Endlich ist sie da, die lang erwartete Karl Popper Episode. Das Soziopod-Team spricht über einen der Lieblingsphilosophen von Doktor Köbel und Herr Breitenbach versucht ihn aus seiner unbedarft kindlich-naiven Sicht zu analysieren und zum Teil zu kritisieren. Was hat Popper ausgemacht, wofür stand er ein und war er am Ende gar ein Troll der Sozialwissenschaft?
Unser Hörer Sven Sönnichsen hat mal wieder eine formidable Mindmap zu dieser Episode angefertigt:
Links zur Sendung:
Ausschnitte aus “Karl Popper: Kritik und Vernunft” erschienen im Hörbuchverlag
Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde – Band 1: Platons Zauber
Karl Popper: Alle Menschen sind Philosophen
Eine sehr schöne Folge, auch wegen der Uneinigkeit in vielen Ideen. Nur eines, was wohl ein Versprecher war, was aber schon wichtig für Leute ist, die von Popper zum ersten mal hören. Ich habe neulich aber trotzdem eine Hypothese bewiesen. Habe die Hypothese aufgestellt, in meinem Portemonai seien noch 5 Euro, hab nachgeschaut und da waren wirklich noch 5 Euro drin. Damit war es aber auch keine These mehr, sondern eine Tatsache. Vielleicht ist es dann doch eher so, dass man Thesen beweisen kann und nur Theorien, die sich aus Hypothesen zusammensetzen, unbeweisbar sind.
Nachtrag, nein kein Versprecher, hatte mich nur Verhört an einer Stelle und nach dme Nachhören meinen ersten Kommentarteil vergessen rauszulöschen.
Ja genau so ist es, Theorien sind nach Popper nicht beweisbar.
Hallo, und vielen dank für diesen gutgemachten Podcast über Popper! Ein paar kleine Anmerkungen und Gedanken die mir beim Hören gekommen sind:
(1) Das Problem mit der Psychoanalyse ist, dass sie aufgrund ihrer Arbeitsweise zu einem Konformations-Bias neigt. Popper illustriert das Problem anhand eines Beispiels mit Adler:
'As for Adler, I was much impressed by a personal experience. Once, in 1919, I reported to him a case which to me did not seem particularly Adlerian, but which he found no difficulty in analysing in terms of his theory of inferiority feelings, Although he had not even seen the child. Slightly shocked, I asked him how he could be so sure. "Because of my thousandfold experience," he replied; whereupon I could not help saying: "And with this new case, I suppose, your experience has become thousand-and-one-fold."'
[Quelle: http://www.stephenjaygould.org/ctrl/popper_falsif…
Die Narrative, die von den Psychoanalytikern entwickelt werden, müssen nicht unbedingt der Wirklichkeit entsprechen, und es gibt keinen Weg dies zu testen – weil prinzipiell alles innerhalb dieser Hypothese erklärt werden kann. Man kann natürlich auch das Problem umformulieren, und fragen: "Verbessert Psychoanalyse die Verfassung des Patienten innerhalb von objektiv-messbaren Kriterien?" Dann lässt sich das anhand von klinischen Studien testen (und wird auch gemacht), wobei auch das nicht immer einfach ist (Was sind die korrekten Placebo-Kontrollen?, etc.)
Paul Watzlawick hat dieses Problem aufgegriffen, und aus der Not eine Tugend gemacht: Watzlawick argumentiert, dass man für die erfolgreiche Psychotherapie nicht unbedingt die "wahre" Erklärung braucht, wichtig ist, dass meine einen neuen Narrativ entwickelt, der es dem Patienten ermöglicht, sein spezifisches Problem zu lösen. (Leider hat auch Watzlawick sich auf Fallbesprechungen konzentriert, und sein eigener Lösungsansatz war sehr ad-hoc, und schwer zu vergleichen.)
