Beiträge von bekado

    Hallo zusammen und danke Marco für diese interessante Frage. Ich muss gestehen, dass ich mir schon lange keine Gedanken mehr darüber gemacht habe, wie ich mir Inhalte aneigne oder Wissen "verwalte". Ich weiß noch, dass ich mich ähnliche Fragen am Anfang meines Studiums gestellt habe, aber irgendwann hat sich alles so mehr oder weniger "eingegrooved" und wurde sozusagen inkorporiert ;) umso besser und wichtiger, mal wieder zu reflektieren, was man da eigentlich mit welchen Tools tut, wenn man liest, lernt, etc.


    Ich glaube es handelt sich hier um zwei unterschiedliche Fragen:

    1. einmal eher konzeptuell die durchaus spannendere Frage, wie jemand versteht wie es Marco so schön formuliert hat
    2. und welche Arbeitsmittel dabei zum Einsatz kommen

    Erstens: Lesen heißt Schreiben

    Lernen in sozialwissenschaftlichen Disziplinen ist meiner Ansicht nach eng verknüpft mit dem Lesen. Ich kann mich in Vorlesungen, Vorträge usw. setzen (oder auch Podcasts hören ;) ) - dort lerne ich meistens aber eher nur, wo ich nachschauen kann, um mehr über eine Sache zu erfahren. Lesearbeit wiederum ist für mich nicht zu trennen vom Schreiben. Das kann ganz unterschiedlich aussehen: annotieren am Rand, Post-its an der Wand, ein Exzerpt auf dem Rechner oder stichpunktartig im Notizbuch. Mit dem Schreiben setze ich das Gelesene erst für mich um und mache es mir zugänglich.


    Schreiben ist dabei manchmal auch einfach den Text abzuschreiben, kurze Stichworte rauszuziehen, aber auch zu reformulieren. Notizen (und auch Markierungen!) sind Kernbestandteil des (lernenden) Lesens, und nicht nur Nebenbeschäftigung. Das ist meine Auseinandersetzung mit aber auch gegen den Text. Manchmal muss man auch gegen Texte anarbeiten, da hilft auch das Schreiben. Schreibend bricht man den Text auf und stößt ziemlich schnell darauf, ob man beschreiben kann, was dort steht oder nicht. Im Hinblick auf die Ausgangsfrage geschieht im reinen Lesen für mich noch kein Verstehen, erst das Schreiben verändert etwas an dem Verhältnis von mir zum Inhalt. Der Text wandert sozusagen durch mich durch wieder auf das Papier. So kann man sich auch seiner eigenen Aufmerksamkeit vergewissern - die geschriebene Notiz ist ja auch in gewisser Weise eine Nachricht an einen selbst. "Hier, das steht da, nur anders, weißt du noch?" Schreiben und Lesen sind mEn ein untrennbares Zwillingspaar, das am Anfang der Organisation bzw. Verwaltung des eigenen Wissens steht.


    Eine sehr schöne Forschungsarbeit, die meine eigene Erfahrung ethnographisch anhand der Beobachtung von Soziologen aufarbeitet: Englert, Krey (2013): Das lesende Schreiben und das schreibende Lesen. Zur epistemischen Arbeit an und mit wissenschaftlichen Texten; in: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 42, Heft 5, S. 366-384


    Zweitens: Citavi rettet Leben

    Ich verfolge mit Interesse die Diskussion zu Citavi, die sich hier entfaltet. Trotz der wohl sehr richtigen Kritikpunkte muss ich doch (stellvertretend für andere Literaturverwaltungssoftware) eine Lanze für Citavi brechen. Ich weiß noch wie ich während meiner Bachelorarbeit jedem der es hören wollte gesagt habe "Citavi rettet Leben". Ein garantierter Lacher, aber durchaus aus Überzeugung gesagt.


    Ich kann den prinzipiellen Einwand verstehen, dass es sich für eine landläufige Hausarbeit nicht lohnt, auf Citavi zurückzugreifen. Da muss schon ein größerer Brocken kommen mit >10 Quellen, damit der initiale Aufwand des Einrichtens und Einarbeitens im guten Verhältnis zur inhaltlichen Arbeit steht - danach ist diese Art der Literaturverwaltung allerdings das beste, was dem Schreibenden passieren kann. Der Gesamtaufwand wird merklich reduzuiert, es liegen weniger Bücher, Zettel, Ausdrucke und Texte rum und die Ordnung im digitalen Verzeichnis übernimmt das Programm ja für einen.


