Soziopod #015: Karl Popper – Jäger der falschen Propheten

Endlich ist sie da, die lang erwartete Karl Popper Episode. Das Soziopod-Team spricht über einen der Lieblingsphilosophen von Doktor Köbel und Herr Breitenbach versucht ihn aus seiner unbedarft kindlich-naiven Sicht zu analysieren und zum Teil zu kritisieren. Was hat Popper ausgemacht, wofür stand er ein und war er am Ende gar ein Troll der Sozialwissenschaft?

Unser Hörer Sven Sönnichsen hat mal wieder eine formidable Mindmap zu dieser Episode angefertigt:

Mindmap-KARL-POPPER

Links zur Sendung:

Ausschnitte aus “Karl Popper: Kritik und Vernunft” erschienen im Hörbuchverlag

Karl Popper auf Wikipedia

Der kritische Rationalismus

Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde – Band 1: Platons Zauber

Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde – Band 2: Falsche Propheten. Hegel, Marx und ihre Folgen

Karl Popper: Alle Menschen sind Philosophen

38 Comments

  1. Eine sehr schöne Folge, auch wegen der Uneinigkeit in vielen Ideen. Nur eines, was wohl ein Versprecher war, was aber schon wichtig für Leute ist, die von Popper zum ersten mal hören. Ich habe neulich aber trotzdem eine Hypothese bewiesen. Habe die Hypothese aufgestellt, in meinem Portemonai seien noch 5 Euro, hab nachgeschaut und da waren wirklich noch 5 Euro drin. Damit war es aber auch keine These mehr, sondern eine Tatsache. Vielleicht ist es dann doch eher so, dass man Thesen beweisen kann und nur Theorien, die sich aus Hypothesen zusammensetzen, unbeweisbar sind.

    • Ich denke Popper würde sagen, dass das Sehen von etwas kein Beweis für seine Existenz ist. Es gibt Wahrnehmungsfehler, Spiegelungen, und so weiter. Für unser Leben ist es wichtig, zu sagen und zu “wissen”, dass diese Dinge da sind. Aber beweisen können wir es nicht.

  2. Nachtrag, nein kein Versprecher, hatte mich nur Verhört an einer Stelle und nach dme Nachhören meinen ersten Kommentarteil vergessen rauszulöschen.

  3. Hallo, und vielen dank für diesen gutgemachten Podcast über Popper! Ein paar kleine Anmerkungen und Gedanken die mir beim Hören gekommen sind:

    (1) Das Problem mit der Psychoanalyse ist, dass sie aufgrund ihrer Arbeitsweise zu einem Konformations-Bias neigt. Popper illustriert das Problem anhand eines Beispiels mit Adler:

    'As for Adler, I was much impressed by a personal experience. Once, in 1919, I reported to him a case which to me did not seem particularly Adlerian, but which he found no difficulty in analysing in terms of his theory of inferiority feelings, Although he had not even seen the child. Slightly shocked, I asked him how he could be so sure. "Because of my thousandfold experience," he replied; whereupon I could not help saying: "And with this new case, I suppose, your experience has become thousand-and-one-fold."'

    [Quelle: http://www.stephenjaygould.org/ctrl/popper_falsif

    Die Narrative, die von den Psychoanalytikern entwickelt werden, müssen nicht unbedingt der Wirklichkeit entsprechen, und es gibt keinen Weg dies zu testen – weil prinzipiell alles innerhalb dieser Hypothese erklärt werden kann. Man kann natürlich auch das Problem umformulieren, und fragen: "Verbessert Psychoanalyse die Verfassung des Patienten innerhalb von objektiv-messbaren Kriterien?" Dann lässt sich das anhand von klinischen Studien testen (und wird auch gemacht), wobei auch das nicht immer einfach ist (Was sind die korrekten Placebo-Kontrollen?, etc.)

    Paul Watzlawick hat dieses Problem aufgegriffen, und aus der Not eine Tugend gemacht: Watzlawick argumentiert, dass man für die erfolgreiche Psychotherapie nicht unbedingt die "wahre" Erklärung braucht, wichtig ist, dass meine einen neuen Narrativ entwickelt, der es dem Patienten ermöglicht, sein spezifisches Problem zu lösen. (Leider hat auch Watzlawick sich auf Fallbesprechungen konzentriert, und sein eigener Lösungsansatz war sehr ad-hoc, und schwer zu vergleichen.)

    Ein Wort noch zur Psychoanalyse – Zyniker würden einwenden, dass z.B. das die Methode zum Wiederherstellen von unterdrückten Erinnerungen der Erzeugung von falschen Erinnerungen doch sehr ähnlich ist. Da gab es auch mal einen historischen Fall, in denen Psychoanalytiker meinten in Kindern mittels Psychoanalyse unterdrückte Missbrauchserinnerungen wiederhervorzubringen, um sie dann zu behandeln zu können. Aufgrund dieser Arbeit, gab es wohl auch Verhaftungen. Wie sich jedoch später herausstellte, wurden die Missbrauchserinnerungen durch die "Therapie" hervorgerufen, sie fanden nie statt.

    (2) Ich denke, mit der Gefahr einer Wirtschaftsdiktatur war Popper noch nicht in dem Ausmaß vertraut, und sein eigener zeitlicher Kontext hat ihm eher die Gefahr von Kommunismus und Faschismus vor Augen geführt, wie ihr schon angemerkt hattet. Das "Problem", dass ein Steve Jobs sich unter einer demokratischen Wirtschaftsordnung nicht durchsetzen hätte können, haben wir jedoch auf der demokratisch-politischen Ebene ebenso: Auch hier gibt es bestimmte Entscheidungen, die ein Diktator besser durchsetzen könnte, zum Beispiel im Klimaschutz. Und dennoch sind wir bereit diesen Kompromiss hinzunehmen, und ein vielleicht ineffizienteres Parlament für unsere Entscheidungsprozesse zu nutzen.