Ein Wort noch zur Psychoanalyse – Zyniker würden einwenden, dass z.B. das die Methode zum Wiederherstellen von unterdrückten Erinnerungen der Erzeugung von falschen Erinnerungen doch sehr ähnlich ist. Da gab es auch mal einen historischen Fall, in denen Psychoanalytiker meinten in Kindern mittels Psychoanalyse unterdrückte Missbrauchserinnerungen wiederhervorzubringen, um sie dann zu behandeln zu können. Aufgrund dieser Arbeit, gab es wohl auch Verhaftungen. Wie sich jedoch später herausstellte, wurden die Missbrauchserinnerungen durch die "Therapie" hervorgerufen, sie fanden nie statt.
(2) Ich denke, mit der Gefahr einer Wirtschaftsdiktatur war Popper noch nicht in dem Ausmaß vertraut, und sein eigener zeitlicher Kontext hat ihm eher die Gefahr von Kommunismus und Faschismus vor Augen geführt, wie ihr schon angemerkt hattet. Das "Problem", dass ein Steve Jobs sich unter einer demokratischen Wirtschaftsordnung nicht durchsetzen hätte können, haben wir jedoch auf der demokratisch-politischen Ebene ebenso: Auch hier gibt es bestimmte Entscheidungen, die ein Diktator besser durchsetzen könnte, zum Beispiel im Klimaschutz. Und dennoch sind wir bereit diesen Kompromiss hinzunehmen, und ein vielleicht ineffizienteres Parlament für unsere Entscheidungsprozesse zu nutzen.
(3) Interessanterweise war Popper sehr fortschrittsgläubig, und sah die damalige Umweltbewegung mit Skepsis. Mich würde interessieren, ob er diese Position aufrechthalten würde, im Angesicht der wissenschaftlichen Hypothese des Klimawandels. Paul Feyerabend hat ihn ja gerade deswegen kritisiert, und gemeint dass mit Wissen(Schaft) nicht unbedingt Glück oder gar eine bessere Gesellschaft bringt. Im Gegenteil, sie kann ebenso zur Unterdrückung der Menschen eingesetzt werden. Denn Wissenschaft und Erkenntnis ist nicht unbedingt demokratisch legitimiert, wenn gar objektiv. Auch wenn ich Feyerabends epistemische Position nicht teile, so hat er doch soziologisch ein Problem erkannt: Wenn sich Wissenschaft mit ökonomischen oder politischen Entscheidungen überschneidet, zieht sie oft den kürzeren, ja sie kann sogar zur Diktatur benutzt werden. Dies betrifft unter anderem die Pharmaindustrie, die Versucht bestimmte Medikamente durch das Publizieren von positiven Studien, und das zurückhalten von negativen (wie Cochrane Reviews oft aufzeigen), die Wissenschaftliche Meinung zu beeinflussen, als auch ökonomischen Theorien. In Großbritannien gab es die Diskussion, ob ein "Happiness-Index" nicht klassische Messlatten für ökonomischen Erfolg ersetzen sollte. Eigentlich eine sinnvolle Idee, doch würde ein solcher Index schnell zum Spielball der Politischen Debatte. So beinhaltete der Diskussionsvorschlag der Regierung lediglich positive Faktoren, nicht aber negative Faktoren, wie zum Beispiel Depression, wie die British Psychological Society anmerkte. (Ironie: Würde sie auch psychologische Probleme beinhalten, wären diese schnell ins Auge der Politik gerückt und evtl. umdefiniert.) Ultimativ ist das jedoch ein politisches/menschlich-psychologisches Problem, nicht unbedingt eines der theoretischen Wahrheitsfindung.
