Soziopod #032: Bourdieu und der Fluch der sozialen Ungleichheit

Die folgenden Shownotes entstanden dank diesen Shownote-Engeln: 1nsider, Quimoniz

Intro.

Begrüßung

00:00:34

Die Verzögerung im Erscheinen einer neuen Episode ist hoher Arbeitslast und unserem Qualitätsanspruch geschuldet — Eigentlich bräuchten sie 2 Jahre um sich einzulesen für eine Staffel — neues Nebenprojekt "Soziopod plus1" (inkl. Gast) mit (voraussichtlich) erster Folge im November — Thema dieser Folge wird sein: Medienpsychologie, Gewalt & Computerspiele (Soziopod 004)  — "Vielen Dank [an die Hörer] für die vielen Themenvorschläge" (PB).

Thema Heute: Soziale Ungleichheit

00:04:55

Definition — Andere Ungleichheitstheorien (bspw. natürliche Ungleichheit) — (gesellschaftliche/soziale) Teilhabe — Ungleichverteilung von Ressourcen (materielle (greifbare) Ressourcen (Finanzielle Ressourcen und Physische Ressourcen) — immaterielle Ressourcen (Humane Ressourcen, Organisatorische Ressourcen))  — bürgerliche Revolution (entstand aus Franz. Revolution) .

Karl Marx (der Philosoph der sozialen Ungleichheit schlechthin) 00:08:35

(Soziopod zu Marx)  — Sixtinische Kapelle — Gesellschaftliches Konstrukt — "Die Geschichte der Menschheit, ist die Geschichte des Klassenkampfes" (Marx) — Klassenkampf — Ursprung der Idee des Klassenkampfs (Überbau Modell nach Marx)  — "Religion ist das Opium des Volkes" (NK) — Calvinismus — Historischer Materialismus (nach Marx) — Sklavenhaltergesellschaft aus der Antike — Feudalsystem — Kapitalistisches System (mit Kapitalisten — und Proletariern)  — Revolution des beherrschten Volkes (siehe Sozpod018 Marx) — Soziopod Frankfurter Schule (Adorno — Marcuse — Fromm) .

Pierre Bourdieu 00:16:14

"Er hat die Theorie der sozialen Ungleichheit angepasst an die Moderne" (NK) — Foucault — Judith Butler (Genderdifferenz) — Existenzphilosophie — Jean-Paul Sartre — Paul Ricoeur — Bordieu spricht eher von "Schicht", denn Klasse — Gesellschaftliche Schichten (Sozial-verachtete-Schicht — Unterschicht, versuchen sich der Mittelschicht anzugleichen — Mittelschicht, versuchen sich der Oberschicht anzugleichen — Oberschicht(en), versuchen sich stets von den anderen Schichten abzugrenzen)  — Bewahrung des Status quo — Zuwachs der Top-Verdiener (erhalten im Vergleich zu 1987 statt dem 14-fachen heute das 54-fache Gehalt eines einfachen Angestellten) — Prekäre Gehälter leicht angestiegen — "Wir wollen dass es unseren Kindern mal besser geht" meinten unsere Großeltern immer (PB) — "Gefühlter Rückgang der Gehälter, durch Lohnstagnierung und Inflation seit ca. 10 Jahren" (PB) — "Reichensteuer ist eine gefühlte Enteignung der Reichen" — "Wenn Reiche Geld verlieren ist das für die genauso schrecklich wie wenn Arme kein Geld haben (mindestens)" (PB) — Psychologische Gleichheit von geringen Einkommensverlusten bei Ober bis Unterschicht — Einkommensschere — Horizontale Differenzen innerhalb einer Schicht (Frauendiskriminierung — Fremdenfeindlichkeit) .

Grenzbildung (nach Bourdieu) zwischen den Schichten

00:28:26

(Kapitalsorten — Habitus)  — Kapitalvolumen eines Menschen, siehe — Kapitalsorten (ökonomisches Kapital (Geld, Eigentum, materielle Güter) — kulturelles Kapital (Wissen, Bildung(-sabschlüsse)) — soziales Kapital (Beziehungen, Umfeld))  — Konvertierung einer Kapitalsorte in eine Andere — Vergesellschaftung von Menschen — "Jede Schicht ist bestrebt einen bestimmten Habitus zu auszüben" (Bourdieur) — Habitus ist das System von Grenzen gegenüber anderen Schichten — "Soziale Ungleichheit bleibt bestehen weil der Habitus weitergegeben (quasi vererbt) wird" (NK) — Bourdieurs Die feinen Unterschiede — Habitus der Sprache, bspw. Kanaksprak / Kiezdeutsch — "Du entscheidest dich nicht für einen Habitus.".

