Soziopod Radio Edition #009: Happy Birthday Luhmann

Alle 14 Tage sind wir Mittwochs um 21:05 Uhr auf Bremen Zwei im Radio zu hören.[cryptothanks]

4 Comments

  1. Immer wieder wenn ich Besprechungen von Luhmann – die Gesellschaft als Analogie zu einem Organismus – oder beispielsweise auch Richard Dawkins – mit dem “Selfish Gene” – höre, erfasst mich die Befürchtung dass hier jemand von seiner eigenen Metaphorik gefangen genommen wurde. Was ich damit meine:
    Am Anfang mag es eine sinnvolle Analogie sein, die Funktion eines Körpers mit der einer Gesellschaft zu vergleichen. Das macht dem Studierenden im ersten Semester klar, in welche Richtung der Gedanke geht. Wenn diese Analogie jetzt aber berühmt wird, für das eigene Denken steht und immer wieder darauf Rekursiv genommen wird, muss sich in Folge jede neue Erkenntnis diesem Bild beugen. Jede neue Erkenntnis über die Gesellschaft muss in ein körperliches Bild transferiert werden, das “Selfish Gene” wird über die Jahre so behandelt als würde das Gen selbst willentlich irgendwelche Handlungen ausführen… Immer wenn ich so etwas höre werde ich sehr kritisch und kann die Menschen die so argumentieren nicht mehr ernst nehmen, weil sie mir in einem Gedankenbild gefangen scheinen das nie dazu gedacht war solche Auswirkungen zu erzeugen. Ich denke der Konstruktivist versteht was ich ausdrücken will.
    Wie würdet ihr das einordnen? Ich ärgere mich damit schon eine ganze Weile im stillen Kämmerlein herum…

    • Hallo David,
      Luhmann kritisiert ja auch Parsons’ überzogene Analogie ‘Gesellschaft/Organismus’ und führt als Strukturierungsprinzip für Gesellschaft statt ‘Überleben’ ‘Komplexitätsreduktion’ an. Die Organismusanalogie lässt Luhmann nur für die System/Umwelt-Differenz zu. Und: Luhmann denkt konstruktivistisch, m.E. in soziologisch konsequentester Weise.
      Beste Grüße,
      Nils

  2. Guido von Fragstein Reply

    Ich denke, diese Sache mit operativen Geschlossenheit des Systems wird als Erklärung deshalb oft so ein wenig holperig, weil es immer als eine Fähigkeit des eines Systems erklärt wird, nämlich als eine Unabhängigkeit von. Das ist meiner Meinung nach auf mehreren Ebenen problematisch. Als Beispiel: Ihr Diskutiert ob es einen Server “braucht” um ein Informationssystem am laufen zu halten und in einer solchen Diskussion wird unterstellt, dass Luhmann diesen Gedanken ablehnt, so als ob eine KI, die in einem Server “läuft” ihre Hardware irgendwie nicht wirklich braucht “ich kann es mir ohne Menschen vorstellen aber nicht ohne Materie”. Ab diesen Satz seid ihr schon in diesem Muster drin. Mein Vorschlag wäre eher, sich operative Geschlossenheit als eine Einschränkung oder Unfähigkeit vorstellen und zwar in Analogie zu dem sogenannten “blinden Fleck” den wir aus der Optik kennen. Ein Beispiel hier wäre unser Wissen von Materie. Wir wissen das sie existiert, haben aber keinen direkten Zugriff. Wir folgern ihr Vorhandensein aus den Wahrnehmungen unserer Sinnesorgane. Das ist deshalb so, weil wir als operativ geschlossene Systeme diesen direkten Zugriff nicht haben können. Euer Gespräch an diese Stelle hätte in Rechnung stellen müssen, das die Serverhardware für eine KI “Umwelt” ist. Grade der Umweltbegriff macht Luhmanns vorstellung an dieser Stelle ziemlich klar, finde ich. Durch den Umweltbegriff vermeidet es Luhmann auch, in eine Art transzendenten Solipsismus abzugleiten.

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