(4) Dass Popper große Teile der Philosophie und Kunst ausblendet, sehe ich nicht als Problem an. In der Tat sagt Popper ja auch nicht "Metaphysik ist doof", sondern eher dass sie sich objektiv nicht erschließen lässt. Wobei sich das durchaus ändern kann: Für die alten Griechen war das Konzept der Atome nicht falsifizierbar, alle Theorien über sie daher nicht wissenschaftlich. Erst später gelang es uns mithilfe von Technologien, diese Theorie zu testen (wie Herr Köbel schon richtig bemerkt – nicht zu beweisen). Die Metaphysik ist daher durchaus nützlich neue Hypothesen zu generieren, auch wenn wir sie (noch) nicht testen können. Vielleicht können wir es später tun, nur deshalb sollten wir sie nicht für besser als andere Hypothesen halten. Problematisch ist hier allerdings die Konstruktion der Semantik, wie ihr schon angeschnitten habt – Ist das Atom-Konzept der alten Griechen das gleiche, wie unser heutiges? Was macht den schwarzen Schwan einen Schwan, der unsere Theorie widerlegt, und nicht z.B. einen Kormoran? Unser Schwanenkonzept kann ja auch beinhalten, dass ein Schwan nur weiß sein kann, und wäre dann nicht mehr falsifizierbar. Ich erinnere mich vage, dass Popper dies irgendwo diskutiert hat, und es eventuell für die Rechtfertigung der Unbeweisbarkeit von Hypothesen herangezogen hat, weiß aber leider nicht mehr wo und mag mich irren…
(5) Wo ich nicht weiß, wie Popper's epistemische Position aussieht, ist in Bezug auf Homosexualität und psychologischer Normalität, ein Thema das der vorher schon erwähnte Watzlawick diskutiert: So wurden in den 60ern (?) Homosexuelle nicht mehr als geisteskrank angesehen, und aus den Nervenheilanstalten entlassen. Watzlawick nutzt dieses Beispiel um die Konstruktion des Normalitätsbegriffes darzustellen. Ich denke Poppers Position wäre auf der Seite der Homosexuellen, doch bin ich mir nicht sicher ob er die Definition von Normalität der Wissenschaft, oder der Metaphysik unterstellen würde. Wenn ersteres, wie verhalten sich Wissenschaft und die Ethik zueinander? Wenn letzteres, wären ethische Entscheidungen, Metaphysik, die dann vielleicht im Konflikt mit wissenschaftlichen Positionen stehen? Was sind die Konsequenzen solcher Konflikte?
(6) Zum Marxismus sei gesagt, dass Popper hier eine geteilte Meinung hat, und – je nach Definition – unterschiedlich kritisiert. So passiert es – wie sein wahrscheinlich ätzendster Kritiker, Paul Feyerabend, bemerkt-, dass in Poppers Conjectures & Refutations der Marxismus als sowohl "falsifiziert" als auch als "unfalsifizierbar" aufgelistet wird <a href="http:// [http://antipattern.net/weblog/popper-marxism-irrefutable-refuted]“ rel=”nofollow”> <a href="http://http://antipattern.net/weblog/popper-marxism-irrefutable-refuted” target=”_blank”>[http://antipattern.net/weblog/popper-marxism-irrefutable-refuted]. Dies ist gar nicht mal so unlogisch, wie es klingt, denn Popper unterscheidet zwischen unterschiedlichen Auslegungen und Aspekte des Marxismus: Seiner Meinung nach wurden die, die potenziell falsifizierbare Vorhersagenden gemacht haben, widerlegt, und was bleibt sind die unfalsifizierbaren, und die Versuche, die marxistische Theorie so kugelsicher zu machen, dass sie unfalsifizierbar wird. Popper sagt ja, dass man eine einmal widerlegte Hypothese nicht ad-hoc wiederbeleben soll. Feyerabend and Lakatos haben eingewendet, dass fast alle wissenschaftlichen Thesen sehr schnell widerlegt wurden, keine würde den Versuch der Falsifikation überleben. Das war in der Tat ein großen Problem für Popper, der daraufhin meinte, jede Hypothese bestehe aus einer Kernhypothese, und einer ganzen Reihe von Nebenhypothesen, deren Widerlegung nicht unbedingt den Kern betrifft. Damit verliert seine Theorie jedoch ihre Eleganz und wird messy.
