Beiträge von Sonntagssoziologe

    Die Wahrheit ... gibt es nicht! Armin Nassehi hat das in seinem Buch "Die letzte Stunde der Wahrheit" (gut lesbar) beschrieben. Ein zentraler Aspekt dabei ist die "Perspektivendifferenz".

    Das halte ich für vorschnell. Die Wahrheit nach welcher Wahrheitstheorie gibt es nicht? Und woher wie unterscheidet man Nichtexistenz von Wahrheit von Nichtwissbarkeit von Wahrheit? Um die die Existenz von Wahrheit widerlegen zu können, braucht man Methoden, welche die Existenz feststellen könnten. Falls Wahrheit nicht existiert, finden diese Methoden finden nichts, falls die Methoden Wahrheit nur nicht erkennen können, finden sie auch nichts. Ich würde dem respektablen Herrn Nassehi sein Erkenntnisvermögen nicht als Instanz für die Existenz von Wahrheit oder nicht hernehmen. Aus meiner Sicht können wir mit Gewisseheit allenfalls sagen, dass wir Wahrheit, wenn sie denn existieren sollte, evtl. erkennen können, aber nie wirklich wissen, ob wir sie erkannt haben.

    Der Werturteilsstreit wurde ja für die Werturteilsfreiheit (soweit möglich) entschieden. Die Frage ist aber auch, wieso Wissenschaft neutral sein soll. Die Antwort wäre, weil sie so bessere Erkenntnisse liefert. Die Frage wäre dann, wieso sie bessere Erkenntnisse liefern soll. Das kann Wissenschaftstheorie nicht beantworten, sondern Ethikphilosophie. Die würde fragen, ob dieses Wissen für die Menschen besser sei oder ob es für die Menschen nicht besser sei, das Wissen gleich nach Nützlichkeit für den Menschen ggf. abzufälschen. Dass "objektives" Wissen unbedingt gut ist, erklärt sich ja nicht von sich aus.

    Ich finde das Beispiel der Himba schon sehr relevant, denn es hat Konsequenzen. Sie wurden ja gefragt, welches Quadrat nicht reinpasse. Für uns ist schon ganz ohne Farbwahrnehmung konzeptionell klar, dass blau nicht reinpasst. Die Himba haben aber nicht nur eine andere Wahrnehmung, sonder auch ein anderes Sortierungskonzept. Für sie passt blau da rein, aber ein bestimmtes grün nicht. Solche kleinen Dinge sind für vieles entscheidend. Z.B. für Intelligenztests. Ein überkultureller Intelligenztest kam nicht klar damit, dass sich für die meisten Indigenen Symmetrien als falsch anfühlen, für uns als richtig. Diese kleine Sache machte einen Vergleich der Intelligenzleistung nur unzureichend möglich.

    Es ist hier auch eine Sache der Formulierung. Zum Beispiel, rot sei nicht mehr zu sehen. Per Definition sind Farben Sinneseindrücke. Kein Eindruck, keine Farbe also. Demnach kann es nicht sein, dass man rot in tieferen Gewässern nicht mehr wahrnimmt, obwohl es eigentlich noch da ist. Vielmehr geht dort der Sinneseindruck verloren, der ja per Definition zur Farbe dazugehört. Somit geht die Farbe dort verloren.


    Farben finde ich deshalb ein interessantes Beispiel, weil sie hier unbestreitbar nur im Kopf existieren. Manche Physiker sagen sogar, Farben existieren in der Natur nicht, sondern nur in unserem Kopf, wobei sie dann wohl vergessen, dass unsere Köpfe und die der Tiere schon auch Natur sind. Zumindest ist die Diskussion über Farben nochmal etwas anderes als andere Konstrukte, die von konstruktivismusfeindlichen ;-) Personen sehr schnell als Unsinn weggewischt werden. Das gelingt bei Farben nicht. Die rote Tür ist nicht rot, wenn keiner hinschaut.

    Wie ist das mit Farben? Die sind als Sinneswahrnehmung definiert, entstehen also per se nur im Kopf. Schaue ich auf eine rote Tür, ist die Tür rot. Drehe ich mich um, ist die Tür nicht mehr rot, da die Verbindung zu meiner Sinneswahrnehmung verschwunden ist, die per Definition gegeben sein muss. Die rote Tür hinter mir ist also gar nicht rot, solange sie niemand anschaut. Empirisch überprüfbar ist das jedoch nicht, weil ich dazu hingucken muss.

    Vielleicht würde es auch helfen, die Bedingungen anzuschauen, unter denen sich Leute als glücklich empfinden. Für Glück scheint das Eingebundensein auch eine wichtige Rolle zu spielen. Wer sich nicht im Einklang mit seiner Umwelt erlebt, wird vermutlich nicht glücklich sein. Dieser Einklang kann durch zwei Strategien herzustellen versucht werden, indem man die Umwelt ändert, sich z.B. in eine andere Umwelt begibt oder indem man sein inneres passend zur Umwelt verändert.

    Sorry, das war dumm von mir. Popitz wollte das ja genau nicht. Hatte ihn verwechselt. Popitz grenzt seine Gewaltsoziologie ja gerade von der üblichen Ursachenforschung ab, da hast du völlig Recht.


    Ich würde zwei Argumente sehen, wieso es sich auch bei nichtvollzogener Verletzung um Gewalt handelt.


