungsnahen" Klientel mit hohem kulturellem Kapital frequentiert. Dass Projektlernen hier gut gelingt, glaube ich sofort. Diese Kinder würden bei ihren Startchancen aber auch mit jedem anderen Unterricht gut klarkommen. Nach dem Rawls'schen Gerechtigkeitsbegriff müssten wir die Schule aber in erster Linie in Hinblick auf für diejenigen mit den schlechtesten Startposition konzipieren.


    Dass Kolleg*innen im Regelschulsystem auf die Sinnfrage gar nicht oder nur pampig antworten, halte ich übrigens für eine infame Unterstellung. Richtig ist, dass diese Frage im System nicht offen (also mit offenem Ausgang) gestellt werden kann. Das ändert aber nichts daran, dass es Aspekte IM System gibt, die durchaus ihren Sinn haben (z. B. das Ziel des Schulgesetzes) und die man auch durchaus verständlich machen kann.


    Zudem kann man sich im jetzigen System durchaus Räume für Projektarbeit schaffen. Ich mache das schon längst. Frei arbeiten kann man aber nur, wenn man schon etwas kann. Aus meiner Erfahrung gelingen Projektarbeiten also erst dann, wenn Schüler*innen erst mal - "herkömmlich" - Inhalte und Arbeitstechniken lernen, die sie dann in einem zweiten Schritt in der Projektarbeit anwenden können (wobei hier auch oft Hilfen wichtig sind: wie könnte ein Projekt aussehen und wie könnte man rangehen?).


    Dieses Beispiel zeigt, dass die Gegenüberstellung von Frontalunterricht (im Podcast: "Frage-Antwort-Spiel") und "freiem" Projektlernen für die Praxis viel zu schwarz-weiß ausfällt. Methoden sind Wege (gr. "methodos"), keine Ziele. Es gibt vieles, was der Frontalunterricht nicht gut kann, es gibt aber anderes, was NUR der Frontalunterricht kann (z. B. Diskussionen in großen Gruppen). Das müsste Frau Rosa als Praktikerin eigentlich wissen. Dasselbe gilt für Projektunterricht. Wenn wir solche simplen Tatsachen gebührend anerkennen, wäre aus diesen Diskussionen schon viel ideologische Luft raus.