    (3) Interessanterweise war Popper sehr fortschrittsgläubig, und sah die damalige Umweltbewegung mit Skepsis. Mich würde interessieren, ob er diese Position aufrechthalten würde, im Angesicht der wissenschaftlichen Hypothese des Klimawandels. Paul Feyerabend hat ihn ja gerade deswegen kritisiert, und gemeint dass mit Wissen(Schaft) nicht unbedingt Glück oder gar eine bessere Gesellschaft bringt. Im Gegenteil, sie kann ebenso zur Unterdrückung der Menschen eingesetzt werden. Denn Wissenschaft und Erkenntnis ist nicht unbedingt demokratisch legitimiert, wenn gar objektiv. Auch wenn ich Feyerabends epistemische Position nicht teile, so hat er doch soziologisch ein Problem erkannt: Wenn sich Wissenschaft mit ökonomischen oder politischen Entscheidungen überschneidet, zieht sie oft den kürzeren, ja sie kann sogar zur Diktatur benutzt werden. Dies betrifft unter anderem die Pharmaindustrie, die Versucht bestimmte Medikamente durch das Publizieren von positiven Studien, und das zurückhalten von negativen (wie Cochrane Reviews oft aufzeigen), die Wissenschaftliche Meinung zu beeinflussen, als auch ökonomischen Theorien. In Großbritannien gab es die Diskussion, ob ein "Happiness-Index" nicht klassische Messlatten für ökonomischen Erfolg ersetzen sollte. Eigentlich eine sinnvolle Idee, doch würde ein solcher Index schnell zum Spielball der Politischen Debatte. So beinhaltete der Diskussionsvorschlag der Regierung lediglich positive Faktoren, nicht aber negative Faktoren, wie zum Beispiel Depression, wie die British Psychological Society anmerkte. (Ironie: Würde sie auch psychologische Probleme beinhalten, wären diese schnell ins Auge der Politik gerückt und evtl. umdefiniert.) Ultimativ ist das jedoch ein politisches/menschlich-psychologisches Problem, nicht unbedingt eines der theoretischen Wahrheitsfindung.

    (4) Dass Popper große Teile der Philosophie und Kunst ausblendet, sehe ich nicht als Problem an. In der Tat sagt Popper ja auch nicht "Metaphysik ist doof", sondern eher dass sie sich objektiv nicht erschließen lässt. Wobei sich das durchaus ändern kann: Für die alten Griechen war das Konzept der Atome nicht falsifizierbar, alle Theorien über sie daher nicht wissenschaftlich. Erst später gelang es uns mithilfe von Technologien, diese Theorie zu testen (wie Herr Köbel schon richtig bemerkt – nicht zu beweisen). Die Metaphysik ist daher durchaus nützlich neue Hypothesen zu generieren, auch wenn wir sie (noch) nicht testen können. Vielleicht können wir es später tun, nur deshalb sollten wir sie nicht für besser als andere Hypothesen halten. Problematisch ist hier allerdings die Konstruktion der Semantik, wie ihr schon angeschnitten habt – Ist das Atom-Konzept der alten Griechen das gleiche, wie unser heutiges? Was macht den schwarzen Schwan einen Schwan, der unsere Theorie widerlegt, und nicht z.B. einen Kormoran? Unser Schwanenkonzept kann ja auch beinhalten, dass ein Schwan nur weiß sein kann, und wäre dann nicht mehr falsifizierbar. Ich erinnere mich vage, dass Popper dies irgendwo diskutiert hat, und es eventuell für die Rechtfertigung der Unbeweisbarkeit von Hypothesen herangezogen hat, weiß aber leider nicht mehr wo und mag mich irren…

    (5) Wo ich nicht weiß, wie Popper's epistemische Position aussieht, ist in Bezug auf Homosexualität und psychologischer Normalität, ein Thema das der vorher schon erwähnte Watzlawick diskutiert: So wurden in den 60ern (?) Homosexuelle nicht mehr als geisteskrank angesehen, und aus den Nervenheilanstalten entlassen. Watzlawick nutzt dieses Beispiel um die Konstruktion des Normalitätsbegriffes darzustellen. Ich denke Poppers Position wäre auf der Seite der Homosexuellen, doch bin ich mir nicht sicher ob er die Definition von Normalität der Wissenschaft, oder der Metaphysik unterstellen würde. Wenn ersteres, wie verhalten sich Wissenschaft und die Ethik zueinander? Wenn letzteres, wären ethische Entscheidungen, Metaphysik, die dann vielleicht im Konflikt mit wissenschaftlichen Positionen stehen? Was sind die Konsequenzen solcher Konflikte?