@Sonntagszoiologe: Auch wenn du €5 in deinem Portemonnaie findest, heißt nicht, dass du wirklich €5 darin hast. In der Tat könnte es eine sehr gute Fälschung sein, und davon das Gegenteil zu beweisen wird schwierig (Wenn die Fälschung so gut ist, dass sie selbst von Banken angenommen wird). Wobei die Bedeutung und Rolle von Geld von der Gesellschaft bestimmt wird, und daher nicht mehr völlig objektiv bleibt.
Ach, einen hab ich noch! Zur Hartnäckigkeit von Poppers Diskussionsstil, die ihr ja auch angeschnitten habt, gibt es ein schönes Buch namens "Wittgenstein's Poker", in dem eine (kurze) Eskapade mit Wittgenstein beschrieben wird.
Noch aussagekräftiger finde ich folgendes Zitat aus Feyerabends Briefwechsel mit Imre Lakatos zu finden ist ("For and Against Method" – überhaupt sehr unterhaltenswert). Dort berichtet Feyerabend:
“‘I am not going to read your diatribe!’ Popper had shouted when he saw my comments on his diatribe against Bohr. (He calmed down when I told him that many people had complained about my aggressive style and had ascribed it to his influence. ‘Is that so?’ he said, smiling, and walked away.)”
Na weil Ihr sagtet, Thesen seien nicht beweisbar. Ist ja was anderes als Theorien. Aber eigentlich ist das ja auch egal, wird im Alltag eh durcheinanderverwendet.
Schon lange nicht mehr einen so interessanten und kompetenten Podcast gehört. Vielen Dank!
stimmt
Ausgezeichnete Ergänzungen, vielen Dank!
Eine sehr schöne Sendung! Finde es auch sehr schade, dass man sich in unserer Gesellschaft recht wenig mit Popper auseinandersetzt. Im Deutschunterricht haben wir viel von Hegel gehört und uns mit Freud auseinandergesetzt – zu Popper haben wir nie was gehört.
Am Schluss hatte ich aber einigen Diskussionsbedarf. Möchte hier mal ganz kurz ein paar Einwände bringen:
1. Popper hat nie etwas gegen Spekulation und Visionen gehabt. Im Gegenteil: seine Methode bedeutet ja gerade, dass Theorien immer Spekulationen sind und durch den kreativen Prozess der Spekulation entstehen. Aber er fordert, dass diese Spekulationen so formuliert sein müssen, dass sie Gegenstand von Kritik werden können. Andernfalls macht es keinen Sinn darüber zu reden. In dem Augenblick, in dem wir eine nicht-kritisierbare Behauptung hinnehmen, sind wir nämlich gefesselt: denn wenn wir eine willkürliche Behauptung akzeptieren, können wir auch noch beliebige andere hinzufügen. Wenn ich z.B. die nicht-prüfbare These akzeptiere, dass es Gott gibt – was hindert mich daran, nicht-prüfbare Thesen über "Gottes Willen" zu akzeptieren… (ähnlich im Sozialismus, der immer wieder behauptet, den Willen des Volkes zu kennen)
2. Alle Wissenschaften unterliegen in meinen Augen der Methodik Poppers. Es geht in der Wissenschaft darum, Erkenntnisse über unsere Welt (die Natur, Seele, Gesellschaft, Kultur, etc.) zu gewinnen. Und alle Erkenntnisse sind *immer* vorläufig. Schlichtweg, weil wir Menschen niemals einen vollen Überblick über die Wirklichkeit haben. Wenn es nicht darum ginge, Erkenntnisse zu gewinnen, wäre es nicht mehr als Stammtischgeplauder, das unterhaltsam ist – aber niemanden weiterbringen kann.
- insbesondere gilt das auch für die Psychoanalyse: man kann eben nicht einfach behaupten, dass man eine absolut korrekte Theorie über menschliche Verhaltensweisen hat. Wir wissen bis heute nahezu gar nichts über das menschliche Gehirn. Unser Wissen über Physik, Chemie, Biologie ist heute immer noch stark beschränkt. Genauso wenig wissen wir etwas über alle seelischen Zustände und Erfahrungen die Menschen machen können. Folglich kann keine psychologische Theorie behaupten, absolut wahr zu sein.
