Beiträge von Mohnwiese

    Liebe Ruth,
    Danke für Deine Antwort.
    Ich denke, dass wir mit dem Neoliberalismus das Habenendgültig und einseitig überstrapaziert haben. Systemisch ahnen wir, dass wir das Sein wieder bewusster einbeziehen müssen. Aber vielleicht fehlen uns auch nur die Worte, um es in den Diskussionen so einzubringen, dass man nicht mit so Begriffen wie "Gutmensch", "das Leben ist keine Ponyhof" etc. abqualifiziert wird.
    Kann man das "Sein" überhaupt so mit Fakten (also Zahlen und Objektivität) untermauern wie das "Haben"?
    Oder brauchen wir einfach neue Sensoren oder Indikatoren fürs Umsteuern?
    Am gesunden Menschenverstand kann's ja nicht liegen, denn jeder ist übezeugt, dass er davon mehr als genug hat.
    (Sorry, für meinen leichten Hang um Zynismus)
    Herzlichen Gruß
    Monika

    P.S. Nächste Woche besuche ich ein Seminar mit neuen Ansätzen zum Komplexitätsmanagement. Ich erhoffe mir da ein paar hilfreiche Impulse

    Hallo Ruth,
    es scheint wirklich verzwickt mit dem Haben oder Sein. Aber ich denke, dass das Haben zutiefst menschlich ist. Gerade ist es wirklich kalt und regnerisch draußen und ich bin sehr dankbar für meine trockene und warme Wohnung. Darin kann ich "sein".
    Ich denke, dass der Kapitalismus dem Menschen seit dem Ackerbau schon sehr entspricht. Mehren dessen, was wir haben (Getreide, Saat) und auch planen für schlechtere Zeiten und schützen, wobei nicht in Stein gemeißelt ist, vor wem oder was geschützt werden muss. Und klar ist das Habende bedroht, denn es ist relativ leicht abzuhmen, vorallem wenn man im Sein ist.
    Was m.E. den Kapitalismus vergiftet, ist das zinshafte Geld (obwohl dieses Geld richtig große und weltumspannende Projekte erst möglich machte) und das Besitzen von Land (man könnte es stattdessen von der Gemeinschaft pachten).
    Ich halte auch unser westliches Denken mit Fokus auf Mangel und Fehler abträglich für das Sein, sodass das Haben leichtes Spiel hat. Das Sein lässt sich nicht kaufen, man muss es immer wieder aufs Neue "herstellen" oder "zulassen".
    Wenn eine Gesellschaft sich darauf einigt (egal, ob bewusst oder verführt), dass sie alles über Haben bewerkstelligen will, ist es verdammt schwer das Sein daneben aufrecht zu erhalten. Das Sein sieht von außen immer reizvoll aus; wenn jemand ganz vertieft in etwas ist, hat das eine große Attraktivität. Oft hat es auch etwas Heiliges. Das Haben macht ihm oft ein respektloses Angebot.
    Ich bin mal gespannt, ob noch andere Theoretiker vorgeschlagen werden, aber ich halte die Mystiker für die überzeugensten Theoretiker des Seins.
    Und dieses Buch schafft es sogar, ohne religiösen Überbau nahe zu bringen.
    https://www.herder.de/leben-sh…rte-ausgabe/c-28/p-12388/
    Herzlichen Gruß
    Monika