    (6) Zum Marxismus sei gesagt, dass Popper hier eine geteilte Meinung hat, und – je nach Definition – unterschiedlich kritisiert. So passiert es – wie sein wahrscheinlich ätzendster Kritiker, Paul Feyerabend, bemerkt-, dass in Poppers Conjectures & Refutations der Marxismus als sowohl "falsifiziert" als auch als "unfalsifizierbar" aufgelistet wird <a href="http:// [http://antipattern.net/weblog/popper-marxism-irrefutable-refuted]” rel=”nofollow”> <a href="http://[http://antipattern.net/weblog/popper-marxism-irrefutable-refuted%5D” target=”_blank”>[http://antipattern.net/weblog/popper-marxism-irrefutable-refuted]. Dies ist gar nicht mal so unlogisch, wie es klingt, denn Popper unterscheidet zwischen unterschiedlichen Auslegungen und Aspekte des Marxismus: Seiner Meinung nach wurden die, die potenziell falsifizierbare Vorhersagenden gemacht haben, widerlegt, und was bleibt sind die unfalsifizierbaren, und die Versuche, die marxistische Theorie so kugelsicher zu machen, dass sie unfalsifizierbar wird. Popper sagt ja, dass man eine einmal widerlegte Hypothese nicht ad-hoc wiederbeleben soll. Feyerabend and Lakatos haben eingewendet, dass fast alle wissenschaftlichen Thesen sehr schnell widerlegt wurden, keine würde den Versuch der Falsifikation überleben. Das war in der Tat ein großen Problem für Popper, der daraufhin meinte, jede Hypothese bestehe aus einer Kernhypothese, und einer ganzen Reihe von Nebenhypothesen, deren Widerlegung nicht unbedingt den Kern betrifft. Damit verliert seine Theorie jedoch ihre Eleganz und wird messy.

    @Sonntagszoiologe: Auch wenn du €5 in deinem Portemonnaie findest, heißt nicht, dass du wirklich €5 darin hast. In der Tat könnte es eine sehr gute Fälschung sein, und davon das Gegenteil zu beweisen wird schwierig (Wenn die Fälschung so gut ist, dass sie selbst von Banken angenommen wird). Wobei die Bedeutung und Rolle von Geld von der Gesellschaft bestimmt wird, und daher nicht mehr völlig objektiv bleibt.

  4. Ach, einen hab ich noch! Zur Hartnäckigkeit von Poppers Diskussionsstil, die ihr ja auch angeschnitten habt, gibt es ein schönes Buch namens "Wittgenstein's Poker", in dem eine (kurze) Eskapade mit Wittgenstein beschrieben wird.

    Noch aussagekräftiger finde ich folgendes Zitat aus Feyerabends Briefwechsel mit Imre Lakatos zu finden ist ("For and Against Method" – überhaupt sehr unterhaltenswert). Dort berichtet Feyerabend:

    “‘I am not going to read your diatribe!’ Popper had shouted when he saw my comments on his diatribe against Bohr. (He calmed down when I told him that many people had complained about my aggressive style and had ascribed it to his influence. ‘Is that so?’ he said, smiling, and walked away.)”

  5. Na weil Ihr sagtet, Thesen seien nicht beweisbar. Ist ja was anderes als Theorien. Aber eigentlich ist das ja auch egal, wird im Alltag eh durcheinanderverwendet.

  6. Schon lange nicht mehr einen so interessanten und kompetenten Podcast gehört. Vielen Dank!

  7. Eine sehr schöne Sendung! Finde es auch sehr schade, dass man sich in unserer Gesellschaft recht wenig mit Popper auseinandersetzt. Im Deutschunterricht haben wir viel von Hegel gehört und uns mit Freud auseinandergesetzt – zu Popper haben wir nie was gehört.

    Am Schluss hatte ich aber einigen Diskussionsbedarf. Möchte hier mal ganz kurz ein paar Einwände bringen:

    1. Popper hat nie etwas gegen Spekulation und Visionen gehabt. Im Gegenteil: seine Methode bedeutet ja gerade, dass Theorien immer Spekulationen sind und durch den kreativen Prozess der Spekulation entstehen. Aber er fordert, dass diese Spekulationen so formuliert sein müssen, dass sie Gegenstand von Kritik werden können. Andernfalls macht es keinen Sinn darüber zu reden. In dem Augenblick, in dem wir eine nicht-kritisierbare Behauptung hinnehmen, sind wir nämlich gefesselt: denn wenn wir eine willkürliche Behauptung akzeptieren, können wir auch noch beliebige andere hinzufügen. Wenn ich z.B. die nicht-prüfbare These akzeptiere, dass es Gott gibt – was hindert mich daran, nicht-prüfbare Thesen über "Gottes Willen" zu akzeptieren… (ähnlich im Sozialismus, der immer wieder behauptet, den Willen des Volkes zu kennen)

    2. Alle Wissenschaften unterliegen in meinen Augen der Methodik Poppers. Es geht in der Wissenschaft darum, Erkenntnisse über unsere Welt (die Natur, Seele, Gesellschaft, Kultur, etc.) zu gewinnen. Und alle Erkenntnisse sind *immer* vorläufig. Schlichtweg, weil wir Menschen niemals einen vollen Überblick über die Wirklichkeit haben. Wenn es nicht darum ginge, Erkenntnisse zu gewinnen, wäre es nicht mehr als Stammtischgeplauder, das unterhaltsam ist – aber niemanden weiterbringen kann.

    – insbesondere gilt das auch für die Psychoanalyse: man kann eben nicht einfach behaupten, dass man eine absolut korrekte Theorie über menschliche Verhaltensweisen hat. Wir wissen bis heute nahezu gar nichts über das menschliche Gehirn. Unser Wissen über Physik, Chemie, Biologie ist heute immer noch stark beschränkt. Genauso wenig wissen wir etwas über alle seelischen Zustände und Erfahrungen die Menschen machen können. Folglich kann keine psychologische Theorie behaupten, absolut wahr zu sein.

    3. Ich halte es sogar für fragwürdig, wenn man Wissenschaft, Naturwissenschaft und "das restliche Leben" voneinander trennt. Überall in unserem Leben haben wir Erkenntnisse zu verarbeiten. Und überall müssen wir damit Leben, dass wir Fehler machen und dass wir uns irren.

    In diesem Sinne finde ich, dass es einen ganz einfachen Satz gibt, der Poppers Werk perfekt zusammenfasst: "Irren ist menschlich". Poppers Philosophie lässt sich eigentlich darauf vereinfachen, dass er behauptet, dass wir Menschen Fehler begehen.