Exkurs

00:39:10

Film Shaft (2000) — Mafia-Schichten — "Der Aufstieg und Fall des Bushido" (PB) (Bushido im Wiki — Dokumentation über die Zusammenarbeit mit krimineller Abou-Chaker-Sippe)  — Hochstapler — Schichten-Zwischenwelten seien besonders schwierig — Operante Konditionierung (geht ganz tief in die Persönlichkeit rein)  — "Pleite sein bedeutet was verschiedenes in den jeweiligen Schichten" (NK) — Neoliberale Chancengleichheit ist eine farce; soziale Ungerechtigkeit ist an der Tagesordnung — Milieu — Habitus als "Stallgeruch" — Klassenaufstieg durch die Zwischenräume ist eine heikle Angelegenheit, da — leichtes Umkippen ins alte Muster, bei der obligatorischen Frustration in Erlernung des neuen Habitus — "Habitus steckt in Fleisch und Blut" (NK) — "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" (NK) — "Du bist aus anderem Holz geschnitzt" (NK) — "Natürlich arbeiten bürgerliche Lehrer lieber mit bürgerlichen Kindern" (NK) — Hr. Breitenbachs Lieblingsbegriff 'Mem' — Ballerspiel — Zugehörigkeit zum Bürgertum wird von Eltern den Kindern eingeprägt durch bspw. Museumsbesuch — Statusposition — Jesper Juul — Helicopter-Parenting (Terrorisierung des Kindes wegen Leistungsbewusstseins) — "Heute kannst du mit einem Hauptschulabschluss eigentlich gar nichts mehr machen" (NK) — "Denen wird schon in der Schule gezeigt, wie man einen Hartz4-Antrag ausfüllt" (NK) — "Frankfurt... Ich leb' ja jetzt in dieser furchtbaren Stadt Großstadt in Hessen." (NK) — Anekdote von NK über eine Lehrerin "Da wo du herkommst, kannst du das vielleicht machen, aber hier nicht" (NK).

"Gibt es ein glückliches Leben auch in Ungleichheit?"

00:59:41

("der Gebildetste muss nicht der Glücklichste sein" — "der Sozialste muss nicht super-happy sein" (PB) (Hr. Breitenbachs These "die Kombination aus Angst und Gier... Angst vor Verlust des Status führt zu Gier -- dem nach Oben wollen" (PB))  — "Gibt es das Verhalten auch im Tierreich, dass Tiere aus Angst Gier üben?" (PB) — Film Elysium (Jodie Foster)  — Lampedusa Katastrophen mit ertrinkenden Flüchtlingen — Arroganz, Menschenfeindlichkeit und fehlende Empathie unserer Politiker bei Reaktion auf Lampedusa — "Bourdieu ist der Angstfeind der Pädagogen" (NK) — "Jeder lebt in seiner (Filter-)Blase" (PB) — Ein erster Schritt wäre die Auflösung des Dreiklassen Schulsystems — ALG1 / ALG2 Gesetzgebung (Arbeitslosengeld (max. 12 Monate) — ALG2/Hartz4)  — "Der feuchte Traum der Neoliberalisten" (PB) — "In diesem Milieu kannst du die Leute maximal ausquetschen." (PB) — Kapitalismus — Einkommensschere — "Wenn die Reichen immer Reichen werden und die anderen den Anschluss verlieren, kommt es zum Umkehreffekt des neoliberalen Aufstiegstraums und die Produktivität sackt aus Frustration in sich zusammen" (PB) — Existenzangst — Think/Tanks — Serie Shopping Queen — Brückenbau-Sozialarbeiter — NSU — Soziologische Projekte im Ausland (bspw. Finnland) — "Das Problem ist, den Habitus des Anderen als schlechter darzustellen." (PB) — "Die Kehrseite der Zugehörigkeit ist die Abgrenzung." (NK) — "Das ist doch Scheisse, denn dann ist es ein Naturgesetz :-(" (PB) — Frauenquote — Bevorzugung von Behinderten bei der Einstellung — Romeo und Julia-Prinzip (sich in jemanden aus einer anderen Schicht verlieben) — "Frauen sind dazu geneigt Männer aus höheren Schichten zu heiraten aber umgekehrt ist das ganz selten." (NK) — "Wir brauchen einen fundamentalen reboot" (PB) — "Revolution! Da sind wir wieder bei Marx" (NK) (Diktatur des Proletariats — Auflösung der Schichten — Habitus der Gleichniss — "Und das geht (erfahrungsgemäß) vollkommen schief." (NK))  — PB's Blogeintrag über Parteien, die ein wenig den Religionen ähneln — Ratzinger hat gesagt "die Kirche muss diese sozialen Gitter springen" (NK) (Benedikt XVI "Ratzinger")  — Margot Kässman: Vor Gott sind alle Lebensbücher gleich dick — Finanzskandal um den Limburger Bischof Tebartz — Religion als Transzendenzmittel (dem Aufweichen der Schichten) einer Gesellschaft.

