Beiträge von Sonntagssoziologe

    Für mich ist diese Filmszene ein gutes Beispiel, wie selektiv wir Geschichte erzählen. Unzählbare Kleinigkeiten führen zu Ergebnissen, die wir im Nachhinein in irgend ein sinnvolles Muster stellen. Als Geschichte betrachten wir meist Menschen und als Ursachen meist auch menschliche Interventionen. Aber wer weiß, es gibt auch Versuche, Geschichte anhand Bakterien und Viren zu erzählen. Am interessantesten finde ich die Frage, was wir als Ursache für eine Entwicklung hernehmen. Bis zum Urknall gehen wir ja nicht zurück, irgendwo setzen wir den Schnitt und benennen Ursachen, die in einem anderen Kontext aber keine wären. Wenn ein General einen Befehl gibt, wäre das Wirkungslos ohne die hierarchischen Strukturen, in denen er sich befindet. Aber auch die kommen irgendwo her. Die Strukturen erklären aber keine Einzelentscheidungen usw.


    Ich weiß nicht, ob es was bringt, Glaubenssätze vorzutragen. Es gibt eine Religion/Philosophie, nach der der Sinn der Menschen darin besteht, den Pflanzen nützlich zu dienen. Demnach hätten die Pflanzen Tiere und Menschen evolutionär hervorgebracht, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Wir seien sozusagen untergeordnete Ableger. Im Garten unüberprüfbarer Glaubenssätze ist wirklich für jeden was vorhanden.

    Stellt neues Wissen nicht solche Möglichkeitsräume für vernünftiges Handeln dar? Ich finde in der Soziologie keine Basis für Ethikdiskurse, welche die Philosophie nicht besser führen könne. Vielmehr sehe ich die politische Dimension der Soziologie darin, Widersprüche zwischen gesellschaflicher Selbstbeschreibung und Tatsachen aufzudecken. Z.B. kann sie sehr gut herausfinden, ob bestimmte Gerechtigkeitslogiken realisiert oder nur Seifenblasen sind.

    Ich finde, Soziologie hat schon einen gehörigen Einfluss, bedenkt man z.B. die Geschlechter- oder Erziehungsfragen. Ist das aber überhaupt ihre Aufgabe? Würde man auch fragen, wieso Politikwissenschaftler oder Historiker die Welt nicht verändern? Änderungen sind politisch und dafür gibt es Verfahren. Soziologie kann lediglich für diese Verfahren Wissen bereitstellen.

    In dem Fall, wo eine Einzelperson für eine Gruppe dadurch geopfert wird, geschieht ein gezielter Angriff auf ihr Leben. So etwas lässt das Grundgesetz nicht zu, wie sich bei dem Urteil über den Fliegerabschuss mit Terroristen an Bord zeigte. Autos würden zu einer Tötungsmaschine, welche nach ethischen Gesichtspunkten hinrichtet.


    Denken wir doch mal an eine KI bei der Bahn. Würden wir da eine automatische Entgleisung einbauen wollen, wenn die Chancen, dabei verletzt zu werden, aber zu überleben, für die Insassen größer ist als die Überlebenschancen für die Businsassen auf dem Bahnübergang. Wer wäre für so eine Maßnahme?


    Hinzu kommt die Schuldfrage bei Unfällen. Wenn das Leben, welches höher gewichtet, am Unfall Schuld ist, darf dann die unschuldige Person geopfert werden?

    Für Geschwurbel unter der Maske von Logik wird auch manche soziologische Theorie gehalten. Für das Klientel von KenFM u.ä. gibt es doch etabliertere Plattformen. Ich denke nicht, dass das hier droht, ein Schwurbelforum zu werden. Sicher wird immer mal wer auftauchen und von der Flacherde und Chemtrails reden, was solls. Sollte das Forum dennoch ins Dubiose abdriften, kann man immer noch gegensteuern, aber prophylaktisch wäre mir das zu diktatorisch.

    Das eigene selbst ist erfordert zunächst eine recht vage Definition von irgendetwas.


    Inuits stehen sechs Stunden regungslos am Eisloch. Das würden selbst diejenigen unserer Kultur nicht aushalten, welche ein beschauliches Leben führen. Der Abstand zwischen der Smartphonegeneration und den Beschaulichen ist minimal gegenüber dem der Beschaulichen und der Inuit. Dennoch wird der erste Abstand als problematisch angesehen, der zweite aber nicht. Oder wer starrt regelmäßig über Stunden die Wand an. Ich will sagen, dass hier ein Daseinsbild als Referenznorm gesetzt wird, dass eigentlich ein relatives ist. Möglicherweise adaptiert das Hirn kommender Generationen den Lebensstil einfach und nur jene haben Probleme damit, welche noch mit einem Bein im Leben vor der Smartphonewende lebten. Aber freilich, vielleicht auch nicht und die Urenkel drehen alle durch.

    Bis der Streit der BiologInnen andauert, kann man soziologisch schonmal fragen, warum uns diese Frage so interessiert, welchen Unterschied eine jeweilige Antwort für die Gesellschaft machen würde.


    Ganz außen vor bleibt bei dieser Frage fast immer die soziale Zuschreibung. Fragt man z.B., ob eher Gene oder das Umfeld kriminell machen, sind mit Umfeld nur die sozioökonomischen Bedingungen gemeint, unter denen jemand kriminell wird. Dass "kriminell" selbst eine Zuschreibung ist, wird übergangen. Was in einer Gesellschaft kriminell ist, muss es in der anderen nicht sein, so dass dort weder die Gene, noch das soziale Umfeld Ursache für bestimmte Kriminalitäten wäre. Bei Dingen wie Erfolg, Krankheit u.ä. liegt das genauso.


    Statt der Unterschedung Gene/Umwelt, müsste man eher nach Gene-Umfeld-Zuschreibung fragen.

    Da es konkret um das menschliche Gehirn ging, bringt diese Aussage wenig weiter.


    Worauf ich logisch hinauswollte, ist, dass Menschen offenbar von der biologischen Hirnstruktur abhängig sind, um überhaupt irgendetwas geistig konstruieren zu können. Die klare Tatsache, dass alles, was passiert, durch Menschen beschrieben und mit Erklärungsmuster belegt wird, entbindet nicht von der ebenfalls klaren Tatsache, dass das biologische Phänomen "Gehirn" auch ohne diese Beschreibungen und Erklärungsmuster der Fall wäre.


    Dasselbe ließe sich auch weiterhin von der Sonne sagen. Wenn dem Gehirn aber eine so zentrale Bedeutung im Rahmen von Sozialkonstruktivismus (nicht zu verwechseln mit Konstruktivismus) zugeschrieben wird, dann muss die Begründung eine andere sein als dass "Gehirn" und nicht "Sonne" im Thread steht. Ich bestreite ja nicht, dass Gehirne eine Voraussetzung sind, sage nur eben, dass die Sonne auch eine ist.