    4. Poppers Weltbild ist übrigens nicht absolut! Das finde ich das so unglaublich faszinierende daran. Die Behauptung: "Alle Theorien müssen wiederlegbar sein" – ist selbst eine widerlegbare Theorie. Sobald ein Mensch eine absolute Wahrheit gefunden hat, wäre sie nicht mehr gültig. Popper hat die Menschen dazu ermutigt, ihn zu kritisieren.

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  10. Etwas spät noch eine kleine Bemerkung zur Terminologie.

    (Natur-) Wissenschaftliche Theorien werden nicht "bewiesen". Unter "Beweis" wird gewöhnlich ein formaler Schluss innerhalb einer gegebenen Logik verstanden. Der analoge Begriff in den empirischen Wissenschaften lautet "verfizieren" oder "bestätigen". Was Popper gezeigt hat, war dass das Kriterium, dass die Abgrenzung von metaphysischen von wissenschaftlichen Theorien mittels der Forderung nach der Verifizierbarkeit der Theorie nicht funktioniert. Theorien enthalten Allsätze (Für alle x gilt, dass P(x)) und die lassen sich eben nicht bestätigen/verifizieren, sobald sie einen unendlichen Gegenstandsbereich betreffen. Sie lassen sich nur falsifizieren. Bestätigen lassen sich hingegen die Basissätze P(a) für ein konkretes a. Wäre das nicht so, könnte man ja auch nicht falsifizieren! 😉

    Im übrigen lässt sich Popper durchaus auch von formaler Seite kritisieren und es lässt sich zeigen, dass seine Theorie – so gut sie auch ist – nicht alle Notwendigkeiten der Wissenschaft abdeckt. Wir wissen, dass sich Allsätze nicht verifizieren, sondern nur falsifizieren lassen. Wir wissen aber auch, dass sich Existenzsätze (Es gibt ein x, so dass P(x)) sich nicht falsifizieren lassen, da man ja potentiell unendlich viele Orte (Zeitpunkte) prüfen müsste, ob da dass Ding NICHT ist. Nun enthält aber jede hinreichend komplexe wissenschaftliche Theorie Sätze, die All- und Existenzquantoren kombinieren. Solche Sätze lassen sich aber nach dem eben gesagten, weder falsifizieren noch verifizieren! Wissenschaftler müssen also spezielle Sätze aus ihren Theorien herausziehen, die den Prüfbarkeitskriterien entsprechen. Deren Falsifikation kann dann aber nicht mehr unbedingt die gesamte Theorie falsifizieren, da diese Sätze bestimmte Randbedingungen enthalten, die nicht zum Kern der Theorie gehören.

    Otto Neurath benutzte das Bild, dass Wissenschaft ein Boot sei, dass man auf hoher See nur Planke für Planke umbauen könne.

  11. Das in (4) Ausgedrückte ist ein Missverständnis. Die Poppersche Forderung nach der prinzipiellen Falsifizierbarkeit von wissenschaftlichen Theorien ist keine empirische Theorie, die falsifiziert werden könnte.

    Auch in (3) steckt ein Missverständnis. Natürlich können Vertreter einer Theorie behaupten, dass ihre Theorie absolut richtig ist. Bis man ein die Theorie falsifizierende Beobachtung gemacht hat, mögen sie sich auch in Sicherheit wiegen. Die Poppersche Theorie sagt ja nicht, dass bei jeder Theorie IMMER falsifizierende Beispiele gefunden werden. Sollte die Theorie wahr sein, dann kann das ja auch nicht gelingen! 😉

  12. Also ich weiß nicht, in wie fern ich da jetzt genau das sagen, was Popper sagte. Aber meine Meinung ist:

    (3) Popper sagt natürlich nicht, dass eine Theorie immer ein falsifizierendes Beispiel haben muss. Mathematische Theorien sind beispielsweise beweisbar. Ebenso sind Theorien, die sich auf endlich viele Erfahrungswerte beschränken lassen beweisbar. Beispielsweise die Theorie "Alle Schwäne im See XY sind um 8:45 weiß" ist zu diesem Zeitpunkt und diesem Ort beweisbar. (Andernfalls könnte man auch Theorien gar nicht falsifizieren, denn eine Falsifikation ist ein beweis).

    Popper sagt in der Theorie der Forschung auch explizit, dass Falsifikationen solche einfacheren Theoreme sein müssen.

    Man muss allerdings auch strikt zwischen Falsifizerbarkeit und Falsifikation unterscheiden. Eine empirische und allgemeine Theorie muss von ihrem Autor der Sache nach widerlegbar sein. D.h. sie darf nicht aus logischen Gründen die Falsifikation unmöglich machen (z.B. indem man sagt, dass man einen LKW mit dem kleinen Finger hochheben könne, solange niemand Messungen anstellt).

    (4) Ich bin der Meinung dass das Falsifikationstheorem ein empirisches Theorem ist. Es baut nämlich auf der (psychologischen) Erfahrung auf, dass die Wirklichkeit für uns Menschen nicht vollständig erkannt werden kann und wir dadurch zum Nichtwissen verurteilt sind.

    • Sind mathematische Theorien wirklich beweisbar? In der Folge zum Konstruktivismus wurde z.B. angesprochen, dass auch Mathematik von Menschen gemacht ist. Ohne uns gäbe es die gar nicht. Und kann man mit so einer Konstruktion, die keineswegs das Sein abbildet, sondern nur unser Verständnis davon, irgendetwas beweisen?