Quo vadis Gesellschaft?

01:27:03

Film The Matrix — Technologische Ideologien (Transhumanismus — Holodeck)  — 68er-Bewegung und psychedelische Drogen — Timothy Leary "Drop Out" — Karl Popper — Zion in Matrix — "Die Wirklichkeit ist viel weniger komplex als die Matrix" (NK) ("Ich würde mir wünschen, dass es einen Empathieschub gibt -- um in der Lage sein, sich in andere Lebenswelten hinein zu versetzen" (PB))  — Die Schule sollte einige Aspekte mehr schulen (Rollenspiele — Selbstreflexion)  — Letzte Episode — Retrospektive — Steven Pinker "Gewalt" (Vortrag Pinkers)  — Trotz Bevölkerungswachstum, bleiben Entwickungsländer gesellschaftlich sehr gleich.

Schlussworte

01:35:06

Es kommt (in diesem Jahr auf jeden Fall) noch das plus1 und der Jahresrückblick — "Wir freuen uns über Kommentare, feedback, Bewertungen, Lob, flattr, Spenden" (PB) — Outro.

33 Comments

  1. Danke für eine wie immer gelungene und informative Episode!
    Am Habitusmodell wir ihr es dargelegt habt stört mich ein Punkt, auch wenn ich es überwiegend plausibel finde. Gleichzeitig suggeriert es aber, dass Sozialisation entweder einzig in der Kernfamilie stattfindet (wo es auch schon schwierig würde, wenn die Mutter aus einem anderen Milieu kommt als der Vater) Oder aber WENN das Kind auch von anderen Personen im frühen Alter geprägt werden sollten, die Schichten auch dort komplett abgeschottet bleiben und sei es auf dem großen Spielplatz.
    Gemeinsam mit der stetigen Ausdfferenzierung der Gesellschaft in diversesten Milieus und individueller Lebensplanung und -gestaltung kann man vielleicht Zwei Dinge folgern: 1. Zu Zeiten Bordieus war die Gesellschaftsstruktur wohl noch so “wenig” differenziert, dass solche Modelle sich logisch erstellen und begründen ließen. 2. Betrachtet man, was es alles zu bedenken gibt, zeigt sich deutlich, dass Soziologen für ihre Tätigkeiten viel zu wenig honoriert (in Den meisten Fällen v.a. bezahlt) werden

    • Nils Köbel Reply

      Hallo David,
      Bourdieu betont, dass sich durch zunehmende gesellschaftliche Differenzierung das Problem der sozialen Ungleichheit nicht einfach auflöst, das hat er den Soziologen der Modernisierung immer wieder ins Stammbuch beschrieben, und darin liegt ja auch eine Pointe der Theorie. Zum großen Spielplatz: “Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!”

      • Daher wäre es natürlich interessant die Thesen Bourdieus im Wandel der Zeit zu betrachten und der Frage: Hat sich irgend etwas inzwischen verändert?

  2. Hallo Ihr beide, es freut mich riesig, dass Ihr wieder weiter macht.

    Auch die Qualität ist super und eure Art das Thema vorzutragen,
    Ja, ihr hättet ruhig etwas langsamer voran schreiten können. Dann wären auch Begriffe wie “Lexikas” nicht gefallen. 😉 Man hätte durchaus auf die einzelnen Kapitalsorten genauer eingehen können, beispielsweise.

    Aber alles in allem ist das wieder eine sehr tolle Folge.