    (Ich kann z.B. groeschc's Kommentar, dass sich der Aufwand für Zitationen gleich bleibt, überhaupt nicht nachvollziehen. Ob meine Quellenangaben richtig sind muss ich doch ohnehin überprüfen, das kann mir Citavi nicht abnehmen. Aber es wird doch sehr viel weniger Arbeit von mir verlangt, wenn ich mir ein initial von Citavi ein komplettes Verzeichnis geben lasse und dann vereinzelt Justierungen vornehme? Vielleicht kannst du da nochmal präzisieren, was dich gestört hat)


    Vor allem theoretische oder stark literaturgebundene Aufsätze profitieren enorm, weil mit der Literaturverwaltung gleichzeitig die Arbeitsweise strukturiert wird. Wie in diesem Thread auch schon angemerkt wurde: Die Tutorials oder das ein oder andere Hilfsangebot der örtlichen Bib sollte man aber schon wahrnehmen, Citavi ist mEn absolut nichts für "Learning by Doing". Citavi kann sogar großen Spaß machen, aber nur wenn man weiß, was man tut (und sich entsprechend tief genug reingenerded hat).


    Wichtiger Tipp: Schlagworte, Kategorien, etc. muss man unbedingt gut pflegen, das ist das eigentliche Killerfeature - dann eröffnet die systematische Literaturverwaltung sogar Zugang zu den berühmten Aha-Momenten, wenn Text X und Y "plötzlich" in der selben Kategorie auftauchen - der eigene Kopf diese Verbindung aber noch nicht so ganz realisiert hat.

    Ich habe nur beste Erfahrungen damit gemacht (und um mich zu wiederholen: das gilt sicher auch für andere Literaturverwaltungsprogramme!)



    Zum Abschluss weitere nützliche Tools:

    • Auch im digitalen Zeitalter: Stift, Notizbuch und Fresszettel --> ich muss die Dinge in der Hand haben, literally. Wissen hat manchmal auch eine gewisse Haptik
    • andere Schreibutensilien, wenn es A5 mal nicht mehr tut. Manchmal ist es cool auf eine Mindmap auf einen A3 Block zu kritzeln oder vor einem Whiteboard zu stehen. Solche Spielereien helfen mir meistens sehr. Wissen ist auch Spielen
    • Trello --> nutze ich für den ersten Überblick, welche Teilaufgaben anstehen für eine Hausarbeit/etc. Geht aber auch auf dem oben erwähnten Fresszettel
    • Wenn es mal nicht so flutscht: ein Glas Wein, wirkt wahre Wunder!

    Ich hoffe, diese zugegebenermaßen eher fragmentartigen Einblicke in die Art und Weise, wie ich Studieren/Lernen/Wissensverwaltung begreife, helfen weiter einen allgemeinen Eindruck zur (wissenschaftlichen) Arbeitsweise zu bekommen. Ich freue mich auf weitere Erfahrungsberichte!

    Sorry, ein bisschen Off-Topic: Das Gaus Interview mit Hannah Arendt sollte sich übrigens jeder hier mal angeschaut haben. Das ist mit das beste Stück Content, was es auf Youtube generell gibt - nicht nur inhaltlich, sondern auch hinsichtlich des meisterhaften Umgangs mit der deutschen Sprache und des ruhigen, respektvollen Tons. Wann hat man auf deutsch in der Öffentlichkeit zuletzt einen so höflichen Umgang mit dem Gegenüber gehört? (Außer natürlich im Soziopod ;) ) Ich wünschte mir so sehr, dass es solche Formate heute überhaupt noch gibt. Aber im Bewegtbild wird ja heute hauptsächlich sinnbefreit rumgetalkshowed. Gut, dass wir Podcasts haben :)


    </offtopic>

    Kann ich auch sehr empfehlen - die Tonqualität ist zwar häufig sehr grenzwertig, dafür erhält man viele Denkanstöße und tiefe Einblicke in aktuelle Fragen der Soziologie. Ich kenne Herrn Thiedeke und einige seiner Gäste als Dozenten an der Uni Mainz sehr gut. Ich kann das Gespräch mit Torsten Cress empfehlen, weil da stellenweise (wenn ich mich richtig erinnern kann) die unterschiedlichen Meinungen der beiden Wissenschaftler zu Tage treten und das kommt dem Hörerlebnis sehr zu gute.