Beiträge von Nils

    Und deshalb habe ich Sherlock Holms immer irgenwie nervig gefunden. Genie hin oder her, es gibt einfach zu viel Zufälle.

    Was hat das Video mit schlussfolgerischen Erkenntnismethoden zu tun, die Sherlock Holmes benutzt? Natürlich gibt es immer eine Masse an Zufällen, aber das schließt ja nicht aus, dass man durch die Anwendung entsprechender Methoden korrekte Schlussfolgerungen ziehen kann.

    Vielleicht hilft es an die Anfänge zurückzugehen und sich z.B. mal "The Polish Peasant" von William I. Thomas und Florian Znaniecki (1919/21) anzuschauen.

    Es war eine sehr groß angelegte Untersuchung die sich auf die Auswertung von Briefen, Lebensberichten, Tagebüchern etc. konzentrierte. (vgl. Schnell et al.:31)

    Das würde ich auch empfehlen. Eine frühe Quali-Untersuchung war "Die Arbeitslosen von Marienthal". Wenn du danach suchst, solltest du wissenschaftliche Quellen mit verwertbaren Aussagen zu damaligen Standards finden.


    Würdest du auch englischsprachige Quellen in Betracht ziehen? Es gibt die Buchreihe "The Heritage of Sociology" der Chicago University Press. Die "Chicagoer Schuler" war eine frühe soziologische Richtung, die sich mit investigativ-qualitativer Forschung befasste. Ich habe daraus die erste Quali-Studie zu Wohnungslosigkeit gelesen - "The Hobo" von Nels Andersson von 1923. In dieser Richtung könnte evtl. etwas für dich dabei sein.

    Dasselbe ließe sich auch weiterhin von der Sonne sagen. Wenn dem Gehirn aber eine so zentrale Bedeutung im Rahmen von Sozialkonstruktivismus (nicht zu verwechseln mit Konstruktivismus) zugeschrieben wird, dann muss die Begründung eine andere sein als dass "Gehirn" und nicht "Sonne" im Thread steht. Ich bestreite ja nicht, dass Gehirne eine Voraussetzung sind, sage nur eben, dass die Sonne auch eine ist.

    Ich verstehe, worauf du hinaus willst, aber du hast ja weiter oben über die Rolle des Gehirns im Sozialkonstruktivismus begonnen zu sprechen. Und da war die Aussage, das Gehirn sei eine soziale Konstruktion. Dem habe ich etwas entgegengehalten. Dasselbe würde im Dialog über doe Sonne passieren, aber es ging ja nicht um die Sonne. Oder habe ich dich missverstanden?

    Dem stimme ich zwar zu, aber solange wir das Gehirn noch nicht so gut erfasst und erforscht haben, dass wir alle Vorgänge darin messen, erklären und vorherberechnen können ist es erst einmal doch nur eine Black Box und bringt uns kaum etwas.

    Dass wir auf Körper und deren Funktionen angewiesen sind, um überhaupt denken zu können, ist doch eine Binsenweisheit und bedeutet weder, dass wir einen unmittelbaren Zugriff auf die Wirklichkeit hätten (ergo Realismus stimmen muss), noch können wir davon sicher herleiten, dass wir biodeterminiert denken (weil wir noch nicht genau wissen, wie all die komplexen Prozesse ablaufen)

    Dem würde ich zustimmen. Ich fühlte mich dazu veranlasst, diese Binsenweisheit hier auszusprechen, da ich den Eindruck hatte, aus sozialkonstruktivistischer Sicht würde das bestritten. Hier kann aber auch ein Missverständnis meinerseits vorliegen.

    Ohne Sonne gäbe es auch keine, vielleicht sogar ohne Kartoffeln. Deshalb würde man aber nicht sagen, Sonne und Kartoffeln seien für SozialkonstruktivistInnen relevant.

    Da es konkret um das menschliche Gehirn ging, bringt diese Aussage wenig weiter.


    Worauf ich logisch hinauswollte, ist, dass Menschen offenbar von der biologischen Hirnstruktur abhängig sind, um überhaupt irgendetwas geistig konstruieren zu können. Die klare Tatsache, dass alles, was passiert, durch Menschen beschrieben und mit Erklärungsmuster belegt wird, entbindet nicht von der ebenfalls klaren Tatsache, dass das biologische Phänomen "Gehirn" auch ohne diese Beschreibungen und Erklärungsmuster der Fall wäre.

    Ich habe die beiden Beiträge die Tage auch gehört. Auf der Ebene der Wissenschaftstheorie wäre ich wahrscheinlich weitestgehend bei Herrn Gabriel, seine Aussagen zu Gesellschaft und Politik finde ich allerdings etwas unsauber vorgebracht und zum Teil nicht nachvollziehbar. Ich müsste mir das Gespräch jetzt noch mal anhören, um exakt zitieren zu können. Es schien mir jedenfalls dort an einigen Stellen eher um Kritik an der Beschreibung zu gehen als um die Erklärungskraft der Theorie selbst, und da und dort blitzte für mich ein naturalistischer Fehlschluss durch.