    Obwohl ich erst bei Minute 36 bin, muss ich dennoch einhacken.
    Ich teile viele Ansichten Bourdieus. Jedoch glaube ich nicht, dass jemand sein Habitus von seinem Milieu bekommt und diesen nicht los wird.
    Ich stimme zu, dass der Habitus einer Person ein Indiz ist um auf seine Herkunft zu schließen. Es ist aber kein unveränderliches Merkmal. Ich brauche zum Beispiel nur mein Milieu zuwechseln. Aus dem Elternhaus einer Arbeiterfamilie in dem sogar alle älteren Brüder im gleichen Stahlwerk schaffen wie der Vater, an die Uni um dort bei Dr. Köbel Soziologie zu studieren. Das würde, möchte ich im neuen Milieu Anschluss finden, mein Verhalten, mein Denken und schlussendlich mein Auftreten stark beeinflussen. Des Weiteren ist es doch möglich, dass ich mich nicht so verhalten möchte, wie es in meinem Milieu üblich ist, sondern wie es in dem Milieu üblich ist, dem ich nacheifere. Selbst, wenn ich noch kein Teil dessen bin.

    Natürlich setzt dies mindestens zwei Dinge voraus. Zum einen muss ich das jeweils andere Milieu, dem ich mich anpassen möchte kennen. Zum anderen muss ich reflektiert genug sein um mir dessen bewusst zu sein. Unabhängig davon, ob ich dafür ein Begriff habe oder das soziologisch analysieren kann.

    Wenn ich mein Milieu nicht hinterfrage und mich versuche dem bestmöglich anzupassen um bei den Leuten den größten Anschluss zu finden, die sich ohnehin in meinem Umfeld befinden, dann ja, dann hat Bourdieu recht. Dann versuche ich in bildungsfernen Schichten, mich mit Stammtischphrasen, Klatsch und Tratsch und Koketterie über Bildungsverweigerung von anderen Schichte zu unterscheiden und die größten Gemeinsamkeiten in meinem Milieu zu finden. Gleiches wenn ich aus dem Bildungsbürgertum stamme und ich mich mittels elaborierter Sprache, Kleidung und Gestus von der “Unterschicht” abzugrenzen versuche.
    Aber wenn ich versuche das Milieu zu wechseln, oder auch nur einen anderen Habitus besser finde, dann steht es mir doch sowohl frei als auch in meiner Macht mein Habitus zu ändern. Oder etwa nicht?

    Gruß
    Fabian

    • OK, OK!
      Vielleicht hätte ich doch zuerst zu Ende hören sollen. Sowohl der Begriffs des Milieu als auch die Wandelbarkeit des Habitus wurden dann noch eingeführt. Dann bin ich schon eher zu frieden.

      ABER, bei Marx geht es nicht darum, dass jeder das gleiche tut und das gleiche besitzt (Drohne). Aber das war ja hier auch nicht das Thema.
      Danke für diese Folge. Ihr seid wirklich eine Bereicherung.

      Gruß
      Fabian

  3. Vielen Dank für die neue Episode.

    Die Idee mir +1 finde ich sehr gut. Ich höre z.B. häufig den Podcast The Partially Examined Life. Die haben auch ab und zu einen Gast, und das sind meistens die besten Episoden!

    Wahrscheinlich sollte man keine Hemmungen haben auch “Koryphäen” für so etwas anzufragen. In der letzten Episode war z.B. Frithjof Bergmann zu Gast, den ich mir sehr gut auch im Soziopod vorstellen kann! Seine Arbeit, Thema und Hintergrund passt jedenfalls fast schon zu gut zu Eurem Podcast (er ist eigentlich Deutscher, Sprache wäre also auch kein Problem).

    Wegen der Seltenheit würde ich mir nicht zu viele Sorgen machen, Hauptsache ihr macht weiter und nehmt Euch genügend Zeit zur Vorbereitung.Grüsse, Michael

  4. Hallo,
    leider kann ich momentan mit dem Firefox unter Linux weder Folgen herunterladen noch hören. Ich weiß allerdings nicht, ob es an meinem System liegt, weil ich es “sicherheitsmäßig” recht abgedichtet habe.
    Kann jemand Rückmeldung geben, ob es bei ihm klappt?
    Es hat auch nicht in meinem Smartphone funktioniert.
    Ich bin doch so ungeduldig! 😉
    Viele Grüße
    der_pelz

    • der_Verstand Reply

      Hallo,
      ich habe es mit drei Browsern probiert u auf meinem Smartphone u ich kann es auch leider nicht anhören. Ich warte auch ungeduldig u eine Rückmeldung von den beiden wäre toll.
      Gruß vom Verstand

    • Auch hier unter drei verschiedenen Browsern und UBUNTU weder Play noch Download möglich.