  13. Dr. Huchthausen Reply

    Ich bin sehr dankbar für dieses Gespräch. Die Erfahrungen von Herrn Breitenbach an der Uni Frankfurt habe ich in ganz ähnlicher Form auch gemacht. Popper hat eine wichtige Rolle in meiner philosophischen Entwicklung gespielt.

    Die Behauptungen von Breitenbach/Köbel zur Hirnforschung teile ich nicht.

    Am Ende des Gesprächs wird's leider etwas schräg. Dass Popper sich nicht für Kunst (z.B. Musik) interessiert hätte, stimmt einfach nicht. Er geht nur davon aus (und diese Ansicht teile ich), dass Kunst nicht mit wissenschaftlichen Kriterien beurteilt werden kann (und auch nicht sollte).

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  15. Vielen Dank für die interessante Folge! Ich habe erst vor kurzem angefangen, euren Podcast zu hören, und kam jetzt erst zu der spannenden Popper-Folge.

    Eine ergänzende Überlegung hätte ich zur Frage, wie sich Poppers Philosophie auf die Wirtschaft anwenden ließe: Hier würde ich denken, dass Popper einer freien Marktwirtschaft eher zugeneigt wäre als einer verstaatlichten, bzw. zentralistisch gesteuerten Wirtschaft. Die Akteure in den Unternehmen können zwar nicht demokratisch gewählt werden, aber sie können ganz praktisch wirtschaftlich scheitern und damit ihre Posten wieder verlieren.

    Unternehmen, bzw. bestimmte Formen des wirtschaftlichen Handelns, entsprächen in diesem Sinne den "Ideen" in der Wissenschaft. Die Falsifikation dieser Ideen, wäre der Bankrott. In verstaatlichten Unternehmen, die selbst dann noch bezuschusst und künstlich am Leben gehalten werden, wenn sie nur noch Verluste machen, ist diese Falsifikation eben nicht mehr möglich.

    Als praktische Konsequenz aus dieser Ansicht, müsste die Wirtschaft also auf einen freien Markt basieren, in dem Unternehmen sich frei behaupten können, nicht durch wirtschaftsfremde Aspekte gehemmt werden, aber eben auch Bankrott gehen können.

    Damit würde Popper uns auch ein gutes Kriterium in die Hand geben, um zu bestimmen, ob eine Marktwirtschaft funktioniert oder ob der Markt bereits zusammengebrochen ist: Marktwirtschaft funktioniert dann nämlich überall dort, wo Unternehmungen scheitern und Pleite gehen können. Wo sie dagegen gar nicht mehr scheitern können, ohne den Markt oder sogar den Staat selbst zu gefährden ("too big to fail"), wäre die Wirtschaft nicht mehr frei.

    • Nikolas hat einen wichtigen Punkt zu Poppers Theorien und zur Wirtschaft angesprochen: In einem funktionierenden Markt kann man kommerzielle Angebote auch als Hypothesen verstehen, welche sich bewähren oder vom Kunden abgewählt werden. In eurem Podcast kritisiert ihr, dass Steve Jobs nicht demokratisch legtimiert sei. Ist er nicht gerade durch eine Vielzahl von Kaufentschedungen legtimiert (unter der Voraussetzung, dass Apple sich an die Spielregeln hält und es Konkurrenten gibt)? Unsere Bankenkrise hingegen ist ein Beispiel von Marktversagen, weil die Akteure, wie Nicolas sagt, nicht scheitern können. Das ist in undemokratisch.

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  20. Kleine Ergänzung: Ich meine mich zu erinnern, dass Freud einmal selbst in einem Vorwort zu einem Werk über die Psychoanalyse klarmachte, dass sein System ein bloßer Versuch ist, dass er eine quasi eine Mappe des menschlichen Geistes zeichnet und anhand dieser Mappe prüft, ob sich seine Ergebnisse und Beobachtungen mit den Annahmen decken, die er zuvor machte. 
    Leider kann ich die Quelle nicht mehr angeben, es ist einige Jahre her. Vielleicht kann jemand anderes mir da ja weiterhelfen. Damals überraschte es mich jedenfalls, so etwas von Freud zu lesen. Dass er seiner Theorie in diesem Sinne so bescheiden gegenübersteht, indem er zugibt, dass er erstmal nur Hypothesen aufstellt, die aber keinesfalls die absolute Wahrheit abbilden, und somit potentiell verbesserungswürdig sind.
    Vielleicht war das mein Vorurteil, aber mein Eindruck war, dass Vertreter der Psychoanalyse generell der Ansicht sind, ein unerschütterliches Wahrheitssystem gefunden zu haben.
    Freud hatte jedenfalls, von diesem Vorwort ausgehend, nicht die Absicht, seine Theorie so erscheinen zu lassen.

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  22. Westentaschen - Philosoph Reply

    Moin, mioin,

    ich habe euer Podcast vor kurzem erst entdeckt und bin dabei alle Folgen nach und nach zu hören.
    In diesem guten Teil fiel mir allerdings etwas auf zum Thema “Ökonomie”.
    Herr Adam Smith wird zwar immer noch als “Erfinder der freien Marktes” propagiert, jedoch bein näherer Betrachtung war er auch gegen Kartelle und eher für Staatsregulierung. Dieses Tatsache wird von den Neo-Liberalen aber gerne ausgeblendet.
    Da ich keine Bücher als Quelle dazu habe ausser “Economix”

    http://www.sueddeutsche.de/kultur/augsteins-auslese-economix-1.1867531

    in dem es bereits angesprochen wird, hier der Wiki-Link zu Adam Smith in dem das gleiche herauszulesen ist.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Adam_Smith#.C3.96konomie

    Bleibt noch zu sagen das es mich persönlich bereichert euren Podcast zu hören. Macht weiter so….