    Wittgenstein ist ein hoch interessanter Denker, da solltest du in jedem Fall irgendwann drauf zurück kommen. Sein Ansatz ist der, die Konstruktion der Welt durch den Menschen über Sprachstruktur und deren Logik zu erfassen. Wenn ich es richtig verstanden habe, versucht Wittgenstein, aus diesen Grundlagen eine eigene konstruktivistische Methode zu bauen. Wer nicht bereits halbwegs philosophisch sattelfest ist in den relevanten Bereichen, wird recht sicher an ihm scheitern.


    Ich persönlich kannte vor dem Einstieg in den Radikalen Konstruktivismus bereits die Philosophie Schopenhauers und Gedanken deutscher Romantiker, was mir das Verständnis sehr erleichtert hat. Aber das war Zufall, als Systematik würde ich das nicht empfehlen. Doch - ich rate weiterhin zu Watzlawick als guten einführenden Autor.

    Mir persönlich hat dieses von dir genannte Werk sehr gut geholfen, ein Grundlagenverständnis zu entwickeln.

    Ich habe es aber seinerzeit auch bloß zufällig ausgewählt, weil es gerade bibliothekarisch verfügbar war. An Details aus den jeweiligen Beiträgen kann ich mich leider nicht erinnern.


    Insgesamt fand ich Watzlawick immer am verständlichsten, weil er relativ klar schreibt und viel mit direkten Beispielen arbeitet. EvF und EvG bleiben (in meiner Erinnerung) immer eher abstrakt, was für den Start nicht immer von Vorteil ist. Je nach eigener Denkstruktur. Von Autoren wie Wiener und Wittgenstein würde ich als Einstieg unbedingt abraten.


    Soweit meine subjektive Erfahrung.

    Sorry, ein bisschen Off-Topic: Das Gaus Interview mit Hannah Arendt sollte sich übrigens jeder hier mal angeschaut haben. Das ist mit das beste Stück Content, was es auf Youtube generell gibt - nicht nur inhaltlich, sondern auch hinsichtlich des meisterhaften Umgangs mit der deutschen Sprache und des ruhigen, respektvollen Tons.


    </offtopic>

    Ein sehr guter Hinweis. Gaus' Interviews aus der Reihe "Zur Person" lohnen sich eigentlich immer, je nach Interessenlage des Zuschauers natürlich. Gaus war selbst auch eine sehr interessante Persönlichkeit. In seiner Autobiographie "Widersprüche - Erinnerungen eines linken Konservativen" (Berlin, 2004, S. 201 f.) bemerkt er zum Gespräch und Hannah Arendt selbst u. a.:


    Zitat

    Unter den mehr als zweihundert Interviews, die ich geführt habe, ist das mit Hannah Arendt, gesendet am 28. Oktober 1964 im ZDF, in den vier Jahrzehnten das mich am tiefsten bewegende, für mich eindrucksvollste, ausdrucksstärkste geblieben. Ich denke, es ist auch das beste, das ich je geführt habe. [...] Die Achtundfünfzigjährige bezauberte uns mit ihrer Freundlichkeit. Sie gewährte uns einen Vertrauensvorschuss. Sie schob ihre Bildung nicht wie eine respektheischende Bugwelle vor sich her. Die hohe Ebene, auf der sie geistig existierte, war ihr erkennbar ein selbstverständlicher Lebensort.

    Dem Wunsch würde ich mich anschließen wollen. Dass Arendts Werk für aktuell relevant gehalten wird, zeigt vielleicht auch dessen momentane editorische Geschichte:


    https://www.deutschlandfunkkul…ml?dram:article_id=434718



    Darüber hinaus ist mein Kenntnisstand bezüglich Hannah Arendt und insbesondere ihrem philosophischen Hintergrund wohl als eher marginal zu bezeichnen. Und leider schaffe ich es nicht, mich intensiver mit ihrem großen Werk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" zu befassen; ein Thema, welches (uns? bzw.) mich umtreibt.

    Ich bin selbst beileibe kein guter Arendt-Kenner, empfand aber vor einigen Jahren die Lektüre des verhältnismäßig kurzen Essays "Macht und Gewalt" als interessanten und zugänglichen Einstieg.

    "Kritisches Denken" ist ein Wissenschaftspodcast aus dem Skeptiker-Spektrum. Der Fokus liegt auf Themen aus naturwissenschaftlichen Bereichen, allerdings gehen manche Folgen auch auf die philosophische Meta-Ebene ein und ab und an gibt es auch Überschneidungen allgemein zu Sozial- und Geisteswissenschaften. Für angehörige der letztgenannten Sparten stellt das Programm aus meiner Sicht eine sinnvolle, ergänzende Informationsquelle dar.


    https://kritisches-denken-podcast.de/