    • Hier das gleiche Problem. Weder auf Smartphone, noch Tablet kann ich die Folge über einen Podcatcher oder Browser laden.

      • Hallo! Das Problem sollte eigentlich gelöst sein. Bei mir funktioniert das sowohl im Browser wie auch im iTunes. Ggf. nochmal aktualisieren und den Cache leeren? Wie gesagt bei mir und anderen funzt das jetzt wieder.

        • Könnte es an den zur Verfügung stehenden Audio Formaten liegen? Firefox unter Linux unterstützt z.B. den proprietären MP3 Standard nicht sondern braucht die Dateien im ogg vorbis Format.

  5. Falls sich wer wundert: “Hilfe! Unser Provider hat unsere Downloads über Nacht gesperrt und will uns rauswerfen. 7TB Datentraffic sei zu viel des Guten.” (Soziopod via Twitter)

    • der Soundcloud-Player ist bei mir der einzige Player der inline im Browser einigermassen zuverlässig läuft. Ich glaube auch die Hosting-Kosten sind sehr fair (und ohne Bandwith Limit). (Habe keine Geschäftsbeziehungen zu denen.)

  6. Ich hatte mir eine Folge über Bordieu gewünscht – und jetzt gibt es sie. Vielen Dank.

    Was ich fragen wollte: Kann es sein, dass es bzgl. der Kapitalsorten verschiedene Auffassungen gibt? Im Podcast wurden drei genannt (Soziales, Kulturelles, Ökonomisches). In einem Seminar zu Kultur- und Literaturtheorien hatten wir auch mal eine Sitzung zu Bourdieu und ich meine, wir hatten da noch andere Kapitalsorten diskutiert, vor allem symbolisches Kapital und verschiedene Subtypen (institutionelles Kapital usw.). Variiert das manchmal?

    • Nils Köbel Reply

      Hallo,
      alle Kapitalsorten bestehen aus symbolischem Kapital, daher ist dies eher ein Sammelname für die Kapitalsorten

  7. Kompliment, mal wieder eine sehr gelungene Folge!!! Endlich mal wieder eine schöne Abwechlung zum Fernsehabend.

    Ich hätte noch eine lustige Geschichte zum Thema Habitus und dass sich die Menschen an ihm erkennen:

    Viele Menschen versuchen, sich (ohne eingeladen zu sein) auf Promi-Partys einzuschleichen. Einem Mann ist das einige Jahre lang gelungen. Er hat sich unauffällig gekleidet und verhalten, sich im Hintergrund gehalten und ab und zu mal in seinen Ärmel gesprochen. Da er sich ebenfalls immer ganz nah an einer prominenten Person gehalten hat, dachten alle Security-Mitarbeiter, er sei einer von Ihnen. Ganz selbstverständlich ist er so zu den Promi-Partys seiner Wahl gegangen und hat sich mit den Stars und Sternchen auf der Verantstaltung fotografieren lassen. (Diese Fotos zeigte er ganz stolz einem Kamerateam, das später einen Beitrag über sein etwas ausgefallenes Hobby drehte.) Das ging, wie gesagt, eine ganze Weile gut, bis er bei einer etwas strengeren Kontrolle aufgeflogen ist.

    Der Habitus der Security-Mitarbeiter war der Schlüssel für ihn, in einen exklusiven Kreis von Personen zu kommen, zu dem ihm der Zutritt sonst verwehrt gewesen wäre.

    Ich finde, diese kleine Anekdote zeigt, wie stark uns der Habitus und dessen (unbewusste) Wahrnehmung beeinflusst. Mir gefällt sie auf jeden Fall sehr. 🙂

  8. Julia Halmos Reply

    Super Beitrag, war super Einstiegsdroge, zumal ich grade ein Forschungsprojekt abgeschlossen habe, mit hohem Bourdieu-Anteil mit dem Thema: “Mediale Repräsentation sozialer Konflikte” Danke! ; )

  9. Vielen Dank euch beiden für eine weitere tolle und informative Sendung.

    Zur Einodrnung von Foucault in eine bestimmte Tradition: Er ist sehr viel stärker von Nietzsche beeinflusst gewesen als von Marx. Seine Methoden Archäologie und Genalogie sind an Nietzsche angelegt und führen das fort. Dass er Marx auch eher ablehnend gegenüberstand – außer vielleicht in der ganz frühen Phase – zeigt sich IMO an seinem Machtbegriff, der querliegt zu marxistischen Konzepten. Macht entsteht für ihn weniger aus einer Gesellschaftsschicht bzw. Personen, sondern aus Diskursen bzw. aus Dispositiven, so z.B. im Zusammenhang mit der Disziplinierungsmacht.