3. Ich halte es sogar für fragwürdig, wenn man Wissenschaft, Naturwissenschaft und "das restliche Leben" voneinander trennt. Überall in unserem Leben haben wir Erkenntnisse zu verarbeiten. Und überall müssen wir damit Leben, dass wir Fehler machen und dass wir uns irren.
In diesem Sinne finde ich, dass es einen ganz einfachen Satz gibt, der Poppers Werk perfekt zusammenfasst: "Irren ist menschlich". Poppers Philosophie lässt sich eigentlich darauf vereinfachen, dass er behauptet, dass wir Menschen Fehler begehen.
4. Poppers Weltbild ist übrigens nicht absolut! Das finde ich das so unglaublich faszinierende daran. Die Behauptung: "Alle Theorien müssen wiederlegbar sein" – ist selbst eine widerlegbare Theorie. Sobald ein Mensch eine absolute Wahrheit gefunden hat, wäre sie nicht mehr gültig. Popper hat die Menschen dazu ermutigt, ihn zu kritisieren.
[...] vom Apographon, beschäftigt sich mit dem weiten Feld der Philosophie. Gehört habe ich die Folge 15 über Karl Popper. War interessant, kurzweilig aber auch teilweise für meinen Geschmack etwas zu abgehoben – [...]
[...] Während die eine Seite also auf “nicht mehr zeitgemäß” plädiert, argumentiert die andere Seite mit dem uralten Wissen, beide argumentieren aber mit ihrer Wahrheit. Ein gar wunderliches Aneinandervorbeireden und es entsteht sofort die kommunikative Situation der Über- und Unterlegenheit, die ich als Fan von Karl Popper als extrem beunruhigend empfinde. Popper warnte stets vor den falschen Propheten, also denjenigen, die meinen die ultimative Wahrheit … [...]
Etwas spät noch eine kleine Bemerkung zur Terminologie.
(Natur-) Wissenschaftliche Theorien werden nicht "bewiesen". Unter "Beweis" wird gewöhnlich ein formaler Schluss innerhalb einer gegebenen Logik verstanden. Der analoge Begriff in den empirischen Wissenschaften lautet "verfizieren" oder "bestätigen". Was Popper gezeigt hat, war dass das Kriterium, dass die Abgrenzung von metaphysischen von wissenschaftlichen Theorien mittels der Forderung nach der Verifizierbarkeit der Theorie nicht funktioniert. Theorien enthalten Allsätze (Für alle x gilt, dass P(x)) und die lassen sich eben nicht bestätigen/verifizieren, sobald sie einen unendlichen Gegenstandsbereich betreffen. Sie lassen sich nur falsifizieren. Bestätigen lassen sich hingegen die Basissätze P(a) für ein konkretes a. Wäre das nicht so, könnte man ja auch nicht falsifizieren!
Im übrigen lässt sich Popper durchaus auch von formaler Seite kritisieren und es lässt sich zeigen, dass seine Theorie – so gut sie auch ist – nicht alle Notwendigkeiten der Wissenschaft abdeckt. Wir wissen, dass sich Allsätze nicht verifizieren, sondern nur falsifizieren lassen. Wir wissen aber auch, dass sich Existenzsätze (Es gibt ein x, so dass P(x)) sich nicht falsifizieren lassen, da man ja potentiell unendlich viele Orte (Zeitpunkte) prüfen müsste, ob da dass Ding NICHT ist. Nun enthält aber jede hinreichend komplexe wissenschaftliche Theorie Sätze, die All- und Existenzquantoren kombinieren. Solche Sätze lassen sich aber nach dem eben gesagten, weder falsifizieren noch verifizieren! Wissenschaftler müssen also spezielle Sätze aus ihren Theorien herausziehen, die den Prüfbarkeitskriterien entsprechen. Deren Falsifikation kann dann aber nicht mehr unbedingt die gesamte Theorie falsifizieren, da diese Sätze bestimmte Randbedingungen enthalten, die nicht zum Kern der Theorie gehören.