    1) Auch bei Popitz ist Gewalt beschreibbar. Die Frage wäre dann, ob eine Situation, in der ein Attentäter aus Zufall danebenschießt, eine gewaltlose Situation sei. Wenn Popitz Gewalt beschreiben will, muss er gewaltsame und gewaltfreie/-arme Situationen differenzieren. Die Gewaltabsicht, die zu seiner Definition dazugehört, war in beiden Fällen gegeben, nur in einem versagte das Gewehr. Angenommen, ein Täter schießt im Zug hinterrücks auf sein Opfer. Der Zug entgleist, der Schuß geht daneben, beide sind tot. Hat Gewalt stattgefunden oder nicht? Eine Theorie, die eine Mißglückte Tötungsabsicht auch als Gewalt einstuft, hätte hier weniger Probleme. Die Theorie wäre anfällig für Zufälle außerhalb der Akteure.


    Popitz sieht meines Wissens nach Drohung auch als Gewalt an. Ein Drohschuss ohne Tötungsabsicht wäre also auf jeden Fall Gewalt, egal, ob eine Verletzung eintritt. Ein Todesschuss mit Tötungsabsicht aber nur Gewalt, wenn keine Verletzung eintritt. Das würde bedeuten, dass ein misslungenes Attentat nicht als Gewalt zählt, ein Luftschuss mit der Schreckschusswaffe aber schon.


    2) Popitz Theorie wäre für die Kriminologie oder Kriminalsoziologie nicht verwendbar. Mit Popitz könnte man nicht sinnvoll differenzieren, wie Gesellschaft mit Gewaltkriminalität im Unterschied zu anderen Delikten umgeht. Eine Haftstrafe für ein mißglücktes Attentat wäre ein soziologisches Rätsel, weil es sich weder um Gewalt, noch um Diebstahl, noch um Ruhestörung etc. handelt. Popitz müsste sagen, Gesellschaft behandle manche Nichtgewaltdelikte so, als wären sie Gewaltdelikte. Kriminologen würden dagegenhalten, das läge nur daran, dass Popitz eine Privatdefinition von Gewalt ersponnen hat.


    Ich las eine Interpretation von Gewalt nach Popitz als "direkte, gegen den Körper gerichtete Verletzungsaktionen".Das würde auch fehlgeschlagene Angriffe einschließen.

    Tendenziell würde ich sagen, die vollzogene Absicht gilt. Popitz wollte, dass die Soziologie die Ursachen von Gewalt erforscht. Wollte man in dem Sinne eine Stichprobe zusammenstellen, um Attentäter nach deren Motive zu befragen, wäre es unzweckmäßig, aus der Stichprobe jene Attentäter herauszunehmen, die ihren Todesschuss durch Zufall verfehlt haben. Das würde überhaupt keinen Sinn ergeben.

    Rawls Schleier des Nichtwissens setzt eigentlich schon einen impliziten Rahmenvertrag über abstrakte Gerechtigkeitsvorstellungen oder eben Rational Choice voraus, funktioniert m.E. nur innerhalb gleicher Kulturen. Es muss vorausgesetzt werden, dass sich jemand unter allen Umständen für würdig zur gesellschaftlichen Teilhabe hält. Und auch, dass es kein großes Spielertypverhalten gibt, in welchem die Leute sagen, sie möchten auf alles oder nichts setzen.

    Bei allen Vorbehalten gegenüber Holmes Methoden, liegt es da doch etwas anders. Mit dem Wissen, was kulturell beim Gegenüber für ein Geschichtsablauf relevant ist, was als Kausalität akzeptiert wird, lässt sich durchaus Schlussfolgern. Bei der Aufklärung eines Verbrechens geht es z.B. um den Täter. Damit fallen Milliarden andere Kausalitätsketten weg, es geht nicht darum, welche Bakterien im Darm zu welchen Entscheidungen führten oder welche Ursache das Wetter auf die Stimmung des Täters hatte. Es geht um Wer, was, wann, wie wo. Das unterliegt alles starker Komplexitätsreduktion, es bezieht sich auf eine Person, auf eine Ortsangabe, die da nicht lautet, links vom Planeten, auf Zeitangaben mitteleuropäischer Zeit usw. Innerhalb geteilter Vorstellungen darüber, was als kausaler Grund anerkannt wird, lassen sich diese Ketten auch beschreiben. Schwierig wäre es für Holmes, wenn er seine Kausalketten in einer völlig anderen Kultur vorlegen würde, in der Ursachen über Geisterbesessenheit, Sternenkonstellationen usw. vereinbart sind. Allerdings lässt sich schon zeigen, dass Holmes häufig deshalb richtig lag, weil seine Schlussfolgerungen mit dem Skript des Autors zufällig (?) übereinstimmten. ;)

    Gibt zum Thema einen umfassenden Wikiartikel https://de.wikipedia.org/wiki/Sinn_des_Lebens


    Da aus dem Sein aber kein Sollen folgt, ist die Frage nach einem objektiven Sinn des Lebens für die Lebensführung irrelevant, da aus dem Sein des Sinns nicht folgen würde, dass man ihn akzeptieren sollte oder irgendwie überhaupt berücksichtigen müsste. D.h., selbst, wenn es einen objektiven Sinn gäbe, würde nur der subjektive Sinn zählen.