Beiträge von Sonntagssoziologe

    Wahrheit gibts, denke ich, nur in Bezug auf Aussagen. Das Bums ist erstmal eine Beobachtung. Die Aussage dazu ist: Es hat bums gemacht. Das ist die Wahrheit. Eine Aussage dazu, dass es immer Bums macht, ist damit nicht getroffen. Das ist vielleicht der Knackpunkt, dass nur Aussagen wahr oder falsch sein können, nicht aber Beobachtungen.

    Da jeder, der gegen die Wand läuft, dort bums macht, wird man sich nicht darauf einigen, dass er durchgelaufen ist. Entsprechend wird die Wahrheit sein, dass niemand durch die Wand laufen kann. Ansonsten ja, dann währe das die Wahrheit. Dir kommt das ja nur komisch vor, weil wir uns geeinigt haben, das man nicht durch Wände gehen kann. Wir haben uns darauf geeinigt, weil es bisher keiner geschafft hat und es keine anerkannte Theorie gibt, wie das realistisch möglich sein soll. Vielleicht muss man daher den Einigungsprozess unter die Lupe nehmen. Der ist nicht frei entscheidbar, sondern an Bedingungen geknüpft. Es gibt kulturelle Einigungsverfahren. Beschlüsse von willkürlichen Wunschkreisen, die beschließen, die Mauer sei durchlässig, würden dann nicht als "Einigung" gelten.

    Wie du sagst, das kann so oder so interpretiert werden. Deshalb ist Weber dafür, die Wertung wegzulassen.


    Eine Bewertung der Kalssifizierung schließen die Vertreter der Werturteilsfreiheit nicht aus, das sind ja keine Idioten. Die wissen auch, dass man schon bei der Wahl seiner Begriffe normativ geprägt ist.


    Hans Albert konkretisierte das so. Ein Urteil ist ein Werturteil, wenn es eine positive oder negative Haltung gegenüber dem Untersuchungsgegenstand einnimmt (z.B. Wirtschaftswachstum ist gut, das Patriarchiat ist schlecht), wenn es eine Verhaltensmaxime unterstellt (z.B. Kriminalität soll vermieden werden, Kinder sollen gut erzogen werden) oder es die Rezeptienten zu einer bestimmten HAndlung bewegen will.


    Wenn das Werturteil anders definiert wird, ist es dann nicht mehr Bestandteil der Werturteilsfrage oder des Positivismusstreits, weil dann Strohmänner aufgebaut würden.

    z.B. wirkt ein Euro nur dadurch, dass alle an ihn glauben und diese Wirkung ist real. Eine Axt im Schädel wirkt auch, ohne dass wir daran glauben (naja, bzw. müssen wir ja dann dran glauben. Es ließe sich auch nicht sagen, die Akst sei nur in deinem Kopf, obwohl sie genau dort ja steckt). In beiden Fällen kann ich durch meine Wahrnehmungsänderung individuell an diesen Realitäten nix ändern. Zumindest, solange ich halbwegs empirisch unterwegs bin.


    Achso, Sozialkonstruktivismus ist nochmal ne soziologische Abwandlung des philosophischen Konstruktivismus. Insgesamt auch besser nachvollziehbar. "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit" von Berger/Luckmannist da das Standardwerk. Soziale Konstruktionen sind demnach institutionalisierte Handlungen, die den Akteuren als Realität entgegentreten. Das hieße dann, man kann vor ihnen nicht weglaufen, sie nicht einfach wegkonstruieren, aber Konstrukte sind sie trotzdem.

    Das ist mir zu solipsistisch. Wir kommen nicht durch Wände. Ich sehe da auch keinen selbst erzeugten Widerstand. Die Empirie sagt, lauf gegen eine Wand und es macht Bum. Das ändert nichts daran, dass die Beschreibung des Phänomens nur über Konstruktionen möglich ist. Auch die Konstruktionen umzudeuten ändert nichts. Klar, du kannst "durchgehen" einfach als "drübersteigen" erklären. Philosophisch ist das alles bereits durchdacht. Jede unserer Fragen hier könnte über Lektüre beantwortet werden. Dauert nur mit dem Lesen.

    Es ist meiner Ansicht nach nicht so, dass wir Materie haben und dann das Phänomen, dass Materie andere Materie nicht durchlässt. Vielmehr beobachteten wir, dass bestimmtes Zeug nicht durch anderes hindurch geht und nannten das Materie. Der Begriff Materie ist also eigentlich eine Zustandsbeschreibung. Die Frage, ob Materie durch Materie hindurchgeht, ist also die: Kann Zeug, welches nicht durch Zeug hindurchgeht, durch Zeug hindurchgehen? Das ist semantischer Unsinn. Die Frage ist also einfach nur unsinnig, fertig ;)

    Kommt jetzt darauf an, wie du Normativität aufdröselst. Zum Werturteilsstreit wurde häufig gemeint, es ginge darum, völlig unnormativ sein zu können. Das sah Max Weber schon nicht so. Warum jemand einen Untersuchungsgegenstand wählt, ist z.B. schon normativ gewählt, aber nicht mit Werturteilsfreiheit gemeint.


    Bezugnehmend auf Max Weber: „Unter Wertungen sollen praktische Bewertungen einer durch unser Handeln beeinflußbaren Erscheinung als verwerflich oder billigenswert verstanden sein." würde ich sagen, dass solch eine Wertung in der Astronomie nichts zu suchen hat.

    Ich sehe das Wand-Problem so: Der Begriff "Felswand" beschreibt einen Ausschnitt unserer Umwelt. Er sagt, das Gras gehört nicht dazu, der Himmel nicht, auch nicht die Käfer in den Ritzen der Wand. Da kommt ein Vogel, gegen die Wand. Vogel ist ebenfalls ein Ausschnitt: Die Flöhe auf dem Vogel gehören nicht mehr zu dem, was wir Vogel nennen, die Bakterien in seinem Darm aber schon. Das haben wir so festgelegt. Wenn es uns nicht gäbe, würde niemand diesen Ausschnitt festlegen. Irgendwas würde also gegen irgendwas knallen, aber dass da ein Vogel gegen eine Wand kann kann es dann nicht sein. Denn eine andere Spezies hätte vielleicht andere Definitionen. Ein Vogel wäre dann vielleicht eher eine Zelle eines Schwarms, der als Wesen wahrgenommen würde, der Felsen wäre ein Teil eines größeren geografischen Gesamtgebildes. Einzelfelsen gäbe es als Begriff vielleicht gar nicht. Auf Subatomarer Ebene gab es sowas wie einen Knall ja auch gar nicht, das ist nur dem geschuldet, dass sich unser Bewusstsein auf genau dieser materiellenen Ebene bildet und nicht schon Moleküle ein Bewusstsein haben (unterstelle ich mal). Im Prinzip reden wir über Dinge, über die sich ohne uns nicht reden lässt. Aber dadurch, dass wir darüber reden, sind sie in der Welt.