Otto Neurath benutzte das Bild, dass Wissenschaft ein Boot sei, dass man auf hoher See nur Planke für Planke umbauen könne.
Das in (4) Ausgedrückte ist ein Missverständnis. Die Poppersche Forderung nach der prinzipiellen Falsifizierbarkeit von wissenschaftlichen Theorien ist keine empirische Theorie, die falsifiziert werden könnte.
Auch in (3) steckt ein Missverständnis. Natürlich können Vertreter einer Theorie behaupten, dass ihre Theorie absolut richtig ist. Bis man ein die Theorie falsifizierende Beobachtung gemacht hat, mögen sie sich auch in Sicherheit wiegen. Die Poppersche Theorie sagt ja nicht, dass bei jeder Theorie IMMER falsifizierende Beispiele gefunden werden. Sollte die Theorie wahr sein, dann kann das ja auch nicht gelingen!
Also ich weiß nicht, in wie fern ich da jetzt genau das sagen, was Popper sagte. Aber meine Meinung ist:
(3) Popper sagt natürlich nicht, dass eine Theorie immer ein falsifizierendes Beispiel haben muss. Mathematische Theorien sind beispielsweise beweisbar. Ebenso sind Theorien, die sich auf endlich viele Erfahrungswerte beschränken lassen beweisbar. Beispielsweise die Theorie "Alle Schwäne im See XY sind um 8:45 weiß" ist zu diesem Zeitpunkt und diesem Ort beweisbar. (Andernfalls könnte man auch Theorien gar nicht falsifizieren, denn eine Falsifikation ist ein beweis).
Popper sagt in der Theorie der Forschung auch explizit, dass Falsifikationen solche einfacheren Theoreme sein müssen.
Man muss allerdings auch strikt zwischen Falsifizerbarkeit und Falsifikation unterscheiden. Eine empirische und allgemeine Theorie muss von ihrem Autor der Sache nach widerlegbar sein. D.h. sie darf nicht aus logischen Gründen die Falsifikation unmöglich machen (z.B. indem man sagt, dass man einen LKW mit dem kleinen Finger hochheben könne, solange niemand Messungen anstellt).
(4) Ich bin der Meinung dass das Falsifikationstheorem ein empirisches Theorem ist. Es baut nämlich auf der (psychologischen) Erfahrung auf, dass die Wirklichkeit für uns Menschen nicht vollständig erkannt werden kann und wir dadurch zum Nichtwissen verurteilt sind.
Ich bin sehr dankbar für dieses Gespräch. Die Erfahrungen von Herrn Breitenbach an der Uni Frankfurt habe ich in ganz ähnlicher Form auch gemacht. Popper hat eine wichtige Rolle in meiner philosophischen Entwicklung gespielt.
Die Behauptungen von Breitenbach/Köbel zur Hirnforschung teile ich nicht.
Am Ende des Gesprächs wird's leider etwas schräg. Dass Popper sich nicht für Kunst (z.B. Musik) interessiert hätte, stimmt einfach nicht. Er geht nur davon aus (und diese Ansicht teile ich), dass Kunst nicht mit wissenschaftlichen Kriterien beurteilt werden kann (und auch nicht sollte).
[...] http://soziopod.de/2012/06/soziopod-015-karl-popper-jager-der-falschen-propheten/ [...]
Vielen Dank für die interessante Folge! Ich habe erst vor kurzem angefangen, euren Podcast zu hören, und kam jetzt erst zu der spannenden Popper-Folge.
Eine ergänzende Überlegung hätte ich zur Frage, wie sich Poppers Philosophie auf die Wirtschaft anwenden ließe: Hier würde ich denken, dass Popper einer freien Marktwirtschaft eher zugeneigt wäre als einer verstaatlichten, bzw. zentralistisch gesteuerten Wirtschaft. Die Akteure in den Unternehmen können zwar nicht demokratisch gewählt werden, aber sie können ganz praktisch wirtschaftlich scheitern und damit ihre Posten wieder verlieren.