  23. dagobertr rck Reply

    Gern gehört, wieder einmal. Gestutzt habe ich bei: “Mathematik ist von Menschen gemacht”. Nun ich würde sagen, die Versprachlichung dazu ist von Menschen. Die “Erscheinung”, das 1 +1= 2 ist, also ein Apfel und einer dazu 2 Äpfel sind, ist doch gegenständlich, ergo Gegeben! ? Aber ich bin noch nicht so gebildet, also,. mehr Podcasts von euch bitte.

  24. Hajo Dietze Reply

    Ich bin ein großer Fan von Karl Popper. Nur muss man sehen, dass seine Theorie der Falsifikation eine Idealvorstellung ist, die in keiner Weise der tatsächlichen Praxis der “normalen Wissenschaften” entspricht, wie später Thomas S. Kuhn zeigen konnte und was bis heute nicht widerlegt worden ist.
    In einem Punkt allerdings irrte Popper. Alles was er Marx und dem Kommunismus vorwirft, trifft nicht auf Hegel selbst zu. Ich habe Hegel gelesen und zum Teil auch verstanden. Hegel hatte niemals eine Vorstellung vom Ende der Geschichte, sondern war fest davon überzeugt, dass wir nichts aber auch gar nichts über die Zukunft wissen können und erklärte das mit der Eule der Minerva, die nur im Rückblick etwas erkennen kann und erst in der Abenddämmerung aufsteigt.
    Auch war Hegel ein vehementer Gegner der Vorstellung man könne die Welt nach der eigenen Vorstellung, wie die Welt sein soll, so umgestalten, wie man sie gerne hätte.
    Dem setzte er entgegen: “Das Wirkliche ist das Vernünftige, was viel vernünftiger ist, als es vor der Hand zu sein scheint, wenn man Hegel nicht verstanden hat.
    Vielleicht hat er auch eingeräumt, dass Kriege irgendwie den Gesetzen der Vernunft folgen, was nicht wirklich zu bestreiten ist, weil sich Kriege ja nicht zufällig ereignen, wie das Wetter, sondern von Menschen sorgfältig und überaus rational geplant und durchgeführt werden. Das macht die Kriege natürlich nicht gut, im Gegenteil.
    Ein Staat so Hegel sinngemäß, hat die Pflicht, den inneren Frieden zu gewährleisten und den äußern Frieden zu verteidigen. Wer wollte das bestreiten und mit welchen Argumenten?
    Es ist eine verbreitete Unsitte, sich ein Zerrbild von einer vermeintlich bösen Sache zu machen und dieses Zerrbild dann zu verurteilen, zum Beispiel das “finstere Mittelalter” und zu unterschlagen, dass die Hexen erst in der Neuzeit verbrannt wurden und nur zum geringeren Teil von der Inquisition.
    Auch die vorschnelle wohlfeile Verdammung der “Kreationisten” macht mich nachdenklich. Jeder weiß, dass sie böse und dumm sind, ohne jemals auch nur einen Quellentext aus dieser Richtung gelesen zu haben. Das macht mich neugierig und ich denke, ich werde einmal der Frage nachgehen müssen, wie böse und dumm sie tatsächlich sind. Ich vermute, dass ich die eine oder andere Überraschung erleben werde.

  25. Markus Mathar Reply

    Zu der Äußerung, dass die Wissenschaft Popper heute mehr oder weniger verinnerlicht hat:
    Die Quantentheorie und mit ihr quasi ALLE Einzeltheorien, Hypothesen, Aussagen der aktuellen Physik, sie sind nicht falsifizierbar. Und zwar, weil die Quantentheorie eine statistische Theorie ist. Sie ist in ihrer Sprache selbst so angelegt. Will sagen: da kommt sie nicht raus. Und was heißt das? Die Quantentheorie macht über die Realität (also alles das, was wir für ein “empirisch widerlegt!” heranziehen könnten) nur Wahrscheinlichkeitsaussagen. Und letztere sind grundsätzlich nicht widerlegbar: jedes Beispiel eines Gegenbeispiels könnte ein irrwitziger Einzelfall aus dem quasi(!)-null-Schweif der Wahrscheinlichkeitskurve sein. Man kennt das aus der Statistikvorlesung: KEINE Stichprobe kann die “tatsächliche” Gesamtwahrscheinlichkeitsverteilung beweisen noch widerlegen. Jeder, der im Casino einmal – zufällig – erlebt hat, dass an einem Roulette-Tisch, an den er herantritt, 10 mal hintereinander “rot” kam, könnte zweifeln an der 50/50-Verteilung von “rot” und “schwarz”. Anders gefragt: ab WIEVIELEN Experimenten kann man ausschließen, in einem irrwitzig unwahrscheinlichen Moment mit dem Experimentieren begonnen zu haben, wo sich eine Kette von total unwahrscheinlichen Ereignissen abspielt? Antwort: ab unendlich vielen…
    Ja: es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel Konstant 100%-Aussagen, sprich: überall “Wahrscheinlichkeit” 100%. Oder überall 0. Und ja: auch die “erlaubten” Quantenstufen sind nur entweder erreicht oder nicht erreicht. Wie beim Fußball: knapp vorbei ist auch vorbei. …und dann kommt aber doch die Messungenauigkeit dazu (Zeiger sind eben doch makroskopisch…). Und schon sind wir wieder drin in der Statistik.