    Zu Bourdieu: Wie schon in einem anderen Kommentar angemerkt wurden, gibt es denke ich noch so etwas wie symbolisches Kapital. Man könnte es sogar als eigenständige Kapitalsorte begreifen. Wenn ich immer das neueste Iphone haben muss und nur zu Hollister für Klamotten gehe, zeige ich doch damit, dass ich zu einer bestimmten Schicht gehöre. Mein symbolisches Kapital ist dann hoch. Ich denke auch, dass das quer zu den anderen Kapitalsorten liegt, d.h. auch wenn ich wenig ökonomisches Kapital haben, strebe ich denn Besitz bestimmter Güter an, verzichte dafür lieber auf andere Dinge.

    Wie seht ihr das?

    • Nils Köbel Reply

      Hallo,
      Dass Foucault stärker von Nietzsche beinflusst wurde, ist vollkommen richtig, Charles Taylor nennt ihn sogar “Neonietzscheianer”. Marx kommt tatsächlich eher in der Frühphase vor, ist aber bei anderen französischen Philosophen dieser Zeit, wie etwa Althusser, viel stärker präsent. Interessant ist bei diesen Philosophen auch der Einfluss der Existenzphilosophie, durch die ich mich gerade für einen möglichen neuen Soziopod durchbeiße, falls ich irgendwann mal ansatzweise verstehe, was die meinen….
      Das symbolische Kapital ist meines Wissens eher ein Überbegriff für die anderen Kapitalsorten, die ja meistens auf Symbolen beruhen. Ich werd das aber nochmal nachschlagen und -fragen. Danke für diese interessanten Anmerkungen!

    • Der Gedanke des symbolischen Kapitals ist spannend. Da sind wir auch ganz schnell bei der Memetik und deren Zusammenhang mit Habitus. Vorbilder prägen unser frühes Denken und Handeln. Imitation festigt kontinuierlich den jeweiligen Habitus. Symbole repräsentieren einen Habitus, also auch eine Zugehörigkeit. Symbole kann man kopieren. Damit auch den Habitus?

      • Hi Patrick,

        man könnte symbolisches Kapital dann auch so verstehen, dass es durch Meme angetrieben wird. Beispiel “Holister”: ich werde dadurch angefuchst, schaue mir die Läden an, kaufe mir die Klamotten und erhöhe dadurch mein symbolisches Kapital.

        Mein Habitus konstruiert und konstituiert sich dann zum großen Teil aus symbolischem Kapital, das ich eher unreflektiert inkorporiere. Das kann dann in die Richtung von Ilija Trojanows Essay “Der überflüssige Mensch” gehen: “Wer nichts produziert und nichts konsumiert, ist überflüssig”. Dann wäre wieder kulturelles Kapital notwendig, um diese Logik zu durchbrechen. Also: in Bildung statt in Holister investieren.-)

        • Nun, es gibt ja immer auch Gegenbewegungen. “No Logo”, Konsumkritik etc. Auch das wäre dann wieder symbolisches Kapital mit bewusster Nicht-markensymbolik. Man kann in dem Fall wohl nicht nicht symbolisieren. 😉

          • Nils Köbel

            Bourdieu hat die Kapitalsorten doch viel differenzierter dargestellt und nicht nur einfach über Symbole und Symbolisieren gesprochen wie Soziologen vor ihm, darin liegt doch der Mehrwert der Theorie: Es geht um den inneren Zusammenhang zwischen ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital.