Unternehmen, bzw. bestimmte Formen des wirtschaftlichen Handelns, entsprächen in diesem Sinne den "Ideen" in der Wissenschaft. Die Falsifikation dieser Ideen, wäre der Bankrott. In verstaatlichten Unternehmen, die selbst dann noch bezuschusst und künstlich am Leben gehalten werden, wenn sie nur noch Verluste machen, ist diese Falsifikation eben nicht mehr möglich.
Als praktische Konsequenz aus dieser Ansicht, müsste die Wirtschaft also auf einen freien Markt basieren, in dem Unternehmen sich frei behaupten können, nicht durch wirtschaftsfremde Aspekte gehemmt werden, aber eben auch Bankrott gehen können.
Damit würde Popper uns auch ein gutes Kriterium in die Hand geben, um zu bestimmen, ob eine Marktwirtschaft funktioniert oder ob der Markt bereits zusammengebrochen ist: Marktwirtschaft funktioniert dann nämlich überall dort, wo Unternehmungen scheitern und Pleite gehen können. Wo sie dagegen gar nicht mehr scheitern können, ohne den Markt oder sogar den Staat selbst zu gefährden ("too big to fail"), wäre die Wirtschaft nicht mehr frei.
[...] vom Apographon, beschäftigt sich mit dem weiten Feld der Philosophie. Gehört habe ich die Folge 15 über Karl Popper. War interessant, kurzweilig aber auch teilweise für meinen Geschmack etwas zu abgehoben – [...]
[...] Carl Popper ist endlich da!! Nicht persönlich, sondern als Folge im “Soziopod.“ [...]
Danke für diesen Podcast. Ich will etwas korrigieren: Das "Gottesteilchen" hat nichts mit Gott zu tun, der Name war nur ein Marketinggag zur Vermarktung eines Buches von Leon Max Ledermann und hat sich dann in den Medien durchgesetzt. Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Higgs-Boson#Entwickl…
[...] Soziopod #015: Karl Popper Tweet (function(d, s, id) { var js, fjs = d.getElementsByTagName(s)[0]; if (d.getElementById(id)) {return;} js = d.createElement(s); js.id = id; js.src = "//connect.facebook.net/de_DE/all.js#xfbml=1&appId=239952639401711"; fjs.parentNode.insertBefore(js, fjs); }(document, 'script', 'facebook-jssdk')); Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in podcast von Herr Breitenbach. Permanenter Link des Eintrags. [...]
[...] Podcast I love the Pentacast, most notably I liked the Responsible drug usage podcast (language: english). Also I like the Soziopod (language: german), most notably the one on Karl Popper. [...]
Kleine Ergänzung: Ich meine mich zu erinnern, dass Freud einmal selbst in einem Vorwort zu einem Werk über die Psychoanalyse klarmachte, dass sein System ein bloßer Versuch ist, dass er eine quasi eine Mappe des menschlichen Geistes zeichnet und anhand dieser Mappe prüft, ob sich seine Ergebnisse und Beobachtungen mit den Annahmen decken, die er zuvor machte.
Leider kann ich die Quelle nicht mehr angeben, es ist einige Jahre her. Vielleicht kann jemand anderes mir da ja weiterhelfen. Damals überraschte es mich jedenfalls, so etwas von Freud zu lesen. Dass er seiner Theorie in diesem Sinne so bescheiden gegenübersteht, indem er zugibt, dass er erstmal nur Hypothesen aufstellt, die aber keinesfalls die absolute Wahrheit abbilden, und somit potentiell verbesserungswürdig sind.
Vielleicht war das mein Vorurteil, aber mein Eindruck war, dass Vertreter der Psychoanalyse generell der Ansicht sind, ein unerschütterliches Wahrheitssystem gefunden zu haben.
Freud hatte jedenfalls, von diesem Vorwort ausgehend, nicht die Absicht, seine Theorie so erscheinen zu lassen.
[...] zum -Extremismus); Thilo Sarrazin (Rechtspopulist); Rechter Flügel in CDU und CSU;Norbert Geis; Karl Popper Soziopod 015; ist die NPD in einer Demokratie [...]