    Und: nach Popper ist eigentlich auch die Evolutionstheorie nicht falsifizierbar. Überhaupt alle historischen Wissenschaften dürften nach Popper keine Wissenschaften sein. Weil sie Aussagen über die Vergangenheit machen. Die nur entweder plausibel oder nicht plausibel sind, aber nicht EMPIRISCH widerlegbar. Wie will man denn Experimente / Tests in der Vergangenheit machen?
    Und ich meine damit nicht, dass die historischen Wissenschaften nur Aussagen über die Ereignisse selbst machten! Klar: sie sprechen über Zusammenhänge. Sie stellen Fragen wie, geben Antworten auf: “WARUM geschah dies, warum das? War jenes Ursache für dieses?” Dann stellt sich aber die Frage: wie will ich denn diese Zusammenhänge testen? Immer wenn einer kommt und sagt: “Nein, DIES kann nicht die Ursache für JENES gewesen sein, weil im Jahr xyz / im Land ABC / im System LMN hatten wir dieselbe Anfangskonstellation und da passierte etwas anderes. Und deshalb bist du widerlegt.”, sagt der andere: “Aber das war doch etwas ganz anderes! Wir hatten eben genau NICHT die selbe Anfangskonstellation, weil …” Und er wird das IMMER hinkriegen, weil das Jahr xyz / das Land ABC / das System LMN in irgendeinem Aspekt immer anders war/ist als das aus der Hypothese. Genauer: weil es sich bei JEDEM Historischen Ereignis um ein singuläres handelt. Der Unterschied zu den sogenannten Natur-Wissenschaften: sie machen aussagen über die Zukunft. Und die sind natürlich falsifizierbar.
    Auch die Evolutionstheorie ist übrigens eine historische Theorie. Und macht damit “nur” Plausibilitätsaussagen: rückblickend ist es ziemlich plausibel, dass die Gattungen sich auseinander entwickelt (“evolved”) haben. Aber falsifizieren lässt sich diese damalige Entwicklung trotzdem nicht.

    Und übrigens gilt auch bei den Wirtschaftswissenschaften: sie sind statistisch.

    Persönlicher Nachsatz:
    Mein Gott, Kommentare von vor 3 Jahren! Wie lange gibt es euch denn schon? Oder anders: warum erfahre ich erst jetzt davon? Sehr sehr geil die Podcasts, die ich bisher gehört habe. Vielen vielen Dank!

  26. Ich habe eine spezielle Frage an Herrn Dr. Köbel:

    Ich stelle alles stark verkürzt dar, damit es noch operationalisierbar und damit beantwortbar bleibt.

    – Sie beschäftigen sich mit Biographieforschung und machen biographische Interviews.

    – Diesbzgl. geht es Ihnen immer (so höre ich es aus Ihren Aussagen aus verschiedenen Soziopods heraus) um die LEBENSWELTEN der Befragten, also um das WIE der einzelne Mensch seine WELT erlebt und erlebte Phänomene beschreibt.

    – Demgegenüber offenbaren Sie sich als ein Fan popperschen Denkens bzw. seiner kritischen Haltung (Begriffe dazu: Positivismus: Es gibt eine objektivierbare Welt / Wahrheit; Falsifikationsprinzip).

    Dies steht in einem krassen Gegensatz zu der subjektiven Lebenswelt eines jeden einzelnen Menschen (Bsp: Unfall, 10 Menschen, 10 unterschiedliche Beschreibungen).

    Sie sagen auch selbst immer wieder, dass man mit der Likert-Skala (ganz schlecht – schlecht – geht so – normal – ist in Ordnung – gefällt mir – hervorragend) die erlebten Phänomene eines Menschen gar nicht abbilden kann, weil man gleich in den Kategorien des Forschers denkt und forscht. So auch bei quantitativen Fragebögen welche quasi das Vorwissen des Forschers abbilden. Demgegenüber steht ein vom Vorwissen befreiter Forscher welcher vorurteilsfrei und unvoreingenommen sich des Forschungsgegenstandes annimmt. Dies ist natürlich auch nicht zu 100% einlösbar – aber wenn man sich dessen bewusst ist, dass man immer in Vorurteilen und Kategorien denkt, dann ist dies in der qualitativen Forschung adäquat.

    Heruntergebrochen auf sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden steht Popper also für das quantitative Paradigma und die Phänomenologen und Konstruktivisten für die qualitative Methodik und Methodologie.

    Ist das für Sie kein innerer Widerspruch, bzw. wenn ja wie lösen Sie diesen auf?

    Einerseits verstehe ich Ihren biographischen Ansatz ganz klar phänomenologisch und damit qualitativ, und auf der anderen Seite steht Popper und dazwischen der Paradigmenstreit – welchen es auch heute noch gibt und manche Institute ganz verbissen um ihre Deutungshoheit streiten. 🙂

    Beides lässt sich allerdings tatsächlich schlecht miteinander vereinen (zumindest theoretisch), außer dass man vielleicht die Poppersche Kritik als eine Haltung im Hinterkopf behält ähnlich wie bei den Qualitativen die Herren Glaser / Strauß mit ihrer Grounded Theory welche von vielen Forschern auch nur noch als Referenz-Methodologie im Hintergrund referenziert wird (quasi eine Haltung) ohne dass man selbige lehrbuchmäßig 1:1 umsetzt.

    Also, wie ist Ihrer Herangehensweise? Versuchen Sie eine Art 3. Weg wie bspws. Mayring welcher in seiner Qualitativen Inhaltsanalyse quantitatives mit einflechtet oder wie lösen Sie meinen Widerspruch den ich bei Ihnen sehe auf?

    Meine Position ist diese, dass man die Wahl der Forschungsmethode von der Art des Gegenstandes sowie der Forschungsfrage her bestimmt bzw. sich diesbzgl. leiten lässt.