          • Nils Köbel

            Nein, natürlich nicht, jedoch ist die Wirkung von verwendeten Symbolen immer abhängig vom jeweiligen Kapitalvolumen, das eine Person besitzt. Teure Klamotten von Holister bspw, nützen nichts für einen sozialen Aufstieg, wenn mir das entsprechende soziale und kulturelle Kapital fehlt (das war das Beispiel des Gangsters, der trotz Reichtum bestimmte soziale Schichten nicht erreichen kann). Bei ‘NoLogo’ oder Konsumkritik ist das nicht anders.
            Grüße aus der Küche!
            Nils

  10. Pingback: Den Soziopod hören! | Kreide fressen

  11. Andreas Moser Reply

    Ein sehr guter Roman zu dem ganzen Thema ist Jack Londons “Martin Eden” über einen Matrosen, der in die gebildete Oberschicht aufsteigen will, vor allem weil er sich in eines dieser Schicht entstammenden Mädchen verliebt hat und weiß, daß sie ihn andernfalls nicht heiraten wird.
    Er paukt und büffelt und studiert, all sein Geld geht für Bücher und Fahrten zur Bibliothek drauf. Er macht enorme Fortschritte, lernt schnell, fängt selbst an zu schreiben.
    Aber dann, selbst hochgebildet, merkt er, daß die Bildung der Oberschicht eigentlich ziemlich oberflächlich ist, und daß ihm jene Oberschichtsangehörigen jetzt zu lagweilig und ja, auch zu intellektuell sind.
    Enttäuscht will er sich seinen alten Matrosenkumpanen zuwenden, die mehr von der Welt gesehen haben und vom Leben verstehen, aber aufgrund seiner Bildung und seines geänderten Habitus und Duktus wird er dort nicht mehr akzeptiert.
    So sitzt und steht er am Ende zwischen allen Stühlen.
    Ein toller Roman, sprachlich wundeschön!

  12. Sehr schöne Folge! Hat mir ein paar Dinge noch etwas klarer gemacht. Themenvorschlag: Macht doch mal eine Folge zum bedingungslosen Grundeinkommen. Würde ganz gut in den Kontext bisheriger Themen passen!

  13. Herr Breitenbach, Herr Dr. Köbel,

    vielleicht können Sie mir etwas erklären.

    Sie sprachen beide in diesem Podcast von der Abschaffung des 3gliedrigen Schulsystems als quasi 1. Schritt hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit.

    Es wurde ja in x-Studien diagnostiziert, dass unser Schulsystem selektiert und Kinder aus der Unterschicht oder Kinder mit Migrationshintergrund in der Regel schlechter benotet werden und eben auch in der Regel Empfehlungen für die Hauptschule bekommen.

    Das Milieu reproduziert sich. Alles bekannt.

    NUR, und jetzt kommt meine Frage:

    Ich gehe davon aus, dass in den Grundschulen Deutschlands welche ja hauptsächlich von blutsdeutschen Lehrerinnen bevölkert sind, keine Sozialdarwinistinnen und / oder Rassistinnen strukturell tätig sind.

    Und letztlich sind es eben diese Lehrerinnen welche den Kamil oder den Kevin (“Kevin ist kein Name sondern eine Diagnose” schrieb eine Lehrerin in einem Buch. Oder war der Name Dennis? egal.) schlechter benoten als die Andrea oder die Tina oder den Christian aus akademischen Haushalten oder gut-bürgerlichen Haushalten.

    Und ich finde keine Forschungen welche sich damit beschäftigen. Es wird nur immer wieder aufs neue diagnostiziert dass unser Schulsystem selektiert, aber weshalb die Lehrerinnen so benoten wie sie benoten, und Empfehlungen aussprechen wie sie es eben tun, das ist weitestgehend unklar und nebulös.

    Es stellt sich also die Frage nach der intrinsischen Motivation der Grundschullehrkräfte und vermutlich auch schon der Erzieherinnen in den Kindergärten.

    Die Frage ist ob man diesbzgl. überhaupt ehrliche Antworten erhält, oder ob dann wieder alles zu einem “political correctness Aussagenbrei” verrührt wird.

    Niemand von den Lehrkräften wird sich hinstellen und sagen:

    “Der Achmed bekommt im Aufsatz aus Prinzip von mir eine Note schlechter als der Christian, weil ich den muslimischen Patriarchismus den man an ihm jetzt schon erkennen kann nicht leiden kann.”

    Wobei es Mädchen aus Unterschichten und mit Migrationshintergrund ja genauso trifft. Von daher ist meine Aussage nicht pauschal zu werten.

    Also, meine Herren:

    wie ist Ihre Meinung und Ihr Ansatz dazu?

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