    Eine weitere Frage welche mich interessieren würde wäre die, ob Sie die angesprochene quantitative Methodik tatsächlich verstehen? Also nicht nur die sogenannte deskriptive Statistik sondern darüberhinausgehend auch den gesamten Bereich der Interferenzstatistik und diesbzgl. nicht nur die Anwendung von SPSS und der Signifikanzprüfung über Koeffizienten mittels einiger Mausklicks, sondern ob Sie wirklich die mathematische Herleitung der statistischen Formeln beherrschen?

    Als welcher Forschungs-Typus würden Sie sich verorten? Liegen Ihre Stärken in den qualitativen Forschungsmethoden oder in der quantitativen sozialwissenschaftlichen Statistik?

    Ich danke Ihnen jetzt schon vorab für Ihre öffentliche Antwort.

    Mit freundlichen Grüßen

    Doc

  27. Hallo,
    das sind tatsächlich sehr gute Fragen, die genau in das Zentrum meiner eigenen Forschungsarbeiten zielen. Die einfache Antwort wäre, dass unterschiedliche Forschungsfragen unterschiedliche Herangehensweisen brauchen. In meinen Biographieanalysen (in denen ich ja u. A. auch die Biographie Poppers betrachte) verfolge ich einen stark qualitativen Kurs. Poppers Wissenschaftsverständnis als solches ist für mich für die Betrachtung gesellschaftspolitischer Ideen wichtig geworden. Auf einer tieferen Ebene versuche ich jedoch, das Poppersche Wissenschaftsideal mit einer qualitativ-hermeneutischen Biographieforschung zu verbinden. Nicht die subjektive Lebenswelt des Einzelnen ist hierbei die zu falsifizierende Theorie, sondern die Deutung einer Lebensgeschichte durch den Forscher, die sich angesichts alternativer Interpretationsangebote bewährt, oder sich einer besseren (angemesseneren) Deutung beugen muss. Ich bin davon überzeugt, dass auch in der qualitativen Sozialforschung das Poppersche Wissenschaftsverständnis Anwendung finden kann, wobei das “Wahrheitsideal” in das Bild der hermeneutischen Spirale übersetzt werden muss: Durch stetige Kontrastierung des Materials am bestehenden Verständnis gelangt man zu immer tieferen Sinnschichten eines biographischen Textes. Soweit in Kürze eine erste vorsichtige Antwort.
    Beste Grüße,
    Nils Köbel

    • Sie schreiben:
      “Nicht die subjektive Lebenswelt des Einzelnen ist hierbei die zu falsifizierende Theorie, sondern die Deutung einer Lebensgeschichte durch den Forscher, die sich angesichts alternativer Interpretationsangebote bewährt, oder sich einer besseren (angemesseneren) Deutung beugen muss.”

      Da fällt mir spontan das qualitative Instrument der “kommunikativen Validierung” ein, um zu einer Validierung der These zu gelangen. Wenn möglich noch zusätzlich ein triangulatorischer Ansatz an die Forschungsfrage(n), um das Phänomen multiperspektivisch zu beleuchten und auch hier wiederum sich dem Ziel einer “inneren Robustheit” ihrer Arbeit zu gelangen.

      Die “innere Robustheit” sehe ich als mit das wichtigste an einer Arbeit an. Dazu gehört natürlich ein pedantisches Arbeiten welches so sehr beachten muss, dass Methodik und Methdologie zueinander passen (Schlüssel-Schloss-Prinzip) und man sich hier nicht in Widersprüche verheddert.

      Denn nur wenn eine “innere Robustheit” gegeben ist, ist die Arbeit von außen nur schwer oder nahezu gar nicht angreifbar.

      Und das ist das Ziel. Eine metaphorische Trutzburg zu schaffen. Eine “Blaupause” qualitativer Forschung, welche vom Nukleus ausgehend sich am roten Faden entlang arbeitet bis das Opus bzw. Oeuvre vollendet ist.

  28. Herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung. Ich hatte schon befürchtet zu forsch gefragt zu haben.

    Das klingt unglaublich spannend, und ich würde diesen Forschungsprozess unglaublich gerne diskursiv bis in die Nächte und frühen Morgenstunden begleiten. Bis die Köpfe rauchen! 😉

    Ich wünsche viel Erfolg!

  29. Hallo ihr beiden,
    ihr habt euch ja die Frage gestellt wie aktuell die Falsifikation in der Wissenschaft noch ist. Ich bin selbst Chemiestudent in bin am Wochenende auf ein Interview mit dem berühmten Chemiker Barry Sharpless gelesen, dass eben diese Frage in einem kurzen Abschnitt behandelt. Diesen habe ich für euch mal abgetippt, da er das Thema der Falsifikation im Zusammenhang mit der Forschung meiner Meinung nach sehr gut auf den Punkt bringt.

    “Das größte Problem für Wissenschaftler ist […] ,wenn sie anfangen, ihre Lieblingstheorien zu verhätscheln. ‘Wenn das passiert bist du als Wissenschaftler mausetot.’ Das klingt brutal wenden wir ein. So sei es nun mal, meint Sharpless: ‘Es ist eine Folge aus dem was ich vorhin erklärt habe. Wir verstehen die Natur nicht, alle unsere Vorstellungen sind mehr oder weniger falsch. Nur wenn du in der Lage bist, alles grundsätzlich in Frage zu stellen und nichts als gegeben hinzunehmen, wirst du manchmal etwas Grundlegendes herausfinden und vielleicht sogar verstehen.'”

  30. Peter Strotmann Reply

    Open society und open Source ist vielleicht mehr als ein Wortspiel.
    Ich denke open Source hätte Popper gefallen. Open Source bietet laufend Lösungen an, die sich in einer Community bewähren müssen. Tun sie das nicht, verschwinden sie in der Versenkung oder werden verbessert,

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